Medienschau BLZ, Welt – Aus fürs Gefängnistheater AufBruch?

Sinn stiftende Resozialisierung

13. Dezember 2024. Wie etliche Theaterprojekte ist auch das Gefängnistheater AufBruch von den Einsparvorgaben des Berliner Senats bedroht. Wie die Welt berichtet, soll dem Projekt von Seiten der Justizverwaltung Anfang Dezember eine Mittelkürzung um 70 Prozent für das Jahr 2025 mitgeteilt worden sein. Damit ließe sich die bisherige Arbeit nicht fortsetzen, so Jakob Hayner in seinem Beitrag.

"Selten ist das Freiheitsmoment von Kunst und Kultur so greifbar gewesen", schreibt der Welt-Autor über die resozialisierende Wirkung des Gefängnistheaters, das "nun wirklich keine Spielwiese einer Kulturblase" sei.

Hohe Wirksamkeit bescheinigt dem Gefängnistheater in der Berliner Zeitung auch die Psychologin Karoline Klemke, die jahrelang mit Gefangenen gearbeitet hat (€). Aufgrund der Sparmaßnahme stehe nicht nur ein weiteres Theater vor dem Aus, "sondern sie wird ganz konkret die Sicherheit in unserer Stadt beeinflussen", schreibt die Gastautorin. Das Theaterprojekt sei seit 27 Jahren ein wichtiger Teil der Bemühungen um die gesellschaftliche Wiedereingliederung für straffällige Menschen im Berliner Justizvollzug, so Klemke. "Jede einzelne gelungene Resozialisierung bedeutet Opferschutz."

Menschen würden unter anderem dann kriminell, wenn ihnen die sinnstiftende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwehrt bleibe. Ein Theaterprojekt wie AufBruch ermögliche diese Teilhabe, könne Gefängnisinsassen Soft Skills lehren und ihnen Hoffnung, Selbstsicherheit, Freude und Sinn vermitteln. "Wer eine Rolle darstellen will, muss sich in einen anderen Menschen einfühlen können. Einen Text zu lernen, bedeutet, sich anstrengen zu lernen. In einem Ensemble zusammenzuarbeiten, bedeutet, unterschiedliche Meinungen auszuhalten, andere Sichtweisen zu akzeptieren und Konflikte zu klären. Sich vor ein Publikum auf eine Bühne zu stellen, bedeutet, Angst auszuhalten, sich beruhigen zu lernen. Applaus zu bekommen, bedeutet, sich als ein wertvoller Teil dieser Welt fühlen zu können. Das ist Kriminalprävention und das können Gespräche mit einer Handvoll Sozialarbeiter und Psychologen niemals ersetzen."

Sparen am Gefängnistheater AufBruch bedeute Sparen an unserem Humanismus, so Klemke.

(Welt, Berliner Zeitung / eph)

Kommentare  
Medienschau AufBruch: Krass
Das Aus für "Aufbruch" wäre eine der krassesten Auswüchse der von Wegener+Chialo gestifteten Zerstörung. [...] Blamabel! Ein Armutszeugnis erster Klasse. Nicht nachbessern, sondern umsteuern ist angesagt.
Medienschau Gefängnistheater: Möglichkeiten des Widerstands
Traurig, daß aufBruch überhaupt zur Disposition steht, empörend ist es aber, in welchem Ausmaße dieses geschieht ! Im November des Jahres 2012 hatte ich einmal das ausgesprochene Glück, gerade in Berlin,
eine Karte für "Die Dämonen" von Dostojewskij in der Regie von Krzysztof Minkowski, damals wurde auch dort noch gespielt, in der JVA Charlottenburg zu erhalten, erstaunlich, weil die Karten, kaum sind sie erhältlich, auch schon wieder weg sind in der Regel (ich meine, daß ich sie damals via Volksbühne erstand, wo die Inszenierung von "Die Dämonen" in der Regie von Frank Castorf seinerzeit meine erste Berührung mit eben diesem Theater gewesen ist, so daß sich hier auch so ein Bogen bezüglich meiner eigenen "Theatererfahrung/Theatergeschichte" ergab). "Karneval und Terror" titelte beispielsweise das Neue Deutschland in seiner Kritik und hob vor allem das Spiel des Lebjadkin hervor durch Adrian Schäfer, von dem auch weiter berichtet wurde, daß dieser auch in der Gefängniszeitung "Burgnews" in der Redaktion arbeiten würde. Mit diesem Adrian Schäfer, denn es gab Gelegenheit zum Gespräch, hatte ich einige Worte wechseln dürfen, denn auch mich hatte sein Auftritt am stärksten beeindruckt; wir sprachen über Dostojewskij, es gibt üblere Themen, denke ich.
Soweit zu meiner Erinnerung, die beide (so unterschiedlichen !) "Dämonen"-Inszenierungen, beide in der jeweiligen Karnevalszeit ihrer Jahre und irgendwie insofern auch beide geeint in einem karnevalistischen Zug, zu meinen intensivsten Theatererfahrungen überhaupt zählen.
Und nun stehen die Bedrohungen für die Volksbühne und aufBruch frisch vereint in der Medienschauspalte von Nachtkritik. Die gestrige taz berichtet in "Aufbruch vor Abbruch" noch einmal ein wenig ausführlicher zur aktuellen Lage, dort heißt es:"Seit April 2023 führt Felor Badenberg (CDU) das Justizressort. In einem Bericht ihrer Verwaltung an den Hauptausschuß des Abgeordnetenhauses vom 6.12. heißt es, es gehe um eine deutliche Schwerpunktsetzung zugunsten des Opferschutzes. Die Resozialisierung sei Aufgabe des Justizvollzugs und der sozialen Dienste der Justiz."

Sehr geehrte Nachtkritik, Ihr sitzt ja in Berlin und habt reichhaltige Kontakte zu Theaterschaffenden vor Ort: Formiert sich soetwas wie Widerstand, werden Petitionen, werden gar Aktionen erwogen, wie auch immer es so um den "Aktivismus" bestellt sein mag ??
Könnte der Hebel nicht gerade dort angesetzt werden, wo angeblich oder tatsächlich (?) "Täter- und Opferinteressen" im relevanten Sinne auseinandergehen ? Wem soll eine etwaige Umschichtung von Mitteln konkret nützen, und wurden diese Begünstigten ua. auch mit einer Konsequenz daraus wie jener, daß aufBruch nun vor dem Aus steht, konfrontiert ? Ist das überhaupt nur Umschichtung oder verkapptes Sparen mit einem "Deckmäntelchen: Opferschwerpunkt" ?

Natürlich wäre es auch schön und vielleicht sogar mal wieder kraftvoll, wenn Künstlerinnen und Künstler
sich an dieser Stelle selbst etwas einfallen ließen, zB. eine Art "Rimini-Protokoll-Abend" mit ehemaligen aufBruch-Akteuren über den Wert dieser Institution bis auf den heutigen Tag hin, denn Kontakte des aufBruch-Teams zu Ehemaligen gibt es doch bestimmt -und vielleicht auch solidarische Bühnen; dabei darf es dann auch gerne inhaltlich gehaltvolle "Lösch-Chöre" geben zum Opferschutz. Gewiß mag es da noch bessere Ideen geben, und die würde ich gerne sehen und hören, zunächst vielleicht nur lesen..
Medienschau aufBruch: Petiton
Ja, es gibt eine Petition, die aber vielleicht etwas spät kommt, da der Haushalt ja heute beschlossen werden soll. Trotzdem zählt sicher jede Stimme.

https://www.change.org/p/gef%C3%A4ngnistheater-aufbruch-in-seiner-existenz-bedroht-appell-an-den-berliner-senat
Medienschau AufBruch: Konsequenz
Heute hat das Abgeordnetenhaus den betreffenden Haushalt beschlossen.

Laut Deutschlandfunk sind die Gesamteinsparungen im Kulturressort unverändert bei 130 Millionen Euro.

https://www.deutschlandfunk.de/komische-oper-soll-weiter-saniert-werden-kulturszene-nach-endgueltigem-beschluss-zu-einsparungen-bes-100.html

Das bedeutet, dass alle reduzierten Streichungen (Grips, DT, Komische Oper, ...) zulasten anderer Häuser gehen? Kann das jemand aufklären?

In der Konsequenz wird auch AufBruch liquidiert, richtig?
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