Medienschau: Die Welt – Der Zerfall kultureller Infrastruktur in der Fläche
Die Demokratie ist hoch und Berlin weit weg
Die Demokratie ist hoch und Berlin weit weg
24. Dezember 2024. "Uns allen muss klar werden, dass die Kommunen, die Städte und Gemeinden, die Kreise das Rückgrat unseres Staates bilden," schreibt Daniel Morgenroth, Intendant des Görlitzer Gerhard-Hauptmann-Theaters, in einem bemerkenswerten Gastbeitrag in der Tageszeitung "Die Welt".
Denn hier finde "ganz konkret nicht nur das tägliche Leben der Menschen statt, sondern auch das Erleben staatlicher Institutionen und staatlichen Handelns." Konkrete Berührungspunkte mit einem erfolgreichen – oder erfolglosen – Staat hätten Bürgerinnen und Bürger immer vor Ort, so Morgenroth weiter. Dies beginne bei einer guten und Gesundheitsversorgung, gehe weiter mit der Infrastruktur: also intakten Straßen, baulich adäquaten Schulen, Kindergärten und -tagesstätten.
"Neben dieser Infrastruktur erleben Bürgerinnen und Bürger vor Ort auch das, was gemeinhin als Lebensqualität bezeichnet wird, also Institutionen und Angebote, die über das rein Überlebensnotwendige hinausgehen. Also etwa Theater, Orchester, Bibliotheken, Volkshoch- und Musikschulen oder Jugendzentren. Es sind dies beispielhaft Institutionen, die zu einem gelingenden Leben beitragen, die uns Bürger zusammenbringen und uns vor Augen führen, dass unser Staat funktioniert." Morgenroth schreibt dies vor dem Hintergrund der radikalen Einsparungen, mit denen der Kultusrsektor angesichts der enormen Haushaltsdefizite allenthalben konfrontiert ist. Allein der Landkreis Görlitz, in dem er lebt, steht Morgenroth zufolge vor einem Defizit von 100 Millionen Euro. Und er schreibt dies vor dem Hintergrund immer stärker werdenden antidemokratischer Tendenzen in seiner Region.
"Wenn aber nun tatsächlich Bibliotheken, Musikschulen, Theater, Orchester, Bildungsinitiativen und Ähnliches von staatlicher Seite weniger – oder gar nicht mehr – gefördert werden, wenn diese Institutionen schließen müssten, was bliebe dann noch? Welches Erlebnis hätte der Bürger gegenüber seinem Staat? Würde er wohl sagen, der Staat sorge sich in allen Bereichen gut um ihn? Würde er die eigene Heimatregion als lebenswert empfinden und empfände er schließlich die Staatsform, die Demokratie als gut, positiv, funktionabel und erhaltenswert?"
Es werde dieser Tage viel diskutiert "über ein mögliches AfD-Verbot, über den Wahlsieg von Donald Trump, den Aufstieg des Populismus und darüber, wie unsere Demokratie denn zu retten sei. Es gibt auch hier meines Erachtens eine wichtige Antwort: vor Ort. Ja, hier wird die Demokratie gerettet und nicht in den politischen Zentralen in Berlin. Man könnte sagen: Die Demokratie ist hoch und Berlin weit weg."
(Die Welt €/ sle)
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Diese unnachahmliche Skrupellosigkeit des Herrn Friedrich, der mit astreinem McKinsey-Jargon China als "business case" bzw. "best practice" behandelt und die DDR zum Ground Zero 89/90 neoliberaler Unternehmer-Individuen stilisiert, Verbrechen gegen die Menschlichkeit überhaupt nicht "skalieren" kann und will - diese ganze Ideologie der Ideologiefreiheit hätte sich Morgenroth lieber in Gestalt publicity- und finanzstarker Sponsoren aufs Podium geholt, damit diese ihm coram publico den Claim "Gerhart-Hauptmann-Theater" abkaufen.
Auch diese Aktion war ja, im Gegensatz zu meiner ursprünglichen Annahme, völlig ironie- und aktivismusfrei. Sonst hätte Daniel Morgenroth Herrn Holger F. wenigstens mit einem antikapitalistischen Politiker (Post-DDR) konfrontiert, der/die sein „Heil“ nicht beim BSW sucht. Die Hauspolitik des Intendanten wird nicht besser dadurch, dass auch andere Intendanten/Geschäftsführer seit Jahren klare Kante gegenüber libertär-identitären Anarcho-Kapitalisten oder rechtsextremen Sponsoren vermissen lassen. Von Winfried Stöcker beispielsweise wollten Geschäftsführer in Ex-Alt- und Ex-Neu-BRD profitieren.
Zur Idee des Hauptmann-Ausverkaufs merkte Jana Lübeck, Fraktionsvorsitzende der Linken im Görlitzer Stadtrat, völlig zu Recht an (Sächsische Zeitung, 07.09.2024): „Ist der Intendant des GHT Görlitz-Zittau vielleicht verrückt geworden oder hält er seine Idee wirklich für so innovativ und witzig, wie er es am Dienstag verkündet hat? Oder ist es eine Verzweiflungstat?“ Sie finde die Idee weder revolutionär noch gekonnt. „Am Ende kommt Winfried Stöcker und kauft die Stadt auf. Oder die AfD hängt ihre blaue Fahne dran.“
In Lübeck bedurfte es 2018 großer Kämpfe innerhalb einzelner Einrichtungen, um Stöcker draußen zu halten. Karin Lubowski in den Schleswiger Nachrichten (24.2.2018): „Die Lübecker Bürgerschaft zeigt Kante: Die Hansestadt und ihre Unternehmen dürfen künftig vom Unternehmer Winfried Stöcker keine Spenden mehr annehmen. … Wie berichtet hatte er [Stöcker] vor Mitarbeitern des von ihm gegründeten Unternehmens Euroimmun über sexuelle Belästigung sinniert, jungen Frauen zurückhaltendere Kleidung anempfohlen und seine Zuhörer aufgefordert, viele Kinder zu zeugen, um "dem mutwillig herbeigeführten, sinnlosen Ansturm unberechtigter Asylanten etwas entgegensetzen zu können". -
In Görlitz hat Winfried Stöcker „sein Kaufhaus“ nach den Wasserschäden im Theater als Spielstätte zur Verfügung gestellt. Sebastian Beutler zitiert Stöcker in der Sächsischen Zeitung vom 23.11.2022 wie folgt: „Mit der Überlassung der Räumlichkeiten bin ich gern dem Wunsch unseres Oberbürgermeisters gefolgt. Diesmal sind es ja keine Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Balkan.“ Aus einer Schadenssituation schlägt kapitalstarker Rechtsextremismus Kapital. „Gerhart Hauptmann“ als Claim auf dem Sponsoren-Markt feilzubieten – damit hat Morgenroth gezeigt, dass er keine begrüßenswerten Schlussfolgerungen daraus gezogen hat.
sie haben aber sicher von Zittau aus (da hängen ja zwei bekannte Hungertücher rum) verfolgen können, dass Herr Morgenroth sich ziemlich klar gegen die afd und andere zweifelhafte mögliche Sponsoren ausgesprochen hat? Oder lassen sie das bewusst weg?
Interessant wäre es gewesen, wenn sie zu dem aktuellen Artikel Stellung bezogen hätten, statt eine Generalabrechnung mit dem Verfasser zu vollziehen. Offenbar haben sie ihn nicht gelesen, sondern nur die Zusammenfassung hier. Allein daraus Schlüsse zu ziehen und das in Verbindung mit dem wirklich unsäglichen Herrn Stöcker zu setzen, grenzt an Diffarmierung - oder geht es ihnen genau darum?
Zudem stellen sie Herrn Morgenroth in einer Linie mit dem NS Regime, weil er die Bundespolitik in bestimmten Punkten kritisiert und werfen ihm vor, sein Demokratieverständnis habe kaum Platz für Diversität - ernsthaft, bzw. warum?
Sie können in Herrn Morgenroth gerne das Problem sehen und ich muss ihn auch nicht verteidigen - eine Antwort auf das eigentliche Thema des Artikels bleiben sie uns aber dennoch schuldig: Wie sollen die Kommunen in Zukunft so finanziert werden, dass sie eben nicht mehr auf die Spenden irgendwelcher zweifelhaften Gönnern wie z.B. Herrn Stöcker angewiesen sind, sondern aus eigener Kraft arbeiten können? Haben sie einen guten Vorschlag?
Würde es sich hierbei um einen - begrüßenswerten - Aufschrei gegen den Abbau öffentlicher soziokultureller Infrastrukturen handeln, wäre doch als Ansprechpartner*in bestimmt nicht die Abteilung Marketing genannt? Insbesondere eine "Kapital"-Spielzeit könnte ja mit dem Zitat von Marken- und Firmennamen auf der Bühne arbeiten, um deren strukturelle Relevanz kritisch zu verhandeln. Die sollten Gegenstand und nicht unhintergehbares Interieur künstlerischer Praxis sein. Oder kommen da große Konzerne, die raffiniertes Content-Marketing machen und sagen: "Kritik an unseren global ausbeuterischen Lieferketten ist integraler Bestandteil unserer Neuaufstellung als Unternehmen. „Unternehmensphilosophie – eine Stückentwicklung“: Daraus leiten wir unser neues Mission Statement ab.“ Wird der Unternehmens-Jingle bei jedem Konzert so eingebettet, dass sie auch als Gegenstand kritischer Musikästhetiken des 20. und 21. Jahrhunderts wahrnehmbar wird? Vielleicht wird "The Unanswered Question" von Charles Ives immer wieder - ironisch - durch den DIDIDIDÖDÖ-Jingle der Telekom "beantwortet"? - Ich hatte das Angebot, die Namensrechte zu erwerben, damals zunächst wirklich für eine tolle schlingensiefeske Aktion gehalten, einen entlarvenden Aufschrei. Nun allerdings bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass viele Unternehmer*innen in Görlitz, Zittau und weit darüber hinaus, auch mit den Mitteln des Theaters ihre Performance verbessern wollen: Gemeinsam die sozial-ökologische Transformation hin zu einer Post-Wachstums-Gesellschaft stemmen. Vor Ort. Mit den Menschen.
Herr Morgenroth schreibt im Vorwort zur "Kapital" Spielzeit: "... In dieser Spielzeit wollen wir mit ihnen künstlerisch, in Diskussionen und praktischen Aktionen dem Geld, dem Reichtum, der Armut und der Frage nach dem Unbezahlbaren nachgehen ..." Im gleichen Heft ein Gastbeitrag von Hans-Jürgen Jakobs zu unserem Leben mit Monopolen, weiter wird eine Diskussionsreihe mit u.a. Jean-Philippe Kindler (neue Kapitalismuskritik) angekündigt und in seiner Polemik "Play-Pause-Play" ruft Morgenroth zum Konsumvericht auf. Und da sehen sie keine Differenz zur neoliberalen Springer Presse? Es werden Stücke wie "Goldener Drache", "Lächerliche Finsternis" und "Angriffe auf Anne" gespielt, eine Oper zu Antonio Gramsci kommt zur Uraufführung - und sie sehen keine Differenz zur Springer Presse? Stark.
Nur jemand mit sehr wenig Sinn für Humor, sehr wenig Ahnung oder jemand sehr naives kann auf die Idee kommen, dass die Firmenlogos auf den Krägen des Opernchores wirklich ernst gemeint sind - wer sollte das denn auch lesen können auf die Entfernung? Und ist ihnen eigentlich klar, was die Änderung eines Coperate Design für ein Jahr (Die namensrechte wurden ja nur für die Kapitalspielzeit feilgeboten) kosten würde? Selbstverständlich ist diese Aktion eine Performance, um eine Debatte zur Finanzierung der Theater anzustoßen - was denn sonst? Sie entlarvt sich eben nicht wie so häufig blöd schon im Vorfeld, zeitigt aber u.a. in den Kommentaren hier ihre Wirkung - sie spielen ja schon wunderbar mit den Untiefen und Gefahren des Themas.
An dem Punkt, wo Theater und andere Kultureinrichtungen sich selbst – nahezu "neutral" und namenlos - einer möglichst attraktiven, schützenswerten Infrastruktur einschreiben wollen, wächst die Gefahr einer „Entpolitisierung“ und „Naturalisierung“ von „Infrastruktur“. „Infrastruktur“ ist niemals „Sachpolitik“, wenn sie Bevölkerungen – Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen – barrierefrei zugänglich sein soll. Infrastrukturen können ganzen Bevölkerungen mit größtem Respekt vor Diversität und potenziellem „Minderheitenstatus“ jede*s Einzelnen (Opfer von Klassismus, Rassismus, Ableismus, der Verachtung von Armen, Kranken und Verletzten oder „Nicht-Sesshaften“, Antisemitismus, Altersdiskriminierung, neoliberal-kapitalistischer Leistungsideologie) in Gestalt von Wohnungen, Nahrung, Elektrizität, Wärme/Kühlung, Linderung/Behandlung/Heilung/Pflege, kreativer und sozialer Entfaltung jenseits von Leistungsideologie, öffentlicher Kultur, durch keinerlei Diskriminierung geminderte sozialer Teilhabe dienen. Begriff und Realität solcher Infrastrukturen gilt es auf allen Ebenen, in allen Winkeln einer global vernetzten Gesellschaft auch durch langfristig finanzierte Demokratieprojekte zu stärken. Eine solche politisch definierte Infrastruktur, die Märkte einbettet, hinterlässt nicht automatisch ihre Signatur in der Unterwäsche des Bewusstseins der BRD (frei nach Musil). Sie ist niemals jemandes „Naturell“. Infrastrukturen, die längst in ein Stadium der ideologischen und/oder betrieblichen Privatisierung eingetreten sind, müssen POLITISCH im Namen einer zunehmend utopischen Öffentlichkeit „zurückerobert“ werden. Sonst inkludiert, mit allen staatlichen Hoheitszeichen versehen, eine Infrastruktur, die „völkischem Deutschtum“, Sozialdarwinismus oder nostalgischen Träumen von „Alt-BRD“ / „DDR“ entsprießt, auch eine private Abschiebeindustrie. Und Ministerpräsidenten eröffnen Public-Private-Sonderschulen für „unwertes Leben“. Alles wie von selbst, natürlich natürlich. Neoliberale Ideologie hat alle Traditionen und Visionen menschenrechts- und ökologisch basierter Infrastruktur-Politik „Ideologie“ unterstellt, um ihre Marktradikalität als „natürlich“, wie von unsichtbarer Hand signiert, zu verkaufen. Jedem Anschein von „Natürlichkeit“ und roher ökonomischer Gewalt der Exklusion gilt es politisch und mit allen Mitteln des Rechtsstaates zu begegnen. Entweder eine im allerweitesten Sinne „Linke“ nimmt den POLITISCHEN Kampf für eine soziale, inklusive, freie und gleiche Öffentlichkeit auf – oder sie muss darauf hoffen, dass Bahn etc. gerade noch rechtzeitig so vollständig marode sind, dass sie „naturgemäß“ ihren Dienst am Unrecht vollständig quittieren.