Eine Nacht im Berliner Ensemble - Interview mit Stefanie und Christoph Siegmann, die das BE-Logis-Angebot ersteigert haben
Wir wollen gegen die Kürzungen protestieren
29. Januar 2025. Für 1.500 Euro haben sich Stefanie und Christoph Siegmann eine Übernachtung im Berliner Ensemble ersteigert. Wie's kam und ob die Geister von Bertolt Brecht und Helene Weigel sie während der Nacht Ruhe finden ließen, erzählen die beiden am Morgen danach.
Interview mit Katrin Ullmann
Ungewöhnliches Hotelzimmer: die Bühne des Berliner Ensembles für die einmalige Übernachtung hergerichtet © Moritz Haase
29. Januar 2025. Eine Nacht auf der großen Bühne des Berliner Ensembles hatte das Haus auf Ebay versteigert. Zudem ein Vortrag eines Nachtgedichts und ein Frühstück in der BE-Kantine mit Intendant Oliver Reese. Für 1.500 Euro haben Stefanie und Christoph Siegmann zugegriffen. Nachtkritikerin Katrin Ullmann hat die beiden am Morgen interviewt.
Wie war Ihre Nacht, wie haben Sie geschlafen?
Stefanie Siegmann: Wir haben ganz wunderbar geschlafen, wenn auch ziemlich kurz. Drei Stunden, mehr war nicht drin.
Oh, das ist sehr wenig – warum?
Stefanie Siegmann: Es gab gestern nach der Vorstellung doch ein gewisses Presseaufkommen und es dauerte, bis sich das alles wieder gelegt hatte. Und wir hatten noch die wunderbare Gelegenheit, dass die Schauspielerin Bettina Hoppe uns "Fünf mögliche Gebete" von Marie Luise Kaschnitz vorgetragen hat, eine ganz berührende Situation. Zwischendurch gab es noch eine kurze Führung durch die Unterbühne. Das war dann alles schon etwas später am Abend, und anschließend mussten wir erst mal zur Ruhe kommen.
Aber Sie bereuen es nicht, trotz der kurzen Nacht?
Stefanie Siegmann: Nein, es war wirklich eine einmalige Gelegenheit! Und wir sind wahnsinnig froh, ein bisschen was beitragen zu dürfen und die Kultur damit unterstützen zu können.
War es nicht auch etwa unheimlich ist, dort, wo die Geister von Brecht und Weigel ja vielleicht noch durchs Haus spuken? Und auch wenn man sich überlegt, wer alles schon auf dieser Bühne stand …
Christoph Siegmann: Ja, alleine wenn man bedenkt, dass das Haus eine 130-jährige Geschichte hat … Interessant war für uns aber, dass uns beiden das BE als Zuschauende sehr vertraut ist. Der Bühnenraum ist erstaunlich intim, weil die Bühne ohne Seitenbühne und ohne große Hinterbühne auskommt. Da entstehen nicht so unendliche Weiten. Aus Sicherheitsgründen musste irgendwann leider der Eiserne Vorhang runter. Denn mit das Beeindruckendste war dieser Perspektivwechsel, der Blick in den Zuschauerraum.
Hätten Sie denn auch bei einem anderen Haus mitgeboten?
Christoph Siegmann: Uns interessiert die komplette Berliner und darüber hinaus die Theaterlandschaft im gesamten deutschsprachigen Raum. Wir hätten sicherlich auch bei einem anderen Haus mitgeboten, zweifelsohne, aber vielleicht mit nicht ganz so viel Herzblut wie hier. Wir haben eine besondere Verbundenheit zum Berliner Ensemble: Als wir damals nach Berlin gekommen sind, führte uns, per Zufall, unser erster Theaterbesuch hierher.
Christoph Siegmann und Stefanie Siegmann fanden im Theater am Schiffbauerdamm drei Stunden Schlaf © Moritz Haase
Was hat Sie eigentlich hauptsächlich bewogen, bei dieser Versteigerung mitzumachen? Ging es Ihnen um das einmalige, exklusive Erlebnis oder wollten Sie ein kulturpolitisches Zeichen setzen?
Christoph Siegmann: Es ging uns primär um die Geste, das BE zu unterstützen und damit gegen die Kürzungen zu protestieren. Das ist uns wahnsinnig wichtig. Wir sind entsetzt darüber, wie das Ganze hier in Berlin abgelaufen ist, ohne die Betroffenen mit einzubeziehen und das überhaupt erst vier Wochen vor Jahresende zu kommunizieren. Das ist eine Katastrophe! Als wir das mitbekommen haben, haben wir zuhause darüber nachgedacht, was wir beitragen könnten, wie wir helfen könnten. Dass das BE daraus diese Aktion gemacht hat und seinen Protest mit einem positiven Dreh verbunden und sich eben nicht pessimistisch hingestellt und gesagt hat: Hier geht alles den Bach runter! Sondern auf diese charmante Art und Weise Aufmerksamkeit noch mal auf dieses Thema gelenkt hat: Das fanden wir eine sehr schöne Idee!
Glauben Sie, dass diese Art von Mäzenatentum ein Modell der Zukunft sein könnte?
Christoph Siegmann: Tatsächlich wird es wohl ein notwendiges Übel werden. Dabei wäre es eigentlich sehr wichtig, dass die öffentliche Hand ihrem Versorgungsauftrag nachkommt. Aber vermutlich wird das immer weniger möglich sein. Und eine Alternative muss natürlich sein, dieses Mäzenatentum so wie in den USA üblich, viel stärker auszubreiten.
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