Presseschau vom 16. Februar 2014 – Der Tagesspiegel über die Folgen des Mikroport-Einsatzes auf deutschen Bühnen
Gesichtsspangen zerstören die Illusion
Gesichtsspangen zerstören die Illusion
16. Februar 2014. Unter dem Titel "Terror der Intimität" betrachtet Udo Badelt für den Tagesspiegel (16.2.2014), welche Folgen der zunehmende Mikroport-Einsatz auf deutschen Bühnen hat. Auch wenn Inszenierungen "von der Tiefe des Raums" lebten, wie etwa Andreas Kriegenburgs Aus der Zeit fallen, vermittelten die Stimmen davon nichts: "Alle kommen mit gleicher Dynamik aus dem gleichen Lautsprecher, unterschiedslos, nivellierend. Ein Theater, das freiwillig auf eine entscheidende Dimension verzichtet, sich flach macht, verflacht."
Die gängige Kritik am Mikroport-Einsatz fasst Badelt so zusammen: "Das freie, natürliche, klassische Bühnensprechen verarmt. (...) Tatsächlich lässt sich der Gedanke, dass Regisseure an den Stimmstützen Gefallen finden und sich zunehmend darauf verlassen, nicht ganz von der Hand weisen." Befürworter sähen in den "Gesichtsspangen" hingegen einfach "ein weiteres Instrument zur Produktion von Kunst. (...) Mit Mikroport lässt sich auf der Bühne viel intimer sprechen. (...) Dank Mikroports müssen Darsteller endlich nicht mehr unnatürlich zum Publikum hin sprechen, um verstanden zu werden. Stimme und Körper entkoppeln sich, das schafft zusätzliches Spielmaterial." Auch entstehe "durch die bewusste Verfremdung von Stimmen" eine "zusätzliche künstlerische Ebene, die im postdramatischen Theater hochwillkommen ist".
Statt Verfremdung zu erzielen, würden die Stimmen allerdings im Gegenteil meist eher "eingeebnet. Alles klingt gleich." Außerdem seien Mikroports "nicht nur ein akustisches, sondern vor allem ein visuelles Problem" und zerstörten "die theatrale Illusion – ohne eine neue zu schaffen". Die Frage sei, "ob immer reflektiert wird, wann die Technik wirklich nötig ist und wann nicht". Einen Grund für die "stimmtechnische Aufrüstung" der Bühnen macht Badelt auch in deren "bewusstem oder unbewusstem Wunsch" aus, sich "der Ästhetik des Kinos anzugleichen. Näher an den Figuren dran zu sein." Das habe aber oft "den gegenteiligen Effekt": "Technische Stimmverstärkung entrückt die Figuren mindestens in dem Maße, in dem sie sie heranzoomt."
(ape)
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