Presseschau vom 13. Mai 2014 – Die Berliner Zeitung über die Vorwürfe gegen Alain Platels Stück "Tauberbach"
Fragwürdiger, rechthaberischer Diskurs
Fragwürdiger, rechthaberischer Diskurs
13. Mai 2014. Dem belgischen Choreografen Alain Platel ist im Rahmen des Theatertreffen-Gastspiels seines Stückes "Tauberbach" der Vorwurf gemacht worden, er habe Ideen von einem anderen Choreografen, von Ricardo de Paula übernommen. Dass aber Alain Platel, "ein Künstler von Rang und großer Gestaltungskraft sowie bekannt für seine moralische Integrität, einfach jemanden aus dem vierten Glied die Ideen stiehlt", ist für Michaela Schlagenwerth von der Berliner Zeitung schwer vorstellbar.
Fest steht für die Kritikerin lediglich, dass de Paulas Stück "Sight" 2012 und Platels "Tauberbach" erst zwei Jahre später zur Premiere gekommen ist, und beide Stücke gleichermaßen von Marco Prados Dokumentarfilm Estamira inspiriert wurden. Diese Doppelung sei aber, so Schlagenwerth, nicht der Punkt. Denn möglicherweise werde der Film auch noch andere Künstler inspirieren.
Offenbar, so die Vermutung der Kritikerin, hätten auch Ricardo de Paula "und seine Mitstreiter" vom Berliner Ballhaus Naunynstraße das Gefühl gehabt, "dass der Vorwurf nicht ausreicht, um eine Debatte einzufordern". Also würde Platel nun nicht nur mit einem Plagiats-, sondern vor allem mit einem Rassismus-Vorwurf" konfrontiert. Denn Alain Platel, fasst die Kritikerin den Vorwurf zusammen, habe die Geschichte der Estamira aus einer westeuropäischen Perspektive erzählt. Er sei dabei einem postkolonialen Kontext verhaftet geblieben, "in dem der schwarze weibliche Körper zum Fetisch gemacht und die schwarze Person obsessiv als wild und verrückt gezeigt werde". Nun stehe bei Alain Platel jedoch gar keine schwarze Frau auf der Bühne, stellt die Kritikerin fest. Die Frage der Hautfarbe habe Platel gar nicht interessiert, weiß sie, "sondern wie ein kranker, von der Gesellschaft marginalisierter Mensch seine Würde bewahrt".
Die Kritikerin vermutet andere Gründe hinter dem Angriff des auch am Ballhaus Naunynstraße arbeitenden de Paula auf die Produktion: "Seit die vormalige, so enorm erfolgreiche Gründungs-Intendantin Shermin Langhoff zum Maxim-Gorki-Theater wechselte, ist Wagner Carvalho an die Leitungsspitze des Ballhauses gerückt." Dies sei künstlerisch wie politisch mit einer eigentlich erfreulichen Erweiterung des Themenfeldes einher gegangen. "Denn Carvalho, gebürtiger Brasilianer, der wegen seiner Hautfarbe Erfahrungen gesammelt hat und viel über offenen und verdeckten Rassismus weiß, ist bestens im internationalen zeitgenössischen Tanz vernetzt. Er steht schon mit seiner Biografie für einen Horizont, der weit über die deutschen Konfliktfelder weist."
Tatsächlich scheine, so Schlagenwerth, etwas anderes zu passieren. "Die Ballhaus-Akteure setzen zum Teil auf moralinsaure und engstirnige Blackface-Aktionen. Sie etablieren einen fragwürdigen und rechthaberischen Diskurs, wie ihn nun auch Ricardo de Paula nutzt."
(sle)
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Warum haben die Stänkerer aus der Naunynstraße das da nicht mitbekommen? Zu wenig Presse?
Jeder will vom Kuchen etwas abhaben. Aber bitte nicht so. Das ist ein übles Geschäft und das hat man in der leider dürftig spielenden Naunynstraße nicht nötig. Ich war nach Langhoff einige Male da und muss es eigentlich nicht sein. Nun noch weniger.