Medienschau – Stimmen zum Tod von Carl Hegemann
Theaterhafte Figur
Theaterhafte Figur
12. Mai 2025. Am 9. Mai ist der Dramaturg Carl Hegemann gestorben. Zahlreiche Feuilletons und Sender würdigen ihn mit Nachrufen, im Deutschlandradio sprach auch Frank Castorf über ihn.
"Mit niemandem konnte man so fröhlich Gedankentango tanzen wie mit ihm", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (10.5.2025) "Und wenn man sich dabei auf die Füße latschte oder übereinander stolperte und sich hinlegte, gehörte das unbedingt zum Spaß dazu – und förderte selbstverständlich den gegenseitigen Erkenntnisgewinn." Mit Hegemann, so Seidler, verliere Berlins Theater eins seiner besten Gehirne und sein eigentliches Herz.
"Er ist ja überall aufgetaucht, wo man ihn nicht erwartet hatte. Ein bisschen wie ein Springteufel, ein bisschen wie auch ein Fool on the Hill. Er war etwas ganz Besonderes", sagte Frank Castorf am Samstag über ihn im DLF Fazit (10.5.2025). Hegemann an die Volksbühne zu holen, war nicht ganz einfach, aber dann war er "jemand, der notfalls auch die Verstärkerboxen in den Roten Salon der Volksbühne getragen hat" und hat sich auch mit jedem unterhalten. Im Gegenzug zu ihm sei Hegemann ein großer Optimist gewesen. Zusammen habe man das Modell Volksbühne erst kreiert. "Heute sagen alle, sie waren dabei. Aber er war wirklich dabei."
Wenn Hegemann loslegte, "ließ er die Tradition des Geistigen lebendig werden und mit der Gegenwart zusammentreffen", so Jakob Hayner in der Welt (10.5.2025). "Als Dramaturg war er kein stiller Zuarbeiter der Regie, sondern die Instanz, die über das Verhältnis von Theater und Welt, von Realität und Schönheit Auskunft zu geben hatte." Und das konnte manchmal dauern, war jedoch stets erkenntnisreich.
"Sein Begriff vom Theater erweiterte sich umso mehr, je weniger Relevanz er dem Theater selbst attestierte. Dem entsprach wiederum seine Beobachtung, dass das Theater zwar zur Randerscheinung geworden sei, zugleich die Welt aber immer bühnenhafter werde", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (11.5.2025). "Hegemann hielt mit dieser Entwicklung Schritt, da er selbst eine bewusst theaterhafte Figur war: schlagfertig und gewitzt, ein Mann mit halbtrockener Ironie, der als Gelehrter mit interessant ungewissem Sachgebiet in jeder Salonkomödie eine gute Figur gemacht hätte."
"Hegemanns Machtinstrument war vielleicht einfach seine Präsenz. Es war unmöglich, nicht mit ihm zu reden. Aber es lag ihm fern, mit seiner Präsenz aufzutrumpfen, egal wie viele Machtmenschen ihn umgaben. Er hat nie darauf bestanden, ernst genommen zu werden. Vielleicht weil er wirklich auf Erkenntnis aus war und wusste, dass man in den hierarchischen Strukturen deutscher Ernsthaftigkeit an sie nicht herankam", schreibt Robin Detje in der taz (12.5.2025). "Das ist vielleicht Hegemanns eigentliches Vermächtnis: ein Leben im Verzicht auf offene Machtgesten, auf demonstrativen Ehrgeiz, mit allem, was dieser Verzicht zum Blühen gebracht hat."
"Mit dem Klischee des leisen, mausgrauen Dramaturgen als Mann (oder Frau) im Hintergrund hatte Hegemann nichts gemein. Dazu war er viel zu quirlig, verrückt und extrovertiert, viel zu sehr ein Player", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (12.5.2025).
"Dramaturg“ ist eine nicht eindeutig definierte Berufsbezeichnung, und Carl Hegemann habe diese Rolle auf völlig neue, unnachahmliche Weise verkörpert, so Mark Siemons in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.5.2025). Der Witz und das Tempo, mit denen er zu jeder Tages- und Nachtzeit zwischen Fichte, negativer Dialektik und den neuesten Managementtheorien jonglieren und sie mit Ideen für Projekte verbinden konnte, war einzigartig. Und "er hatte so viele Ideen, dass er es sich leisten konnte, sie selbstlos allen zur Verfügung zu stellen". Was ihn weit über seine jeweilige Funktion hinaus zur Integrationsfigur machte.
"Er konnte Knoten lösen, eine Unternehmung wieder flottmachen mit seinen Einsichten und Einfällen", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (12.5.2025). "Er hatte das Quantum Chaos parat, das immer gebraucht wird und oft fehlt. Ein Philosoph, der die Praxis sucht, der nicht verwirrt, sondern Klarheit schafft. Das hat man nicht so oft. Und in seinem Fall ging es auch noch gut."
(sd/sik)
- Würdigung von Carl Hegemann auf dem Mülheim-Festivalportal: https://www.nachtkritik-stuecke.de
- Bericht vom Begräbnis Carl Hegemanns in Berlin.
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