"Oh, Gott! Das ist ja die Hölle!"

4. Juni 2025. Victoria Trauttmansdorff gehört seit mehr als zwanzig Jahren zum Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters. Dort spielt sie zur Zeit in Tschechows "Die Möwe", inszeniert von ihrer Tochter Charlotte Sprenger. Es geht um einen Generationskonflikt in einer Künstlerfamilie. Wo verläuft die Grenze von Kunst und Leben, Arbeit und dem Privaten? 

Ein Interview von Elske Brault

Die Schauspielerin Viktoria Trauttmansdorff und die Regisseurin Charlotte Sprenger © Elske Brault

3. Juni 2025. Charlotte Sprenger hat in ihrer Inszenierung "Die Möwe" (hier die Nachtkritik) aus dem Sohn Kostja des Originalstücks eine Tochter gemacht. Mit einem Experimentalfilm rebelliert Tochter Kostja gegen den traditionellen Kunstbegriff ihrer Mutter Arkadina, einer etablierten Schauspielerin. Und diese Mutter spielt in Sprengers Inszenierung ihre eigene Mutter: Victoria Trauttmansdorff.

Charlotte Sprenger, haben Sie darüber eigentlich am Küchentisch mit Ihrer Mutter diskutiert?

Charlotte Sprenger: O Gott nein, ich wohne nicht bei meinen Eltern und habe das auch während der Probenzeit nicht getan. Aber wir hatten ein paar Diskussionen am Probentisch, da hat man gemerkt: "Uh, das ist jetzt irgendwie sehr nah, ich habe keine Distanz." Das ist für eine Probe manchmal sehr schwierig. Für mich war hundertprozentig klar, dass Victoria die Arkadina spielt, noch bevor ich mich entschied, Kostja mit einer Frau zu besetzen. Denn die Eltern sind die Ersten, in denen man sich spiegelt, an denen man sich abarbeitet. Mit Fragen wie: Was hat man zu erzählen? Was ist in einem drin, das raus muss?

Victoria Trauttmansdorff, ich habe Ihre Arkadina als ziemlich brutal empfunden, als jemand, der die Tochter total abbügelt, aber das ist im wahren Leben genau das Gegenteil.

Victoria Trauttmansdorff: Ich kann auch brutal sein, wie jeder Mensch, und wenn mir was wichtig ist, dann kann ich von dem Punkt nicht runter. Arkadina sagt ganz böse Sachen, aber sie versucht auch die Versöhnung.

Charlotte Sprenger: Arkadina ist viel kaputter als du. Du hast mich grundsätzlich immer unterstützt, ich hatte immer so ein affirmatives Gefühl. Ich fand diese unabdingbare Seite von Arkadina interessant, die du auch hast.

Victoria Trauttmansdorff: Die Arkadina ist eine alleinerziehende Frau gewesen. Die musste sich allein hochkämpfen in ihrem Beruf, mit einem Kind, und dadurch war sie einer großen Härte ausgesetzt im Leben. Das hat mich interessiert an der Figur, diese praktische Härte von Frauen, die einfach wissen, das Leben ist ein Kampf. Ohne den Kampf und eine gewisse Brutalität kommst du nicht weiter.

Etwas allerdings ist typisch für das Jahr 2025. Noch vor 30 Jahren hätte ich dieses Interview geführt mit dem Duktus "Wie haben Sie, Charlotte Sprenger, es geschafft, sich von dem Schatten der Mutter zu befreien?" Und jetzt ist es eher: "Meine Güte, Victoria Trauttmansdorff, wie schaffen Sie es, den Regieanweisungen Ihrer Tochter zu genügen"?

Victoria Trauttmansdorff (lacht): Ja, das ist gar nicht so leicht. Die hat mir immer gute Sachen gesagt. Wir sind im Leben sehr gute Freunde. Wir reden beide gern und viel über Menschen und Befindlichkeiten, und wir sind beide extrem neugierig. Wenn man das schafft, eine gemeinsame Neugierde über eine Figur zu entwickeln, macht das Spaß, also wenn das Proben mehr ein Forschen ist, und das hatten wir sehr oft.

"Ohne den Kampf und eine gewisse Brutalität kommst du nicht weiter." Victoria Trautmannsdorff

Einmal hatten wir eine Diskussion ganz am Ende der Probenzeit, das war sehr lustig. Es ging um eine Banalität, und wir haben uns so reingefräst in dieses Gespräch, wie nur Mutter und Tochter es können. Dann ging das halt so vom Hölzchen aufs Stöckchen. Auch der Dramaturg hat sich eingemischt, und die Kollegen machten Gesichter wie: 'Oh Gott, das ist ja die Hölle'. Ich fühlte mich auch schon ein bisschen spießig. Man muss zu unserer Verteidigung sagen, es ist nicht so oft passiert. Dann war die Probe vorbei und wir mussten beide mit einem Zug wohin fahren. Ich musste nach Saarbrücken für einen Dreh und Charlotte musste nach Köln zu einer Premiere. Aber wir haben immer weiter telefoniert und gestritten. Also wir telefoniert, telefoniert, telefoniert, auf einmal merken wir beide, dass wir unsere Züge versäumt haben.

Charlotte Sprenger: Und dann hat Vicky 20 Stunden Verspätung gehabt! Ihr Zug ist dann ausgefallen und da hatte sie so eine Riesenstrafe für diesen Streit. Weil sie wirklich 18 Stunden oder so im Zug verbracht hat.

(Beide lachen herzlich und lange.)

Victoria Trauttmansdorff: Da habe ich mir geschworen, nie wieder in meinem Leben weiß ich hier irgendwas besser. Das war wie ein kosmisches Zeichen dafür, dass es manchmal gut ist, loszulassen.

Ist das ein Verhaken von jüngerer Frau mit neuen Ideen gegen ältere Frau mit mehr Erfahrung oder ist es ein Verhaken von Mutter und Tochter?

Charlotte Sprenger: Das ist interessant in diesem Generationenkonflikt: Ich arbeite gerade hier am Nationaltheater Mannheim mit einer Schauspielerin, die ist ungefähr so alt wie Victoria, und die sagt auch Sachen wie: So haben wir das nicht gemacht, oder: So habe ich das nicht gelernt. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass Victoria ganz oft sagt, das ist eine Scheißrolle, oder: das Stück ist so schwer. Das nervt mich total, denn für mich stimmt das ja gar nicht!

Victoria Trauttmansdorff: Für mich gibt es eher einen Unterschied zwischen Schauspieler und Regisseur: Der Schauspieler braucht eine gewisse Pragmatik, er muss ja auf der Bühne stehen und das für sich und für die Leute in irgendeiner Form glaubhaft machen. Da geht es um pragmatische, wirkungstechnische Sachen: Wenn ich weiter vorne stehe oder ein bisschen schneller bin, fühlt sich das besser an? Es war angenehm in der Arbeit, dass Charlotte sich nicht so eingemischt hat. Ich mache meinen Beruf, sie macht ihren Beruf und man kann sich in der Mitte treffen. Und das ist auch ein gewisser Respekt vor diesem pragmatischen Wissen, was man sich ja über Jahre aneignet: Da kannst du jetzt noch 200 mal sagen, das ist gut. Ich spüre im Körper, es stimmt nicht.

Was macht es für den Konkurrenzkampf der jüngeren und der älteren Generation für einen Unterschied, dass in Ihrer Version es nicht der Sohn Kostja ist, der mit dem Liebhaber der Mutter, Trigorin, konkurriert, sondern die Tochter Kostja, die aus anderen Gründen mit der Mutter konkurriert?

Charlotte Sprenger: Ich habe gar nicht so viel über dieses Konkurrenzverhältnis nachgedacht. Ich habe eher nachgedacht, wie es ist, als alte Frau in diesem Beruf zu sein. Und dass der Mutter, die ja Schauspielerin ist und keine Regisseurin, der Respekt fehlt vor einer künstlerischen Haltung, die diese Kostja in meiner Interpretation von der Figur auf sehr radikale Art und Weise hat. Sie hat keine Angst davor, sich selbst und auch den tiefsten Abgründen zu begegnen in ihrer Kunst. Mir ging es mehr um ein grundsätzliches Verständnis: Was muss eine Frau als Künstlerin machen, damit die Leute sie ernst nehmen und verstehen, dass sie etwas zu erzählen hat.

"Was muss eine Frau als Künstlerin machen, damit die Leute sie ernst nehmen und verstehen, dass sie etwas zu erzählen hat." Charlotte Sprenger

Victoria Trauttmansdorff: Das Problem als Mutter ist ja, dass du dich immer verantwortlich fühlst für dein Kind. Und Charlotte ist als Regisseurin in einer extrem ausgesetzten Position. Du denkst: Hoffentlich macht sie es richtig, hoffentlich sind die anderen nett zu ihr, hoffentlich isst sie genug, hoffentlich schläft sie genug. Mittlerweile habe ich gemerkt, das ist ein Blödsinn. Ich habe mich in dieser Produktion fallen lassen können. Das war sehr angenehm.

Bei Tschechow inszeniert der männliche Kostja sein erstes Theaterstück, bei Ihnen, Charlotte Sprenger, dreht die weibliche Kostja einen Experimentalfilm.

Charlotte Sprenger: Ich habe das extra so gesetzt, damit es in der Auseinandersetzung von Mutter und Tochter auch um das Verhältnis von Film und Theater geht. Mein Vater ...

... der Regisseur Wolf-Dieter Sprenger ...

... hat früher oft gesagt: "Das ist jetzt alles immer mit Video", er mochte das nicht. Aber man merkt, wenn man in der Vorstellung sitzt, dass die jüngere Generation damit ganz viel anfangen kann. Das Video wird im Stück ein bisschen so benutzt wie soziale Medien, als ein filmisches Tagebuch. Im Kern ging es für mich um die Frage, wenn einen noch nicht mal die eigene Mutter als Künstlerin ernst nimmt, wie kann man sich da selbst ernst nehmen? Und was bedeutet das, dass man ernst nimmt, was man selbst denkt oder empfindet, was hat daran einen künstlerischen Wert?

Fühlt man sich als Mutter, als ältere Frau ein wenig aufs Abstellgleis geschoben, wenn die Tochter sehr viel mit Video arbeitet und man weiß, die versteht die TikTok-Generation, aber man selbst denkt, das hätte es eigentlich alles nicht gebraucht?

Victoria Trauttmansdorff: Nee, so denke ich überhaupt nicht. An dem Konflikt von Arkadina und Kostja und dem Älterwerden fand ich interessant, dass die Rolle, die du spielst in der Gesellschaft, immer geringer wird. Das ist jetzt ein Riesenthema in den Medien, aber auch eine Tatsache, dass du es als älter werdende Frau, gerade in diesem Schauspieler-Beruf, nicht leicht hast. Es ist super banal, aber es ist leider so. Ich habe da noch Glück, aber die Arkadina ist bei uns auch eine Frau, die einen jüngeren Mann hat. Der ist so alt wie ihre Tochter.

DieMoewe Trautmannsdorff  JuliaSangNguyenViktoria Trautmannsdorff als Arkadina in Tschechows "Die Möwe", inszeniert von ihrer Tochter Charlotte Sprenger © Julia Sang Nguyen

Dadurch steht sie unter einem wahnwitzigen Druck: Wenn du einen Liebhaber hast, der 30 Jahre jünger ist als du, dann ist das nicht ganz einfach für eine Frau in unserer Gesellschaft. Und man sieht sowas auch nicht jeden Tag. Dadurch entsteht ein so instabiles Nervenkostüm. Arkadina hält sich fit. Sie behauptet nach außen, dass sie durch ihre Disziplin und ihre Leidenschaft am Leben noch so dran ist, und das stimmt ja auch, das habe ich ja auch ganz stark. Aber sie ist ganz real eine, die aussortiert wird, wenn nicht vom Beruf, dann vom Leben.

Wie ist das für Sie als Regisseurin? Haben Sie das Gefühl, nicht genug gesehen zu werden oder besonders stark kämpfen zu müssen, um Gehör zu finden für ihren Blick auf die Stücke?

Charlotte Sprenger: Also ich würde da ungern jammern, ich habe super viele Leute, die sich dafür interessieren, was ich zu sagen habe. Aber ich fühle mich oft unverstanden, in der öffentlichen Wahrnehmung oder in Gesprächen mit Theatern. Wahrscheinlich ein subjektives Regieleiden ... Naja, das Weibliche liegt ja im Privaten. In der weiblichen Erzählung, wenn es so was überhaupt gibt, geht es immer um Innenräume. Die Frauen in den letzten paar Jahrhunderten wirkten im Inneren des Hauses, und das bedeutet, dass Weiblichkeit immer beschränkt ist auf Intimität.

Victoria Trauttmansdorff: Ich merke gerade, dass mein komplettes Theaterverständnis, auch das, was ich vorher erzählt habe von meinem Pragmatismus, von Männern geprägt ist.

"Die Frauen in den letzten paar Jahrhunderten wirkten im Inneren des Hauses, und das bedeutet, dass Weiblichkeit immer beschränkt ist auf Intimität." Charlotte Sprenger

Charlotte Sprenger: Ich habe meinen Vater mal gefragt, der hat mit einer Freundin von mir gearbeitet, mit Pinar Karabulut: Wie oft hast du mit Frauen gearbeitet? Und er so: Ich glaube, das war das erste Mal. Da war der schon Ende 70!

Ja, man hat nur von Männern gelernt. Man hat nur männliche Vorbilder.

Victoria Trauttmansdorff: Ein guter Regisseur hat früher, es war einfach ein Markenzeichen, rumgebrüllt. Wie ich hier in Mannheim angefangen habe am Theater, hat der Intendant regelmäßig das Telefon in der Requisite vor Wut aus der Wand gerissen. Das war aber ganz normal. Da wurde nicht gesagt, hat der eine Schraube locker, sondern man dachte, wow, der hat echt Eier in der Hose, der hat Durchsetzungskraft, der zerschlägt mein Bühnenbild und dann machen alle es so, wie er es will. Das hat sich ja Gott sei Dank am Theater komplett geändert. Und das liegt, glaube ich, auch daran, dass viele Frauen am Theater arbeiten.

Charlotte Sprenger: Der Umgang hat sich einfach verändert.

Victoria Trauttmansdorff: So eine Art von Freude an der Arbeit ist das Wichtige. Miteinander ist wichtiger geworden. Es ist auch viel wichtiger geworden, dass Schauspieler zusammenspielen, miteinander arbeiten. Früher ging es eher darum, dass man selbst strahlt. Dass die anderen strahlen, war auch gut, aber es ging hauptsächlich um einen selbst.

Charlotte Sprenger: Es gibt auch Altersdiskriminierung, die habe ich schon öfter erlebt am Theater, dass man so denkt, der versteht das eh nicht. Da gibt es so Vorbehalte, gegenseitige Ressentiments. Ich glaube, ich habe das nicht so stark, in meiner Generation ist es eher unüblich, dass wir uns so abgrenzen von unseren Eltern wie die 68er von ihren. Die historischen Gründe sind offensichtlich. Aber trotzdem hat man Reibungen und die Chance, voneinander zu lernen. Das Tollste am Theater ist das Generationen übergreifende Arbeiten.

Elske Brault ist Reporterin, Schriftstellerin, Theaterkritikerin und Poetry Slammerin. Sie kennt Victoria Trauttmansdorff, seit diese 2007 unentgeltlich in Braults Kurzfilm "Hinter den Bildern" mitgewirkt hat. Trauttmansdorffs jüngere Tochter Johanna spielte 2011 in Braults Theaterstück "Nathan und seine Frauen". Das Interview fand in Mannheim statt, wo Victoria Trauttmansdorff und Charlotte Sprenger gerade an unterschiedlichen Projekten arbeiten. 

Kommentare  
Interview Trauttmannsdorff/Sprenger: Spannend
Ein spannendes Mutter-Tochter-Gespann das hier herausgekitzelt wird ;-)
Interview Trauttmannsdorff/Sprenger: Schlaglichter
Glückwunsch an allen Beteiligten! Mit der Überschrift habt Ihr mich getriggert, und dann hat es sich richtig gelohnt. Es wirft Schlaglichter auf so viele Aspekte, im Theater und im realen Leben. Danke! Ach ja, und die "Möwe" muss ich mir auch unbedingt anschauen...
Interview Künstlerfamilien: Erde und Mond
Es ist gegenüber anderen Medienprodukten für mich als MINT-ler ein Genuss die Nachtkritik zu lesen.

Bis eine Schauspielerin des hiesigen Theaters in die Nachbarwohnung eingezogen ist, dachte ich, nirgends wird mehr auf "heile Welt" gemacht als in der Politik (Erfahrung als Stadtrat) und in der katholischen Kirche (Bruder ist Pfarrer). Die Schauspielbranche steht dem in nichts nach, wie ich dank der Schauspielerin jetzt weiß. Als Begleitperson zu Branchentreffen habe ich sozusagen etwas Insider-Erfahrung. Mein Eindruck: Wie in der Politik und in der Kirche wird in dieser Branche ebenfalls auf heil(ig)e Welt gemacht.

Der Passus im Interview, wo Frau Trautmannsdorf ihre Erfahrungen mit einen "guten Regisseur" beschreibt und Frau Sprenger lapidar meint "der Umgang hat sich verändert" zeigt dies auf.

Meine Beobachtung: Nirgends scheint mir der fehlende Respekt zwischen Management (Intendanz resp. Regie resp. Dramaturgie) und Mitarbeiter/innen (Schauspieler/innen, technische Mitarbeiter/innen) größer zu sein als die Entfernung Erde und Mond. Und das obwohl die meisten Schauspieler/innen und die Intendanten/innen resp. Regisseure/innen resp. Dramaturgie eine akademische Ausbildung haben. Auch in der MINT-Branche gibt es arrogante Typen. Insbesondere gegenüber dem nicht-akademischen Mitarbeiter/innen fällt dies auf. Allerdings ist die "Leistung" der Akademiker/innen stark von der "Leistung" der Mitarbeiter/innen abhängig. Schauspieler/innen müssen scheint mir sehr viel (physisch und psychisch) aushalten, wie ich immer wieder auf der Bühne erleben darf. Wäre das in meiner Branche ähnlich, wäre ich schon längst woanders.
Interview Trauttmannsdorff/Sprenger: Herzerwärmend
Richtig, schönes und tolles herzerwärmendes Interview.
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