Medienschau: Der Bund – Der Bedeutungsverlust der Theaterkritik
Zweiter Strukturwandel der Öffentlichkeit und die Theaterkritik
Zweiter Strukturwandel der Öffentlichkeit und die Theaterkritik
1. November 2021. Christine Richard repliziert in den Zeitungen der Tamedia-Gruppe, dem Zürcher Tages Anzeiger und der Berner Zeitung Der Bund (1.11.2021) auf Karin Beiers Anwurf Theaterkritik sei nur "Scheisse am Ärmel der Kunst" und wird dabei grundsätzlich.
Das Kritiker-Bashing sei seit Goethe eine "altehrwürdige Disziplin". Beier führe die Tradition nur fort. Die sagt: Nicht nur sei die Theaterkritik überflüssig, überhaupt hätten "Kritik oder Medien überhaupt mächtigen Einfluss". Richard bestreitet gegen Beier den Einfluss "herkömmlicher Medien" und schon gar die "Relevanz der Theaterkritik", die sei genauso gering wie die Systemrelevanz der Theater. Allerdings treffe zu, dass die "Qualität der Rezensionen" nachlasse.
Wer habe noch sechs Stunden Zeit, "um das Stück und seine Geschichte zu studieren"; vier Stunden, "um das Stück zu sehen"; fünf Stunden, "um die Rezension zu formulieren", dazu "lange Anfahrten"? Die Antwort: kaum jemand. Derweil nehme die "Macht" der "sogenannten sozialen Netzwerke" rasant zu, die der traditionellen Medien Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen "dramatisch" ab. Theaterkritik sei heute ein Auslaufmodell. Es müsse "gespart werden". Das erste Opfer sei " der Kulturteil". Die Kritik an der Theaterkritik sei richtig – aber "inzwischen so wirkungsvoll wie der Tritt eines lahmen Esels gegen einen halb toten Gaul".
Dabei: "Sage niemand, die Zeit für Theaterkritiken sei vorbei. So breit wie heute sei "nie zuvor über Aufführungen diskutiert worden". Allerdings heute nicht mehr in Printmedien, "sondern vielmehr im Internet". Es gebe dort "vorzügliche Portale", allen voran "Nachtkritik", aber auch "viel Geschwätz". Die Öffentlichkeit zerfalle.
Laut dem jüngst vom 92jährigen Jürgen Habermas beschriebenen zweiten Strukturwandel der Öffentlichkeit zerfalle "die Netzöffentlichkeit in Filterblasen, Nischen, radikale Einzelmeinungen, narzisstische Selbstbestätigung, geschlossene Communitys", all das ginge auf Kosten "der demokratischen Verständigung über das Ganze". Meinungsbildung, wolle sie "wirksam" sein, brauche "Bündelung, Verdeutlichung". Dafür seien bisher die Zeitungen und unter anderem die Theaterkritik zuständig gewesen. Theater in irgendeiner Form werde es immer geben, die "Institution der Theaterkritik" nicht. "Ihre Bedeutung steht und fällt mit dem Ansehen ihrer Zeitung".
(jnm)
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