Medienschau: Der Standard – Das Verschwinden des Programmhefts

Aus der Mode gekommen

Aus der Mode gekommen

29. März 2025. An vielen Theatern gibt es keine Programmhefte mehr oder nur noch ganz dünne, beobachtet Margarete Affenzeller, Theaterkritikerin des Wiener Standard.

Sie führt es einerseits auf gestiegene Produktionskosten für Printprodukte und die Bemühungen der Theater um Nachhaltigkeit zurück, "vor allem aber hat sich die Rezeption von Theater generell geändert. Inszenierungen sind schon lange nicht mehr die exklusiven Treffpunkte für Germanistikseminaristen und Bildungsbürgerinnen, denen bei Namen wie Deleuze oder Lacan das Wasser im Mund zusammenläuft."

"Das Publikum ist heute – so wie die Gesellschaft auch – diverser und dementsprechend vielseitig interessiert. Die Bemühungen von Dramaturgien, im Programmheft auf eine Lesart hinzuarbeiten, sind damit geringer geworden", so Affenzeller. "Das Primat des Textes ist gelockert, jede Auslegung erlaubt. Da braucht die gebotene Bühnenkunst schlichtweg keine sekundäre Untermauerung mehr. Die Erklärung von Kunst ist aus der Mode gekommen."

(Der Standard / sd)

Kommentare  
Medienschau Standard: Aus der Mode gekommen
Ich schreibe als ehemaliger Dramaturg, der an verschieden großen Theatern und Orchestern mit ebenfalls unterschiedlich umfangreichen Programmheften gearbeitet hat. Die Programmheft mit 300 Seiten hielt ich für überflüssig. Bei neuen Stücken war der Abdruck des Textes angebracht, aber schon Kostüm- und Bühnenraumentwürfe als Illustrationen zu verwenden, war einfallslos. Ganz zu schweigen davon, dass sich bei ihrer Umsetzung oft noch in letzte Minute Änderungen ergaben. Nicht selten gab es den Abdruck von Gesprächen von Dramaturgen mit Regisseuren, die nur den Zweck hatten, die "Genialität" der Macher zu spiegeln. Heute ist das Publikum diverser, aber auch teilweise ungebildeter, weshalb ein Programmheft in gebotener Kürze Informationen zum Autor oder zur Autorin, zur Entstehungsgeschichte und zum kulturell-gesellschaftlichen Hintergrund liefern sollte, ohne in ahistorische Besserwisserei bei Werken aus der Vergangenheit zu verfallen. Acht, zwölf oder sechzehn Seiten mit einigen Illustrationen (bevorzugt aus der bildenden Kunst), die Assoziationen anregen, reichen aus. Wenn Nachhaltigkeit erreicht werden soll, sind acht oder sechzehn Seiten besser, weil der Verschnitt nicht so groß ist wie z.B. bei zwölf oder 24 Seiten, nur als Hinweis an Berufsanfänger.
Medienschau Standard: Intellektuelle Anregungen
Ich schreibe als aktiver Zuschauer, der an verschiedenen kleinen und großen Theater jahrzentelange Erfahrungen mit allerhand Programmheften und -zetteln gemacht hat. Die mit 300 Seiten habe ich auch nicht gelesen. Tatsächlich war der eine oder andere Stückabdruck dabei. "Atalanta oder Die Angst" von Georg Heym hätte ich ohne das Konstanzer Programmheft (1980/81) nicht nachlesen können. Eines der berühmtesten Programmhefte aus der großen Zeit von Peter Stein an der Schaubühne bot die Peer-Gynt-Bearbeitung von Botho Strauß zum Lesen an. Mir bereitet es Freude und es beschenkt mich mit intellektuellen Anregungen, wenn Regie und/oder Dramaturgie ein paar grundlegende Überlegungen zur jeweiligen Inszenierung beitragen. Letzten Endes will ich doch "verstehen", was die Beteiligten "wollen", gerade wenn im postdramatischen Kunstverständnis der Primat des Textes ad acta gelegt wird. Fotos sind später hilfreich für die Erinnerung. Besonders dankbar wäre ich auch für eine Playlist der verwendeten Musiktitel. Wer die atmosphärisch-symbolisch-episch-kontrastiv-affirmativ eingesetzten Pop-Ikonen nicht so gut kennt und vielleicht nicht im ersten Moment erfasst, vollzieht vielleicht ganz gerne zuhause nach, was genau Leonard Cohen zum Tod von Alfred Ill in der "Alten Dame" zu sagen hat... Für das Notwendige und das Hilfreiche reichen schon wenige Seiten... Im Übrigen mag ja "jede Auslegung erlaubt" sein - ich erwarte aber schon Plausibilität, Relevanz, Kohärenz, Stimmigkeit. Ich fände es sehr schade, wenn die Reflektion über Stoffe und Umsetzung "aus der Mode" kämen!
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