Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war - Das eigentümliche Jobprofil des Theaterdramaturgen
An ihren Feinden sollt ihr sie erkennen
22. Oktober 2024. Es ist das nebulöseste aller Theaterjobs: das Berufsbild des Dramaturgen. Wie kann man es Außenstehenden am besten erklären? Ganz einfach: Man lässt seine zahlreichen Gegnerinnen und Gegner zu Wort kommen.
Von Wolfgang Behrens
22. Oktober 2024. Jetzt ist es schon wieder über fünf Jahre her, dass ich mir an dieser Stelle Gedanken darüber gemacht habe, was ein Dramaturg eigentlich tut. Damals schrieb ich freilich noch aus der überbordenden Fülle des Dramaturgendaseins heraus, mithin in durchschaubar selbsthagiographischer Absicht.
Mittlerweile verharre ich jedoch an der Seitenlinie dieses Berufsstands und kann daher ohne jede Rücksichtnahme neu ansetzen, allen Außenstehenden den nebulösesten aller Theaterjobs zu enträtseln. (Was nicht heißt, dass ich nicht auf Wiedereinwechslung hoffte. Aber es ist ja – siehe JD Vance – nie zu spät, auf die Schleimspur zurückzukehren.) Und vielleicht erklärt man ja den Dramaturgen – den ich, da ich selbst bislang cismännlich gelesen wurde, in diesem Text generisch maskulin benennen werde, damit allerdings zugleich einräumend, dass er auch eigene Züge trägt –, vielleicht also erklärt man den Dramaturgen am besten ex negativo, nämlich von seinen Gegnerinnen und Gegnern her. Oder, in Abwandlung eines bekannten Bibelverses: An ihren Feinden sollt ihr sie erkennen.
Der Dramaturg im Fehdenkreuz
Der Feindinnen und Feinde des Dramaturgen sind indes am Theater und außerhalb desselben so viele, dass ich ihrer nicht mit einem Mal vollständig habhaft werden kann. Deswegen ist dies heute nur der Auftakt einer kleinen Artikelserie innerhalb meiner Kolumne, deren Ende noch nicht absehbar ist, denn nahezu jeden Tag fallen mir weitere Fehden ein, die zu führen der Dramaturg gezwungen war. Der Beginn aber sei der wohl offensichtlichsten Feindschaft vorbehalten: der zwischen Dramaturgie und Marketing-Abteilung. (Wobei, auch das sei als Randbemerkung hinzugesetzt: Redet man mit Dramaturg:innen, die noch im 19. Jahrhundert oder früher geboren wurden, so behaupten diese oft, zu ihrer Zeit sei das Marketing und vor allem die Pressearbeit noch ein Teil der Dramaturgie gewesen. Das muss lange her sein.)
Ich könnte nun von den Konflikten im alltäglichen Arbeitsablauf sprechen, die zwischen Dramaturgie und Marketing im Grunde unausgesetzt entstehen. Denn das Marketing (das ja in die Programmierungs- und Produktionsprozesse inhaltlich kaum eingebunden ist) lässt viele Texte in der Dramaturgie schreiben und braucht diese dann irgendwann auch. Also wird dem Dramaturgen von der Marketingchefin oder einem ihrer Getreuen eine Deadline für einen solchen Text gesetzt, bei der ein wohlkalkulierter Puffer eingepreist ist, falls der Dramaturg wie gewohnt zu spät abgibt. Der Dramaturg wiederum ahnt, dass es diesen Puffer gibt und überzieht die Deadline alleine schon aus dieser Erwägung heraus. Das endet meist in Anschreierei und hektischem Geschreibsel in dann buchstäblich letzter Minute. Doch so typisch dieses Konfliktmuster ist, so wenig ist es der Mühe wert, es eingehend zu beschreiben. Denn es verweist auf ein viel tiefer liegendes Problem, das der Dramaturg mit dem Marketing hat.
Werbung!!! Wie profan!!!
Der Dramaturg ist nämlich immer ein bisschen so, wie die von Joachim Król gespielte Figur des Jakob Windisch in Helmut Dietls großartigem Film "Rossini": ein Schriftsteller, der sich mit aller Macht gegen die Verfilmung seines Romans stemmt. Als Windisch im Film am Ende doch noch einen Vertrag mit dem Teufel, also mit der Filmproduktionsfirma abschließt, legt er fest, dass der (von Heiner Lauterbach verkörperte) Produzent das Drehbuch des von ihm selbst finanzierten Films nicht vor den Dreharbeiten, nicht während der Dreharbeiten und nicht nach Abschluss der Dreharbeiten zu sehen bekommen darf – er darf es überhaupt nie sehen.
Genau das aber wäre dem Dramaturgen auch am liebsten: Was er sich im stillen Kämmerlein ausdenkt, das soll am besten dort bleiben, und nie, nie, nie darf es auch nur eine Person aus dem Marketing zu Gesicht bekommen. Die Marketing-Leute verstehen es ja sowieso nicht, sie funktionieren die vor Geist nur so sprühenden, von profundem Inhalt schwergewichtigen Texte des Dramaturgen einfach zu Werbezwecken um – Werbung!!! Wie profan!!! – oder basteln daraus Pressemeldungen – für Kritiker und Journalisten, ohnehin die dümmsten Menschen unter der Sonne. Nein, das alles will der Dramaturg auf keinen Fall.
O, brächten beide sich um!
Was dem Dramaturgen allerdings auch manchmal unangenehm aufstößt, ist die Tatsache, dass das, was er sich mit den von ihnen betreuten Theaterkünstlern ausdenkt, sich beim Publikum manchmal gar nicht so gut verkauft. Und dann ist der Dramaturg beleidigt, weil er und ein befreundetes Paar sowie eine Zufallsbesucherin plötzlich die einzigen Zuschauer:innen bei einer Riesenpremiere sind. "Daran muss doch jemand schuld sein", denkt der Dramaturg, und gleich fällt es ihm ein: "Die Marketing-Abteilung!" Wenn nun aber die Marketingchefin sagt: "Ja, dann müsst ihr uns halt etwas liefern, damit man das verkaufen kann", kriegt der Dramaturg auch gleich wieder einen Schreck: "Nein, nie, nie, nie! Mit Verkauf will ich nichts zu tun haben."
In diesem Teufelskreis bleibt das Verhältnis von Dramaturgie und Marketing in der Regel ewig hängen. Die Dramaturgie unterstellt dem Marketing, auch nicht den kleinsten Zipfel von den Gehalten des Theaters zu erfassen – und entsprechend alles von den Dramaturg:innen Gelieferte grob zu verfälschen. Das Marketing wiederum ist davon überzeugt, dass die Dramaturgie schlicht nicht in der Lage ist, sich allgemeinverständlich zu artikulieren, und erst recht keinen Schimmer hat, wie man auf die Zuschauer:innen werbend zugeht, um sie überhaupt erst einmal fürs Theater zu gewinnen.
Diese Feindschaft ist vermutlich wesenhaft. Oder hat jemand schon einmal davon gehört, dass es zwischen Dramaturg:innen und Marketingleuten zu Liebeshandlungen gekommen sei? Andere Mitglieder der Theaterleitung können da nur kopfschüttelnd beiseite stehen und sich, Richard Wagners Mime paraphrasierend, denken: "Dramaturgie und Marketing, Marketing und Dramaturgie – o, brächten beide sich um!" Vielleicht würde dem Theater dann ja etwas fehlen; immerhin aber würde es dort weitaus friedlicher zugehen.

Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war
Wolfgang Behrens
Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik an der FU Berlin. Von 2017 bis 2024 war er am Staatstheater Wiesbaden tätig, erst als Dramaturg, dann als Schauspieldirektor. Zuvor war er zehn Jahre lang Kritiker und Redakteur bei nachtkritik.de. Für seine Kolumne wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz.
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Über die Sinnhaftigkeit der einzig im deutschen Theater so vehement als "Anwalt" des Stückes (...) auftretenden Theaterwissenschaftler oder Laien alias Dramaturgen und vor allem Dramaturginnen nachzudenken, wäre jedoch ein guter Ansatz.
Nirgends sonst in der Theaterwelt wimmeln so viele Dramaturgen und Dramaturginnen herum wie im deutschen Theater. Warum? Weil das deutsche Theater immer noch der Kunst als Kraft misstraut und Erklärbären auf die Bühne schicken will. Und dafür braucht es (das deutsche Theater) viele Dramaturgen und vor allem zahllose Dramaturginnen. Warum eigentlich? Das wäre doch mal ne echte Rechercheaufgabe für Dramaturginnen und Dramaturgen!
Leider geht er nur ein wenig an der Realität vieler Dramaturg*innen vorbei, die sich sehr wohl und sehr gerne mit Marketing beschäftigen, nämlich mit dem Marketing ihrer selbst. Mittlerweile findet sich kaum noch eine Vita auf der homepage der Theater in der die Dramaturgieperson nicht ihre queer-feministische Praxis, ihren transdisziplinäre Ansatz, ihre non-speziezistische Sichtweise oder die endlich zu schaffende Normalität der Diversität ins Schaufenster stellt. Und dieser Schaufensterlogik gemäß letztlich auch handelt in ihrem Tagesgeschäft. Lauter unabweisbare Agent*innen der Weltrevolution zum Bessern, deren Anliegen (ein gut bezahlter Job mit fame und Macht) zu erfüllen eigentlich nur noch eine leicht zu lösende Frage der Moral darstellt.
Auslastungszahlen zu beachten sehe ich leider wirklich oft nur noch beim Marketing. Das ist wirklich traurig wie oft zahlreiche Dramaturg*innen nur nach dem nächsten credit schielen und nicht mehr großes Interesse am Erfolg in der Stadt zeigen.
Schlagworte wie "Anwalt des Stückes" und "Erklärbären" geben doch ein etwas einseitiges und voreingenommene Bild von Dramaturg:innen ab.
Ich empfehle diese Kolumne zu verfolgen, möglicherweise werden hier nach und nach die Arbeitsfelder der Dramaturgie abgehandelt. Vielleicht blicken Sie dann etwas über den Horizont, denn der Berufsalltag von Dramaturg:innen ist doch etwas komplexer.
Mehr davon!
Antwort: " Ich bastel den Pressetext für ein Stück, das es noch gar nicht gibt, und über das ich wenig weiß."
Frage: "Wie?"
Antwort: "Nachdem der Dramaturg zehn Termine für die Abgabe seines Pressetextes hat verstreichen lassen, frag ich alle Beteiligten aus, schreib und schick meinen Pressetext rum. Der Dramaturg explodiert, droht den Job hinzuschmeißen, falls das raus ginge, wo er an seinem viel besseren Text doch nur noch klitzekleine Änderungen machen wolle. Danach passiert genau nichts. Mein Text geht pünktlich raus. Das fliegt irgendwann auf, noch mehr Beteiligte explodieren. Ab hier heißt es den Theaterbetrieb als Gesamtkunstwerk zu betrachten und diese Explosionen wie ein Feuerwerk zu genießen. Spätestens nach genügend Probenbesuchen schreibt man einen neuen Text, in den, falls vorhanden, Formulierungen des Dramaturgen einfließen."
PS: Das hab ich mir natürlich alles nur ausgedacht ;-).
"Humor" für Leute, die keinen Humor haben.