Presseschau vom 11. Mai 2017 – Milo Rau spricht im Berner Bund über seine Entscheidung für das NT Gent
Tourneesystem gehört die Zukunft
Tourneesystem gehört die Zukunft
11. Mai 2017. Milo Rau wird 2018 die Leitung des NT Gent übernehmen, was bedeutet, dass er seine Bewerbung fürs Schauspielhaus Zürich in der Endrunde zurückgezogen hat. "Ein anspruchsvolles Repertoire zu schaffen und damit bis zu 300 mal international zu touren," hält Rau für das wahre Stadttheater der Zukunft.
"Das Angebot, als Nachfolger von Johan Simons das Nationaltheater Gent zu leiten, konnte ich einfach nicht ausschlagen", sagt Milo Rau im Interview mit Andreas Tobler im Berner Bund (11.5.2017). Das NT Gent entspreche ideal seiner Arbeitsweise: "Es versorgt eine Bevölkerung von der Grösse der Schweiz mit Theater. Darüber hinaus sind Produktionen des NT Gent in ganz Europa präsent. Das bedeutet, dass man extrem viel tourt, bis zu 300 Stationen pro Jahr." Für Rau sei das wunderbar: "Mit einem festen Ensemble ein anspruchsvolles Repertoire zu schaffen – und dann international damit zu touren, wie das im deutschen Sprachraum nur in der freien Szene möglich ist. Das ist, kurz gesagt, für mich das Stadttheater der Zukunft."
Screenshot Interview mit Milo Rau
Dass er am NT Gent, anders als am Stadttheater, auf Koproduktionen angewiesen ist, sieht er nicht als Nachteil. "Ich habe Koproduktionen immer nur als Bereicherung erlebt – im künstlerischen wie produktionstechnischen Sinn." Überall sei es mittlerweile so, dass das Kontingent an Zuschauern ziemlich rasch ausgeschöpft sei, in Zürich verschwinde sogar ein Dürrenmatt nach 12 bis 18 Vorstellungen vom Spielplan. "So entsteht ein extremes Ungleichgewicht zwischen Produktionskosten und Ausbeute. Das ist auch künstlerisch sehr bedauerlich: Die Schauspieler wollen spielen, die Techniker wollen touren. Sie sind stolz auf ihre Produktionen. Und deshalb gehen wir am NT Gent nach einer ersten Aufführungsserie auf internationale Tour", so bricht Rau weiter eine Lanze fürs das Tourneesystem. Auch das hiesige Publikum habe etwas davon, wenn eine Produktion aus Zürich oder Gent auch in Japan funktioniert, denn das "Ensemble wächst auf der Tour anders zusammen, die Fähigkeiten der Techniker werden ausgereizt, es entstehen neue Einflüsse und Ideen". Das weltweite Interesse an Arbeiten wie "Hate Radio", "Mitleid" oder "Five Easy Pieces" zeige, dass das scheinbar Lokale universal werde.
(derbund.ch / sik)
mehr medienschauen
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >