Medienschau: Welt – Interview Angela Richter und Bernd Stegemann über Cancel Culture
Stoff für Molière
Stoff für Molière
5. Dezember 2025. Vor vier Jahren wendeten sich 1500 Theaterleute gegen den Dramaturgen Bernd Stegemann. Den Offenen Brief hatte auch die Regisseurin Angela Richter unterschrieben. Im Gespräch mit Stegemann und Jakob Hayner erklärt sie in der Welt, warum sie die Aktion heute bereut.
"Heute würde ich sagen: Wir verloren die Kontrolle, es wurde eine Hexenjagd", sagt Regisseurin Angela Richter im von Jakob Hayner moderierten Gespräch mit Bernd Stegemann in der "Welt" (3.12.2025). Auslöser war damals Stegemanns Verteidigung eines Regisseurs in der FAZ, gegen den Rassismusvorwürfe erhoben wurden, und seine Haltung zu Problemen des linksidentitären Aktivismus.
In dem Mechanismus, der dann folgte, sei sie selbst lange gefangen gewesen, so Richter: "Jemand ruft 'rechts' – und alle bellen, als wäre Denken optional." Das Gefühl des Rechthabens habe damals alle Zweifel weggewischt. "Mir war schon klar, dass wir nicht wirklich auf die Argumente eingegangen sind, doch da es gegen einen alten weißen Mann ging, der aus der Machtposition der 'FAZ' urteilte, konnten wir gar nicht falschliegen! Wir haben die Machtasymmetrie als Vorwand genommen, um eine riesige Batterie an Unterstellungen zu verbreiten. Ich war in der moralischen Selbstverzauberung gefangen."
Für Bernd Stegemann war das Erstaunliche an dem Brief, "dass er sich nicht mit meinen Argumenten auseinandersetzte, sondern eine ganze Stalinorgel an linksidentitätspolitischen Standardvorwürfen abfeuerte. 1500 Leute haben unterschrieben, viele davon kannte ich lange und gut. Doch nicht einer hatte die Courage, mich einmal anzurufen und zu fragen, ob ich verrückt geworden sei." Man lerne da viel, so Stegemann, "erst der Furor, jemanden fertigzumachen. Und, wenn das nicht geklappt hat, alles verschweigen, als wäre nie etwas gewesen." Daraus hätte Molière ein Theaterstück machen können.
(welt.de / sik)
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In der Tat, da haben sich wohl einige vereskaliert. Oder läuft die Unterschriftenaktion gegen das Interview noch?
Der institutionell abgesicherte Dramaturg erscheint als tragische Figur, der Mob als Verblendete — ohne auch nur einen Satz zur ursprünglichen Sachebene (Rassismuskritik, Repräsentation, Macht) zu verlieren. Statt die Gründe des Konflikts ernst zu nehmen, wird die Geschichte auf ein Morality Play reduziert: erst der Furor, dann die Katharsis. Beides dient aber nur dazu, die eigenen Verstrickungen zu überhöhen. Dass Richter nun behauptet, „wir gingen nicht auf Argumente ein“, verschiebt die Wirklichkeit. Die Debatte entzündete sich nicht an einem zufällig beschossenen „alten weißen Mann“, sondern an Aussagen, die viele als problematisch empfanden — und die über Wochen in Feuilletons, Theatern und Panels diskutiert wurden. Das Narrativ, niemand habe nachgedacht, ist eine rückblickende Immunisierungsstrategie: Wer die eigene Reue als Erwachen inszeniert, muss die damalige Kritik als kollektive Verblendung darstellen.
Und genau das macht diesen Text argumentativ falsch: Er verweigert die Analyse der damaligen Machtverhältnisse und ersetzt sie durch ein psychologisches Drama. Er nimmt die Geschichte, die eigentlich von kolonialen Asymmetrien, Diskriminierung und künstlerischer Verantwortung handelt, und verwandelt sie in ein Märchen über falsche Hexenjagden und wahre Einsicht. Dass Stegemann nun Molière bemüht, ist fast ironisch: Würde Molière das schreiben, wäre die Pointe vermutlich, dass alle Beteiligten — die Reuigen wie die Gescholtenen — mit ihren Masken weiter auf der Bühne stehen, ohne gelernt zu haben, dass es nie nur um persönliche Empörung ging, sondern um strukturelle Fragen. Genau diese fehlen hier völlig. Und deshalb wirkt der Text nicht wie Analyse, sondern wie Selbsttherapie — und ästhetisch wie politisch cringe.
Auf einem Forum im damaligen Westberlin sagte Heiner Müller 1987: "Was hier im Westen so auffällt im Theater: Man weiß nicht mehr genau, wofür man das macht und warum man das macht. Es gibt eine Trieb-Unsicherheit und eine Unklarheit über die Funktion des Theaters." Was ist seitdem hinzugekommen? Die Halbierung der Ensembles. Wo 1990 30 Spielerinnen und Spieler engagiert waren, sind es heute 15. Und die meisten Intendantinnen und Intendanten sitzen auf ihren Posten, weil sie Bedingungen akzeptierten, die ihre Vorgänger noch empört zurückwiesen.
Mein Vorschlag also: Keine Probe mehr ohne Diskriminierungsbeauftragten, fest verbeamtet. Und da der Diskriminierungsbeauftragte keine Sekunde entspannen kann, braucht er zwei Diskriminierungsassistenten, eine Diskriminierungszählerin und einen Diskriminierungsschreiber, lebenslang verbeamtet. Am Ende der Probe wird das Protokoll von allen unterzeichnet und beim Amt des Bundesbeauftragten für Diskriminierung fälschungssicher gelagert, alle Mitarbeiter verbeamtet. Wie wird das bezahlt? Die Antwort ist einfach und logisch, durch Abbau der künstlerischen Stellen. Je weniger Künstlerinnen und Künstler probieren, desto weniger Diskriminierung wird es geben. Und wenn durch die jährlichen Tariferhöhungen des Öffentlichen Dienstes die letzte Künstlerstelle gestrichen ist, werden die schönen, zentralen Gebäude nahtlos der Behörde des Bundesbeauftragten übergeben.
Die nunmehr von jeder Diskriminierung durch die Stadttheater befreite Freie Szene wird aufblühen. Sie werden einander helfen beim Stückeschreiben, beim Organisieren der Probenräume, beim Bauen der Dekorationen, beim Schneidern der Kostüme, bei jedweder Finanzierung. Morgens treffen sie sich in einer Sitzrunde und nachdem die Sitzungsleitung demokratisch beschlossen wurde, wird die Probe eröffnet mit der Frage: Wer möchte heute Inspizient sein? Und alle werden sich melden. Und bald wird sich herausstellen, daß die einzige, garantiert diskriminierungsfreie Theaterform der Monolog ist. Der Monolog: Wie finde ich mich in mir selbst ohne mich zu diskriminieren? wird eine Epoche markieren.
Und wer soll sich das ansehen? Hier greifen wir zurück auf den frühen Antidiskriminierungskämpfer Karl Valentin. Für alle Behördenmitarbeiterinnen und Behördenmitarbeiter wird der Theaterzwang eingeführt. Die Stelle der Anwesenheitswartin, fest verbeamtet, wird geschaffen. Allerdings wird auf die Stelle der Weckwartin aus Rücksicht auf die Schwarze Null im Bundeshaushalt verzichtet. Der tief schlafende Zuschauerraum wird zum Safe-Space deklariert. Denn wer schläft, sündigt nicht.
Rudolf Koloc
1. Kategorienfehler
Der Kommentar setzt voraus, ich würde einen Offenen Brief als „pogromartig“ darstellen.
Habe ich nicht.
Ich beschreibe keinen politischen Terror, sondern eine kollektive moralische Dynamik.
Der Unterschied ist elementar – und dass er im Kommentar unscharf gemacht wird, verrät bereits das argumentative Problem:
Man verteidigt eine politische Form (den Offenen Brief), indem man die kritisierte soziale Mechanik ausblendet.
2. Der performative Selbstwiderspruch
Der Text behauptet, meine Darstellung sei eine „Immunisierungsstrategie“ –
und immunisiert sich damit selbst gegen jedes Argument, bevor es überhaupt geprüft wurde.
Wer jede Selbstkritik als „Selbsttherapie“ abwertet, verhindert Analyse; er verwechselt Diskreditierung des Sprechers mit Diskussion der Sache.
Das ist exakt der Mechanismus, den wir kritisieren – und er wird hier erneut vollzogen!
3. Falsche Behauptung: „Es fehlt die Sachebene“
Wer das Interview liest, sieht das Gegenteil:
Es geht ausführlich um Machtmissbrauch in Probenräumen, strukturelle Fragen, die Rolle der Institutionen, historische Parallelen politischer Moral.
Dass der Kommentar das nicht sieht, liegt nicht daran, dass es fehlt – sondern daran, dass es nicht in das gewünschte Deutungsraster passt.
4. Der moralische Taschenspielertrick
Die Aussage:
„Die Debatte entzündete sich nicht an einem zufällig beschossenen alten weißen Mann.“
Niemand spricht von Zufall.
Ich spreche von einem Mechanismus, der bestimmte Gegner bevorzugt, nicht von Willkür.
Das ist ein Unterschied, den man nur überliest, wenn man ihn nicht hören will.
5. Der blinde Fleck: Machtverhältnisse
Es ist kurios, dass gerade jene, die ständig Machtanalysen fordern,
den zentralen Punkt verweigern:
Auch moralische Kommunikation ist ein Machtmittel.
Sie erzeugt Konformitätsdruck, Kontaktschuld, Eskalation – und genau diese Effekte beschreibe ich.
Dass dies im Kommentar als „psychologisches Drama“ abgetan wird, beweist nur, wie wenig man mit einer Analyse umgehen möchte, die nicht die eigene Seite entlastet.
6. Der letzte Fehlgriff: „Cringe“
Das ist kein Argument, sondern ein Stimmungsurteil – ein ästhetisiertes „Halt’s Maul“.
Peinlichkeit ist die ästhetische Form von moralischem Druck.
Wer so schließt, bestätigt unfreiwillig die Diagnose eines Milieus, das Emotionen an die Stelle von Argumenten.
Wer behauptet, ich würde die damalige Debatte „in ein Märchen verwandeln“, demonstriert nur, wie unangenehm die nüchterne Diagnose einer moralischen Gruppendynamik für jene ist, die sie für reine Tugend hielten.
Es ist nicht mein Narrativ, das sie zum Märchen macht –
es ist ihre eigene Unfähigkeit, zwischen Berechtigung der Kritik und Pathologie ihrer Durchsetzung zu unterscheiden.
Und genau deshalb wirkt nicht mein Text wie Selbsttherapie,
sondern Ihr Kommentar wie ein Abwehrreflex.
( zitiert aus der Nachtkritik Zusammenfassung)“Darüber hinaus attestierte Stegemann dem 1993 geborenen Schauspieler nach Ansicht eines, von Iyamus Schauspielschule hergestellten Bewerbungsvideos, ein unsicherer junger Mann zu sein, "der im schauspielerischen Ausdruck blockiert ist". Statt sich den Mühen der Herstellung künstlerischen Ausdrucks zu unterziehen, habe er sich während seiner Düsseldorfer Zeit offenbar immer öfter "in den Selbstschutz der empörten Kränkung" begeben.“
Ich habe von keinem anderen Unterschreibenden gehört, dass er das heute nicht mehr unterschreiben würde. Hier wird einer einzelnen Stimme von 1500 die Umdeutung des ganzen Vorgangs überlassen.
Hier noch eine kurze Zusammenfassung des Inhaltes des Schreibens.
Das Schreiben der 1400 widerspricht Stegemanns Verständnis der Probensituation: "Dort, wo Darsteller:innen frei sein können, wo sie keine Angst haben (...) entstehen die genialen künstlerischen Innovationen, die wir uns wünschen und mit denen das Theater sich weiter entwickeln kann. Darin können durchaus Momente der Entgrenzung enthalten sein. Aber diese müssen auf Verabredungen beruhen." Eine Probensituation habe ihre Grenze in dem Moment erreicht, in dem ein Regisseur einen Schwarzen Mann "Sklave" rufte. Das sei "eine rassistische Grenzüberschreitung, mit der aus Freiräumen Räume der verbalen Gewalt werden." "Wir sind die Erben einer Geschichte, und dieser Geschichte müssen sich die weißen Menschen unter uns stellen ... Und wenn Sie leugnen, dass es an unseren Theatern Rassismus gibt, dann verschließen Sie ihre Augen und Ohren," wird Stegemann direkt adressiert.
In seinem Text hatte er die Vorwürfe in das soziologische "Phänomen des 'Concept Creep'" eingeordnet. "Damit ist gemeint, dass Begriffe in der alltäglichen Verwendung immer weiter ausgedehnt werden können. Beim Vorwurf des Rassismus passiert diese Überdehnung zurzeit im Eiltempo." Inzwischen könne jedes Verhalten der weißen Mehrheitsgesellschaft als rassistisch gelten, wenn ein Mitglied einer Opfergruppe sich davon gekränkt fühle, so Stegemann.
perfekt auf den Punkt gebracht. Angela Richters Selbstkritik und ihre Analyse der Abwehrreflexe gegenüber dieser, sind bitter nötig, um den sogenannten "Diskurs" weiter zu bringen, der aktuell leider allzu oft nur ein hektisches, strukturkonservatives nach innen gerichtetes blame game ist ohne wirkliches Interesse an change. Dass dabei natürlich weiter einzelne Aussagen von Stegemann genauso problematisiert werden können und müssen, ist doch kein Widerspruch. Vielleicht liegt darin gerade die Pointe, die hier einigen entgeht. Kritik in der Sache, am einzelnen Argument, sollte nicht zur generalisierenden Kritik oder dem Verwerfen von Personen ausarten. Genau diese Angriffe ad personam sind es die alle Ohren taub machen und nichts entstehen lassen, außer gräßlichem, zementierendem Freund-Feind-Denken. Diese Komplexitätsstufe der Differenzierung zwischen Person und Argument zu erklimmen, ist genau das Problem in der denkfaulen, schematisierenden Nicht-Auseinandersetzung unserer Tage.
Ich habe lediglich beschrieben, wie die Welt-Dramaturgie funktioniert: indem Kritik in die Metapher der „Hexenjagd“ verschoben wird. Dass Sie das nun nachträglich in „kollektive moralische Dynamik“ umbenennen, ändert an der Sache nichts – es bleibt eine Pathologisierung politischer Kritik.
Der entscheidende Punkt: Sie verhandeln nicht das Argument der damaligen Auseinandersetzung, sondern den Stil der Kritik. Genau das ist eine semantische Verlagerung, die die politische Ebene entkernt. Sie erwähnen „Machtmissbrauch in Probenräumen“, „moralische Kommunikation“, „historische Parallelen“. Was jedoch fehlt, ist die Analyse des konkreten Vorwurfs, um den es damals ging. Dass Gefühle und Argumente als Gegensätze behandelt werden, gehört zu den langlebigsten, aber schwächsten Mythen der Aufklärung.
Wenn man die damalige Situation ernsthaft erinnert, dann war Stegemanns Intervention in der FAZ keineswegs der Ausdruck reiner Rationalität, sondern selbst ein Beispiel für genau jene Emotionalität, die sie heute anderen vorwerfen. Armin Petras hatte einen Schwarzen Schauspieler als „Sklaven“ bezeichnet. Man hätte – nach Jahrzehnten an Debatten über Repräsentation und koloniale Sprache – schlicht erwarten dürfen, dass jemand mit dieser beruflichen Erfahrung sensibler agiert. Dass der Schauspieler sich beschwerte, ist nicht Irrationalität, sondern ein vollkommen erwartbarer, legitimer Schutz der eigenen Würde. Daraufhin kam nicht etwa ein Dialog, sondern ein orchestrierter Reflex: Stegemann – ein dramaturgischer Weggefährte von Petras – verteidigte ihn öffentlich und stellte den betroffenen Schauspieler im FAZ-Feuilleton implizit als „empfindlich“ und „nicht besonders gut“ dar. Was ist diese Intervention anderes als emotional? Ein Loyalitätsreflex. Ein Affekt der Kränkung, weil „einer von uns“ kritisiert wurde. Eine Reaktion, die weniger von argumentativer Logik getragen war als von einem Gefühl der bedrohten Szene-Kohärenz.
Und was hat die Regisseurin / heutige Welt-Autorin davon, Ende 2025 einen solchen Text zu schreiben?
Sie verschiebt ihre Position vom linken Theaterfeld in das konservative Milieu der WELT. Die Inszenierung der eigenen Läuterung dient dabei als Eintrittskarte: Wer öffentlich erklärt, die linke Identitätspolitik sei hysterisch gewesen, wird in diesem Milieu als Kronzeugin willkommen geheißen. Das ist nicht Analyse, sondern Karriere- und Wahrnehmungsmanagement: Man pluralisiert sich selbst nach rechts-mitte ohne zu sagen: „Ich habe meine politische Haltung verändert.“ Stattdessen heißt es: „Die anderen waren verzaubert, ich bin nun frei.“ Und am Ende wundert man sich darüber vielleicht gar nicht so sehr. Bei der aktuellen Inflation muss schließlich jede*r schauen, wo man bleibt und wenn der monatliche Lebensunterhalt nun mal leichter mit feuilletonistischen Läuterungsnarrativen zu bestreiten ist, dann erklärt sich so ein Welt-Artikel plötzlich von selbst.
Und schließlich ist auch der Verweis auf „Unschärfen“, die nun einmal zum Leben gehörten, eine dieser hohlen Binsenweisheiten: Ja, natürlich ist die Welt komplex – aber die Berufung auf diese Banalität ersetzt keine Analyse, sie verhindert nur eine, weil sie Komplexität als Entschuldigung benutzt, statt als Anlass, genauer hinzusehen.
An Elisabeth Vogler; noch ein letzter Gedanke zu Ihrer Replik:
Es ist interessant, wie zuverlässig meine Analyse eines Mechanismus bei Ihnen in eine Analyse meiner angeblichen "Motive" übersetzt wird. Ich spreche über Strukturen, Sie sprechen über meine Karriereplanung. Ich formuliere Argumente, Sie liefern Psychogramme aus Laienhand.
Das ist ein eleganter Move "Frau" Elisabeth Vogler – löst nur leider keines der angesprochenen Probleme.
Die Diskussion zeigt ja gerade, dass man über Inhalte sprechen kann, ohne den Umweg über die Person zu nehmen. Und das ist doch eine schöne Erkenntnis: sobald man mich nicht mehr als Projektionsfläche benutzt, wird es sofort sachlicher.
An Unterschriebenhabend: Dass 1500 Menschen damals eine Position geteilt haben, sagt noch nichts über die Dynamik, die sich dabei entfaltet hat – Der "Mob" war historisch selten ein Garant für Nüchternheit. Und dass ich heute die Einzige bin, die öffentlich sagt: „Ich würde das so nicht mehr unterschreiben“, spricht nicht gegen meine Analyse, sondern eher dafür, wie stark der damalige Gruppendruck war. Ich kenne übrigens welche, die auch nicht mehr unterschreiben würden, aus völlig unterschiedlichen Gründen, aber keine Lust haben auf Öffentlichkeit - auch legitim, genauso wie jene, die immernoch dazu stehen. Aber das "Schweigen der Mehrheit" ist kein Argument, sondern ein bekanntes soziales Phänomen.
Was die inhaltliche Kritik betrifft: Dass der Begriff „Sklave“ eine Grenze überschreitet, hat niemand bestritten, auch ich nicht. Die Frage ist, warum aus dieser berechtigten Kritik eine öffentliche Massenanklage wurde, in der Argumente durch Zuschreibungen und Unterstellungen ersetzt wurden. Genau diese Eskalation zu benennen ist keine Relativierung, sondern eine notwendige Unterscheidung.
Damit bin ich raus. Wer Argumente sucht, findet sie oben – wer Biografien braucht, darf sie gern weiter erfinden. Beides hat seinen Unterhaltungswert :) Herzlich AR
Bevor die angebliche linksideologische Wokeness in den Deutschen Theater geschweige denn in Deutschland überhaupt Fuß fassen konnte, ist sie mittlerweile schon längst überwunden. Unsere Anliegen wurden im Diskurs so verzerrt dargestellt und vergrößert, dass es den Anschein hatte, wir hätten schon längt bekommen, was wir uns wünschen und vielleicht eher ein bisschen zu viel. Das dem nicht so ist zeigt ein Blick auf die Bühnen, in die Statistiken, in die Umfragen, die Wahlergebnisse, die Medien etc. Es wird schlimmer im Land und auf den Bühnen. Rassismus wird wieder normaler und vor allem dürfen wir ihn jetzt nichtmal mehr Rassismus nennen, ohne uns vorwerfen lassen zu müssen, wir würden canceln wollen oder jagen wollen.
In diesem Kontext würde ich mir ganz andere Dialoge und Debattenbeiträge wünschen, die Sichtbarkeit bekommen und würde mir auch von Nachtkritik als Leitmedium wünschen, dass es diese Beitrag in der Welt selbst einordnet und uns darüber mehr Informationen zur freien Verfügung stellt. (...)
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Hello Cancelor, Ihr Beitrag wurde um eine Passage gekürzt, die gegen unsere Kommentarregeln verstößt.
Freundliche Grüsse aus der Redaktion
Ich denke, dass ist schon eine recht bedeutende Umdeutung.
Zivilcourage zum Schutz eines strukturell unterlegenen ist ein Mob?
Wo wollen sie denn da mit uns hin?
Und der mit enormen Ressourcen medialer und netzwerkischer Natur ausgestattete Bernd Stegemann, der dem Schauspieler aufgrund mangelnder Begabung jedes Recht auf Gegenwehr abspricht, ist jetzt das Opfer?
Ich glaube das nennt man Täter Opfer Umkehr.
Aber ist sicher für einen edlen Zweck.
#17. An Oha. Niemand hat bestritten, dass der Begriff „Sklave“ eine Grenzüberschreitung ist. Niemand hat Solidarität mit einem Betroffenen delegitimiert. Und niemand hat Stegemann zum „unschuldigen Opfer“ erklärt. Diese Behauptungen tauchen erst in Ihrer Replik auf.
Was Sie stattdessen mit bewundernswerter Routine vorführen, ist ein Klassiker des zeitgenössischen Debattensports: Sobald jemand versucht, die kollektive Eskalationsspirale zu beschreiben, wird das sofort als moralische Bankrotterklärung gewertet. Wer nach Mechanismen fragt, relativiert angeblich den Inhalt. Wer Dynamiken benennt, betreibt selbstverständlich Täter-Opfer-Umkehr. Wer ein „sowohl als auch“ wagt, ist praktisch schon auf der „dunklen Seite der Macht“.
Genau diese reflexhafte Verwechslung von Argument und Gesinnung war ja mein eigentlicher Punkt!
Dass Sie ihn hier noch einmal in Reinkultur und mit fast pädagogischer Sorgfalt vorführen, ist-man verzeihe den Ausdruck -geradezu lehrbuchhaft hilfreich.
Frau Richter, Sie haben sich verrannt!
Selbstkritik ist immer löblich. Wenn Sie sebst bei sich im Nachhhinein beobachtet haben, dass sie sich nicht genug inhaltlich mit dem Artikel und den Positionen Stegemanns beschäftigt haben und eher niederen Instinkten gefolgt sind, ist das eine wichtige Erkenntnis. Und auch eine Erschreckende.
Ich glaube aber nicht dass sie hier für alle Unterzeichnenden sprechen dürfen. Mir sind die Inhalte des Arikels auch jetzt nach über 4 Jahren zum Teil sehr präsent. Unter anderem die erneut diskiminierende Arroganz gegenüber Ron Iyamu, und die Abwertung von ihm als Schauspieler. Er hat ihm Professionalität abgesprochen und das als Argument benutzt, ihm auch die Berechtigung, sich zu dem Verhalten von Armin Petras öffentlich zu äusseren, abzusprechen.
Der öffentliche Brief war unter anderem eine - wie ich finde - wichtige Solidaritätsbekundung gegenüber Ron Iyamu. Stellvertretend für viele POC Schauspieler.
Wenn Ihnen das im Nachhinein nicht mehr wichtig ist, dann tut mir das sehr leid, sie sprechen aber hoffentlich nicht für allen anderen Unterzeichner. Und ich hoffe sehr, das ssich vor allem von den Prominenteren sich nochmal einige zu Wort melden werden und ihre Solidarität bekräftigen werden.
Richter redet hier und im im Interview glasklar nur über sich – ihre eigene Rolle, ihren damaligen Reflex, ihre heutige Einsicht. Sie tut gar nicht so, als spräche sie für die 1500 anderen. Aber hey, warum bei den Fakten bleiben, wenn man einfach unterstellen kann, sie würde „den ganzen Vorgang umdeuten“? Das wirkt nicht wie ein Missverständnis, das scheint Taktik zu sein: Baut einen Strohmann auf („sie redet für alle!“), reißt ihn runter und fühlt euch überlegen!
Besonders schwach ist der Karriere-Vorwurf: Richter soll ja nur für die „konservative WELT“ schreiben, um sich einzuschleimen? Ich habe mal nachgesehen. Sie schreibt da seit 2020 . Also Kein „Seitenwechsel“, keine Läuterung als Ticket. Aber klar, in eurem Weltbild sind Positionen eh nur opportune Lagerfragen: Wer nicht bei euch ist, muss karrieregeil sein. Zeigt vor allem, wie eng euer Denken ist.
Und die Doppelmoral erst: Richter steht mit Klarnamen da, teilt offen aus, während ihr aus dem Pseudonym-Schatten persönliche Psychodiagnosen ablasst („Selbsttherapie!“ etc). Das ist kein Diskurs, das ist Feigheit mit Feuilleton-Fassade. Vogler, du nennst das „cringe“? Schau in den Spiegel: Deine Replik ist ein Meisterwerk der Selbstentlarvung – du redest von „strukturellen Fragen“, ignorierst aber, dass Moral selbst eine Machtwaffe ist. Richter sagt: Ja, der „Sklave“-Begriff war rassistisch, Kritik daran berechtigt. Aber aus Solidarität wurde Massenempörung, aus Argumenten Unterstellungen. Das als „Pathologisierung“ abzutun? Billig.
Und der Hinweis auf Richter und Stegemanns „Irrelevanz“? Das sagt mehr über "euer" Theater aus: Ein System, das unbequeme und intelligente Stimmen ignoriert, sich in moralischer Blase suhlt und dann wundert, warum das Publikum wegbleibt. Richter hat früher Stücke gemacht, die widersprüchlich, echt, riskant waren – im Gegensatz zum heutigen Kuscheltheater, das sich in „Safe Spaces“ verkriecht und jeden Widerspruch als „rechts“ abstempelt.
Zusammengefasst: Eure Kritik an Richter bestätigt haargenau, was sie sagt. Nicht sie relativiert Rassismus oder Opfer – ihr tut's, indem ihr jede Nuancenfrage als Angriff seht. Täter-Opfer-Umkehr? Schaut mal, wer hier wirklich umkehrt: Aus 1500 Unterzeichnern macht ihr Heilige, aus einer reumütigen Stimme eine Verräterin. Wenn das nicht ironisch ist – eine Debatte über Theater, die selbst zur Farce wird. Danke für die Vorlage.