Medienschau: Berliner Zeitung / SZ – Oliver Frljić teilt gegen deutsches Theater aus

Frontex für Ideen

Frontex für Ideen

6. Juli 2024. In der Berliner Zeitung lässt sich Regisseur Oliver Frljić von einem erklärten Liebhaber seiner Kunst interviewen und nutzt die Gelegenheit, um kräftig gegen die deutsche Theaterlandschaft und das Maxim Gorki Theater Berlin (an dem er künstlerischer Co-Leiter ist) auszuteilen.

"Die gegenwärtige gesellschaftliche Atmosphäre in Berlin erscheint mir viel schlimmer als die im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er-Jahren. Hier wird die offene Unterdrückung Andersdenkender durch Kriminalisierung, Canceln und mediale Hetzkampagnen ersetzt", sagt Frljić in dem langen Gespräch mit Ilija Đurović. "Abweichende Meinungen werden, inspiriert durch den Staat, öffentlicher oder individueller Gewalt ausgesetzt, begleitet von allen denkbaren sozialen Stigmata."

Weiter heißt es: "Die Kunst, zumindest die, die mich geformt hat, hat immer verschiedene Grenzen getestet. Leider geht es in dem Kontext, in dem ich derzeit arbeite, in erster Linie darum, diese Grenzen zu überwachen und streng zu kontrollieren, was und wie man sie überschreiten darf. Das Theater wird zu einer Art Frontex für Ideen." Die Institutionen würden "eigentlich nur den herrschenden Staatsdiskurs" reproduzieren.

Seiner Kritik unterzieht Frljić auch das Berliner Maxim Gorki Theater, dessen künstlerischer Leitung er angehört: "Meiner Meinung nach hat das Gorki mit diesem letzten Krieg die Gelegenheit verpasst, das zu sein, was es ist: ein Ort der radikalen Diversifizierung. Die Absage des Stücks 'Situation' von Yael Ronen sowie die Erklärung, die ein Teil der Gorki-Leitung (nicht ich) zu diesem Anlass verfasst hat, hat das Theater selbst und unser Publikum polarisiert und – bewusst oder unbewusst – die Ethno-Identität als empathische Maßnahme eingeführt."

Er selbst sei lediglich deshalb am Haus geblieben, um "zu zeigen, dass nicht alle von uns so denken und dass für einige Menschen das menschliche Leben immer noch ein universeller Wert ist, unabhängig von seinem religiösen, nationalen oder einem anderen Vorzeichen. Ich bin froh, dass ich im Gorki noch viele Gleichgesinnte habe, die diese Position vertreten, die im Allgemeinen zu einer Minderheit geworden ist."

(Berliner Zeitung / chr)

 

Mediale Reaktionen

Einen Einblick in Oliver Frljićs "Weltbild“ und in seinen "radikalen Moralismus“ gewinnt Peter Laudenbach von der Süddeutschen Zeitung (11.7.2024) in diesem Interview und schreibt: "Es ist symptomatisch für ein Milieu des Radical Chic, wie in Frljićs verbalem Amoklauf ein diffuser (um nicht zu sagen: konfuser) Linksradikalismus immer wieder wie eine rechte Wutbürgerrede klingt. Beschimpfen Rechtspopulisten unabhängige Medien als 'Systempresse', weitet Frljić diese Polemik auf die Theater aus, wenn er ihnen attestiert, 'eigentlich nur den herrschenden Staatsdiskurs' zu reproduzieren. Was dieser ominöse 'Staatsdiskurs' sein soll, erfährt man nicht."

Für Laudenbach steht Frljić in einer Reihe mit anderen Theater-Revoluzzern wie Volker Lösch oder den "Subventionshipstern der Berliner Volksbühne", für die der Aufruf zum Umsturz der Verhältnisse zum festen Repertoire gehört. "Aber der Kapitalismus, der alte Betrüger, hat es natürlich völlig schadlos überstanden", schreibt Laudenbach und resümiert: "Frljics Polemik ignoriert die Kleinigkeit, dass Theater als Ort der symbolischen Handlung per se immer nur Simulation, also Spiel sein kann. Ihm das vorzuwerfen, bedeutet, der Kunst vorzuwerfen, dass sie Kunst – und nicht zum Beispiel ein Molotowcocktail – ist."

(chr)

Kommentare  
Medienschau Frljić-Interview: Selbstdemontage
Es ist wirklich schmerzhaft, diese schleichende Selbstdemontage dieses ja doch mal interessanten Künstlers zu verfolgen. Was für ein selbstgerechtes Geschwafel. Wie undifferenziert auch.
Medienschau Frljić-Interview: Kränkung
Klingt als wäre hier jemand gekränkt, weil seine künstlerischen Arbeiten am Maxim Gorki Theater zuletzt alle nicht mehr überzeugen konnten. Und zwar nicht, weil sie zu schwer zu verstehen waren, sondern künstlerisch und inhaltlich einfach nicht überzeugt haben. Allerdings demontiert er sich tatsächlich selbst, da er offensichtlich nicht gecancelt worden ist - sonst wäre uns allen dieses Interview erspart geblieben.
Medienschau Frljić-Interview: Kein loyaler Stil
Oh Gott, noch ein Mann, der seit Jahren, zurecht, schlechte Kritiken bekommt und das offensichtlich mit seinem Ego nicht verkraftet. (...). Für die Mitarbeiter:innen am Gorki ist das sicher ein herber Schlag, öffentlich von ihrem Ko-Intendanten gecancelt zu werden. Kein loyaler Stil (...). Ich habe am Gorki noch keine Oliver Frilic Inszenierung gesehen, die mich auch nur ansatzweise überzeugt hätte. (...)

(Anm. Redaktion: Der Kommentar wurde gekürzt, weil die Polemik an verschiedenen Stellen übers Ziel hinaus schoss. Bitte behalten Sie die Kommentarregeln im Blick: https://nachtkritik.de/impressum-kontakt)
Medienschau Frljić-Interview: Keine Argumente
Unangenehm, wie hier mit der Kritik eines Mitglieds der Leitung eines Theaters umgegangen wird. Keine Argumente und der Versuch, den Kritiker auf künstlerischer und persönlicher Ebene mundtot zu machen. Wieso wird so etwas veröffentlicht, liebe Redaktion?

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(Anm. Redaktion: Es handelt sich um Gegenkritik auf die kritischen Einlassungen im Interview hin. Das gehört zur Debatte. Mit freundlichen Grüßen, Christian Rakow / Redaktion)
Medienschau Frljić-Interview: Kritische Stellen
Dachte immer, dass Kritik etwas mit Argumenten zu tun hat. Leider finde ich hier nur diffamierende Behauptungen, die als Tatsachen dargestellt werden. Auch die Diskriminierung des Geschlechts soll hier als Kritik durchgehen?

„Selbstgerechtes Geschwafel“, „noch ein Mann, der seit Jahren, zurecht, schlechte Kritiken bekommt und das offensichtlich mit seinem Ego nicht verkraftet“.
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(Anm. Redaktion: Die Aussage liegt im Grenzbereich, das stimmt, aber der sachliche Kern der Aussage zu den tendenziell schlechten Kritiken zuletzt - zumindest in Berlin - ist nachvollziehbar, nicht unangemessen und stellt einen Kontext für das Interview bereit. Mit freundlichen Grüßen, Christian Rakow)
Medienschau Frljić-Interview: Anlass für Debatte
Wäre schön, wenn man das Interview wirklich zum Anlass für eine Debatte nehmen würde.
Medienschau Frljić-Interview: Nachvollziehbare Sicht
Bezeichnend, dass es hier nur eine Stimme gibt, die sich inhaltlich auf die absolut nachvollziehbare Sicht der aktuellen Dinge, einlassen möchte.
Was der Regisseur da beobachtet, habe ich als ehemalige Regieassistentin seit der ersten Spielzeit am Gorki erkannt (wie damals schon ziemlich viele andere!) und mir war klar, dass solange es keine Künstlerische Gegenbewegung gibt, das „Kind im den Brunnen geworfen wird“-mutwillig.

(...)

(Anm. Red. Einlassungen, die von der Sache ablenken, sind gestrichen worden.)
Medienschau Frljić-Interview: Irrelevante Argumente
Lieber Herr Rakow, es muss für die Debatte und Argumente, die Herr Frljić hier angestoßen und vorgebracht hat, wirklich vollkommen irrelevant sein, welches Geschlecht, welche Nationalität oder welche Hautfarbe er hat. Und auch ob er gute oder schlechte Kritiken für seine letzten Arbeiten bekommen hat.

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(Anm. Redaktion. Werte/r Hej! Ich verstehe Ihre Kritik. Wie gesagt, es handelt sich um einen Grenzfall. Es ist richtig, die Begriffe zu befragen und zu kritisieren. So wie es richtig wäre, den Begriff des "herrschenden Staatsdiskurses" bei Frljić aufzuklären. Im Pro und Kontra gibt es Unschärfen, die nicht gut sind, aber auch kein Grund, die Stimmen auszuschließen.
Bitte sehen Sie mir nach, dass ich unsere kleine Metakommunikation an dieser Stelle beende, weil sie ja ihrerseits vom Gegenstand der Debatte um Zensur/Selbstzensur des Künstlers im gegenwärtigen Kunstschaffen ablenkt. Mit freundlichen Grüßen, Christian Rakow)
Medienschau Frljić-Interview: Interview in Gänze lohnt
Also ich kann nur empfehlen, das Interview in Gänze zu lesen, auch wenn man dafür die Zeitung käuflich erwerben muss, da der Artikel nicht frei verfügbar ist. Die Zusammenfasssung von Nachtkritik fokussiert hier doch sehr verkürzt nur auf das Thema Cancel Cultur, von dem sich Frljić offenbar gar nicht selbst betroffen fühlt. Er kritisiert meiner Meinung nach nur die zunehmende Einschränkung des gesellschaftlichen Diskurses in eine möglichst politisch konforme Richtung. Von wem auch immer das ausgehen mag. Er spricht ja explizit auch von "Selbstzensur". Das Interview scheint auch schon zu den Proben seiner letzten Inszenierung "Alice im Wunderland" geführt worden zu sein. Da war das ein Thema, das in den Kritiken gar nicht wahrgenommen wurde. Warum das Interview erst jetzt in der Berliner Zeitung erscheint, liegt vermutlich daran, dass der Interviewer Ilija Đurović kein Redaktionsmitglied ist und auch kein Journalist, sondern Dichter und Autor geboren in Montenegro. Also da unterhalten sich zwei, die einen ganz anderen geografischen und auch historischen Hintergrund haben, den man in Westeuropa ja auch immer noch weitestgehend ignoriert und nicht versteht. Die Einlassungen Frljić‘ zu Putin, Israel, der Migrationsfrage oder zum globalen Süden disqualifizieren ihn ja auch nicht gerade zur Persona non grata. Und nur weil einem die Inszenierungen von Frljić nicht gefallen, oder man sie im falschen Kontext sieht, berechtigt einen das nicht zu solch herablassenden Kommentaren. Aber das zeigt leider die momentane Lage, in der sich Theater immer mehr genötigt fühlen, das vermeintlich Richtige zu tun oder sich politisch möglichst konform zu bekennen. Deshalb ist Frljić aus Kroatien weggegangen. Vielleicht reagiert er hier etwas überspitzt. Aber es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass es Versuche gibt, in der Kunst und auch in der Wissenschaft immer mehr die Finanzierung von politischer Gesinnung abhängig zu machen. Und da sind wir dann wieder beim Thema Selbstzensur. Das kenne auch ich noch aus alten Zeiten.
Medienschau Frljić-Interview: Danke
Danke Stefan Bock.
Wir brauchen eine Öffnung des Diskurses und nicht eine Schlaglinie des "Richtigen", wer auch immer das bestimmt. ( Genau hier liegt das Problem!)
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