Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan) - Berliner Festspiele
K(l)eine Fluchten aus der Konvention
25. Januar 2024. Stefan Kaegi von Rimini Protokoll hat aus dem Konflikt zwischen der Volksrepublik China und Taiwain einen Theaterabend entwickelt. In dem drei taiwanesische Expert*innen temporär eine Botschaft eröffnen.
Von Michael Wolf
25. Januar 2024. Am Morgen sorgte ein weitgehend unbekannter Inselstaat für Schlagzeilen. Nauru, 4000 Kilometer nordöstlich Sydneys gelegen, nahm offiziell diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik China auf, nachdem es wenige Tage zuvor den Kontakt zu Taiwan abgebrochen hatte. Dass dieser diplomatische Seitenwechsel am Abend auf der Bühne mit keinem Wort thematisiert wird, ist wohl der Übertitelung geschuldet.
Die Protagonisten der neuen Produktion von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) sprechen Englisch und Mandarin, beides wird schriftlich übersetzt. Die drei müssen sich dementsprechend an ihren Text halten und können sich keine spontanen Exkurse erlauben. Ansonsten wären sie sicher auf den Fall Nauru eingegangen, geht es in ihrem Theaterabend "Dies ist keine Botschaft" doch genau darum: um die Isolation Taiwans und den Versuch, diese zu überwinden.
Botschaft für die Dauer der Aufführung
Kaegi hat drei Taiwaner als Experten für den weltpolitischen Alltag ihres Landes verpflichtet. Ein ehemaliger Diplomat, eine Musikerin und eine Aktivistin erzählen von sich und den Schwierigkeiten ihrer Heimat, singen, machen Musik und versuchen den Schulterschluss mit dem Berliner Publikum. Etwa indem sie darauf hinweisen, dass in der Mehrzahl der Smartphones der Zuschauer Halbleiter aus taiwanesischen Fabriken stecken. Oder indem sie einfach so tun, als wäre die Dame in der ersten Reihe Außenministerin Annalena Baerbock und als wäre diese in offizieller Mission gekommen, genau wie sie selbst. Denn vor allem haben Chiayo Kuo, Debby Szu-Ya Wang und David Chienkuo Wu eines im Sinn: Sie wollen für die Dauer der Aufführung eine Botschaft im Haus der Berliner Festspiele eröffnen.
Eine fiktive Botschaft natürlich, die lediglich von der Kunstfreiheit gedeckt ist, beruhigen sie die ganz sicher im Saal anwesenden Mitarbeiter des chinesischen Außenministeriums, also jenes der Volksrepublik. Eine tatsächliche Botschaft hätte kaum kalkulierbare Auswirkungen, auch für die BRD. Nicht zufällig ist Taiwan heute nur noch von zwei Handvoll kleinen Ländern anerkannt. Wer zu enge Bande knüpft, muss mit schwerwiegenden Folgen rechnen. Das bekam in den letzten Jahren Litauen zu spüren, dem Peking einen Handelskrieg androhte.
Dem stimme ich nicht zu
Die drei Experten also erzählen von der schwierigen Beziehung der beiden Chinas zueinander und von deren Auswirkungen auf die taiwanesische Gesellschaft. Vor allem Wu, der pensionierte Diplomat, und Kuo, die Aktivistin, unterscheiden sich in ihren politischen Einstellungen. Sie streiten zwar nicht, heben aber immer wieder ein Schild hoch, wenn der andere gerade spricht, auf dem "I disagree" steht. Wu ist, wie viele ältere Taiwaner, auf Vorsicht bedacht, will den großen Nachbarn auf keinen Fall provozieren, hält den früheren Diktator Chiang Kai-Shek für einen großen Staatsmann und träumt von einer Wiedervereinigung.
Kuo dagegen gehört der jüngeren Generation an, die selbstbewusst für die Demokratie, den eigenen Staat und dessen Unabhängigkeit eintritt. Und Wang? Die Musikerin hält sich betont zurück mit politischen Aussagen. Die Erbin eines global operierenden Bubble-Tea-Unternehmens schwört ohnehin eher auf Handel und wirtschaftliche Potenz denn auf Politik. In einer Szene beugen sie und Wu sich über eine Weltkarte. Wu platziert kleine Symbolfelder auf den Ländern, in denen Taiwan eine Botschaft unterhält; Wang kontert mit den Bubble-Tea-Fabriken, die ihre Familie betreibt.
Kunst der Funktionäre
So schreitet der Abend unterhaltsam und lehrreich voran, um schließlich emotional zu enden. Als die temporäre Botschaft wieder abgebaut wird, laden die Experten die Zuschauer dazu ein, mit ihnen nach dem Applaus noch ins Gespräch zu kommen, und bitten sie darum, sie in Erinnerung zu behalten, was auch immer mit Taiwan geschehen wird. Sie kompensieren also die offizielle diplomatischen Vertretung mit der unmittelbaren Begegnung.
Persönlich und politisch ist das folgerichtig, ästhetisch aber enttäuscht es. Ausgerechnet Stefan Kaegi lässt seine Protagonisten jene Eigenheit des Theaters beschwören, die auch Bühnenvereins-Funktionären regelmäßig das Herz erwärmt: das Hier und Jetzt, die Kopräsenz aller Beteiligten. Schade! Arbeiten der Rimini-Protokoll-Mitglieder sind meist auch kleine Fluchten aus der Konvention, sind Entwürfe dessen, was Theater noch sein könnte. Hier jedoch fällt diese Neuentdeckung aus, hier begnügt sich die Kunst damit, das zu sein, was sie angeblich schon immer war.
Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan)
von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll)
Konzept und Regie: Stefan Kaegi (Rimini Protokoll), Dramaturgie und Regieassistenz: Szu-Ni Wen, Szenografie: Dominic Huber, Video: Mikko Gaestel, Musik: Polina Lapkovskaja (Pollyester), Debby Szu-Ya Wang, Heiko Tubbesing, Recherche Taiwan: Yinru Lo, Videodreh: Philip Lin, Licht: Pierre-Nicolas Moulin, Co-Dramaturgie: Caroline Barneaud, Regieassistenz: Kim Crofts: Mitarbeit Szenografie (Trainee): Matthieu Stephan, Outside Eyes: Aljoscha Begrich, Viviane Pavillon.
Mit: Chiayo Kuo, Debby Szu-Ya Wang, David Chienkuo Wu.
Premiere am 24. Januar 2024
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.berlinerfestspiele.de
Kritikenrundschau
Einen "freundlich theaterpädagogischen Abend" hat Ulrich Seidler erlebt und schreibt in der Berliner Zeitung (26.1.2024): Schön gemacht ist das und bleibt doch seltsam wirkungslos. Wir sehen, wie Taiwan sich durch die martialische Bedrohung balanciert und wünschen viel Glück dabei."
"Der Titel der Inszenierung ist natürlich eine ironische Falle und mindestens doppelbödig", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (26.1.2024). "Denn natürlich soll die Inszenierung genau das sein, eine Botschaft an den Rest der Welt, den kleinen Inselstaat vor der chinesischen Küste nicht zu vergessen. Aber die Aufführung ist gleichzeitig auch die temporäre Simulation einer staatlichen Institution, die Theatervariante einer diplomatischen Vertretung." Die Pointe ist für Laudenbach, "dass es sich bei den Berliner Festspielen nicht um irgendein Stadttheater handelt, sondern um eine direkt vom Bund getragene und finanzierte Einrichtung. Die direkte Vorgesetzte des Intendanten ist die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Claudia Roth, mit einem Büro im Kanzleramt als Amtssitz. Das macht die Aufführung mit der Theater-Botschaft zum Politikum."
"Seit knapp 25 Jahren macht die Gruppe Rimini Protokoll diese Art von Dokumentartheater: echte Menschen, reale Konflikte und Lösungen, die so nur im Theater funktionieren", schreibt Georg Kasch in der Morgenpost (26.1.2024). Schnell sei das Publikum im Saal bereit, sich mit dem Anliegen der drei "Expert*innen des Alltags* zu solidarisieren. Die Inszenierung arbeite indes auch ihre Konflike untereinander schön heraus. "Nach dem gut 100-minütigen Abend ist klar, dass es in der internationalen Politik nicht für alles eine Lösung gibt. Manchmal liegt die Herausforderung gerade darin, das Ungefähre auszuhalten."
"Es geht um Existenzberechtigung. Drei sehr unterschiedliche Menschen aus Taiwan versuchen, die absurde Situation eines Landes näherzubringen, das de facto unabhängig ist, aber von fast keinem Staat der Welt offiziell anerkannt wird", schreibt Katja Kollmann in der taz (29.1.2024). Eine wunderbaren Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit trage den Abend.
Die "persönlichen Erfahrungen" der Akteure mischen sich "mit der Tragik ihres Landes, Fakten und Visionen setzen sich mit witzigen Episoden zu einem grossartigen Mosaik zusammen", schreibt Anna Kardos zum Gastspiel beim Zürcher Theater-Spektakel in der Neuen Zürcher Zeitung (18.8.2024). "Und bei aller Realität wahrt Stefan Kaegi die künstlerische Distanz, so dass das Stück trotz Intimität nie ins Voyeuristische abdriftet. So entsteht ein sinnlich-theatrales Amalgam, das uns Zuschauende mitnimmt auf eine Spurensuche in ein Land, das bis heute offiziell nicht existieren darf."
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nachtkritikvorschau
Rimini Protokoll beleuchtet mit seinen bewährten Mitteln aus "Experten des Alltags"-Dokutheater und einem Mix aus Frontal-Erklärbär und unterhaltsameren Passagen den weltpolitischen Konflikt um Taiwan.
Formal fand ich den Abend nicht ganz so konventionell wie Michael Wolf, sondern durchaus interessant gebaut: "Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan)“ scheint zur Halbzeit in Richtung Agit-Prop-Theater abzubiegen. Das Trio gibt sich wild entschlossen, den Tabubruch zu wagen und das Haus der Berliner Festspiele, wenige Kilometer vom Regierungsviertel entfernt, zur Botschaft Taiwans zu erklären. Triumphierend enthüllen sie eine Plakette, diskutieren über Flagge und Hymne des neuen Staates und erklären, wie das bei den Olympischen Spielen gehandhabt wird, wo Taiwan den großen Nachbarn zuletzt im Badminton schlug.
Als dann Zuschauer*innen in der ersten Reihe von der Live-Kamera eingeblendet und als vermeintliche Außenministerin Annalena Baerbock oder Konzernchefs von VW und Biontech begrüßt werden, droht der Dokutheater-Abend läppisch zu werden. Doch natürlich ist diese Passage nur ein Spiel mit Klischees von Agit-Prop- und Mitmachtheater.
„Dies ist keine Botschaft“ nimmt souverän die Kurve und steigt in eine facettenreichere Betrachtung des Taiwan-Konflikts ein. Die Meinungsunterschiede und Risse im Trio werden deutlich: Wie ist der Staatsgründer und Maos Widersacher im Bürgerkrieg Chiang Kai-shek, der Taiwan bis zu seinem Tod nationalistisch und autoritär führte, aus heutiger Sicht zu beurteilen? Mit stumm hochgehaltenen „I Disagree“-Schildern dokumentieren sie die abweichende Meinung, während der/die Andere spricht. Hier wird auch ein Generationenkonflikt markiert. Am stärksten hält sich die Firmenerbin und Musikerin zurück, sie begründet dies mit der Angst vor Konsequenzen für sich und ihre Familie (der global agierende Bubble Tea-Konzern wird hier nicht explizit angesprochen, ist aber sicher nicht nur mitgemeint) und vergleicht ihre unbequeme Situation mit Taiwans Lage an der Reibungsstelle tektonischer Platten, die oft zu Erdbeben führen.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/01/25/dies-ist-keine-botschaft-made-in-taiwan-berliner-festspiele-kritik/