Medienschau – Nachrufe auf Regisseur Hans Neuenfels
Ein scharfer Denker
Ein scharfer Denker
8. Februar 2022. Am Sonntagabend verstarb der Regisseur Hans Neuenfels im Alter von achtzig Jahren. Zahlreiche Medien würdigen sein Werk in Nachrufen.
"Früh bekam er das Etikett ‚Enfant terrible‘ angeklebt, weil er in seinen Inszenierungen die Worte und Töne nicht illustrierte, sondern auf bis dahin nie gesehene Weise den Subtext der Werke mitreflektierte und als 'Archäologie des Unbewussten' auf die Bühne brachte. Was zwischen den Zeilen steht, war für seine metaphorisch verrätselten, tiefenpsychologisch durchdrungenen Interpretationen genauso wichtig wie das, was explizit auf dem Papier zu lesen ist", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (8.2.2022). Sie erklärt auch, warum Neuenfels zuletzt vor allem für die Oper arbeitete und nicht mehr als Schauspielregisseur: "(D)er intellektuell beschlagene wie ästhetisch radikale Neuenfels, der sich konsequent allen Moden und Nivellierungstendenzen verweigerte, erschien den meisten Theaterintendanten in seiner schillernden Unzeitgemäßheit als zu fordernd, verwegen und gebildet."
Wolfgang Höbel vom Spiegel (7.2.2022) schreibt: "Höchstwahrscheinlich gibt es so gut wie keinen Bühnenkünstler, der ähnlich innig und ähnlich oft ausgebuht worden ist wie der Regisseur Neuenfels. Immer wieder fanden Kritikerinnen und Kritiker und einzelne Menschen aus dem Publikum seine Inszenierungen skandalös. Die ihm von vielen Medien angedichtete Berufsbezeichnung 'Regie-Provokateur' trug er mit Stolz."
Neuenfels sei jedoch nicht nur "umstritten" genannt worden, er habe selbst gerne, klug und leidenschaftlich gestritten. "Über die Lehren von Sigmund Freud zum Beispiel, über die Bücher von Robert Musil, über die Malerei der Surrealisten."
"Neuenfels’ radikal anmutende Bildsprache entsprang durchaus einer intellektuellen Lust an der Provokation. Doch Selbstzweck, wie bei einigen weniger tiefgründigen Vertretern des 'Regietheaters', war sie für ihn nie", schreibt Christian Wildhagen in der NZZ (7.2.2022). "Er verband in der zugespitzten Ikonografie seiner Inszenierungen vielmehr scharfsinnige Textanalysen mit psychoanalytischem Denken – und mit visuellen Prägungen, die er während der frühen 1960er Jahre als Assistent des Surrealisten Max Ernst empfangen hatte. Eine gewisse Offenheit und poetische Vieldeutigkeit der Interpretation – und damit eben auch die Möglichkeit krasser Fehldeutungen – waren immer Teil des Konzepts."
Wolfgang Schreiber erinnert in der SZ (8.2.2022) an den Skandal um die Berliner Idomeneo-Inszenierung aus dem Jahr 2003: "Neuenfels überhöhte und vertiefte damals die von Mozart heraufbeschworene elegische Quintessenz der Oper, die finale Gott- und Götter-Ratlosigkeit des abdankenden antiken Königs Idomeneo, radikale Religionsskepsis, mit einem unerhörten Schlussbild: Vier erledigte Religionsgründer wurden gnadenlos, wenngleich in Gips, vorgeführt, neben dem Griechengott Poseidon also Jesus, Mohammed und Buddha mit abgeschlagenen Köpfen. Politische Drohbriefe von sich betroffen fühlenden Religionsgemeinschaften mündeten in erregte Debatten plus endlich das Verschwinden der Oper vom Spielplan."
Als "der bekennende Suchtmensch und Triebtäter der Kunst", der "immer auf der Suche nach "bewusstseinserweiternden" Maßnahmen war", tritt Neuenfels im Nachruf von Christine Lemke-Matwey in der Zeit (€ | 9.2.2022) auf. "Ein Skandalon, gibt Neuenfels 2018 zu Protokoll, sollte 'etwas Reinigendes' haben. Ansonsten verzichte er lieber darauf. Dahinter steht auch: dass es Kraft kostet, solchen Reaktionen standzuhalten, sie auszuhalten, ohne zu verbittern oder zum Zyniker zu werden", schreibt Lemke-Matwey. "Neuenfels wollte immer Kunst machen und hat immer Kunst gemacht, bis an den Rand einer gewissen Überästhetisierung." Und zur Person: "Im Umgang war Hans Neuenfels ein Herr, charmant, witzig, ungemein höflich."
mehr medienschauen
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >