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Leipzig: ITI verschiebt Jahrestagung nach Kritik

15. Oktober 2024. Das deutsche Zentrum des Internationalen Theaterinsituts (ITI) verschiebt seine öffentliche Jahrestagung. Das teilte das ITI in einer Presseaussendung mit. 

Unter dem Motto Reclaiming Agency! sollte die Tagung im Rahmen des Festivals "Euro Scene" am 9. November in Leipzig die "in Zeiten kultureller Kriegsertüchtigung verbleibenden Möglichkeitsräume von Künstler:innen und ihren Netzwerken für gewaltfreie und solidarische Völkerverständigung diskutieren", wie es in der Mitteilung heißt. "Durch die im Vorfeld der Veranstaltung eingetretene öffentliche Verlagerung des Diskurses scheint es leider mittlerweile unmöglich, wie ursprünglich geplant, offene und vertrauensvolle Gespräche mit allen Teilnehmenden zu garantieren."

Im Vorfeld des Festivals "Euro Scene" hatte das Bündnis "Artists Against Antisemitism" in einem Offenen Brief die Einladung der Produktion "And Here I Am" vom Freedom Theatre Jenin (FTJ) zur diesjährigen Ausgabe des Festivals kritisiert und seine Ausladung gefordert. (Hier unsere Meldung.) Sowohl Stück als auch FTJ würden sich offen gegen die Völkerverständigung zwischen Israelis und Palästinenser*innen richten. "Die Inszenierung, die im Rahmen eines Schwerpunkts auf den sogenannten Nahen Osten gezeigt wird, erhält keinerlei kritische Kontextualisierung", so der Offene Brief des Bündnisses weiter. "Allerdings erhält sie mit der Einbettung in den gleichzeitig stattfindenden ITI-Kongress in Leipzig Aufmerksamkeit, die wohl keiner anderen Inszenierung während des Festivals zuteil wird. Unter anderem spricht beim Kongress die Regisseurin des FTJ Zoe Lafferty, die zur "Globalen Intifada" aufruft."

Mit der "Verharmlosung des Terrors des Palästinensischen Islamischen Djihad durch die Inszenierung" bringe das Festival Euro Scene "Propaganda für eine vom iranische Regime massiv unterstützte Terrororganisation auf die Bühne." Diese Einladung sei nicht nur eine Kampfansage an das jüdische Leben in der Region, "sondern auch gegen die iranische Freiheitsbewegung. Sie wäre eine präzedenzlose Normalisierung antisemitischer und antidemokratischer Terrororganisationen auf Leipziger Bühnen – ausgerechnet in der Gedenkwoche zum 86. Jahrestag der Novemberpogrome," wie es in dem Protestschreiben des Bündnisses unter anderem heißt.

Am 9. November werde das ITI jetzt lediglich "wie vorgesehen seinen Preis 2024 an die KULA Compagnie verleihen und damit eine beispielgebende Arbeit würdigen, die seit 10 Jahren als transkulturelles und soziales Labor künstlerische und kulturelle Identitäten aus Deutschland, Frankreich, Italien, Russland, Israel, Iran und Afghanistan in gemeinsamen Projekten in den Dialog bringt," so die Pressemitteilung des ITI.

(ITI / sle)

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Kommentare  
Verschiebung ITI-Tagung: Schwer erträglich ...
... wie nun nach dem Festival auch das ITI einknickt. Verantwortung und die Bereitschaft zur Streitkultur sähen anders aus.


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Hinweis der Redaktion: Die Absage des ITI liegt zeitlich vor der Absage der Eilandung des FTJ.
Verschiebung ITI-Tagung: Sehr bedauernswert
Zu kaum einem Thema braucht die Welt derzeit mehr Theater und Diskurs als zu diesem. Man könnte so manches Festival, so manche Veranstaltung ersatzlos streichen, das wäre nicht so schlimm. Aber gerade solche Veranstaltungen und solche Festivals sind dringend nötig. Angesichts der nicht enden wollenden Konflikte in der Region Nahost, muss man hier eben gerade nicht: Verschweigen, Verschleiern, Verdrängen Canceln oder einseitig Stellung beziehen, sondern das Gegenteil: die Spiel-, Darstellungs- und Diskursräume öffnen, damit verschiedene Positionen ihre Anliegen, ihre Darstellungen, ihre Probleme, ihr Leid, ihre Wut etc. pp. auf eine friedliche, auf eine sublimierte, eine in Form und Darstellung gepackte Art und Weise auf die Bühne bringen können. Wenn in Deutschland etwas fehlt, dann ist es ein Zuwachs an palästinensischen Perspektiven. Wenn man diese cancelt, wenn man diese abklemmt, dann hilft das niemanden.
Verschiebung ITI-Tagung: Studie zu Antisemitismus
Gute Neuigkeiten:

Prof. Dr. Marc Helbling, Professor für Migration und Integration am Mannheimer Zentrum für europäische Sozialforschung (MZES) der Universität Mannheim und Prof. Dr. Richard Traunmüller, Professor für Empirische Demokratieforschung an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Mannheim haben soeben eine Studie veröffentlicht. Das erfreuliche Fazit lautet:

»Der an das junge, linke und akademische Milieu gerichtete Antisemitismusvorwurf ist vorschnell - tatsächlich handelt es sich um die am wenigsten antisemitisch eingestellte Gruppe in Deutschland.

Was junge, linkorientierte Menschen mit Hochschulabschluss tatsächlich auszeichnet, ist eine ausgeprägte pro-palästinensische Haltung.

Pro-palästinensische Einstellungen hängen kaum oder nur in geringem Maße mit traditionellem Antisemitismus zusammen.»

Link der Studie auf der Website der Universität Mannheim als PDF:

https://www.uni-mannheim.de/media/Einrichtungen/gip/Bilder/Dokumente/GIP_Wie_tickt_Deutschland_2_Antisemitismus.pdf/flipbook
Verschiebung ITI-Tagung: Andere Gründe
Was hat das denn damit zu tun? Die Verschiebung hatte doch ganz andere Gründe. Das zu veröffentlichen wirkt schon etwas wirr, liebe Nachtkritik.
Verschiebung ITI-Tagung: Feinde in der Kunst?
Gebe Ihnen vollkommen recht. Was soll uns diese Statistik bitte sagen ? Das doch alles nicht so schlimm ist ? Traue nie einer Statistik die du....
In dieser Diskussion hat sie rein gar nichts verloren.
Es bleibt die Frage:
Darf man in der Kunst extreme Haltungen auf Kosten anderer beziehen ?
Weil es ja nur Kunst ist und wir uns ja eigentlich doch alle lieb haben ?
Oder sind wir auch in der Kunst schon Feinde ?
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