Presseschau vom 4. August 2013 – Christopher Schmidt von der SZ über die Statik im aktuellen Sprechtheater
Der Raum tanzt, die Menschen sind wie festgetackert
Der Raum tanzt, die Menschen sind wie festgetackert
4. August 2013. Einen Rollentausch der Darstellungskonventionen zwischen Oper und Schauspiel beobachtete Christopher Schmidt in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung (3./4.8.2013): Während die Musikdramatik gerade einen "performative turn" vollziehe und also Rollen nicht mehr nur gesungen, sondern auch gespielt würden ("nicht selten sogar in den unmöglichsten Situationen und Positionen, liegend etwa"), passiere im Sprechtheater gerade das umgekehrte: Zu sehen seien "Theater-Schauspieler, die angewurzelt auf der Bühne verharren und ihre Darbietung auf den reinen Sprechakt beschränken." Die "Protagonisten der Regie, die im einen Fall für die Vitalisierung, im anderen aber für das Ausbluten stehen", seien dabei "in beiden Sparten dieselben", weil viel Theatermacher regelmäßig auch in der Oper aktiv sind.
Kompensiert werde der Wegfall der Aktivität im Schauspiel durch eine zunehmende Beweglichkeit der Drehbühne: "Der Raum tanzt, die Menschen darin sind wie festgetackert."Die Bühne beginne den Spieler zu dominieren: "Immer häufiger verlangt das Bühnenbild den in Trapezen schaukelnden oder über Steilwände kletternden Schauspielern die Schwindelfreiheit und akrobatischen Fähigkeiten von Kaskadeuren ab. Die Bühne ist nicht mehr Hintergrundbild, sondern aktive Mitspielerin, ja gestrenge Herrscherin über die Darsteller. Sie ist es, die den rasenden Stillstand der Gegenwart andeutet, das globale Wimmelbild."
Schmidt erläutert seine These an diversen Beispielen von Bühnenbildnern wie Katrin Brack, Olaf Altmann oder Muriel Gerstner. In ihren Arbeiten mache "die Bühne das Allgemeine sichtbar, das große Ganze, von dem der Einzelne abhängt." Dabei sei die "Dominanz der Bühne" nicht nur "Tribut an eine zunehmend visuell geprägte Kultur, sondern auch Symptom einer Krise", so Schmidt weiter: "Denn die Exorzismen des Regietheaters werden schon zu lange betrieben, um noch Innovationen zu zeitigen. Da ist eine übermächtige Bilderwelt mitunter als Schutzschirm willkommen. Man zieht sich inszenatorisch zurück und lässt den Text einfach mal deutungsoffen wirken, als schöne Sprachmusik."
(chr)
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