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euro-scene Leipzig: Gastspiel des Freedom Theatre abgesagt
15. Oktober 2024. Die Produktion "And Here I Am" des palästinensischen Freedom Theatre wird nicht bei der diesjährigen Ausgabe des euro-scene Festivals in Leipzig gezeigt werden. Das teilt das Festival heute in einer Pressemeldung mit.
Die für den 6. und 7. November geplante Einladung des Ensembles aus Jenin stand in den vergangenen Wochen unter massiver Kritik unter anderem durch das Bündnis "Artists Against Antisemitism". Nun sind die Vorstellungen abgesagt worden. "Nachdem sich die Leitung der euro-scene Leipzig mit der Stadt Leipzig, dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus sowie weiteren Projektpartnern beraten und abgestimmt hat, ist sie zu dem Schluss gekommen, das Gastspiel abzusagen", heißt es in der Pressemitteilung.
Die Leitung des Festivals habe sich im Kontext der mitunter mit "konträren Zuspitzungen" geführten öffentlichen Debatte "wiederholt von Antisemitismus, Dschihadismus, Terrorismus und Boykottaufrufen distanziert". Zugleich "bedauere" sie aber, "dass die Produktion, ohne dass sie jemals in Deutschland gezeigt wurde, nur aufgrund ihrer Ankündigung solche Reaktionen hervorrufen konnte".
"Vor dem Hintergrund einer stark polarisierten Debatte um den allgegenwärtigen Nahostkonflikt hatte die Festivalleitung gehofft, mit einer stark biografisch geprägten Arbeit aus dem Jahr 2017 einen Blick auf das Individuum in Zeiten des eskalierenden Konfliktes werfen zu können", heißt es.
Festivalleiter Christian Watty stelle "mit Bedauern fest, dass die Aufführung zum jetzigen Zeitpunkt – auch aufgrund des gültigen Beschlusses ('Gegen jeden Antisemitismus!') der Ratsversammlung der Stadt Leipzig vom 26.06.2019 – in Leipzig nicht gezeigt werden kann. Durch den Beschluss sind die Kultureinrichtungen der Stadt verpflichtet, sich insbesondere von jeglichen Boykottaufrufen gegenüber Israel zu distanzieren."
Auch die öffentliche Jahrestagung der ITI - Internationales Theaterinstitut, die im Rahmen des Fesitvals unter anderem mit einem Redebeitrag der Regisseurin von "And Here I Am", Zoe Lafferty, hätte stattfinden sollen, war am gestrigen Dienstag verschoben worden.
(euro-scene Leipzig / jeb)
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2.)Wenn die Euro-Scene den Beschluss der Stadt kannte, warum holt sie die Vorstellung?
3.) Warum glauben manche Kulturinstitutionen der Nahostkonflikt müsste auf ihrer Bühne besprochen werden? Sind sie Experten für den Nahostkonflickt? Wollen sie nur mit Halbwissen garinerte Bedeutungsproduktion?
4.) Hat die Leitung des Festivals nicht verstanden, dass die Aufführung durch den 7. Oktober neu kontextualisiert ist?
5.) Hat das ITI das auch nicht verstanden? Wie blind kann man sein?
--
Sind das nicht alles Gründe die Debatte zum Nahostkonflikt eben nicht im Theater zu führen? warum sollte das Theater dafür ein guter Ort sein? Ohne jede Expertise?
______________________
Liebe*r Shalom,
Zoe Lafferty ist nach allem, was wir wissen, eine Frau (wie man unschwer nach zweimal Klicken auf ihrer Website erkennen kann): https://www.zoelafferty.co.uk/about-me
Mit freundlichen Grüßen aus der Redaktion
wofür ist Theater denn aber dann ein guter Ort? Nur zur reinen Unterhaltung? Die Menschen, die dort arbeiten, werden so gut wie nie Experten der Themen sein, die auf der Bühne verhandelt werden. Sie sind ja schon (im besten Fall) Experten der Theaterarbeit.
Vielleicht ist Ihr Anspruch da ein bisschen zu hoch. Niemand sollte glauben, dass Theater die Probleme und Konflikte dieser Welt lösen kann. Aber um diese oft abstrakten und und komplexen Zusammenhänge für das Individuum erfahr- und spürbar zu machen, genau dafür ist Kunst und eben auch Theater doch da.
Nun hätte man auf der Vermittlungs- und Kommunikationsebene seitens des Festivals sicher vieles besser machen, das Programm insgesamt ausgewogener gestalten können. Aber dass ein Thema grundsätzlich für die Kunst tabu sein sollte, halte ich für einen gefährlichen Gedanken.
Ach.
Kenner der Debatte wäre Ahmed Tobasi schon, der in Jenin aufgewachsen ist und nach seiner Flucht nach Norwegen, wo er seine Ausbildung zum Schauspieler absolvierte, nach seinen ersten Begegnungen mit dem Theater am Freedom Theatre noch mit seinem Gründer dem jüdisch-israelisch-palästinensischen Juliano Mer-Khamis. Nach dessen Ermordung vor dem Freedom Theatre kehrte Ahmed Tobasi nach Jenin zurück, um sein Wissen und seine Erfahrungen, die er im Exil gemacht hat, mit den Studenten des Freedom Theatres zu teilen und dem Freedom Theatre selbst zugute kommen zu lassen und damit auch der Bevölkerung des Flüchtlingslagers Jenin und der Stadt Jenin.
Er hat es vorgezogen so zu handeln und nicht in Norwegen zu bleiben.
So kehrte er nach Jenin in die OPT (Occupied Palestinian Territories).
Und erlebte und erlebt dort die Gewalt, die mit der Besatzung einhergeht.
Auch diese Erfahrungen setzt er am Theater um.
Zoe Lafferty, ist eine Frau, wie schon von der Redaktion von NK richtig bemerkt wurde, die während vieler Jahre in Jenin am Freedom Theatre arbeitete.
Zuerst als Assistentin, dann Co-Regisseurin des jüdisch-israelisch-palästinensischen Mitbegründers des Freedom Theatres Juliano Mer Khamis bis zu seiner Ermordung. Bis zur Ermordung von Juliano Mer-Khamis und danach war sie auch an der Schauspielschule des Freedom Theatres lehrend tätig.
Seit Juliano Mer-Khamis Ermordung ist und war sie dem Freedom Theatre weiterhin als Regisseurin und Lehrkraft verbunden und hat viel Zeit dort verbracht.
Darüber hinaus hat Zoe Lafferty Theaterarbeit und Unterstützung von Theatern in den Kriegsgebieten Afghanistan und Ukraine geleistet.
Ein mutige Theaterfrau.
Das Freedom Theatre wurde von Juliano Mer Khamis und Zakaria Zubeidi gegründet, um für die Freiheit des palästinensischen Volkes mit friedlichen Mitteln, mit den Mitteln des Theaters, mit den Mitteln der Kultur zu kämpfen.
Eine Tradition und ein Prinzip, die auch von Zoe Lafferty und Ahmed Tobasi und anderen Mitarbeiter*innen des Freedom Theatres fortgesetzt wurden.
Darüber wird man von diesen Kenner*innen der Debatte in Leipzig nun nichts hören können.
Das nur als bedauerlich zu bezeichnen, wäre m.E. zynisch.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Bialik
PS: Bitter ist auch die Absage, der Jahreskonferenz der ITI, an der nicht nur Frau Zoe Lafferty teilgenommen hätte, sondern auch Wolfgang Kaleck, der Leiter des ECCHR, ein Menschenrechtler von internationalem Rang, der u.a. mitverantwortlich für die Anklage gegen Pinochet war und Anwalt von Snowdon ist. Ich gehe davon aus, daß er nicht leichtfertig seiner Teilnahme an der Tagung des ITi zugestimmt hat.
Hier wäre viel zu erfahren und zu lernen gewesen.
Ja genau, am besten überhaupt politisches Theater verbieten. Und bloß keine Positionen einnehmen. Das passt dann auch alles schön weiter, wenn die AFD die Landtage übernimmt und es bleibt alles schön gemütlich in unseren Theatern. Wir spielen dann schön Yasmina Reza und gut ist.
Gegründet wurde das Theater von Juliano Mer-Khamis und Zakaria Zubeidi. Letzterer war schon in seinen jungen Jahren Teil der sogenannten Al-Aqsa-Märtyrer Brigade und stieg während der Zweiten Intifada zum Kommandanten auf. Er hat zahlreiche Anschläge auf israelische Zivilist:innen zu verantworten und war deswegen bis Anfang des Jahres inhaftiert. Dann wurde er wegen eines Deals mit der Hamas, bei den 2000 palästinensische Gefangene gegen 3 israelische Geiseln getauscht wurden, freigelassen. Mer-Khamis selbst hat sich auch nie vom Terror distanziert, sondern sein Engagement im Theater als Teil einer kulturellen Intifada verstanden. Dass der Begriff der Intifada verwendet wird ist natürlich kein Zufall, sondern ein bewusstes Anschließen an die gewalttätigen und terror-geleiteten Ausschreitungen. Beide Gründer betonten immer wieder dass das kulturelle Engagement dabei keinesweg den "bewaffneten Kampf" in Misskredit bringen, sondern um ein weiteres Feld erweitern soll. Beides seien Teile eines Kampfes (https://www.middleeasteye.net/discover/palestine-zakaria-zubeidi-revolutionary-artistic-leader).
Also von friedlichen Mitteln kann hier keine Rede sein. Sondern es ist ein Versuch, auch in der kulturellen Sphäre eine Diskurshoheit zu erlangen, um ihre eigene Narrativierung des Konflikts und des Wesens Israels (nämlich als Kolonial- und Apartheidsstaat, dessen Existenz nicht rechtens ist) zu verbreiten. Am Ende steht auch dort das Ziel, dass Israel aufhören soll, zu existieren. In diese Legacy reihen sich auch die heutigen führenden Persönlichkeiten Ahmed Tobasi (https://ciutatsdretshumans.cat/en/defensor/ahmed-tobasi/ ) und Zoe Lafferty (https://images.dawn.com/news/1192899/palestinian-playwright-ahmed-tobasi-has-perfected-the-art-of-cultural-resistance) ein. Die Kampagne "the cultural intifada" und ihre social media Auftritte und Posts zeugen davon.
Diese Aufführung abzusagen vor dem Hintergrund der persönlichen Verstrickungen mit Terror und die ausbleibende Distanzierung davon halte ich für sehr richtig. Es findet ja genau das Gegenteil einer Distanzierung statt! Vielmehr wird der Terror, auch der 07. Oktober gefeiert und verherrlicht. Es ist eher eine Schande, dass es überhaupt in Erwägung gezogen wurde, "And here I Am" zu zeigen. Die ganze Diskussion war davon geprägt, vom Inhalt der Kritik abzulenken und den Schwerpunkt auf Kunstfreiheit etc zu legen. Und mit wüsten Gegenanschuldigungen zu kontern, statt sich inhaltlich auszutauschen. Niemand sagt, dass palästinensische Künstler:innen überhaupt nicht auftreten sollen. Aber wie wäre es, mal Personen einzuladen, die auf das Leid und das Unrecht der Palästinenser:innen aufmerksam machen, ohne gleich Terror als legitimes Mittel zu verherrlichen und Israel die Vernichtung zu wünschen?