Oh Boyoma - Konzert Theater Bern bringt Elia Redigers Musiktheaterstück im Gasthofsaal "Heitere Fahne" zur Uraufführung
Utopie-Bunker im Kongo
von Claude Bühler
Bern, 2. Juni 2017. In knallgelbe Schutzanzüge gehüllte Leute schicken das Publikum mit Megaphonen in Sicherheitsschleusen. Im Saal muss man die Personalien angeben, wird nach Gruppen (grün, gelb, blau ...) an Tische gesetzt. Serviert wird Suppe, Wein und Brot. Aus einer Toncollage von fiktiven Radiomeldungen dringen Worte wie "Unruhen", "Krieg", "Eiszeit in Europa" ins Ohr.
Im Kongo der Zukunft
Der Programmtext verrät: Wir befinden uns im Kongo im Jahre 2030, in einer der Stadt vorgelagerten Quarantänestation, in der es 40 Tage auszuharren gilt; einer mittlerweile namenlosen Stadt, die seit längerem jeden Kontakt zur Restwelt abgebrochen hat. Ein Chor heißt uns mit einem "Bienvenu"-Song Willkommen, eröffnet uns, dass die Stadt sich Verfassung, Gesetzesverordnungen und Chronik in einem Lied aus 387 Strophen gegeben hat. Klingt verheissungsvoll, denkt man, denn nun soll es ja losgehen mit dem "positiven Bild der Zukunft", dem "Kitsch einer besseren Welt", mit den "köstlichen Geheimnissen eines autarken Raums", wie es der Programmtext verspricht.
Genau das kommt dann aber nicht. Hausautor Elia Rediger vermag kaum je ein (zukünftiges) Präsens zu formulieren, zumal kaum ein positives. Vergessen wollen die im Urwald abgeschiedenen Städter. Aber Rediger lässt sie vor allem über Vergangenes erzählen. In der Zukunftsstadt halten die Kriegsgreuel früherer Zeiten die Gedächtnisse besetzt. Dystopisch wird fabuliert: Die EU ist nach dem Brexit zusammengebrochen. Der Neoliberalismus hat die Menschen Europas so sehr versklavt, dass dem der Strom abgestellt wird, der die neuen AGB eines Handy-Anbieters nicht akzeptiert. Alles flieht nach Afrika. Im Ursprungstext wurde auch noch der "argentinische Papst" getötet.
Alle Register
Rediger weitet den Blick auf Kunst und Kosmos als fänden sich hier vielleicht positive Zukunftskeime: Von der kosmischen Hintergrundstrahlung als Folge des Urknalls ist etwa die Rede wie auch von der Theorie der freien Radikale. Die Geschichte des Raumfahrtpioniers Jean-Patrice Keka Ohemba Okese wird erzählt oder die des malenden Schimpansen Congo (im Stück: Ivanka), der sogar Picasso begeistert haben soll.
Bei den Bühnenmitteln zieht Regisseur Michael Lippold alle Register. Die Live-Kamera montiert Gesichter überlebensgroß in Urwaldszenarios auf der Hauptbühne. Einer tanzt mitten im Publikum seine Wut aus zu Gitarren-Krachattacken. Das Publikum wird vom Band-Chor zum Mitsingen aufgefordert – etwa über die Schweizer Nationalspeise Raclette. In einem Rap werden eine ganze Reihe von "Resistenzen" der Neukankömmlinge aufgezählt. Die Aufzählung wird zu einem frechen Abriss dessen, was laut den Medien unsere Zivilisation ausmache: Casting-Shows, Vereinsamung, Fleisch, Depression etc.
Das als Nummern-Revue strukturierte "Musiktheaterstück" erinnert – zusammen mit dem Ambiente des großen Landgasthofsaales – an einen "bunten Abend", mit Episoden, Anekdoten, Songs, Tanzeinlagen. Das ist der Witz des Unternehmens. Das als verschworene Gruppe auftretende Ensemble zeigt sich als eine heterogene Gemeinschaft, die den Katastrophen auf ihrer Fahrt ins Ungewisse mit ungebrochener Würde, Spielfreude und Selbstironie begegnet und auch das Belanglose feiert. Sie will uns als Animateure zur Utopie in der Dystopie quasi mitreißen. Besonders fällt dabei Rediger mit Gitarre oder am Klavier als theatralische Reinkarnation eines Paul McCartney auf, der Tänzer Dorine Mokha als narzisstischer Charmebolzen, Nico Delpy als gewitzter Intellektueller oder Innocent Bolunda als das emotionale Gedächtnis der neuen Bürger.
Mit guter Laune wenig präzise
Der ausufernde Fabulier-Text hält die Geschichte als Bilderreigen immer mindestens einen Meter über dem Boden. Mehr als Beschwörung und Behauptung ist da selten. Manche Anspielungen scheinen wie Assoziationsrausch hingeschrieben, als dramaturgische Verdichtung sind sie oft zu wenig präzis gesetzt. So entsteht bei aller guten Laune wenig Anteilnahme. Man betrachtet mit distanziertem Wohlwollen den tollen Einsatz der Truppe, die Vielfalt der Inszenierungsmittel, nimmt es hin, wenn die Nummern mal durchhängen. Hier wäre die ordnende Hand der Regie und der mutige Strich der Dramaturgie erwünscht gewesen, zudem im Prozess auch immer wieder mal die Frage, worin der Fokus bestehen sollte. Und auch das positive Zukunftsbild.
Denn im Programmtext wird als negatives Gegenbild zur Stadt ohne Namen der "private Bunker" angeführt. So weit entfernt vom Bunker ist ja die Vorstellung nicht, dass sich eine Gemeinschaft im Urwald völlig von der Weltgemeinschaft und der Zivilisation absetzt, und die anderen vergessen will.
Oh Boyoma
von Elia Rediger
Uraufführung
Regie: Michael Lippold, Bühne: Iris Kraft, Video: Elia Rediger, Can Elbasi, Musik: Franck Moka, Elia Rediger, Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy.
Von und mit: Nico Delpy, Franck Moka, Elia Rediger, Innocent Bolunda, Dorine Mokha, Mariananda Schempp. Mit Beiträgen von Shoggy Angoy, Rosette Lemba.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.konzerttheaterbern.ch
Kritikenrundschau
Gisela Feuz schreibt im Berner Bund (6.6.2017): "Oh Boyoma" in der Regie von Michael Lippold sei ein multimediales Musiktheater, das frage, "wie wir Menschen uns Zukunftsbilder schaffen und auf welchen Hoffnungen und Ängsten diese basieren". Bei der Erarbeitung sei "viel Autobiografisches" der Schauspieler*innen "eingeflossen", auch viel Material aus Interviews, welche er – "Rediger selber wurde 1985 im Kongo als Kind von Schweizer Entwicklungshelfern geboren" – vor Ort zusammengetragen habe. Die "Menge an Geschichten", welche ohne "stringente Handlung" in zwei Stunden Spielzeit gepackt wurden, sei "erdrückend", die Aufführung "äußerst textlastig" und das Lesen der Übersetzungen ermüde. Weniger wäre mehr gewesen.
Auf nzz.de, dem Online-Portal der Neuen Zürcher Zeitung, schreibt Beatrice Eichmann-Leutenegger (5.6.2017): Elia Redigers zweisprachiges Stück blicke in "eine nahe Zukunft" und riskiere "eine andere Optik". "Träume und utopische Entwürfe" prägten das Stück, das "sich einem dramatischen Gedicht annähert". Es verzichte auf kohärente Inhalte und Dialoge mit Spannungspotenzial, verschmelze dafür "Wort, Bewegung, Musik und Videoprojektionen". "Laut und wild" gebärde sich diese Produktion, "farbig (mit etwas Folklorekitsch) und kummervoll zugleich", von "Leben strotzend" und von "Unheil kündend". Auf einen "schlüssigen Nenner" lasse sie sich nicht bringen, wirke auch manchmal "noch etwas unausgegoren", bleibe aber "haften als Wurf eines jungen Wilden".
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Die ganze Kritik ist zu finden unter
https://www.stimme-der-kritik.org/715.html
Warum hat Autor nicht an einer wirklichen Dystopia gearbeitet? Eine, die morgen oder demnächst beginnen wird.
Mir fehlt die Feinheit, die Beobachtungsgabe, die Kraft des Textes. Reicht die Phantasie von Hausautor und Dramaturgie nicht weiter?
Der Abend, ein Grund weniger ins Theater zu gehen, von allem ein wenig, Diskurstheater, Musical, Schmonzette und purer Zynismus.
wieder ein zynischer Quark? Was war denn der Quark davor? Was hat die Dramaturgie eines Hauses mit der Phantasie eines Autors zu tun? All diese Fragen könnten Sie der Dramaturgin des Abends stellen. Schauen Sie mal, da oben unter der Kritik steht sogar der Name: Eva-Maria Bertschy. Sie freut sich sicher über inhaltlich wertvolle Rückmeldungen und auf einen phantsievollen Dikskurs. Sie auch?