Medienschau: NDR – Vielfalt und Elitismus im Theater

Progressiver, aber elitärer Ort

Progressiver, aber elitärer Ort

24. Mai 2025. Im NDR spricht Diversitäts-Expertin Leyla Ercan über den Stand der Vielfalt am Theater.

Im Gespräch mit Alexandra Friedrich geht es um die "Vielfalt von ethnischer und sozialer Herkunft, von religiöser und geschlechtlicher Orientierung, von Möglichkeiten und Handicaps" und wie diese am Theater abgebildet beziehungsweise realisiert wird.

Leyla Ercan sieht das Theater in einer "Ambivalenz": einerseits als Ort, der der Bewahrung des gesellschaftlichen Status quo dient, andererseits als progressiver Raum, in dem die "gesellschaftlichen Verhältnissen in Frage gestellt" werden. Ercan sagt: "Theatermacher*innen glauben sehr gern daran, dass es der kritische Raum ist. Das ist der Raum, in dem die Überschreitung dessen stattfindet, was wir in der Gesellschaft, in der wir verortet sind, nicht okay finden. Was dabei ausgeblendet wird, ist, wie hochselektiv dieser Raum ist. Auch der Zugang zum Raum ist sehr selektiv, sehr elitär. Nicht viele Menschen finden Zugang zu diesen Räumen."

Mehr gibt's im 26-minütigen Audiofile auf ndr.de.

(ndr.de / chr)

Kommentare  
Medienschau MDR: Vielfalt schützen
Fortschritte in der repräsentierten Vielfalt sind sehr abhängig vom Standort der jeweiligen Kultureinrichtungen, temporären Festivals, Musik-/Theater. In Kommunen, Landkreisen, Bundesländern (siehe auch die bevorstehende Landtagswahlen), wo die gesichert rechtsextremistische AfD, ihre Vorfeldorganisationen, Splitterparteien mit starker regionaler Mobilisierung große Mehrheiten sowohl in den Wahllokalen als auch in der Alltagsöffentlichkeit für sich verbuchen können, wird sich niemand ansiedeln, der um ihr*sein Leben und seelische Gesundheit fürchten muss: LGBTIQ+, POC, Menschen mit Beeinträchtigung - alle Menschen, die wissen, dass Menschenverachtung vor Ort willige Vollstrecker findet. Das Thema "Kultur" ist in der Bundespolitik durch einen Kulturstaatsminister Weimer vertreten, der in seinem "Konservativen Manifest" (2018) die "Nation" als „in sich geschlossene kulturelle Abstammungsgemeinschaft“ betrachtet und damit anschlussfähig an eine AfD ist, die bei jeder Gelegenheit auch und gerade in der aktuellen Legislaturperiode ihr "ethnisch-abstammungsmäßiges" Verständnis des "deutschen Volkes" zu Protokoll gibt – unter starker Betonung von „Kultur“. Mit Matthias Helferich (neben 7 weiteren AfD-Abgeordneten incl. Gauland) entsendet sie das "freundliche Gesicht des Nationalsozialismus" in den Kulturausschuss des Bundestages. Weder im Hinblick auf die nachhaltige Finanzierung von Infrastrukturen noch die Förderung von Demokratie, einer vielfältigen Kultur und Zivilgesellschaft erscheint das offizielle politische Berlin - weder als Land noch als Bundeshauptstadt – als ein Leuchtturm für von Diffamierungen tyrannisierte Künstler*innen vielerorts. Ein großes Kulturprojekt wie die "Kulturhauptstadt Chemnitz" fällt vor allem dadurch auf, dass sie die Zeitgeschichte des Rechtsextremismus und den lokalen Bezug dazu eher unter dem Radar behandelt - und sich nicht alle seit Jahren unmittelbar vor Ort im antifaschistischen Kampf Engagierten hinreichend repräsentiert sehen. Große Projekte, ihre Präsentationen und Eröffnungsreden tendieren zu einem Pathos der Allgemeinplätze, das sie, unfreiwillig, verwechselbar erscheinen lässt. Denn "Demokratie", "Freiheit", "Frieden" waren die Parolen der AfD/Querdenker-Demo, die - unter Schirmherrschaft des rechtsextremistischen AfD- und Kultursponsors Winfried Stöcker - heute durchs Berliner Regierungsviertel gezogen ist. Und die Kunst als „Tochter der Freiheit“, wie sie mit Schiller Wolfram Weimer im Bundestag proklamiert, ist nun einmal austauschbar geworden mit jener „Freiheit“ geworden, die J. D. Vance und die AfD meinen. Wenn schon Menschen, die projektbasiert (Kulturhauptstadt) in aktuellen AfD-Hotspot-Regionen arbeiten, ins Unverbindlich-Allgemeine abdriften - wie soll sich nachhaltige Diversität in einer Gesellschaft etablieren, in der auch Konzerne wie SAP und Volkswagen aus Rücksicht auf Donald Trump ihre Diversitätsprogramme einstellen/ Standorte in den USA aus ihren Diversitäts-Indizes herausrechnen? Wie geht es Menschen, die aufgrund zufälliger "Eigenschaften" von Rechtsextremisten als "politischer Angriff" auf ihre persönliche "Volksgemeinschaft" bewertet werden, gegen die es sich zu "verteidigen" gilt? Kultureinrichtungen müssen vielmehr aufpassen, dass sie juristisch und personell auch in der Lage sind, ihre Programmatik, Ästhetik und politische Haltung gegen den grassierenden Faschismus durchzusetzen und ihre MITARBEITER*INNEN gegen die Angriffe der „Verteidiger“ zu schützen. Seitdem das Grundgesetzes und sein Begriff vom „Menschen“ als Inbegriff der Vielfalt menschlichen, kulturellen Lebens wahrnehmbarer wurde, waren Grundrechte und Menschen vielleicht niemals so in Gefahr. Es bedarf einer seriösen, substanziellen Anstrengung seitens der Arbeitgeber, menschliches Leben unter der bedingungslosen Prämisse VIELFALT zu schützen. Man sollte aufpassen, an welchen Punkten „Self-Empowerment“ zynisch zu klingen beginnt, weil sie nur institutionalisierte Verantwortungslosigkeit beschönigt.
Kommentar schreiben