Medienschau: Die Welt – Der Zerfall kultureller Infrastruktur in der Fläche

Die Demokratie ist hoch und Berlin weit weg

Die Demokratie ist hoch und Berlin weit weg

24. Dezember 2024. "Uns allen muss klar werden, dass die Kommunen, die Städte und Gemeinden, die Kreise das Rückgrat unseres Staates bilden," schreibt Daniel Morgenroth, Intendant des Görlitzer Gerhard-Hauptmann-Theaters, in einem bemerkenswerten Gastbeitrag in der Tageszeitung "Die Welt".

Denn hier finde "ganz konkret nicht nur das tägliche Leben der Menschen statt, sondern auch das Erleben staatlicher Institutionen und staatlichen Handelns." Konkrete Berührungspunkte mit einem erfolgreichen – oder erfolglosen – Staat hätten Bürgerinnen und Bürger immer vor Ort, so Morgenroth weiter. Dies beginne bei einer guten und Gesundheitsversorgung, gehe weiter mit der Infrastruktur: also intakten Straßen, baulich adäquaten Schulen, Kindergärten und -tagesstätten.

"Neben dieser Infrastruktur erleben Bürgerinnen und Bürger vor Ort auch das, was gemeinhin als Lebensqualität bezeichnet wird, also Institutionen und Angebote, die über das rein Überlebensnotwendige hinausgehen. Also etwa Theater, Orchester, Bibliotheken, Volkshoch- und Musikschulen oder Jugendzentren. Es sind dies beispielhaft Institutionen, die zu einem gelingenden Leben beitragen, die uns Bürger zusammenbringen und uns vor Augen führen, dass unser Staat funktioniert." Morgenroth schreibt dies vor dem Hintergrund der radikalen Einsparungen, mit denen der Kultusrsektor angesichts der enormen Haushaltsdefizite allenthalben konfrontiert ist. Allein der Landkreis Görlitz, in dem er lebt, steht Morgenroth zufolge vor einem Defizit von 100 Millionen Euro. Und er schreibt dies vor dem Hintergrund immer stärker werdenden antidemokratischer Tendenzen in seiner Region.

"Wenn aber nun tatsächlich Bibliotheken, Musikschulen, Theater, Orchester, Bildungsinitiativen und Ähnliches von staatlicher Seite weniger – oder gar nicht mehr – gefördert werden, wenn diese Institutionen schließen müssten, was bliebe dann noch? Welches Erlebnis hätte der Bürger gegenüber seinem Staat? Würde er wohl sagen, der Staat sorge sich in allen Bereichen gut um ihn? Würde er die eigene Heimatregion als lebenswert empfinden und empfände er schließlich die Staatsform, die Demokratie als gut, positiv, funktionabel und erhaltenswert?"

Es werde dieser Tage viel diskutiert "über ein mögliches AfD-Verbot, über den Wahlsieg von Donald Trump, den Aufstieg des Populismus und darüber, wie unsere Demokratie denn zu retten sei. Es gibt auch hier meines Erachtens eine wichtige Antwort: vor Ort. Ja, hier wird die Demokratie gerettet und nicht in den politischen Zentralen in Berlin. Man könnte sagen: Die Demokratie ist hoch und Berlin weit weg."

(Die Welt €/ sle)

Kommentare  
Medienschau Morgenroth: Kommunal neoliberal
Eine Betonung kommunalen Lebens ist sicher richtig und wichtig - eine Überbetonung zu Lasten des "Bundes" und namentlich der Hauptstadt Berlin nur leider inzwischen oft ein Zeichen für unguten Separat(ego)ismus. Grund dafür, dies im Zusammenhang mit Äußerungen des Görlitz-Zittau-Intendanten anzusprechen: Es ist kein besonders gutes Zeichen, sich derart ostentativ mit der Berliner Zeitung des Holger Friedrich anzufreunden. Erst das große Porträt in der "Berlinskaja Prawda" (Ilko-Sascha Kowalczuk), dann ein Podium für Holger Friedrich im Theater mit dem Intendanten als einzigem Gesprächspartner. Morgenroth hat sich zwar Friedrich gegenüber um die eine oder andere Differenzierung ("China", "Russland" ...) bemüht - aber nach Absage des Spiegels keine echte Gast-Gegenstimme sondern vor allem ein Holger-Friedrich-Fan-Publikum aufzubieten, wurde der Sache nicht gerecht. Welchen Mehrwert für öffentliche, kommunale Kultur hat eine solche Medienpartnerschaft?

Diese unnachahmliche Skrupellosigkeit des Herrn Friedrich, der mit astreinem McKinsey-Jargon China als "business case" bzw. "best practice" behandelt und die DDR zum Ground Zero 89/90 neoliberaler Unternehmer-Individuen stilisiert, Verbrechen gegen die Menschlichkeit überhaupt nicht "skalieren" kann und will - diese ganze Ideologie der Ideologiefreiheit hätte sich Morgenroth lieber in Gestalt publicity- und finanzstarker Sponsoren aufs Podium geholt, damit diese ihm coram publico den Claim "Gerhart-Hauptmann-Theater" abkaufen.

Auch diese Aktion war ja, im Gegensatz zu meiner ursprünglichen Annahme, völlig ironie- und aktivismusfrei. Sonst hätte Daniel Morgenroth Herrn Holger F. wenigstens mit einem antikapitalistischen Politiker (Post-DDR) konfrontiert, der/die sein „Heil“ nicht beim BSW sucht. Die Hauspolitik des Intendanten wird nicht besser dadurch, dass auch andere Intendanten/Geschäftsführer seit Jahren klare Kante gegenüber libertär-identitären Anarcho-Kapitalisten oder rechtsextremen Sponsoren vermissen lassen. Von Winfried Stöcker beispielsweise wollten Geschäftsführer in Ex-Alt- und Ex-Neu-BRD profitieren.

Zur Idee des Hauptmann-Ausverkaufs merkte Jana Lübeck, Fraktionsvorsitzende der Linken im Görlitzer Stadtrat, völlig zu Recht an (Sächsische Zeitung, 07.09.2024): „Ist der Intendant des GHT Görlitz-Zittau vielleicht verrückt geworden oder hält er seine Idee wirklich für so innovativ und witzig, wie er es am Dienstag verkündet hat? Oder ist es eine Verzweiflungstat?“ Sie finde die Idee weder revolutionär noch gekonnt. „Am Ende kommt Winfried Stöcker und kauft die Stadt auf. Oder die AfD hängt ihre blaue Fahne dran.“

In Lübeck bedurfte es 2018 großer Kämpfe innerhalb einzelner Einrichtungen, um Stöcker draußen zu halten. Karin Lubowski in den Schleswiger Nachrichten (24.2.2018): „Die Lübecker Bürgerschaft zeigt Kante: Die Hansestadt und ihre Unternehmen dürfen künftig vom Unternehmer Winfried Stöcker keine Spenden mehr annehmen. … Wie berichtet hatte er [Stöcker] vor Mitarbeitern des von ihm gegründeten Unternehmens Euroimmun über sexuelle Belästigung sinniert, jungen Frauen zurückhaltendere Kleidung anempfohlen und seine Zuhörer aufgefordert, viele Kinder zu zeugen, um "dem mutwillig herbeigeführten, sinnlosen Ansturm unberechtigter Asylanten etwas entgegensetzen zu können". -

In Görlitz hat Winfried Stöcker „sein Kaufhaus“ nach den Wasserschäden im Theater als Spielstätte zur Verfügung gestellt. Sebastian Beutler zitiert Stöcker in der Sächsischen Zeitung vom 23.11.2022 wie folgt: „Mit der Überlassung der Räumlichkeiten bin ich gern dem Wunsch unseres Oberbürgermeisters gefolgt. Diesmal sind es ja keine Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Balkan.“ Aus einer Schadenssituation schlägt kapitalstarker Rechtsextremismus Kapital. „Gerhart Hauptmann“ als Claim auf dem Sponsoren-Markt feilzubieten – damit hat Morgenroth gezeigt, dass er keine begrüßenswerten Schlussfolgerungen daraus gezogen hat.
Medienschau Morgenroth: Bewusst weggelassen?
Liebes Hungertuch,
sie haben aber sicher von Zittau aus (da hängen ja zwei bekannte Hungertücher rum) verfolgen können, dass Herr Morgenroth sich ziemlich klar gegen die afd und andere zweifelhafte mögliche Sponsoren ausgesprochen hat? Oder lassen sie das bewusst weg?
Interessant wäre es gewesen, wenn sie zu dem aktuellen Artikel Stellung bezogen hätten, statt eine Generalabrechnung mit dem Verfasser zu vollziehen. Offenbar haben sie ihn nicht gelesen, sondern nur die Zusammenfassung hier. Allein daraus Schlüsse zu ziehen und das in Verbindung mit dem wirklich unsäglichen Herrn Stöcker zu setzen, grenzt an Diffarmierung - oder geht es ihnen genau darum?
Medienschau Morgenroth: Vorbild China
Zitat Morgenroth in der „Welt“: „Der Himmel ist hoch und der Kaiser weit weg, sagt ein altes chinesisches Sprichwort. Es stellt darauf ab, dass die Realität vor Ort, in den Dörfern, Städten und Provinzen oft eine ganz andere ist als in der Zentrale der Macht. Dass es sich um ein chinesisches Sprichwort handelt, hat einen gewissen Witz, schließlich hat die Regierung der chinesischen Volksrepublik jüngst ein 800 Milliarden schweres Programm für kommunale Investitionen angekündigt. Im Reich der Mitte scheint man verstanden zu haben, dass wirtschaftliche Kraft und Wohlstand in den Regionen entstehen, der wirtschaftliche Motor also auch lokal angekurbelt werden muss.“ Mit der Wahl seines Vorbildes „China“ spricht der Intendant eine deutliche Sprache. Den „Kaiser von China“ und „Demokratie“ implizit gleichzusetzen, ist nicht so subtil, wie es offenbar den Anschein haben soll. Berlin, so die Aussage, ist genauso abgehoben wie „Demokratie“: Berlin-Bashing ist natürlich nicht allein das Metier von AfD, BSW, CSU, CDU – wenigstens in Leitungspositionen befindlichen Menschen könnte bewusst sein, mit welcher Stoßrichtung auch Rechtskonservative im Vorfeld des NS gegen Berlin zu Felde gezogen sind. Wenn Morgenroth in seinem Text zudem „Demokratieprojekte“ des Bundes in den Kommunen gegenüber seinem eigenen Begriff kommunaler Lebensqualität abwertet, sollte klar sein, wogegen sich sein Text richtet: „Falls sie sich dem weiter verschließt, dann kann die Bundesregierung noch einmal sehr viel mehr Geld für "Demokratieprojekte“ zur Verfügung stellen und sich trotzdem bewusst sein, dass sie - und wir - diesen Kampf mittelfristig verlieren werden. Dann ist die Demokratie tatsächlich unerreichbar hoch und Berlin weit weg.“ Er hätte stattdessen auch für ein von allen im Bundestag vertretenen demokratischen Parteien (nicht: AfD, BSW) eine Verstetigung der Finanzierung von Demokratieprojekten vor Ort („Demokratiefördergesetz“) fordern können, was die FDP drei Jahre lang verhindert hat. Tatsächlich dürfte Morgenroths Demokratieverständnis aber – darin FDP, BSW etc. nicht unähnlich – kaum Platz für „Diversität“ bieten, sonst hätte er diese Thematik nicht in Rundfunk-Interviews (https://www.deutschlandfunk.de/position-beziehen-i-daniel-morgenroth-generalintendant-theater-goerlitz-zittau-dlf-7200ef81-100.html) marginalisiert.
Medienschau Morgenroth: Eigentlicher Punkt
Ich verstehe immer noch nicht genau, auf was sie genau hinaus wollen? Wenn Herr Morgenroth schreibt es sei "ein gewisser Witz", dass China entsprechend handele, lese ich daraus nicht, dass er den chinesischen Staat als Vorbild sieht; sie selber stellen in ihrem ersten Beitrag auch heraus, dass er sich bei der Debatte mit Friedrich genau eben nicht auf die Seite Chinas und Russlands gestellt hat. Eher lese ich die Traurigkeit darüber, dass eine Diktatur ein eigentlich demokratisches Verteilungsprinzip benutzt, um sein System zu erhalten.
Zudem stellen sie Herrn Morgenroth in einer Linie mit dem NS Regime, weil er die Bundespolitik in bestimmten Punkten kritisiert und werfen ihm vor, sein Demokratieverständnis habe kaum Platz für Diversität - ernsthaft, bzw. warum?
Sie können in Herrn Morgenroth gerne das Problem sehen und ich muss ihn auch nicht verteidigen - eine Antwort auf das eigentliche Thema des Artikels bleiben sie uns aber dennoch schuldig: Wie sollen die Kommunen in Zukunft so finanziert werden, dass sie eben nicht mehr auf die Spenden irgendwelcher zweifelhaften Gönnern wie z.B. Herrn Stöcker angewiesen sind, sondern aus eigener Kraft arbeiten können? Haben sie einen guten Vorschlag?
Medienschau Morgenroth: Don't kill the Messenger
Die Logik ist bestechend: Wer – wie Herr Morgenroth – kritisiert, dass man vor Ort den Kampf um die Demokratie verliert, wenn die Zerstörung der kommunalen Daseinsvorsorge und Kultur mit ein paar Diversitätskampagnen begleitet wird, muss natürlich ein ausländischer Agent und Feind der Demokratie sein. Umgekehrt könnte man sagen: Und selbst wenn, stimmt denn das Argument nicht, dass der zentralstaatlich assistierte Suizid der kommunalen Infrastruktur ein Problem darstellt, dass zu heftigen politischen Verwerfungen geführt hat und weiterhin führen wird, die mit politischer Rhetorik nicht mehr zu befrieden sein werden? Und führt sich nicht jedes Demokratieverständnis ab absurdum, dass zwar große Worte im Munde führt, aber für die Vielen vor Ort eben nicht mehr in der Lebenswirklichkeit erfahrbar ist? Und wie nennt man ideelle Worte ohne materiellen Erfahrungsinhalt: womöglich etwa Ideologie? Also zur Sache bitte: Don't kill the Messenger. Der Versuch ist durchsichtig (und welches "Demokratieverständnis" verbrigt sich eigentlich hinter solchen Denunziationsbemühungen?). Man merkt die Absicht und ist verstimmt.
Medienschau Morgenroth: Kontext
Von "Diffamierung" zu sprechen, halte ich für unangebracht. Sofern die Abgrenzung gegenüber extremistisch veranlagten Sponsoren für hinreichend erachtet wird, hoffe ich einfach, dass dem so ist und erfreue mich klarer Kante gegen Rechtsextremismus allüberall. Sollte der Eindruck entstanden sein, dass ich Daniel Morgenroths öffentliche Äußerungen allein einer einzelnen Partei und einer einzigen Zeitung zuordne, bedauere ich das und nehme jedes dahingehend interpretierbare „auch“ oder dergleichen zurück. Kulturjournalismus lässt jedoch zu wenige kritische Nachfragen von links zu. Die Rechte muss nur gegen "linksgrünversifft" polemisieren, das Ende öffentlich-rechtlicher Kunst und Kultur fordern - die Linke hingegen findet keine Sprache, die sich betulichem Affirmations-, libertärem Abwicklungs- und heimelig-rassistischem Brauchtumsfuror (AfD) gleichermaßen entzöge. Was den betulichen Affirmationsfuror anbelangt: Immer schwingt eine allzu komfortable Verständnisattitüde für gebeutelte Intendant*innen mit. Innerhalb der Häuser verhindern der NV-Bühne sowie gefühlte Irrelevanz und Winzigkeit der eigenen Branche offene Kritik. Hauptsache irgendwie überleben, bloß nicht über politische Petitessen streiten - im Grunde wollen wir doch alle nur den Operetten-, Musical-, Boulevardkomödien-Output erhöhen, weil, wegen "Krisenzeit" und so, wollen "die Leute" halt Unterhaltung. Der Kurzschluss lautet: Glamour im Auge und Kulinarik im Ohr = saturierte Wutbürgermäuler gestopft („Kultur ist ein Grundnahrungsmittel“). Ruckzuck wird ein stillschweigendes Einverständnis suggeriert, dass "China" auch in der Ex-Neu-BRD gut, Diversität als Terminus (und Realität?) beim Abo schlecht ankommt und es bei der Finanzierung keine "Denkverbote" geben sollte. Aber ein solcher Scheinkonsens ist nichts, was Linksgrünversiffte wie ich - in unfreiwilligem Gehorsam vor AfD, BSW, rechtspopulistischen oder libertär-identitären Trends bei CDU/CSU, FDP, SPD sowie Wutbürgertum - einfach so akzeptieren sollten. Die China-Präferenz übrigens ist einfach deshalb auffällig, weil die Berliner Zeitung (Holger Friedrich, vgl. oben) gegenüber der VR China keinerlei kritische, menschenrechts- und demokratiebasierte Distanz walten lässt. Tagesspiegel, FAZ und taz haben das in den vergangenen Jahren immer wieder analysiert. Und wer glaubt, dass China allen Ernstes eine verantwortbare "Alternative" zu Demokratie und Menschenrechten mitsamt kommunaler Selbstverwaltung darstellt, kann sich auch der Kettensägen-Gang "Trump/Musk/Milei/Meloni/Weidel" anschließen und Gated-Community-Franchise-Unternehmer werden. Sollte nicht einmal in der Kulturbranche irgendeine Scheu vor dem Flirt mit Diktaturen wie China und Russland Einzug halten, darf niemand erwarten, dass "die deutsche Wirtschaft" vor systemischen Menschenrechtsverletzungen in der eigenen Lieferkette zurückschreckt. Natürlich, in der Tat, Netrebko tritt in weiten Teilen der "westlichen" Welt wieder ungehindert auf, Currentzis reüssiert (von sanktionierten Sponsoren finanziert) und das Staatsorchester der Mongolei tritt natürlich am GHT auf, ohne dass jemand ein kritisches Wort zur aktuellen Putin-Nähe des Landes verlöre. Sollte ein solches Wort doch verloren worden sein, wäre diese Leistung umso höher zu bewerten als dergleichen andernorts nicht für nötig erachtet wird und Netrebko zur antiputinistischen Friedensaktivistin stilisiert wird, weil sie, wie von Verdi/Piave vorgesehen, immer wieder "Pace" singt.
Medienschau Morgenroth: Döpfner-Poschardt-Kosmos
Kommentator:in "Hungerbetucht" hat den Kontext des Welt-Artikels hinreichend dargestellt. Hinzufügen ließe sich vielleicht die Frage, ob nicht die Quasi-Medienpartnerschaft mit Holger Friedrich/Berliner Zeitung eine weitere interessante Note durch Wahl der "Welt" als Veröffentlichungsorgan bekommt. Noch bevor Musk dort seine Werbeplattform für die AfD und seine Internationale der Identitären erhielt, hätte eigentlich klar sein können, dass in diesem Döpfner-Poschardt-Kosmos nur außergewöhnliche Superintellektuelle von Weltrang keinen Schaden durch sehr schlechte Artikel-/Autor:innen-Nachbarschaft nehmen.
Medienschau Morgenroth: Kontaktschuld?
@7 Es wird die Demokratie und die Streitkultur sicher nicht stärken, wenn alle nur genau dort publizieren, wo im Wesentlichen andere Menschen mit ähnlichen Ansichten publizieren und wo man hauptsächlich von Gleichgesinnten gelesen wird. Ich finde das so falsch, hier über Kontaktschuld und die Gesinnungsprüfung des Umfelds zu agieren anstatt sich mit den Ansichten und Herausforderungen auseinandersetzen, von denen Morgenroth schreibt. Was soll das bringen, wenn alle in ihrem Kosmos bleiben? Ich habe null Sympathie für Döpfner Friedrich und Poschardt. Und ich halte Musk für ungeheuer gefährlich. Aber auch wenn sie auch verschieden sind, viele Menschen erreichen sie und deren Meinung repräsentieren sie und all das wird nicht verschwinden, wenn man es ignoriert. Die Demokratie wird attraktiv durch Streitkultur, nicht durch Scheuklappen und Gesinnungsprüfung.
Medienschau Morgenroth: Transformation
"Kontaktschuld"? Welche durch "Kontaktschuld"-Verdacht verschleierte Differenz besteht denn zwischen der neoliberalen Springer-Presse (Döpfner: "Please stärke die FDP") und einem GHT, das neben pauschalem Namensrecht ("Coca-Cola-Theater") auch "maßgeschneiderte Angebote" bereithält (https://www.g-h-t.de/de/werben-im-theater/): "Wir binden Ihr Firmenlogo taktvoll und künstlerisch in unsere Bühneninszenierung ein, beispielsweise auf den Kragen unseres Opernchores oder auf den Kostümen der Solistinnen und Solisten." Oder "Sie suchen ein ganz exklusives Angebot, das weit ausstrahlt? Unser Orchester, die Neue Lausitzer Philharmonie, spielt auf Wunsch vor jedem Konzert Ihren Unternehmens-Jingle im gesamten Kulturraum."
Würde es sich hierbei um einen - begrüßenswerten - Aufschrei gegen den Abbau öffentlicher soziokultureller Infrastrukturen handeln, wäre doch als Ansprechpartner*in bestimmt nicht die Abteilung Marketing genannt? Insbesondere eine "Kapital"-Spielzeit könnte ja mit dem Zitat von Marken- und Firmennamen auf der Bühne arbeiten, um deren strukturelle Relevanz kritisch zu verhandeln. Die sollten Gegenstand und nicht unhintergehbares Interieur künstlerischer Praxis sein. Oder kommen da große Konzerne, die raffiniertes Content-Marketing machen und sagen: "Kritik an unseren global ausbeuterischen Lieferketten ist integraler Bestandteil unserer Neuaufstellung als Unternehmen. „Unternehmensphilosophie – eine Stückentwicklung“: Daraus leiten wir unser neues Mission Statement ab.“ Wird der Unternehmens-Jingle bei jedem Konzert so eingebettet, dass sie auch als Gegenstand kritischer Musikästhetiken des 20. und 21. Jahrhunderts wahrnehmbar wird? Vielleicht wird "The Unanswered Question" von Charles Ives immer wieder - ironisch - durch den DIDIDIDÖDÖ-Jingle der Telekom "beantwortet"? - Ich hatte das Angebot, die Namensrechte zu erwerben, damals zunächst wirklich für eine tolle schlingensiefeske Aktion gehalten, einen entlarvenden Aufschrei. Nun allerdings bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass viele Unternehmer*innen in Görlitz, Zittau und weit darüber hinaus, auch mit den Mitteln des Theaters ihre Performance verbessern wollen: Gemeinsam die sozial-ökologische Transformation hin zu einer Post-Wachstums-Gesellschaft stemmen. Vor Ort. Mit den Menschen.
Medienschau Morgenroth: Performance
Hallo Julian,

Herr Morgenroth schreibt im Vorwort zur "Kapital" Spielzeit: "... In dieser Spielzeit wollen wir mit ihnen künstlerisch, in Diskussionen und praktischen Aktionen dem Geld, dem Reichtum, der Armut und der Frage nach dem Unbezahlbaren nachgehen ..." Im gleichen Heft ein Gastbeitrag von Hans-Jürgen Jakobs zu unserem Leben mit Monopolen, weiter wird eine Diskussionsreihe mit u.a. Jean-Philippe Kindler (neue Kapitalismuskritik) angekündigt und in seiner Polemik "Play-Pause-Play" ruft Morgenroth zum Konsumvericht auf. Und da sehen sie keine Differenz zur neoliberalen Springer Presse? Es werden Stücke wie "Goldener Drache", "Lächerliche Finsternis" und "Angriffe auf Anne" gespielt, eine Oper zu Antonio Gramsci kommt zur Uraufführung - und sie sehen keine Differenz zur Springer Presse? Stark.
Nur jemand mit sehr wenig Sinn für Humor, sehr wenig Ahnung oder jemand sehr naives kann auf die Idee kommen, dass die Firmenlogos auf den Krägen des Opernchores wirklich ernst gemeint sind - wer sollte das denn auch lesen können auf die Entfernung? Und ist ihnen eigentlich klar, was die Änderung eines Coperate Design für ein Jahr (Die namensrechte wurden ja nur für die Kapitalspielzeit feilgeboten) kosten würde? Selbstverständlich ist diese Aktion eine Performance, um eine Debatte zur Finanzierung der Theater anzustoßen - was denn sonst? Sie entlarvt sich eben nicht wie so häufig blöd schon im Vorfeld, zeitigt aber u.a. in den Kommentaren hier ihre Wirkung - sie spielen ja schon wunderbar mit den Untiefen und Gefahren des Themas.
Medienschau Morgenroth: Infrastruktur
Demokratie vor Ort erlebbar machen, öffentlich-finanzierte Infrastruktur in Städten/Gemeinden und Bundesländern stärken: Die Welt muss wieder in ihre „angestammte“ Funktionale rutschen, Politik muss Probleme lösen – „ideologisch“ hat die Politik gefälligst nichts zu melden. Das „kommunale Demokratieerlebnis“ rückt erst in ein „öffentliches“ Bewusstsein, seitdem eine gefühlte „Mehrheit“ merkt, dass Züge ausfallen und die verbleibenden an vielen verfallenen Bahnhöfen vorbeifahren. Vermehrt infrastrukturell erfahrbare Demokratie zu fordern, bedeutet aber 2024ff. – sofern nicht politisch ausbuchstabiert – einen ontologisierenden Kurzschluss: „Infrastruktur“ und „Demokratie“ wird implizit eine „Wesensähnlichkeit“ unterstellt, die beiden ebenso wenig zueigen ist wie den angeblich Wahlverwandten „Marktwirtschaft“ und „Demokratie“: Im Rahmen einer Co-Transformation würden Marktwirtschaften in Norden, Süden, Osten Westen auch „demokratisch“. Nun aber ähneln sie einander in Gestalt von Oligarchen, Ungleichheit, Hass auf Minderheiten. „Demokratie“ ist längst ein sehr dehnbarer Begriff – auch Ungarn ist eine und sogar Mitglied der EU.
An dem Punkt, wo Theater und andere Kultureinrichtungen sich selbst – nahezu "neutral" und namenlos - einer möglichst attraktiven, schützenswerten Infrastruktur einschreiben wollen, wächst die Gefahr einer „Entpolitisierung“ und „Naturalisierung“ von „Infrastruktur“. „Infrastruktur“ ist niemals „Sachpolitik“, wenn sie Bevölkerungen – Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen – barrierefrei zugänglich sein soll. Infrastrukturen können ganzen Bevölkerungen mit größtem Respekt vor Diversität und potenziellem „Minderheitenstatus“ jede*s Einzelnen (Opfer von Klassismus, Rassismus, Ableismus, der Verachtung von Armen, Kranken und Verletzten oder „Nicht-Sesshaften“, Antisemitismus, Altersdiskriminierung, neoliberal-kapitalistischer Leistungsideologie) in Gestalt von Wohnungen, Nahrung, Elektrizität, Wärme/Kühlung, Linderung/Behandlung/Heilung/Pflege, kreativer und sozialer Entfaltung jenseits von Leistungsideologie, öffentlicher Kultur, durch keinerlei Diskriminierung geminderte sozialer Teilhabe dienen. Begriff und Realität solcher Infrastrukturen gilt es auf allen Ebenen, in allen Winkeln einer global vernetzten Gesellschaft auch durch langfristig finanzierte Demokratieprojekte zu stärken. Eine solche politisch definierte Infrastruktur, die Märkte einbettet, hinterlässt nicht automatisch ihre Signatur in der Unterwäsche des Bewusstseins der BRD (frei nach Musil). Sie ist niemals jemandes „Naturell“. Infrastrukturen, die längst in ein Stadium der ideologischen und/oder betrieblichen Privatisierung eingetreten sind, müssen POLITISCH im Namen einer zunehmend utopischen Öffentlichkeit „zurückerobert“ werden. Sonst inkludiert, mit allen staatlichen Hoheitszeichen versehen, eine Infrastruktur, die „völkischem Deutschtum“, Sozialdarwinismus oder nostalgischen Träumen von „Alt-BRD“ / „DDR“ entsprießt, auch eine private Abschiebeindustrie. Und Ministerpräsidenten eröffnen Public-Private-Sonderschulen für „unwertes Leben“. Alles wie von selbst, natürlich natürlich. Neoliberale Ideologie hat alle Traditionen und Visionen menschenrechts- und ökologisch basierter Infrastruktur-Politik „Ideologie“ unterstellt, um ihre Marktradikalität als „natürlich“, wie von unsichtbarer Hand signiert, zu verkaufen. Jedem Anschein von „Natürlichkeit“ und roher ökonomischer Gewalt der Exklusion gilt es politisch und mit allen Mitteln des Rechtsstaates zu begegnen. Entweder eine im allerweitesten Sinne „Linke“ nimmt den POLITISCHEN Kampf für eine soziale, inklusive, freie und gleiche Öffentlichkeit auf – oder sie muss darauf hoffen, dass Bahn etc. gerade noch rechtzeitig so vollständig marode sind, dass sie „naturgemäß“ ihren Dienst am Unrecht vollständig quittieren.
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