Eins zu null für SV Tschechow

13. April 2025. Bei Anton Tschechow werden die verfehlten Lieben und vergeigten Lebensentwürfe ja gern auf Landgütern verhandelt. Charlotte Sprenger verpasst dem Personal aus der "Möwe" jetzt ein Update und schickt es auf den Sportplatz. Federball ist aber nicht das einzige Spiel, in dem sie sich gegenseitig herausfordern. 

Von Andreas Schnell

"Die Möwe" in der Regie von Charlotte Sprenger am Thalia Theater Hamburg © Julia Sang Nguyen

13. April 2025. Ein Federballfeld, drumherum Bande mit Scheinwerfern, an der Bühnenrückseite eine Leinwand, über die verschwommene Bilder flimmern. Womöglich aus dem Foyer des Thalia in der Gaußstraße, auf dessen Szenario hier schon ein Raum im Raum aufgebaut ist. Das Wechselspiel zwischen Bühne und Leinwand will Charlotte Sprenger in ihrer "Möwe" nach Anton Tschechow untersuchen.

Es gibt deshalb nicht nur einen Film als Teil des Stücks, sondern das Making-of läuft gleich mit. Das eröffnet der Psychologie des Stücks bei allem Tempo und dem gelegentlich beherzten Griff in die Klamotte noch (mindestens) eine zusätzliche Ebene. Die Nähe, die das Spiel mit der Kamera ermöglicht, erlaubt dem Ensemble zudem, auch die ganz subtilen Fiesheiten sichtbar zu machen, zu denen diese Menschen greifen, wenn sie ihr Glück suchen – zu gern in der wahren Liebe, zumindest aber im echten Glück.

Alltag voller Gehässigkeiten

Zwar ist es erkennbar Tschechows "Möwe", die Charlotte Sprenger hier aufgreift, als ziemlich komplexes Spiel im Spiel (im Spiel): Der junge Dichter Konstantin Treplev ist bei Sprenger eine ehrgeizige Regisseurin Kostja (Anna Maria Köllner), die versucht, in dem von Müßiggang und Gehässigkeiten getriebenen Alltag auf Sorins (Falk Rockstroh) Anwesen einen Film zu drehen. Nina (Pauline Rénevier), ihre Geliebte, soll darin die Hauptrolle spielen, während die Arkadina (Victoria Trauttmansdorff, übrigens die Mutter von Charlotte Sprenger) – Kostjas Mutter und Sorins Schwester – immer etwas an ihrem Kind auszusetzen hat. Ihr Lover ist der Schriftsteller Trigorin (Merlin Sandmeyer), für den sich Nina wegen seines Erfolgs interessiert und Kostja schließlich verlassen wird.

Moewe1 1200 JuliaSangNguyenSubtile Fiesheiten zwischen Mutter und Tochter: Victoria Trauttmansdorff und Anna Maria Köllner auf Aleksandra Pavlovićs Bühne © Julia Sang Nguyen

Die übrigen Figuren sind entweder gestrichen oder umfunktioniert, ein Film braucht schließlich einen Aufnahmeleiter – wirklich sehr herzig: Tim Porath. Ein Sportplatz benötigt zudem einen Platzwart (Philipp Plessmann), und dann tollt noch Björn Meyer in einer Art Fetischkleidung als Schauspieler, Eisverkäufer und in weiteren Jobs durch die Szene. Die Kostüme sind überhaupt eine Schau für sich: Zwischen luftig schlichter Noblesse und Reifrock, glitzernd schimmernden Einteilern und barockem Schick, mit teils ausnehmend beknackten Frisuren gekrönt, schlagen sie die Brücke von Tschechow ins Heute. Die modischen Manierismen finden ihre Entsprechung im aufgedrehten, oft tänzerischen Spiel. Am natürlichsten wirken diese Leute eigentlich vor der Kamera – allerdings wird dieser immer gleich wieder bewusst einkassiert, gern mit verschwörerischem Blick in dieselbe.

Spiel ohne Ball

Das ist natürlich wirklich sehr witzig. Und dem Unternehmen mangelt es dabei auch nicht an analytischer Tiefe, selbst wenn es manchmal ein wenig kompliziert wird, die Spiele und Spielchen auf und vor der Leinwand zu verfolgen. Sie scheinen nahe dran an der Wirklichkeit dieser Figuren, die ihre eigentlichen Ziele ja oft genug maskieren müssen. Aus Angst, sonst im Spiel einen Punkt abgeben zu müssen, wie es Trigorin einmal sinngemäß sagt. So ist noch das Federballspiel auf der Bühne weniger Sport als vielmehr Schau, nicht einmal einen Ball braucht es da immer. Kein Wunder, dass Kostja, auf der Suche nach neuen Formen, nach Wahrhaftigkeit in Kunst und Leben, an dieser Gesellschaft verzweifelt.

Garstiger Witz

Dass es böse enden wird, wissen wir ja schon von Tschechow: Kostja ist am Ende tot, zur Möwe geworden, der Rest der Gesellschaft hängt ihren Gedanken nach. Die Kamera stellt auf Totale, auf der Leinwand sehen wir die Bühne als Bild im Bild im Bild, Abspann. Ganz an dessen Schluss: In Memoriam Rainer Werner Fassbinder. Kostja hat ihn an diesem Abend zitiert: "Das einzige, was ich akzeptieren kann, ist Verzweiflung."

Ein wirklich schöner, vielschichtiger Abend mit garstigem Witz – virtuos eingerichtet und großartig gespielt.

Die Möwe
von Anton Tschechow
In einer Bearbeitung von Matthias Günther und Charlotte Sprenger
Deutsch von Angela Schanelec
Regie: Charlotte Sprenger, Bühne und Kostüme: Aleksandra Pavlović, Video/Live-Kamera: Maximilian Schlehuber, Maximilian Hock, Musik: Philipp Plessmann, Dramaturgie: Matthias Günther, Licht: Paul Grilj.
Mit: Victoria Trauttmansdorff, Anna Maria Köllner, Falk Rockstroh, Pauline Rénevier, Björn Meyer, Merlin Sandmeyer, Philipp Plessmann, Tim Porath.
Premiere am 12. April 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.thalia-theater.de

Kritikenrundschau

Bei Charlotte Sprenger gewinne Tschechows Stück "an Witz und Dynamik", berichtet Katja Weise im NDR (13.4.2025) für die "das Zuschauen lohnt unbedingt". Sprenger "spielt mit Geschlechterrollen, das Ensemble ist viel in Bewegung", heißt es. "Das tolle Ensemble hat sichtlich Spaß am Spiel, an kleinen Einfällen und Improvisationen. Die Kostüme von Aleksandra Pavlović sind ebenso elegant wie übertrieben – aus jeder Zeit gefallene Hingucker."

"Diese 'Möwe' ist ein facettenreicher Abend, in dem Witz und Wahrhaftigkeit einander nicht ausschließen, der beherzt ins Alberne abdriftet und trotzdem subtile Töne findet. Macht wirklich Spaß", schreibt Maike Schiller im Abendblatt (15.4.2025).

Von einer "rasanten" Inszenierung schreibt Katrin Ullmann in der taz (30.5.2025). Allerdings gehen ausSicht der Kritikerin dadurch "Figuren und viele feinsinnige Dialoge verloren, genauso wie jegliche ernst gemeinte Verzweiflung an der Welt. Übergangen, geradezu überspült werden die im Stück so wunderbaren, subkutanen zwischenmenschlichen Schwingungen." Charlotte Sprenger interessiere sich mehr "für den sprunghaften, wilden Wechsel zwischen Kunst und Wirklichkeit und für den unscharfen Moment, in dem die Wirklichkeit zur Kunst wird, und umgekehrt. So entsteht eine 'Möwe' mit Charakteren, die – in herrlich exaltierten Kostümen – meist neben sich stehen und heiter scheitern. Eine 'Möwe' mit Discolicht und jeder Menge alberner Musik und eine 'Möwe', deren eigentlicher Tiefgang randvoll und frech mit Komik gefüllt ist.

Kommentare  
Die Möwe, Hamburg: Filmset-Filme
Das klingt erfrischend und vielversprechend, fast schon nach Achteinhalb zu Null für Tschechow, klingt also nach Filmset-Filmen wie „Achteinhalb“ von Fellini, „Die amerikanische Nachr“ von Truffaut und/oder „Stand der Dinge“ von Wenders- mit Faßbinder-Widmung. Läuft auch morgen ... . Schönen Palmsonntag !
Möwe, Hamburg: Gute Faßbinder-Konzentrate
Die Faßbinder-Widmung, ich hörte -trotz der fast allgemeinen Begeisterung über diesen Abend- um mich herum durchaus auch ein Raunen „Was soll das denn jetzt ?“, geht für meine Begriffe völlig in Ordnung; was Anna Maria Köllner als Kostja und Pauline Renevier als Nina in ihrer intensivsten Szene hinlegen, ist bestes „Petra Kant“-Superkonzentrat, ebenso die Szenen zwischen Kostja und Mutter (Stichwort „Schwarze Pädagogik“). Und so viele schöne und leichte und spielfreudige Szenen, gute Dynamikwechsel durch die Musik: wirklich eine gelungene Inszenierung, die ich nur empfehlen kann
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