Medienschau: SZ – Sparpotenziale in der Berliner Kultur
Planlosigkeit + Betroffenheitskitsch
Planlosigkeit + Betroffenheitskitsch
26. Oktober 2024. Mit harten Fakten rückt in der SZ Peter Laudenbach im Angesicht des Spardikats für die Kultur jeder "Theater-muss-sein"-Romantik auf die Pelle.
Auch mit Blick auf die Tatsache, dass sich Strategie des Berliner Kultursenators Joe Chialo aus seiner Sicht darin zu erschöpfen scheint, "darauf zu hoffen, die protestierende Kulturszene könnte den Finanzsenator Evers (CDU) und den an der Kultur eher mäßig interessierten Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) irgendwie beeindrucken und zum Einlenken bewegen".
"Natürlich kann man im Berliner Kulturetat sparen, ohne dass die Stadt verödet oder Wirtschaft und Tourismus kollabieren," so Laudenbach. Pro Einwohner gebe Berlin deutlich mehr für seine Kultureinrichtungen aus, als zum Beispiel Hamburg. Man könnte auch fragen, "ob alle Berliner Theater gut wirtschaften. So benötigte das Deutsche Theater im vergangenen Jahr pro verkaufter Eintrittskarte rund doppelt so hohe Zuschüsse, nämlich 215 Euro, wie das Berliner Ensemble, das mit 111 Euro auskommt. Die schon länger dilettantisch geführte Volksbühne brachte es vor zwei Jahren fertig, knapp 300 Euro an Subventionen pro Eintrittskarte auszugeben. Das ist nicht cooler Anarchismus, sondern Missmanagement auf Kosten des Steuerzahlers."
Auch "in der angeblich darbenden Freien Szene" stellt sich für Laudenbach die Frage, "ob Subventionshöhe, künstlerischer Ertrag und Publikumsinteresse immer in einem angemessenen Verhältnis stehen." Beispiele nennt er auch. "Das stark identitätspolitisch inspirierte Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße hatte im vergangenen Jahr nur 5000 Zuschauer, dabei öffentliche Zuwendungen in Höhe von 2,3 Millionen Euro – das macht groteske 466 Euro Subventionen pro Ticket. Ein vergleichbares Off-Theater, das Ballhaus Ost, kommt mit 93 Euro pro Karte aus. Letztes Beispiel: Die Tanzcompagnie Toula Limnaios braucht 349 Euro Subventionen pro Karte. Bei den international gefeierten Gruppen von Sasha Waltz (189 Euro) und Constanza Macras (81 Euro) fallen die Subventionen pro Eintrittskarte wesentlich bescheidener aus."
Angesichts solcher Zahlen wirken die Klagegesänge des Berliner Kulturbetriebs auf Laudenbach recht egozentrisch. "Selbstverständlich hat der Berliner Kulturetat Sparpotenzial. Nur sollte das Sparen strukturiert über die Bühne gehen, nicht zwischen Planlosigkeit und dem üblichen Betroffenheitskitsch."
(SZ / sle)
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Noch eklatanter und offensichtlicher wird es, wenn man sich einmal die öffentlich zugänglichen Jahresabschlüsse von BE (GmbH) und Volksbühne (nicht rechtsfähige Anstalt des Landes Berlin) für das Jahr 2022 ansieht:
Umsatzerlöse BE: 5.081T€ / VB: 1.542T€
darunter
Gastspielerlöse BE: 1.412T€ / VB: 70T€ (!)
Spenden, etc. BE: 464T€ / VB: 40T€
Aber
Öffentliche Zuwendung
BE: 18.758T€ / VB: 24.755T€
Dazu fällt einem eigentlich nichts mehr ein, außer eben „dilettantisch geführt“ und: Landestheater (VB, DT/Defizit?) bitte weiterschlafen (wie lange noch?) auf Kosten des Steuerzahlers.
Oder -aus meiner Sicht- vielleicht einfach mal Nachhilfe bei der BE-Geschäftsführung nehmen, wie man so ein Haus effizient steuert und führt.
Wäre besonders wichtig in schwierigen Zeiten, in denen zukünftig gespart werden muss … statt öffentlich zu jammern.
Ich frage mich unterdessen, ob die zuständige Senatsverwaltung für Kultur die Gelder einfach nur jedes Jahr vergibt wie eh und je, oder es dort auch eine Art „Steuerung“ gibt, man kann ja auch beispielsweise mal über einen erfolgsabhängigen (Besucherzahlen) öffentlichen Zuschuss, jedenfalls anteilig, nachdenken.
Mal zum Mitschreiben: Niemand, auch nicht Peter Laudenbach, fordert, dass die Theater finanziell auf eigenen Beinen stehen und gewinnbringend wirtschaften sollen. Es stellt sich nur die Frage, wie man in Zeiten knapper Kassen und rapide sinkender Akzeptanz von öffentlichen Elfenbeintürmen a.k.a. Theaterbetrieben diese Teils enormen Subventionssummen rechtfertigen soll.
Man kann von Oliver Reeses BE halten, was man will. Aber zumindest scheint es dort nicht den Anspruch zu geben, möglichst teure und unzugängliche Arbeiten zu machen, damit man sich am Ende (etwas snobistisch) als alleiniger echter Künstler unter lauter Fitzeks und Zehs gerieren kann. Vielleicht – und Stadttheater außerhalb der Hauptstadt-Blase machen das schon immer – ist es ja aber sogar möglich, den Nackten Wahnsinn neben inhaltlich und ästhetisch fordernderen Inszenierungen zu platzieren. So ist am Ende für alle was dabei und niemand muss sich über verschwendetes Steuergeld ärgern.