Medienschau: RBB – Berlins Kultursenatorin im Interview

Gerade noch geschafft

Gerade noch geschafft

6. Mai 2025. Der Sender Radio drei des RBB führt das erste Interview mit der frisch ernannten Berliner Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson, die am gestrigen Montag als Nachfolgerin des zurückgetretenen Joe Chialo bekanntgegeben worden war.

Wedl-Wilson sagt in dem Gespräch, die Einsparungen von 130 Millionen Euro, die der Kulturszene der Hauptstadt im aktuellen Haushalt abverlangt worden waren, seien "durch die Auflösung vieler Rücklagen gerade noch so geschafft" worden. Gegen weitere Kürzungen ab dem kommenden Jahr wendet sich die Kultursenatorin indes.

Mit Bürgermeister Kai Wegner untersuche sie derzeit, "was man anders machen könnte, damit wir zuletzt an der Kunst sparen", so die Kultursenatorin. "Mein Ziel ist es, so zu stabilisieren, dass wir woanders sparen können." Potenziale sieht Wedl-Wilson beispielsweise in der Logistik, bei der möglichen Zusammenlegung von Ticketbüros oder in der Buchhaltung. Parallel dazu müssten "mehr Einnahmen her".

Angesprochen auf mögliche Pläne einer "Privatisierung" von Theatern erwidert Wedl-Wilson: "Das Wort Privatisierung ist Fake News." Nachgedacht werde aber durchaus über ein Stiftungsmodell nach dem Vorbild der Berliner Opernstiftung.

(RBB / cwa)

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Medienschau Wedl-Wilson: 0-Position der Offenheit
Im rbb-Interview fällt auf, dass Wedl-Wilson nur die 0-Position der Offenheit bezieht. Im Gegensatz zu Chialo ist Wedl-Wilson nicht Mitglied der CDU und hätte die Chance, was sie als "Kunst" und "Essenz" bezeichnet, kontrastierend zum Kulturkampf von rechts anzumoderieren - ein Wort wie "Vielfalt" dürfte sie aussprechen, ohne die Autonomie der Künste und Kulturen zu gefährden. Im Dlf-Interview neulich ("Fazit") brachte sie, auf Wolfram Weimer angesprochen, auch nur ihre Offenheit -untimbriert, maximal neutral - zur Geltung. In Berlin, mit dem Bund strukturell vielfach verzahnt, ist jetzt ein Kulturstaatsminister im (Kanzler-)Amt, der in seinem "Konservativen Manifest" ("4. Gebot: Nation ehren"; 2018) gemeinsam mit Cicero „die Nation als offene Gemeinschaft von freien Staatsbürgern“ und „in sich geschlossene kulturelle Abstammungsgemeinschaft“ betrachtet. "Nationalinstinkte", "kollektive Identität" - weitere Vokabeln im Weimer-Wortschatz - sind demzufolge prägend. Weimer ferner: "Jürgen Habermas wollte den Patriotismus unbedingt von allen vorpolitischen Bestimmungen säubern. Sein Verfassungspatriotismus sollte eine Gemeinschaft von Staatsbürgern zusammenführen, die „ethisch imprägniert“ seien und für die kulturelle oder ethnische oder religiöse Herkünfte keine Rolle mehr spielen. ... Dabei übersah man jedoch, dass dieser Staatsbürger immer auch Herkunfts- und Heimatbürger ist, dass er einer familiären Kategorie von nationaler Zusammengehörigkeit folgt." Das Verb "säubern" einem Jürgen Habermas anzuheften gehört zu den Standardverfahren der Vertauschung bei Weimer. "Kulturell" und "religiös" („christlich“!) ist die "Abstammungsgemeinschaft" bei Weimer explizit definiert, als "ethnisch" wird sie nur als von Habermas persönlich - nicht durch Art. 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland - ausgeschlossenes Kriterium benannt. Das Wörtchen „ethisch“ nur im Kontext einer „Säuberungsaktion“ zu zitieren, „ethnisch“ ohne Anführungszeichen an dieser Stelle einzuführen, um es dann im „Herkunfts- und Heimatbürger“ (ohne Anführungszeichen) aufgehen zu lassen – auf welcher Basis betreibt Weimer sein persönliches, identitäres Community-Projekt? Der „Staatsbürger“ ist nicht automatisch „Herkunfts- und Heimatbürger“, in BRD und EU sind Staatsbürger*innen mit Herkünften und Heimaten in aller Welt versammelt. Staatsbürgerschaft zumindest implizit mit solchen „Merkmalen“ zu verknüpfen ist indiskutabel.
Welche Gesprächsgrundlage gibt es zwischen Wedl-Wilson und Weimer? Eine gemeinsame Verantwortung für Berliner Gedenkorte und -feiern zumindest könnte sich schwierig gestalten. Denn, so Weimer bereits 2013 in der „Schweizer Woche“: „Wir wähnen uns als Schuldner unserer Vergangenheit und nicht mehr als Gläubiger unserer Zukunft. … (H)inter den wankenden Schuldtürmen aus Anleihen, Krediten und Schuldscheinen (lauern) auch die Schuldtürme des Kulturellen.“ „Schuldner unserer Vergangenheit“ im Sinne Weimers zu sein – diese Formulierung dürfte in ihrer revisionistischen Stoßrichtung unter Hinzuziehung seines Textes zur „Multi-Kulti-Lüge“ (im „Cicero“, 2004) noch deutlicher werden, wo es heißt, „die alten Nationalinstinkte“, tilge man mit „Multikulti“ aus, um „die Nazi-Katastrophe sozusagen mental rück-abzuwickeln. Ein Stück Wiedergutmachung durch kulturelle Selbstvernichtung also“. Im „konservativen Manifest“ von 2018 ist dann vom „zweiten 30jährige[n] Krieg – jene[r] aus zwei Weltkriegen bestehende Selbstvernichtungsorgie Europas“ die Rede. Damit soll wohl die Urheberschaft der Deutschen an Weltkrieg, Holocaust, mannigfachem Genozid getilgt und, in geschichtsrevisionistischer Tradition, eine „Erpressung“ Deutschlands durch „deutsche Schuld“ geltend gemacht werden? Die internationale Kreditwirtschaft in einem solchen Zusammenhang implizit mit „deutscher Schuld“ zu assoziieren, gehört zu den Gemeinplätzen des Geschichtsrevisionismus.
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