Medienschau: FAZ – Arbeitsbedingungen an deutschen Theatern
Komplex und widerstandsfähig
Komplex und widerstandsfähig
3. April 2024. "50 Prozent weniger Beschäftigte machen 50 Prozent mehr Arbeit zu 50 Prozent weniger Honorar im Vergleich zur Zeit vor 30 Jahren", zitiert in der FAZ (3.4.2024) Sophie Klieeisen einen Merksatz der Theaterbranche.
Ihr Artikel wertet eine Studie zur ökonomischen Situation der "Kreativen Klasse" und insbesondere die darin mituntersuchten Arbeitsbedingungen an deutschen Theatern aus.
Für die Theater buchstabiert Klieeisen in ihrem Artikel (€) den Status Quo folgendermaßen aus: "Multiplizierung der Formate, Verkürzung der Produktionszeiten, Steigerung der Produktionszahlen, des Drucks, der Belastung. Für viele Junge Anlass, das ganze System infrage zu stellen. Das Frustlevel insbesondere junger Regisseurinnen ist hoch. Manche finden, das System wolle sich nicht verändern und hänge noch immer an einem 'totalen Verfügungsgedanken'. Dieser erleichtere Ausbeutung und biete künstlerische Freiheit nur denjenigen, die sich den Bedingungen unterwürfen. Wenn es so weitergehe, landeten wir bald 'in holländischen Verhältnissen', also der faktischen Abschaffung des Stadttheaters."
Dreh- und Angelpunkt der Kritik insbesondere jüngerer Kultirschaffender am Theatersystem bildet Klieeisen zufolge "ein pejoratives Verständnis von Macht. Sie begünstige Hierarchien und diene dem Machtmissbrauch. In Gesprächen mit ihnen, in Diplomarbeiten über zeitgemäße Theaterleitung und Seminaren zu sensibler Führung sind die häufigsten Schlagworte: 'Einfühlen', 'Verstehen', 'Integrität', 'Egalität' und 'Kontrolle'. Begriffe wie 'Verantwortung', 'Autonomie' oder 'Durchsetzungskraft' fallen so gut wie nie."
So läßt Klieeisen diese Kritik nicht in allen Punkten unwidersprochen stehen. Sie beschreibt das deutsche Theatersystem als komplex und widerstandsfähig - insbesondere auch im Vergleich mit den Niederlanden. "Das macht seine Veränderbarkeit schwerfälliger, bedingt Gewerkschaften, Betriebsräte, Personalräte, Gremiensitzungen, Tarifautomatismen, Verhandlungen zwischen vielen Parteien. Diese Verflechtungen verhindern nicht bloß Veränderung, sie schützen auch: sich selbst und damit weltweit einzigartige künstlerische Arbeitsbedingungen."
(FAZ / sle)
Update, 4. April 2024
Auf Nachfrage von nachtkritik.de erklärt ein Sprecher von Kulturstaatsministerin Claudia Roth: "Bei der in der FAZ angesprochenen gemeinsamen Studie von BKM und BMWK handelt es sich um die im vergangenen Jahr beauftragte 'Studie zur wirtschaftlichen und sozialen Lage von Soloselbständigen und hybrid Erwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW), dem öffentlichen Kulturbetrieb und Kulturberufen in Deutschland'. Diese wird von der prognos AG in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Freie Darstellende Künste durchgeführt und ist noch nicht abgeschlossen. Die Befragungskampagne endete in der vorvergangenen Woche. Aktuell erfolgt die Auswertung. Die Ergebnisse werden in einem ausführlichen Bericht für Herbst dieses Jahres erwartet."
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(Uns geht es genauso, werte*r Anonym. Wir haben daher bei der Kulturstaatsministerin nachgefragt. d. Red.)
(Update: Das Netzwerk Regie hat freundlicherweise mitgeteilt, dass noch keine Studienergebnisse vorliegeb, sondern dass das Umfrageinstitut Prognos AG bis zum 24. März 2024 Daten via Online-Umfrage gesammelt hat, die in der geplanten "Studie Soziale Lage" noch ausgewertet werden. Beauftragt hat diese Umfrage unter Selbstständigen in der Kultur- Kreativwirtschaft (KKW), wie in der FAZ genannt, das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) sowie die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Durchgeführt wird sie von Prognos und dem Bundesverband Freie Darstellende Künste (BFDK). Mehr Informationen gibt es hier: https://darstellende-kuenste.de/projekte/studie-soziale-lage)