Nach 30 Jahren wieder aufgeführt - "Nach 1000 Jahren im Mai" von Ute Frings, Nikolaus Merck + Thomas Möckel
Die Stimmen sind nicht verstummt
8. Mai 2025. Als Dramaturg in Schwerin beschäftigte sich der 2022 verstorbene nachtkritik.de-Mitgründer Nikolaus Merck mit den Frakturen deutscher Geschichte, die ihn auch später nie losließen. 1995 entstand eine Textcollage zum 50. Jahrestag des Kriegsendes. In Neustrelitz bringt sie Schauspieldirektor Maik Priebe jetzt wieder auf die Bühne – und erinnert sich an die Uraufführung.
Interview von Simone Kaempf
"Vor 1000 Jahren im Mai" zum 8. Mai 2025 am Landestheater Neustrelitz von Maik Priebe inszeniert © Arno Declair
"Nach 1000 Jahren im Mai" entstand vor dreißig Jahren in Schwerin anlässlich des 50. Jahrestags des Kriegsendes. Da war Nikolaus Merck noch Dramaturg am Mecklenburgischen Staatstheater. Das Stück wurde danach nie wieder gespielt. Wie haben Sie es wiederentdeckt?
Maik Priebe: Ich habe die Aufführung vor dreißig Jahren gesehen, also im Alter von 17 Jahren als Schüler. Ich war am Theater interessiert, wollte ans Theater, das war damals schon klar, und der Abend hatte mich regelrecht umgehauen. Warum? Wegen der Vielstimmigkeit. Weil Texte von mir damals unbekannten Autorinnen und Autoren, etwa Johannes R. Becher, Inge Müller oder Helga Novak darin so eine Kraft entwickelten. Es gibt eine Radiofassung, die Aufführung wurde aufgezeichnet fürs Radio, das gab es damals noch, und in unregelmäßigen Abständen läuft sie bei mir. Als wir in Neustrelitz mit der Planung dieser Spielzeit begannen, war mir schnell klar, dass "Nach 1000 Jahren im Mai" unser Beitrag zum 8. Mai werden müsste.
Die Schweriner Landtagsabgeordneten hatten 1995 alle zusammen eine Vorstellung angeschaut. Das überrascht und ist aus heutiger Sicht so kaum vorstellbar. Welche Stimmung herrschte damals in der Stadt?
Ich kann es am ehesten an mir selber beschreiben, ich war 17, das Land, in dem ich geboren wurde, gab's seit fünf Jahren nicht mehr. Vieles war aber plötzlich möglich, damit war ich eigentlich viel mehr beschäftigt als mit der politischen Situation. Es gab damals aber auch Skinheads in der Stadt. Peter Dehler hatte einen Abend geschrieben und inszeniert: "Glatze" mit der Rockband Das Auge Gottes, in dem es um die Glatzen ging, die plötzlich nach der Wende auftauchten. Dass diese Glatzen aber schnell verschwanden und ich Schwerin eher als links wahrnahm, mit vielen Punks in der Stadt, hatte nach meiner Überzeugung damit zu tun, dass es dieses Theater gab und gibt, das sich immer positioniert hat. Das hatte mit Ingo Waszerka zu tun, der Schauspieldirektor war und anders Theater machte. Oder mit Niko und mit Andrea Koschwitz, der Chefdramaturgin damals. Am Theater herrschte eine besondere Stimmung, die auch in die Stadt wirkte, und mich persönlich sehr beeindruckte.
Der Titel "Nach 1000 Jahren im Mai" zielt auf das Ende des 1000-jährigen Reichs ab. Aber es geht bei weitem nicht allein ums Kriegsende, sondern um die Gefühlslage des Monats Mai. Die Texte und Lieder erzählen von Liebes-Sehnsucht, Verlust, Trauer und von Trümmern. Aber auch vom melancholischen Aufbruch in etwas Neues. Wirkte das damals auch schon?
Das war tatsächlich so. Es war ein kluger Schachzug von Niko und Ute Frings, die Frauen vom Kriegsende erzählen zu lassen, während die Männer tot oder in Kriegsgefangenschaft sind. Heute ist eine solche Erzählweise bekannter, aber damals war das total überraschend. Die Vielstimmigkeit der Texte und Lieder ist immer noch etwas ganz Besonderes. Es geht in einem der Lieder um die Sehnsucht, etwas Neues aufzubauen, ein neues Land, ein neues Leben. Andererseits sind in der Collage auch die Stimmen nicht stumm, die dem Alten hinterherfantasieren.
Spielplanauszug von der Premien-Ankündigung am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin 1995. "Nach 1000 Jahren im Mai" lief dort acht mal © Maik Priebe
Sie inszenieren in ihrer letzten Spielzeit eine ganze Reihe zu den vergangenen 35 Jahren. Wie gehen Sie mit dem Abgleich heute und damals um?
Ich habe in Neustrelitz die laufende Spielzeit unter die beiden großen Wegmarken gestellt: den Herbst 1989 und die Befreiung vom Nationalsozialismus. Wir haben den gesamten Spielplan darum gestrickt und jedes Stück, außer im Kinder und Jugendtheater, als Referenz gedacht. Es geht dabei in keinster Weise um eine Ost-Verklärung. Wir erzählen Geschichten und Geschichte der Region, wir beschäftigen uns mit den Frakturen der Menschen. Und haben damit scheinbar einen Nerv getroffen. Nicht nur hier vor Ort, sondern überraschenderweise auch bei Zuschauerinnen und Zuschauern, die extra anreisen. Das schlägt vielleicht auch die Brücke zu Niko. Sie sagten mir ja im Vorgespräch, dass Niko sich Jahre später für genau diese Frakturen der DDR und der Nachwende besonders interessierte.
Hat der 8. Mai in den vergangenen dreißig Jahren nicht erheblich an Bedeutung verloren?
Ich glaube das tatsächlich auch, aber halte es für gefährlich. Schon allein die unterschiedlichen Beschreibungen: In der DDR war es der Tag der Befreiung, in der Bundesrepublik hieß der 8. Mai bis zur berühmten Rede von Richard von Weizsäcker Tag der Kapitulation. Und heute? Durch die Wiedervereinigung hat man scheinbar das Menetekel der Teilung überwunden, auch wenn wir wissen, dass es so nicht stimmt, aber dadurch ist der 8. Mai in Vergessenheit geraten. Das erleben wir bei den Vorstellungen auch. Natürlich ist es komplex. Wir haben einen Liederabend im Programm, für den die Bühnenbildnerin Christine Jacob eine Deutschlandkarte mit den vier Besatzungszonen erstellt hat und die Leute stehen davor und fragen sich, was diese Vierteilung sein könnte. Oder dass Thüringen gar nicht von der Sowjetarmee befreit wurde, sondern von den Amerikanern, das wissen wir nicht mehr. Die Folgen dieses 8. Mai bekommt man in ganzer Komplexität theatral gar nicht eingefangen, aber vielleicht gibt es doch einige Gehirne, die wir anpieken und erreichen. Denn natürlich haben wir im Haus und in der Stadt auch mit Menschen zu tun, die die AfD wählen und die Gefahren, die von dieser Partei ausgehen, anders beurteilen als ich und viele andere Kolleginnen und Kollegen.
Mich hat beim Lesen von "Nach 1000 Jahren im Mai" der Bezug zu heute überrascht. Nicht nur, weil auch vom besetzten Kiew die Rede ist, sondern die Sehnsucht nach dem Kriegsende wie für heute gemacht scheint. Wir bringen Sie das Stück auf die Bühne?
Wir spielen in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Domjüch, die eine spezielle Geschichte hat. Ab 1910 wurde dort fortschrittlich geforscht, 1933 war damit Schluss und es wurden Menschen im Zuge der T4-Aktion, also den Krankenmorden, von hier aus deportiert und vergast. Dann war dort jahrzehntelang die sowjetische Armee untergebracht. Das Gelände ist total zerfallen und sehr beeindruckend, eine richtige Ruinenlandschaft, teilweise am See gelegen. Wir spielen dort mit der gleichen Absicht, hoffe ich zumindest - mit der Niko, Ute und Thomas Möckel das damals gemacht haben, nämlich nochmal einen anderen Blick auf dieses Datum, aber auch diesen Monat zu werfen. Denn es ist ja ein sinnlicher Monat. Die Collage macht klar, wie unterschiedlich diese Zeit wahrgenommen wurde vor 80 Jahren und ich glaube, dass es wie eine Echokammer ins Heute ist, in der wir ja nicht nur unser Verhältnis zu Russland neu befragen. Wir sind in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass nie wieder Krieg in Europa sein wird und jetzt stimmt das nicht mehr. Und unsere Aufgabe als Künstlerinnen und Künstler bleibt, darauf aufmerksam zu machen.
Aus der Schweriner Original-Besetzung von 1995 ist der Theatermusiker Thomas Möckel wieder dabei.
Er hat damals den Flügel gespielt, jetzt wieder. Und er hat es damals gemacht, wie ich es nie gehört habe. Teils werden Schlager gesungen, aber dann gibt es Momente, da liegt eine Kaffeetasse im Flügel, um die Töne zu verändern und Thomas zupft die Saiten. 60 Prozent sind musikalische Stücke, wir haben einiges Weniges verändert, aber zum Beispiel zu "Unter Schutt" von Inge Müller – was er dazu musikalisch aufmacht, treibend und eigentlich klaustrophobisch, das haut einen um.
Sind Sie Niko eigentlich begegnet, als Sie in den Neunzigerjahren am Schweriner Theater angefangen haben?
Ich bin ihm sogar schon früh begegnet, als ich am Gymnasium in der Theatergruppe spielte und wir ein Stück suchten. Irgendwann schlug ich aus Neugier am Theater auf und landete im Büro, in dem Andrea Koschwitz und Niko Merck saßen, bis unter die Decke voll mit Büchern. Das waren die ersten Intellektuellen, die ich überhaupt traf. Als ich erklärte, dass ich ein Stück suche, hat Niko mich angeschaut und gelacht wie er immer lachte. Er zog dann Molière aus dem Regal und sagte: "Mach 'Arzt wider Willen', aber beachte, das musst du bearbeiten." Das wurde dann tatsächlich meine erste Theater-Inszenierung. Niko hatte schon aufgehört, als ich dann in Schwerin am Theater zu hospitieren begann, aber wir sind uns immer wieder begegnet und standen immer wieder in Kontakt.
Maik Priebe, 1977 in Schwerin geboren. Nach dem Regiestudium an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin inszenierte Maik Priebe u.a. am Staatstheater Kassel, Deutsches Nationaltheater Weimar, neues theater Halle, Deutsches Theater Göttingen, Staatstheater Augsburg und Nürnberg. Er erhielt u.a. den Günther-Rühle-Preis und den Kurt-Hübner-Preis für Nachwuchsregisseure der Akademie Darstellender Künste. Bis zum Sommer ist er Schauspieldirektor in Neustrelitz.
Mehr:
- Mehr über den nachtkritik-Mitgründer Nikolaus Merck im Lexikon
- Nachruf auf Nikolaus Merck
- Thomas Möckel im DLF "Rang 1" (3.5.2025) über "Nach 1000 Jahren im Mai" von Ute Frings, Nikolaus Merck und ihm
mehr debatten
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend
-
Fräulein Else, Wien Phänomenal
-
Irgendetwas ist passiert, Berlin Lauwarm
-
Theaterpodcast Investigativtheater Aufklärung?
-
Quelle, Wien Frontalunterricht
-
Bluets, Berlin Multifunktionsroboter
-
Quelle, WIen Andere Wahrnehmung





Hier 2 Stimmen:
https://www.nordkurier.de/regional/neustrelitz/bewegendes-theater-an-einem-aussergewoehnlichen-ort-3555453
https://www.ndr.de/radiomv/Theater-am-historischen-Ort-Nach-1000-Jahren-im-Mai,audio1869990.html