Medienschau: FAZ, SZ, Welt – Der Dramatiker Botho Strauß wird achtzig
"Toxisch? Was heißt das denn bitte?"
"Toxisch? Was heißt das denn bitte?"
2. Dezember 2024. Heute wird der große Dramatiker und Schriftsteller Botho Strauß achtzig Jahre alt. Viele Feuilletons würdigen den Dramatiker, dessen Werk wie kaum ein anderes für die alte Bundesrepublik steht.
Gut geheiztes Elend
"Vor mehr als vierzig Jahren spielten viele deutsche Bühnen die bitteren Komödien von Botho Strauß", schreibt Jürgen Kaube in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.12.2024). Wer damals jung gewesen sei, "für den setzten Stücke wie 'Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle', die 'Trilogie des Wiedersehens' und 'Kalldewey Farce' die Maßstäbe der dramatischen Kunst. Strauß, zunächst Kritiker, dann Dramaturg an der Berliner Schaubühne, stieg binnen weniger Jahre in den Theaterhimmel auf. "Das sei ihm gelungen so Kaube weiter, "weil sich sowohl das Publikum wie die Schauspieler in seinen Stücken wiedererkannten. 1944 geboren, gehörte Botho Strauß zur Generation von 1968. Er schrieb über das, was von ihren Leidenschaften übrig blieb, nachdem sie erwachsen, berufstätig und etabliert geworden waren. Was im Zeichen von Revolution begonnen hatte, endete im Zeichen von Therapie, und zwar einer, in der Worte nachholen sollten, was im Leben versäumt wurde." Dieses "gut geheizte Elend" habe Strauß in immer neuen Variationen dargestellt.
Düstere Vorahnung
"Und dann kam der 'Anschwellende Bocksgesang'", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (1.12.2024). "Im Februar 1993 veröffentlichte Strauß diesen Essay im Spiegel, die Neuen Rechten packten ihn später in den Sammelband "Die selbstbewusste Nation". Danach suchten seine Kritiker in seinen dramatischen Werken nach: Nationalismus, Neo-Konservativismus, Abscheu vor 1968, 1989. Man begegnete Strauß fortan mit großer Skepsis, einige Regisseure hielten noch zu ihm, Dorn etwa, Luc Bondy." Der 'Bocksgesang' nerve "mit seiner im Vergangenen gründelnden Haltung einer schlecht gelaunten Schicksalsgöttin, dunkel dräut der Ton," so Tholl weiter. "Aber: Von heute aus gesehen liest sich der Essay wie die düstere Vorahnung dessen, was inzwischen in unserer Gesellschaft Realität ist. Er sagt Hass voraus, das Ende der Aufklärung, Politiker, die das Gespür für 'die eigenen Landsleute' verlieren. Und: 'Die neuen Jugendlichen tun zunächst nichts anderes als die ihr vorausgegangene Generation – sich großtun, Initiation betreiben durch Tabuzertrümmerung.' Die AfD hatte bei den vergangenen Landtagswahlen erstaunlich viele junge Wähler."
Vorgeschobene Befürchtungen
"Strauß gilt als toxisch und wird aufgrund seiner kulturkonservativen Äußerungen von vielen als reaktionär geschmäht", so die Kritikerin Christine Dössel im SZ-Interview (1.12.2024) mit dem Schauspieler Jens Harzer, der im Sommer in Salzburg Teil einer szenischen Lesung von Strauß Stück "Saul" war. "Ein Fall von Cancel-Culture?" fragt sie also und Harzer antwortet: "Toxisch? Was heißt das denn bitte? Ich glaube, dass viele Theaterleute, auch in verantwortlichen Positionen, da irgendwelche vorgeschobenen Befürchtungen haben. Es herrscht da oft eine gewisse Mutlosigkeit. Mich wundert das, denn sie unterschätzen ihr eigenes Metier. Das Theater verwandelt doch die Dinge in ein Drittes oder Viertes oder was weiß ich, vor allem durch die Schauspieler. Eigentlich müsste das genügen, um die Liebe zu einem Stoff zu entwickeln. Kann sein, dass es an dieser Art von Verständnis fehlt."
Nicht im Realismus steckengeblieben
Wiedergelesen erhielten Strauß‘ Texte Nuancen zurück, "die ihnen durch ein vorurteilsbehaftetes Lesen, aber auch durch den ihnen eigenen überschießenden Zug zum Höheren, genommen zu werden drohen", schreibt Magnus Klaue in der Welt (2.12.2024). "Anders als ihre Verächter und Fans meinen, sind Strauß‘ Werke nichts für Etepetete-Bildungsbürger, die sich an ihnen die eigene Superiorität bestätigen lassen wollen. Sie zeugen vielmehr von Weltzugewandtheit, präziser, jedoch nicht im Realismus steckenbleibender Alltagsbeobachtung und von einer Naivität, die sich von allem Entgegenkommenden ansprechen lässt und der nichts zu banal, ärmlich und epigonal: nichts zu abgeschmackt ist, um ernst genommen zu werden."
(FAZ / SZ / Welt / sle)
mehr medienschauen
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Nach dem Leben, Nürnberg Empfehlung
-
Die Quelle, Wien Claquere unterwegs
-
Leser*innenkritik Black Rider, SHL Flensburg
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend
-
Fräulein Else, Wien Phänomenal
-
Irgendetwas ist passiert, Berlin Lauwarm
-
Theaterpodcast Investigativtheater Aufklärung?





_________________________
Werter Konrad, das ist nicht mokant gemeint,. Die alte Bundesrepulik ist die Bundesrepublik vor 1989.
Herzliche Grüße aus der Redaktion, Esther Slevogt