Medienschau: taz – Die Streber-Verschulung des Kulturjournalismus
Mehr Verrisse!
Mehr Verrisse!
13. Januar 2026. "Lesen Sie eigentlich noch gerne das Feuilleton?", fragt Jonathan Guggenberger in der taz. "Nein? Ich verstehe Sie. Wochenlange Debatten, früher so spannend wie heute eine Netflix-Serie, gibt es dort schon lange nicht mehr."
"Fangen wir mit der Selbsterkenntnis an", so Guggenberger weiter. "Wie das im deutschen 'Kulturjournalismus' so ist – ein Managerwort, das vielleicht schon alles über die Streber-Verschulung des Metiers sagt." Denn was heute fehle, das seien klare, aufregende Thesen und entschlossene Urteile - ergo "alles, was gute Kritik, ob an Kunst, Literatur oder Pop ausmacht, aber eben heute oft fehlt."
Ja! Aber wie kommt man da jetzt wieder raus? Kann sich wehren gegen den Online-Mob oder wichtigtuende Pseudo-Kritiker auf Youtube? Guggenberger: "Zum Beispiel, indem wir Kritikerinnen und Kritiker insgesamt wieder mehr Verrisse schreiben. Selbstbewusste, elegant geschriebene, mit unerwarteten Thesen." Kritiker*innen müssten wieder "intellektuelle Marktschreier" werden. Guggenberger verordnet der Branche "rebellische Dissidenz, vergnügtes Austeilen gegen die Chefs und elektrisierende Artikel über das, was in der Kultur wirklich neu ist" – nicht nur über das, was die PR-Abteilungen als neu verkaufen. "Nur so können wir uns gegen unsere gut klickenden Todfeinde behaupten."
(taz / sle)
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Also echt jetzt, so dicke sind wir doch nun wirklich nicht. Die Liebe des Publikums ist eine Liebe auf Zeit und, wie es in dem Schlager heißt: ein Spiel ohne Glück. Nachdem wir in einer Zeit leben, in der immer noch Hautfarbe, Geschlecht und neuerdings auch das Alter ein Kriterium sind vom Inszenierungskarussel hinunter gestoßen zu werden, bräuchte es Kritiker, die leidenschaftlich nach Begabungen Ausschau halten, die der erforderlichen Qualität auf der Spur bleiben und nicht, wie Zuschauer kindlich die Augen aufreißen und rufen: alles so schön bunt hier.
Die, zum größten Teil, nicht inszenierenden Intendanten:innen, kriechen der Gesellschaft in den Arsch, den Politikern, den Sponsoren und dem mittlerweile unerträglich opportunistischen Feuilleton. Das nicht sieht und nicht sehen will, wie eine ganze Kunstgattung zum Beispiel die Schauspielerei zu Grunde geht. Wir Künstler sind die Erschaffer unserer eigenen Qualität, an der wir gemessen werden. Die Schaffung von Ensemble, eine verschworenen Gemeinschaft, das pulsierende Organ, eines zunehmend politischer werdenden Körpers, genannt Theater. Experimente, nah an der Grenze des Scheiterns, manchmal im heimlichen Einvernehmen, manchmal aggressiv und unerbittlich, daraus erwachsen Schauspieler:innen und Schauspielkunst, vor dem unbestechlichen Augen der Kritik, die vergleichend und ohne persönliche Obsession, den Vorgang auf der Bühne beschreibt, und ähnlich entdeckerfreudig ist, wie es die Regisseur:innen und Intendant:innen sein müssten. Ich habe in meiner Karriere so viel einstecken müssen, wie keine der heutigen inszenierenden Jugend zusammen.
Aus dem Drachenblut, in dem meine Generation und die davor, gebadet hat, ist lauwarmer Sekt geworden.
Liebe Grüße, Leander Haußmann.
Mir fällt da niemand ein.