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Paris: Theater von Geflüchteten besetzt

18. Januar 2025. Rund 300 Geflüchtete halten seit mehr als einem Monat das Pariser Theater "Gaîté Lyrique" besetzt, wo sie Zuflucht vor dem Winter gesucht haben. Das berichtet unter anderem die Frankfurter Allemeine Zeitung.

Erst kürzlich hat die Theaterleitung dem Bericht zufolge in einem Communiqué mitgeteilt, das Haus geschlossen zu halten. Die geplanten Veranstaltungen würden bis auf weiteres abgesagt, verschoben oder an andere Spielstätten verlegt. "Aufgrund der Besetzung des Gebäudes und des Fehlens von Lösungsvorschlägen der zuständigen Behörden ist die 'Gaîté Lyrique' derzeit nicht in der Lage, die Bedingungen für den Empfang der Öffentlichkeit in ihren Räumen aufrechtzuerhalten", zitiert die FAZ aus dem Communiqué.

Rund 250 Flüchtlinge, vereint in einem Kollektiv namens "Les Jeunes du Parc de Belleville" haben verschiedenen Medienberichten zufolge bereits am 10. Dezember 2024 das im 3. Arrondissement gelegene Theater besetzt. Viele von ihnen seien minderjährig und unbegleitet nach Frankreich gelangt. Die Leitung des Theaters habe es als inhuman betrachtet, die Menschen im Winter wieder auf die Straße zu schicken. Zugleich bedauere das Theater in seiner jüngsten Mitteilung den "erlittenen und plötzlichen Charakter dieser Besetzung". Mittlerweile sei die Zahl der in dem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert untergekommenen Menschen auf 300 angestiegen.

Die Kosten für das Theater, das zu den innovativsten Kulturorten in Paris zählt, stehen Informationen des Deutschlandfunks zufolge inzwischen bei geschätzten mehreren Hunderttausend Euro und es droht die Insolvenz. Das Theater forderte die Behörden auf, eine Lösung zu finden. 

(FAZ / Deutschlandfunk / gaite-lyrique /sle)

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Kommentare  
Pariser Theater-Besetzung: Mehr Informationen
Laut Der Standard begann alles so:

"(...) Die "Gaîté Lyrique" ist einer der bekanntesten und innovativsten Kulturorte von Paris. Das aus dem 18. Jahrhundert stammende Theater ist älter als die Französische Revolution. Über die Jahrzehnte verwandelte es sich in eine Bühne für Operetten. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Stadt das Etablissement. Seither zeichnet es sich durch ein betont politisches Programm aus, das sich selbst "zwischen Kreation und Engagement" ansiedelt und "von der Idee zur Aktion" übergehen will. So etwa mit dem Suaheli-Konzept des Kabubu, der sportlichen Betätigung im Freundeskreis.

Ein wichtiges Thema ist laut der Website "die Realität der zeitgenössischen Migration". Am 10. Dezember lud die Direktion Flüchtlinge, Papierlose und Zugewanderte ein, "an einem Fresko der Migration" teilzunehmen. 200 vor allem männliche Afrikaner besuchten die Veranstaltung, bei der auch über die "neue Gestaltung" der Flüchtlingsaufnahme debattiert werden sollte. Gesagt, getan: Am Ende der Veranstaltung blieben sie in dem geheizten Gebäude; dann beschlossen sie, es zu besetzen. Seither verbringen sie Tag und Nacht in der Gaîté Lyrique. (...)"

https://www.derstandard.de/story/3000000253045/frierende-migranten-besetzen-die-gaite-lyrique-in-paris

Die Entscheidung der Leitung, sie nicht vor die Tür zu setzen, begrüße ich. Ich lese in untigem Link (geschrieben von einem der jungen Menschen), dass sie nach Ankunft in Frankreich von den Behörden nicht als minderjährig anerkannt wurden und nun schon seit Monaten (zunächst in Zelten in einem Park) auf ihre Anhörung bei Gericht warten.

"In Frankreich angekommen, haben wir alle das Assessment-Center für die Anerkennung unserer Minderjährigkeit durchlaufen, das diese ablehnte. Um diese Entscheidung anzufechten, müssen wir eine Anhörung bei einem Jugendrichter durchlaufen. Aber um eine Anhörung vor Gericht zu bekommen, müssen wir zwischen sieben und acht Monaten oder sogar ein Jahr warten. Während dieser ganzen Zeit sind wir dazu verurteilt, die Nacht in Zeltlagern zu verbringen, ohne jegliche Betreuung. Wir werden vom französischen Staat im Stich gelassen. Aus diesem Grund haben wir beschlossen, ein Kollektiv zu gründen, begleitet von unseren Unterstützern, die es empörend finden, wie wir vom französischen Staat behandelt werden. "

(übersetzt mit deepl)

https://www.politis.fr/articles/2024/12/carte-blanche-jeunes-du-parc-de-belleville-nous-sommes-abandonnes-par-letat/
Pariser Theater-Besetzung: Danke
Danke, #1, für die Informationen, Kenntlichmachung und Anerkennung von Kontext und existentieller Tragweite dieser Situation im Pariser Theater „Gaîté Lyrique“ . Das Sterben und die ungezählten Toten an den Grenzen dieser auf ideologischen Meloni-Kickl-Weidel-Musk-Fundamenten gebauten "Festung Europa" gerät immer wieder in Vergessenheit. Eine Vergessenheit, die in der BRD neue Rechtskraft erhält, indem Menschen, die sich nicht mehr rechtmäßig in der BRD aufhalten, die Existenz abgesprochen wird (vgl. taz online heute/19.1.2025: https://taz.de/Regelung-fuer-Dublin-Faelle/!6062775/): Leugnung von Menschen, die uns die Augen sehen, d. h. sozialem Tod endgültig Rechtskraft verleihen, Menschenleben dem toten Winkel des kollektiven Blicks überlassen. Was für ein pseudo-demokratischer, pseudo-rechtsstaatlicher Konsens ist da in BRD und EU herangewachsen?
Theater, das sich/seine Ressourcen derart intensiv einbringt, verdient größten Respekt. Theater kann ein Rahmen sein, in dem MENSCHEN sichtbar werden ohne ausgestellt zu sein, Rollen übergestülpt zu bekommen oder zu Tode administriert zu werden. Ich hoffe, das „Gaîté Lyrique“, sein Engagement und alle diese Menschen im Theater, am Theater, mit dem Theater finden gute Wege. Alle Pforten sollen sich ihnen öffnen, allen Menschen, die mit ihnen sind.
Ich muss an die Sans Papiers in "Die bleichen Füchse" von Yannick Haenel denken, diese rettende Theatralität einer Masken-Anonymität:
"Die Ruhe, die über den verstopften Straßen lag, war berauschend. Die Menge, die sich uns spontan angeschlossen hatte, ließ sich nicht einordnen: keine Rufe, keine Losungen oder Plakate, nur Masken. ...
Es ist bemerkenswert, dass die bloße Tatsache, eine Maske zu tragen, in wenigen Jahren zum universellen Zeichen des Protests geworden ist, Ausdruck einer Missbilligung der Gesellschaft, die Verkörperung der Kritik an ihr. Uns, die wir Masken sind, bestätigt so ein Erfolg. Die Maske lehnt diese Welt ab, in der jeder verpflichtet ist, mit seinem Bild zu verschmelzen und dessen unterwürfige Identität an jeder Straßenecke vorzuzeigen."
Pariser Theater-Besetzung: Links
Unter dem Link
https://www.gaite-lyrique.net/article/statements
findet man Stellungnahmen des Theaters, allerdings auf Englisch, das aber gut zu verstehen ist.
Das Theater liegt im dritten Arrondissement, das bis 2020 einen sozialistischen Bürgermeister hatte, jetzt gehört es zur Verwaltungseinheit der ersten vier Arrondissements, an deren Spitze ebenfalls ein Mitglied des Parti Socialiste steht: Ariel Weil. Weil hat sich 2024 für eine "progressive, europäische, republikanische, ökologische, laizistische, brüderliche, feministische und universelle LInke" ausgesprochen. Was für schöne Wörter!
Aber wo ist die Brüderlichkeit, wo die Solidarität?
Unter dem Link
https://www.youtube.com/results?search_query=gaite+lyrique
kann man sich einige Eindrücke verschaffen.
Bewundernswert ist, dass das Theater immer noch versucht, Programm zu machen!
Pariser Theater-Besetzung: Details im Gesamtbild
Hey engagierte*r nachtkritikloser*in,
wollte nur kurz danke für die wichtige Ergänzung sagen! besonders der Fakt, dass die geflüchteten am 10.12. vom Theater eingeladen wurden und daraufhin nach einem "Fresko der Migration" da blieben, rückt das Ganze noch mal in ein ganz anderes Licht! (es bleibt zwar noch unklar, ob bei dieser Veranstaltung Absprachen getroffen wurden oder nicht, dennoch scheint eine gewisse, zumindest ideele, Hilfsbereitschaft da gewesen zu sein)
Auch wenn Meldungen kürzer gehalten sind, kleine Formulierungen und Auslassung des Gesamtkontexts sind bei Themen wie Flucht und Asyl entscheidend und machen aus ob es als Versagen des Staats, der die ganzen Menschen in der Winterkälte bereits seit 7,8 Monaten auf eine Anhörung warten lässt, oder das "die nehmen unser Land ein" der politischen Rechten bekräftigt.

Danke noch mal an den Vorher Kommentierenden und Nachtkritik, bitte seit da etwas verantwortungsvoller.
Pariser Theater-Besetzung: Weitere Ergänzung
In Paris sind 2023 und 2024 bereits städtisch finanzierte Kulturzentren/Theater besetzt und teilweise lahmgelegt worden (Maison des Métallos, 104 etc). Auch hier vom Kollektiv les jeunes du parc de Belleville. Im April 2024 schrieb die Stadt Paris, 7 städtische Einrichtungen seien seit Dezember 2023 besetzt worden. Die Stadt Paris ruft den Staat dazu auf, leere Gebäude der Stadt als Notunterkünfte einzunehmen.
Pariser Theaterbesetzung: Erstaunlich
Was genau soll eigentlich die überregionale, gar internationale Relevanz dieser Meldung über ein Pariser Lokalereignis mit maximal lokalpolitischer Bedeutung sein, das auch in Pariser Medien keine besonders ausgeprägte Beachtung erfährt? Insgesamt gibt es in deutschsprachigen Medien nur spärliche Meldungen über das französische Theaterleben. Das allgemeine Kunst- und Kulturleben in Frankreich wird mit wenigen Ausnahmen bestenfalls überblicksartig und anhand willkürlich ausgewählter Anlässe abgehandelt. Es gibt zu meinem Bedauern kaum Nachrichten geschweige denn Rezensionen oder Interviews zu Produktionen und Plänen der Comédie, des Odéon, des Festivals in Avignon oder anderer großer, wichtiger Bühnen. Man könnte somit ein gewisses Desinteresse, womöglich gar Ignoranz gegenüber französischen Kulturereignissen oder der global wirklich sehr bedeutenden Kunst- und Kulturmetropole Paris vermuten. Hier jedoch - und es geht dabei nicht einmal um eine Inszenierung oder ein künstlerisches Ereignis - erkennen FAZ, Deutschlandfunk, Der Standard und nachtkritik plötzlich die Notwendigkeit deutschsprachiger Berichterstattung? Erstaunlich.
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