Medienschau: taz – Interview Münchner Kammerspiele zu Antisemitismus
31. Oktober 2024. Im Interview mit Chris Schinke von der taz berichten die Intendantin der Münchner Kammerspiele Barbara Mundel und die Dramaturgin Stella Leder von ihrer Veranstaltungsreihe "Schreiben über 'Die Situation'". Thema ist dabei auch Antisemitismus im Kulturbetrieb.
Zur Lesereihe der Kammerspiele eingeladen sind ausschließlich jüdische beziehungsweise israelische Autor*innen. Diese Entscheidung sei "revolutionär", so Stella Leder im taz-Interview, kreiere sie doch "die Provokation der Selbstverständlichkeit" eines Fokus auf jüdische Künstler*innen an einem kommunalen Theater.
Ideologisierung des Kulturbetriebs
Barbara Mundel erklärt einmal mehr das Zurückziehen ihrer Unterschrift zur "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" im vergangenen Jahr: Bei der Unterzeichnung habe sie noch auf einen Dialog gehofft, obgleich sie das Konzept der Israelboykottbewegung Boykott, Divestment, Sanctions (BDS) zu jedem Zeitpunkt "falsch, vergiftend und kontraproduktiv" gefunden hätte. "Mir wurde im Laufe der Zeit aber immer unwohler. Der 7. Oktober und die Reaktion darauf haben dann für mich das Fass zum Überlaufen gebracht." Erst nach dem Massaker der Hamas vor einem Jahr sei ihr klar geworden, "wie tief Antisemitismus in der BRD reicht".
Stella Leder spricht in der taz von einer "zunehmenden Ideologisierung eines bestimmten Teils der kulturellen Sphäre". Reagiert werde von Künstler*innen und Kulturinstitutionen auf Kritik im Stil des BDS, mit dem Hinweis auf eine eingeschränkte Meinungs- oder Kunstfreiheit, so Leder. Die Dramaturgin beobachtet "einen gewissen Hang zum Konformismus". Und auch Barbara Mundel ist überzeugt, dass angesichts der Zuspitzung und Verhärtung von Positionen die Gefahr bestehe, dass Themen mit Bezug zu Israel oder dem Judentum kuratorisch als "zu heiß" gälten und aus Unwissenheit oder Angst gemieden würden.
"Raum für jüdische Gegenwart"
Begleitend zu ihrer Veranstaltungsreihe führen die Kammerspiele Workshops durch, um Antisemitismus besser zu erkennen. Dabei hätten sie sich unter anderem mit dem Theaterstück "Die Vögel" von Wajdi Mouawad beschäftigt, so Mundel, dessen Inszenierung am Münchner Metropoltheater zu Protesten jüdischer Studierender über antisemitische Klischees geführt hatte. Stella Leder spricht von den Kammerspielen als einem "Raum für jüdische Gegenwart", etwa in der Performance-Reihe House of Diaspora X zu jüdischen Feiertagen.
Die Reihe "Schreiben über 'Die Situation'" wurde von den Münchner Kammerspielen und dem Institut für Neue Soziale Plastik, geleitet von Stella Leder, ins Leben gerufen. Jüdische und israelische Autor*innen verfassen literarische oder dramatische Texte über das Geschehen seit dem 7. Oktober 2023 in Israel oder der Diaspora, die sie in öffentlichen Lesungen vorstellen. Im vierten Teil der Reihe am 3. November 2024 liest der israelische Schriftsteller Etgar Keret an den Münchner Kammerspielen.
(taz / eph)
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