Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war - Über die natürliche Feindschaft zwischen Dramaturgie und Grafikagenturen
"Function follows form"
3. Dezember 2024. Sie sind zuständig für das Salz in der faden Buchstabensuppe: Grafikagenturen geben Programmhefttexten und Saisonvorschauen erst den schicken Schliff – und treiben unseren Kolumnisten schier in den Wahnsinn.
Von Wolfgang Behrens
3. Dezember 2024. Was bisher geschah: In der letzten Folge dieser Kolumne habe ich begonnen, den undurchsichtigen Beruf der Theaterdramaturg:innen von deren Feinden her zu illuminieren, wobei als erste große Gegnerin der Dramaturgie die Marketing-Abteilung ausgemacht wurde. Bevor ich zu weiteren antagonistischen Schwergewichten wie etwa Schauspieler:innen, Kritiker:innen, Geschäftsführenden Direktor:innen oder Verlagen komme, möchte ich heute noch eine Art Verlängerung des Marketings in den Blick nehmen – die Grafikagenturen.
Alles falsch gemacht
Als ich noch kein Dramaturg war, in gleichsam vorgeschichtlicher Zeit, arbeitete ich für eine gar nicht so kurze Spanne in subalterner Funktion an einem musikwissenschaftlichen Forschungsinstitut. Am letzten Arbeitstag vor Weihnachten ließ mich einmal – alle höherrangigen Mitarbeiter:innen hatten sich augenscheinlich schon in die Feiertage verabschiedet – der Leiter der Einrichtung zu sich rufen. Er empfing mich mit Grabesmiene. Man hatte ihm eben die Korrekturdatei eines von ihm verfassten Magazinbeitrags zugesendet; völlig verstört deutete er nun auf den Bildschirm seines Rechners. "Es ist alles falsch, sie haben alles falsch gemacht."
Und tatsächlich: Aus unerfindlichen Gründen hatte sich die Grafikagentur z.B. dafür entschieden, sämtliche Anführungszeichen bei wörtlichen Zitaten zu entfernen, stattdessen waren willkürlich einige Passagen fettgesetzt worden, einiges vom Autor gelieferte Bildmaterial war in Briefmarkengröße wiedergegeben, ein für den Text zentrales Briefmanuskript hingegen fand sich als blasser, kaum erkennbarer Hintergrund, als Fond verwendet. "Was soll ich denn jetzt machen, Herr Behrens?", fragte er mich. "Ich würde denen schreiben, dass es so nicht erscheinen kann. Dass es so, wie es jetzt ist, sogar sinnentstellend ist. Das ganze Layout muss geändert werden." "Wirklich, Herr Behrens?" "Ähm, ja. Warum denn nicht?" Er schaute mit glasigem Blick durch mich hindurch. "Wissen Sie was, Herr Behrens? Publizieren ist Leiden." Als ich ging, ließ ich ein Häufchen Elend zurück. Die Vorstellung, dass ein Grafiker seinen Text ruiniert hatte, wird ihm die gesamte Weihnachtszeit vergällt haben.
Tritt unterm Kantinentisch
Als Dramaturg kennt man diese Lage gut – auch wenn man sich vielleicht etwas energischer wehrt. Wohl denen, die eine Hausgrafiker:in am Theater haben: Da hilft oft ein freundliches Wort am oder ein Tritt unterm Kantinentisch, und die schlimmsten Probleme sind aus der Welt geschafft. Wenn freilich Grafikagenturen ins Spiel kommen, dann gute Nacht! Wie die Dramaturg:innen verfolgen nämlich auch die Grafiker:innen eine eigene, in ihrem Fall rein von der Optik her begründete Agenda, und was da am meisten stört, ist: Text. Man hat als Dramaturg also brav (natürlich mit zwei Wochen Verspätung) seine bis ins Letzte durchgeklöppelten Gedanken fürs Programmheft abgeliefert – um dann in der Korrekturfahne zu lesen: "Bitte 1.700 Zeichen kürzen!" Als wenn das ginge! (Seltener, aber noch verrückter ist die Anweisung: "Bitte noch 400 Zeichen mehr!" "Ja", denkt der Dramaturg, "aber worüber?")
Gleichzeitig starrt man, durchaus ähnlich entsetzt wie mein damaliger Institutsleiter, auf seltsamste Anordnungen des Textes, der freischwebend um Bilder herumläuft, sich plötzlich zu dreifacher Größe aufplustert, um zuletzt in einer superschmalen Spalte auszulaufen, die zu riesigen Wortzwischenräumen zwingt. Der Dramaturg reibt sich die Augen und verbringt eine schlaflose Nacht.
Noch schlimmer wird es bei den Jahresheften oder Festivalmagazinen. Theaterleitung und Dramaturgie haben nach bestem Gewissen ein Programm zusammengestoppelt, das zwar keinen roten Faden hat, aber immerhin publikumswirksam sein könnte. Nun versucht aber – zum allgemeinen Schrecken – die Grafikagentur, die von den Dramaturg:innen versäumte konzeptionelle Arbeit nachzuholen und entdeckt im Spielplan Programmatisches, welches dann die Optik des Printprodukts bestimmen wird.
Unlesbare Blindtexte, offene Fenster
"Uns ist aufgefallen", so heißt es dann in der Zoom-Präsentation des geplanten Designs, "dass ihr die verschiedenen Aggregatzustände der Räume thematisiert, ihr zeigt ja 'Offene Zweierbeziehung' und 'Geschlossene Gesellschaft'. Wir spielen deshalb im ganzen Heft mit der Dualität von 'offen' und 'verschlossen' – hier auf dieser Seite etwa versuchen wir eine eher verschlossene Ästhetik." Man schaut gemeinsam auf einen unlesbaren Blindtext in dunkelgrauer Schrift auf schwarzem Grund. "Toll, ja, so machen wir es!", ruft begeistert die Intendantin, und der Dramaturg überlegt, ob sein Büro hoch genug liegt, um final aus dem Fenster zu springen.
Was den Dramaturgen so entsetzlich quält, ist, dass die Grafikagentur in seiner Wahrnehmung alles unternimmt, um seine Inhalte zum Verschwinden zu bringen. (Die Grafikagentur selbst sieht es interessanterweise genau umgekehrt.) "Function follows form", scheint das in aller Brutalität aufgestellte Gesetz der Grafik zu sein: Das Corporate Design wird durchgezogen, und wenn dabei der Sinn über Bord geht, dann ist das sein Problem. Wichtig ist, dass das Theater wiedererkennbar ist – und das möglichst sexy. Eine Bleiwüste aber hat noch nie Publikum generiert. Am Ende sitzt der Dramaturg zusammengesunken in seinem Kämmerlein, liest noch einmal seinen brillanten, mittlerweile leider um 1.700 Zeichen gekürzten Text und murmelt resigniert vor sich hin: "Publizieren ist Leiden."

Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war
Wolfgang Behrens
Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik an der FU Berlin. Von 2017 bis 2024 war er am Staatstheater Wiesbaden tätig, erst als Dramaturg, dann als Schauspieldirektor. Zuvor war er zehn Jahre lang Kritiker und Redakteur bei nachtkritik.de. Für seine Kolumne wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz.
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you made my day. Once again!
Danke.
Eine meiner Lehren aus fast sechs Lebensjahrzehnten: Machen Sie immer einen möglichst großen Bogen um PR- und Grafikagenturen.
Zum Inhalt: Habe nie verstanden, warum die Leute, die sich ein Programmheft kaufen, sich dann angeblich so wenig für den Inhalt der Texte interessieren, dass man sich genötigt fühlt, sich durch die grafische Gestaltung dafür zu entschuldigen, dass der Text Text ist.
– Ich hoffe, die Kostümabteilung stellt der Grafikerin den Schienbeinschutz …