Presseschau vom 11. Mail 2013 – In der Welt wirft Matthias Heine einen wenig schmeichelhaften Blick auf die Berliner Theaterszene
Wenn ein Theaterkritiker sich mal so richtig ausspricht
Wenn ein Theaterkritiker sich mal so richtig ausspricht
11. Mai 2013. In einem Meinungsbeitrag (11.5.2013) diagnostiziert Matthias Heine in der Tageszeitung Die Welt eine Theatermisere in Berlin, aber nicht nur da.
Den Anlass für seinen Rundumschlag gibt der jüngst bekannt gemachte Wechsel von Nina Hoss zur Berliner Schaubühne! Das offenbare "die Misere" der Hauptstadttheater. "Nüchterne Betrachter", so Heine, fragten sich, wie verzweifelt müsse "der Star eigentlich sein, um ausgerechnet an die Schaubühne zu gehen?"
Und dann geht es Schlag auf Schlag.
Groß sei die Unzufriedenheit unter den Schauspielern im Deutschen Theater "angesichts der Stagnation des Hauses im oberen Mittelmaß". Seit vier Jahren "verwaltet" Ulrich Khuon das Deutsche Theater mehr als dass er es "inspiriert". Doch gäbe es eigentlich auch keine Alternativen. Am Maxim Gorki Theater seien unter der künftigen Intendantin Shermin Langhoff "demnächst wohl eher Schauspieler mit Migrationshintergrund" gefragt. An Claus Peymanns Berliner Ensemble sei Nina Hoss bereits vor ihrem Engagement am Deutschen Theater gewesen, "– sicher keine Erfahrung, die die Diva unbedingt wiederholen möchte". Und an Frank Castorfs Volksbühne wolle sie eben offensichtlich nicht gehen.
Es sei also nur die Schaubühne geblieben, wollte Hoss nicht zur dauernd reisenden Schauspielerin werden, die zu keinem Ensemble gehört.
Die Perspektiven an der Schaubühne seien indes klar. Ostermeier werde seiner ehemaligen Kommilitonin an der Schauspielschule "angemessene Inszenierungen" bauen. Nach ersten gemeinsamen "künstlerischen Triumphen" allerdings werde es bergab gehen, "bis die Dame", wie vor ihr Anne Tismer und Katharina Schüttler, "sich sang- und klanglos wieder von der Schaubühne verabschiedet."
Die Schaubühne sei eine "gigantische Talentverschleißmaschine". Obwohl Ostermeier mehr anderswo in Europa inszeniere als an der Schaubühne, habe sich fast nie ein anderer Regisseur neben dem "Platzhirschen" behaupten können. Der einzige, dem das eine Zeit gelungen sei, sei Luk Perceval gewesen. Falk Richter, auch er eine Zeitlang "in Mode", sei mit Düsseldorf nun endlich an einem Ort angekommen, der "seinem Talent angemessen" sei. Wenn der "Mysterien-Kitschier Romeo Castelluci" und die "feministischen Video-Oberlehrerin Katie Mitchell" verschwänden, "würde keiner trauern". Nur um Alvis Hermanis wäre es schade. "Bis die Schaubühne ihn auf ihr Niveau runterzog, galt er als Genie."
Die Schaubühne habe jenseits der Stars "das schlechteste Ensemble" Berlins. "Fast alle, die etwas taugen – Jule Böwe, Thomas Bading, Robert Beyer – brachte Ostermeier schon ... mit, als er 1999 ans Haus kam. Außer Lars Eidinger sei hier in dreizehn Jahren "kein jüngeres Ensemblemitglied zum Star gereift".
Und der neu als Hausregisseur verpflichtete Michael Thalheimer? Seine erste Schaubühnen-Inszenierung "Die Macht der Finsternis" vor zwei Jahren gelte "bezeichnenderweise als eine seiner schlechtesten Arbeiten überhaupt".
Überhaupt sei in der Berliner Theaterszene seit 2000 kaum noch ein neues Gesicht dazu gekommen. Die "prägenden jungen Regisseure der Nullerjahre" – Ostermeier, Stemann, Thalheimer, Pollesch – hätten schon in den Neunzigern angefangen. Die "jüngeren Schauspielstars" – Fritzi Haberlandt, Milan Peschel oder eben Nina Hoss – seien auch fast alle mehr als ein Jahrzehnt im Geschäft.
In den Nullerjahren habe es keinen "künstlerischen Aufbruch" mehr gegeben, vergleichbar dem der Stein, Peymann oder Castorf früher. "Die an den Theatern dominierende Methode ist ein uninspiriert großkotziges Weitermachen, wie in den Achtzigern."
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Hermanis hat im Februar in einem Interview in der NZZ ohnehin angekündigt, vorerst nicht mehr in Deutschland inszenieren zu wollen. Und wer hat denn verlautbart, dass Thalheimer als neuer Hausregisseur an der Schaubühne verpflichtet worden ist? Bislang ist doch nur von einer weiteren Inszenierung im Herbst und Ostermeiers Wunschliste die Rede gewesen, oder? Und welche Schauspieler am DT wollen denn noch an die Schaubühne oder ein anderes Theater wechseln, wie Heine andeutet? Weiß irgendjemand Genaueres?
ein kluger bemerkt alles, ein dummer macht über alles seine bemerkungen.
(Werter Besucher 3, Meinung muss begründet sein, sonst verdient sie diese Bezeichnung nicht. Und mündet meist schlicht in Beschimpfung. Ihr Fall überschreitet selbst diese Grenze. Den Satz, den ich mir zu streichen erlaubt habe, setzt den Kritiker auf eine Stufe mit Mördern. Ich habe nicht den Eindruck, dass das der Wahrheitsfindung oder irgendetwas auch nur annähernd in diese Richtung Gehendem dient. Freundliche Grüsse aus der Redaktion, Esther Slevogt)