Als Shakespeare das Wort "Assassination" erfand

16. Juli 2024. Wussten Sie, dass das Wort, also der englische Begriff für ein Attentat auf einen Politiker zuerst bei Shakespeare auftaucht? Was wusste Shakespeare sonst über die Mechanismen und Folgeerscheinungen solcher Taten? Eine kleine Theatergeschichte aus gegebenem Anlass.

Von Wolfgang Behrens

16. Juli 2024. Eines muss man Donald Trump lassen: Er ist wirklich ein Staatsmann von solchem Format, dass man sich förmlich dazu gezwungen sieht, sich an ihm abzuarbeiten. Und wenn es nur darum geht, ihn angemessen einzuordnen. Da wiederum sind Vergleiche aus Literatur und Theater durchaus gängige Münze: Schon zu der Zeit, als ich noch ein Kritiker war – im Oktober 2016 nämlich –, veröffentlichte etwa der amerikanische Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt in der New York Times den Artikel "Shakespeare Explains the 2016 Election", den die FAZ kurz darauf unter dem Titel "Wie kommt ein Soziopath zur Macht?" übernahm (beide Fassungen fristen ihr Dasein leider hinter Bezahlschranken).

Vergnügen an der Aggression

Greenblatt nimmt darin Trumps Wahlerfolg vorweg und deutet ihn anhand von Shakespeares Erz-Bösewicht Richard III., dessen Aufstieg er als durchaus aufhaltsam beschreibt. Doch die "Möglichmacher" sowohl Richards als auch Trumps sind – auf die jeweils kürzeste Formel gebracht – die Trägen, die Verdränger, die Ängstlichen, die Opportunisten und vor allem diejenigen, die "großes Vergnügen daran haben, dass sich die so lange aufgestaute Aggression endlich Luft machen […] kann, und dass nunmehr offen gesagt werden darf, was zuvor als unsagbar galt". Letztere Gruppe vergleicht Greenblatt mit den "Zuschauern, die sich seltsam angezogen fühlen: von den Lügen, die so effektiv zu sein scheinen, obwohl niemand sie glaubt".

Die Tat als solche

Auch dieser Tage, in denen Donald Trump nur knapp einem Attentat entging, fühlten sich manche Kommentatoren – zum Beispiel Dirk Kurbjuweit im "Spiegel" – an Shakespeare erinnert: In den USA, so heißt es, spiele sich "ein Königsdrama ab, das sich Shakespeare ausgedacht haben könnte". Freilich muss die Frage erlaubt sein, ob der Vergleich mit Shakespeare hier stichhaltig ist. Immerhin muss man – zugunsten des Vergleichs – zuallererst konzedieren, dass die Tat als solches im Englischen erst durch Shakespeare überhaupt zum Begriff kam, denn das Wort "assassination" ist einer seiner zahlreichen Neologismen (erste Fundstelle: Macbeth I,7). Und außerdem haben die Theaterbühnen natürlich einen Anschlag auf Trump schon längst vorausgedacht: 2017 brachte – es war ein kleiner Skandal – in New York das Public Theater bei seiner Veranstaltungsreihe "Shakespeare in the Park" eine "Julius Caesar"-Aufführung heraus, in der die von Verschwörerhand ermordete Titelfigur als Donald Trump dargestellt war.

Komplott gegen den Zauberer

Aber Shakespeares "assassinations" unterscheiden sich vom Attentat auf Trump doch deutlich: Sie finden meist in zutiefst undemokratischen Welten statt, in denen Mächtige oder Möchtegern-Mächtige sich gegenseitig aus dem Weg zu räumen versuchen. Und – noch ein wichtiger Unterschied – in der Regel gelingen (wenn man hier von Gelingen reden darf, es klingt doch arg euphemistisch) die Attentate bei Shakespeare. Die Ausnahmen von der Regel sind selten: In Macbeth darf der junge Fleance entkommen (was im Grunde folgenlos bleibt und wohl letztlich der Prophezeiung der Hexen geschuldet ist), Hamlet bleibt schon vor der Ausführung seines Königsmordes stecken, im "Othello" wird der Mordanschlag Roderigos auf Cassio vereitelt (wobei das keine politische Tat ist). Und auch in den Komödien gibt es, genrebedingt, missglückte Mordvorhaben, von denen die interessantesten wohl die Anschläge des "Sturms" sind: Hier gehen sowohl das Attentat Sebastians auf den neapolitanischen König Alonso als auch das Komplott der "Tölpel" Caliban, Stephano und Trinculo auf den Zauberer und Inselherrscher Prospero fehl.

Bei all diesen vereitelten Attentaten beansprucht jedoch das Nachher kein wirkliches Interesse: In keinem der Fälle versucht irgendeine Seite politisches Kapital aus dem Misslingen zu schlagen. Hier erreicht der reale, in einer Demokratie (die überdies mitten im Wahlkampf steckt) stattgehabte Vorfall des vergangenen Wochenendes eine Dimension, die über Shakespeare hinausgeht. Oder?

Mutmaßungen, Argwohn, Misstrauen

Immerhin lebte auch Shakespeare in einer Zeit und an einem Ort, denen es an Verschwörungstheorien und schnell sich verbreitenden Falschmeldungen nicht mangelte. Nicht zuletzt der Katholikenhass durfte im elisabethanischen England hemmungslos blühen, und um ihn zu befeuern, musste etwa der römische Papst als Drahtzieher auch absurdester Konspirationen herhalten. Zwar unterlag Shakespeare wie alle seine Zeitgenossen einer strengen Zensur, die Entstehung solcher Fake News freilich hat er bereits gültig einzufangen gewusst. Immer wieder gibt es eingestreute Szenen, in denen von der Ebene der Haupt- und Staatsaktion auf die des Volkes gewechselt wird, auf der dann ebensolche Gerüchte verhandelt werden. Und im Prolog des zweiten Teiles von "Heinrich IV." lässt Shakespeare sogar eine allegorische Figur namens "Rumor" auftreten, die unter anderem verkündet: "Das Gerücht ist eine Pfeife, geblasen von Argwohn, Misstrauen, Mutmaßung, und so leicht und simpel im Griff, dass sogar das plumpe Ungeheuer mit den unzähligen Köpfen – die stets schwankende Menge – darauf spielen kann."

Coriolan und Trump

Auch wenn es bei Shakespeare im Grunde keine wirkliche Blaupause für das Attentat auf Trump gibt, hat er hier dennoch bereits Worte für die auf es folgenden, in jegliches Kraut schießenden Spekulationen gefunden. Was sich seit ein paar Tagen auf der ehemaligen Twitter-Plattform abspielt, einem Instrument, das so simpel ist, dass sich das plumpe Ungeheuer mit seiner Hilfe gerne Gehör verschafft, ist unfassbar: "Joe Biden gab den Befehl" ist dort eine ebenso geläufige Überzeugung wie die, dass das Ganze bloß eine Inszenierung der Republikaner sei. Was für ein Schwachsinn, denkt man noch, während andere schon fest daran glauben.

Aus seinem Artikel von 2016 hat Stephen Greenblatt übrigens später ein ganzes Buch gemacht: "Der Tyrann. Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert". Auch wenn sich bei Shakespeare nicht für alles ein genaues Vorbild findet – der richtige Zeitpunkt, Greenblatts Buch zu lesen, dürfte noch nicht verstrichen sein.
 

PS Während der Recherchen für diesen Text habe ich ChatGPT nach den Gemeinsamkeiten von Coriolan (einem von Shakespeares Attentatsopfern) und Donald Trump befragt. Die Antwort war so interessant, dass ich das einfach mal zur Nachahmung empfehle.

 

Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war

Wolfgang Behrens

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik an der FU Berlin. Von 2017 bis 2024 war er am Staatstheater Wiesbaden tätig, erst als Dramaturg, dann als Schauspieldirektor. Zuvor war er zehn Jahre lang Kritiker und Redakteur bei nachtkritik.de. Für seine Kolumne wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

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Kommentare  
Kolumne Behrens: ChatGPT befragt
Und noch interessanter wird es, nachdem man ChatGPT die zwei Mordanschläge auf Donald Trump bekannt gemacht hat (die Kenntnisse der KI reichen sonst nur bis 2023). Die Ki kommt dann zur Einschätzung:

- Gefährliche Feindschaft: Beide Figuren ziehen durch ihre starke, konfrontative Haltung gegenüber ihren Gegnern tödliche Feindschaft auf sich. Coriolan wird letztlich von ehemaligen Verbündeten ermordet; Trump überlebt zwei Mordanschläge aufgrund seiner polarisierenden Politik.
- Persönlichkeit als Auslöser für Konflikte: Sowohl Coriolan als auch Trump sind Persönlichkeiten, die mit ihrer kompromisslosen und stolzen Haltung Feinde provozieren, was in extremen Reaktionen gipfelt.
- Symbolhafte Angriffe: Die Mordanschläge gegen Trump und der Mord an Coriolan sind symbolische Angriffe auf eine politische Figur, die für eine bestimmte, stark polarisierende Art von Führung steht. Beide sind Ziele, weil sie als Bedrohung für ihre politischen Gegenspieler wahrgenommen werden.

Die Anschläge auf Trump unterstreichen, wie gefährlich polarisierende Politik in einer gespaltenen Gesellschaft sein kann, ähnlich wie bei Coriolan.
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