Aufwärts denken, runterfahren

18. Dezember 2024. Besonders kampf- und protesterprobt ist die Kulturszene im vermeintlich reichen München bislang nicht. So probiert sie es auch unter dem Damoklesschwert städtischer Kultur-Kürzungen eher mit konstruktiven Vorschlägen und – extrem ungewohnt – mit vereinten Kräften.

Von Sabine Leucht

Ikonisches Stadttheater in der Bayerischen Hauptstadt: die Münchner Kammerspiele © Gabriela Neeb

18. Dezember 2024. "München leuchtet nicht mehr" titelte die taz zu den Sparvorhaben in der Landeshauptstadt. Zeit online resümierte die Kürzungspläne im Münchner Kultursektor unter der Headline "Einspruch einer Nobelpreisträgerin" und spielte damit auf Elfriede Jelineks Unterschrift unter den Mitte November versendeten offenen Brief der Initiative "München ist Kultur" an. Beides – die Dunkelheitsprophezeiung wie der Fokus auf den prominenten Widerstand – sind Außenblicke auf eine Stadt, in der nichts so heiß gegessen wie gekocht wird. Auch die Weißwurst ist ja schließlich eine eher laue Angelegenheit.

Und so nahm es ein wenig Wunder, als der noch amtierende Münchner Kulturreferent Anton Biebl auf einem Panel im Oktober die Kulturszene zu mehr Protest aufrief. Zum einen, weil der parteilose Jurist selbst ein eher gemäßigtes Temperament ist, zum anderen, weil er erst kurz zuvor zwei Leiter*innen städtischer Bühnen für ihr lautes Vorpreschen gerüffelt hatte: Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele, und Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters, hatten in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung verkündet, sie müssten Kündigungen aussprechen, ins Minus gehen oder in spätestens zwei Jahren Insolvenz anmelden.

Die Sparvorgaben

Eine Sparpensum von 16,8 Millionen Euro hatte der Kämmerer der Kultur auferlegt. Obwohl sie mit 285 Millionen Euro nur 3,2 Prozent des städtischen Gesamtetats ausmacht, sollte sie rund 9 Prozent der Konsolidierung tragen. Eine deutlich überproportionale Belastung, die gerade auch andernorts Schule macht und für Kammerspiele wie Volkstheater mit 13 bis 15 prozentigen Etat-Einbußen zu Buche geschlagen hätte. Vielen ist erst da bewusst geworden, wie wenig mobiles Geld diese Theater-Tanker haben. Von einem Euro, der bei ihnen ankomme, hat der geschäftsführende Direktor der Kammerspiele der SZ vorgerechnet, entfallen nur zehn Cent auf die Kunst. Und selbst diese zehn Cent sind laut Barbara Mundel eine "Manövriermasse, die keine ist", weil sie schon weit über die laufende Spielzeit hinaus fest verplant sind.

Am Ende eines Kalenderjahres Sparvorgaben fürs Folgejahr zu machen: Das ist so ein Punkt, an dem sich die unterschiedlichen Zyklen von Kunst und Verwaltung extremst beißen und laut Mundel "komplett fahrlässig: Ich kann keinen Regisseur im Dezember fragen, ob er im Januar anfängt zu proben".

In dem besagten offenen Brief an den Stadtrat warnten Münchner Kulturschaffende aller Sparten daraufhin vor der "unumkehrbaren und langfristigen" Zerstörung des kulturellen Angebots dieser Stadt. "Vor einem solchen Szenario stehen wir aber nicht", geht Biebl auf Distanz zum Bündnis. "Niemand wird 30 oder gar 100 Leuten kündigen müssen, die Betreffenden wissen das auch und einer davon ist ja schon zurückgerudert". Gemeint ist Christian Stückl, der erst mal nur ins Telefon knurrt und dann sagt: "Ich will ja nicht jaulen und wir müssen hier auch nicht ganz so laut schreien wie in Berlin, denen geht's schlechter. Aber eine eigenartige Situation ist das schon".

Drei Kopfe Mundel Stueckl SpitzDrei Köpfe des Münchner Theaters: Barbara Mundel (Kammerspiele © Sandra Singh), Christian Stückl (Volkstheater © Gabriela Neeb) und Robert Spitz (Theater Dasvinzenz © Saskia Pavek)

Der Stadt überhebt sich an explodierenden Kosten für ihre Bauvorhaben und ihre mehr als 43 000 Mitarbeiter und hängt es dann der Kultur an. Warum das so einfach zu sein scheint, darüber wundern sich alle. Stückls Haus gehe es gut, bei 90 Prozent Auslastung sei die Stimmung bestens und der "Sparstrumpf" wohl doch erst in drei Jahren leer. Was aber nicht nur psychologisch schwierig sei: "Ich muss schon planen, wie man runterfährt, während wir noch aufwärts denken".

Erst in der Spielzeit 2021/22 hat er mit seinem Team die nagelneue Traum-Immobilie im Münchner Schlachthofviertel bezogen. Das neue Volkstheater hat mehr Raum, entsprechend mehr Geld und höhere Ausgaben. Und Vieles ist noch im Aufbau: Das Ensemble, ein Betriebskindergarten, die Theaterpädagogik, eine zweite technische Schicht für die Bühne zwei. Was Stückl am meisten wurmt: "Wir haben alles geschafft: Das Haus in der Zeit und mit dem veranschlagten Budget fertiggestellt, sind nie in den Nachtragshaushalt gegangen, haben immer gut gewirtschaftet." Was sie müssen, denn als GmbH ist das Volkstheater gezwungen, Rücklagen zu bilden, weil es auch pleitegehen kann. Dass ihm das jetzt auf die Füße fällt, findet Stückl "unsäglich".

Wer kann was schultern?

In dem mit dem Kämmerer und dem Münchner OB Dieter Reiter (SPD) ausgeklügelten und am 5. Dezember vom Kulturausschuss mehrheitlich gutgeheißenen Haushaltsbeschluss, der aller Voraussicht nach am 18. Dezember verabschiedet wird, wurde zwar das Gesamtsparvolumen für die Kultur auf rund 15,4 Millionen verkleinert. Und auch das Volkstheater wird nur noch 1,5 Millionen einsparen müssen. Dennoch wird es prozentual stärker belastet als andere Institutionen. Dieses "Abwägen, wer was schultern kann" gehört zum "Augenmaß" à la Biebl und ist schon mal um einiges besser als der Berliner Rasenmäher, der ohne Vorwarnung aus der Garage brettert.

Biebl mag nicht der größte Kämpfer sein, aber er kennt die Zahlen, wie er immer wieder gerne selbst erwähnt – und die Kunstschaffenden, weil er in ihren Hütten und Palästen nicht nur zu Repräsentationszwecken ein und aus geht. Um die Sparsumme zu reduzieren, hat er unter anderem "bestehende Kapital- beziehungsweise Gewinn-Rücklagen in Rechnung gebracht" und "Schwerpunkte gesetzt". So können die derzeit ohnehin teilweise geschlossenen Museen Villa Stuck, Münchner Stadtmuseum und NS-Dokumentationszentrum mehr sparen, während die Kleinsten am wenigsten konsolidieren müssen. Sprich: Die freie Szene konnte "weitestgehend verschont werden", das Fördervolumen für Projekte und Drei-Jahres-Förderungen der freien Tanz- und Theaterszene bleibt unverändert. Was im Klartext heißt, dass bei inflationsbedingt immer teurer werdenden Bühnenbildern, Technikern, Mieten, Energie und "Art but fair"-Mindestgagen immer weniger Anträge genehmigt werden können.

Volkstheater Neubau 1200 Florian HolzherrDer Neubau des Münchner Volkstheaters © Florian Holzherr

Judith Huber und Jan Geiger leiten das Pathos Theater und sagen: "Wir wissen alle: Stagnierende Mittel sind in Wahrheit Kürzungen". Vor allem sorgen sie sich um ihr Aushängeschild, das vielfach ausgezeichnete Young Pathos Kollektiv, das für seine Arbeit mit jungen Menschen eine verlässliche, langfristige Förderung brauche. Und: "Weil es in München seit Jahren keine substantielle Erhöhung der Fördermittel gibt, frisst unsere Infrastruktur nicht nur unseren künstlerischen Etat auf, sondern ist selbst am Limit. Wo wir Mittel für Investitionen einsetzen, fehlen sie an anderer Stelle – sei es für ein ausgewogenes Programm oder den nachhaltigen Aufbau unseres Teams. Jede Entscheidung bedeutet, an einem anderen Punkt Abstriche machen zu müssen."

Es fehlt ein Produktionshaus

Das gilt auch für die Münchner freie Szene als Ganzes. Ohne eigenes Produktionshaus (dieses Projekt wird seit Jahrzehnten versemmelt) sind extrem viele Künstler*innen auf Koproduktionspartner und zusätzliche Bundesmittel angewiesen. Doch auch an diesen beiden Fronten wird die Luft immer dünner. Deshalb machen sich jetzt alle gemeinsam stark für "München ist Kultur".

Der Schauspieler und Regisseur Robert Spitz ist einer der Sprecher des Bündnisses und leitet das Theater das vinzenz, eine der kleinsten freien Bühnen der Stadt, das im Moment eine Bleibe sucht. Schon 2021, sagt Spitz, habe eine Evaluation festgestellt, dass in der Szene unter prekären Bedingungen gearbeitet wird. Daraufhin sind unter dem Titel "Es brennt!" acht Brandbriefe zur Münchner Kulturpolitik erschienen. Da hatte das Sparen aber schon begonnen. Und wie zum Beweis für die Verlautbarung des Bündnisses, dass sich die Szene nicht spalten lassen will, setzt er hinzu: "Es klingt zwar gut, wenn die Stadt nun doch 70% der Tariferhöhungen der Mitarbeiter der großen Häuser übernimmt (die diese 2023 und 2025 komplett selbst tragen mussten), aber da die Fixkosten den größten Teil ihres Gesamtbudgets ausmachen, verschlingen die verbleibenden 30 % zusammen mit der "Konsolidierung" zirka 50% des künstlerischen Etats."

"Schritte hin zu einer resilienten Kultur"

Barbara Mundel kann gerade noch nicht ganz ermessen, was das für ihr Haus mit 330 Festangestellten bedeutet – und für den Eigenbetrieb Münchner Kammerspiele, bestehend aus diesen selbst, dem Kinder- und Jugendtheater Schauburg und der Otto Falckenberg-Schule. Hier wird schon viel von dem umgesetzt, was Anton Biebl als "Schritte hin zu einer resilienten Kultur" empfiehlt, womit auch in München einmal eine von Joe Chialos Lieblingsvokabeln ins Spiel gekommen wäre. Der Eigenbetrieb unterhält gemeinsame Werkstätten und kooperiert auch in der Verwaltung.

Pathos Theater Munich at KreativquartierHerz der freie Szene Münchens: das Pathos Theater im Kreativquartier © Monacoporter / Creative Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0

Weniger zu produzieren, hält Mundel für kein überzeugendes Sparmodell: "Zwei Produktionen weniger sparen kurzfristig zirka 250 000 Euro ein: Produktionskosten, darunter Bühnenbild, Gagen etc. und Vorstellungskosten." Ob Serge Aimé Coulibaly zwei seiner Tänzer mitbringt oder nicht: Das sind nicht die großen Posten. Und dass die Kammerspiele zu wenig koproduzieren würde, kann man wirklich nicht behaupten. Bei weiterer Zusammenlegung etwa von Werkstätten, das sieht auch Christian Stückl so, fallen auch wieder neue Kosten an. Und wenn man wie er "für alle Leute Theater machen will, nicht nur für die Gebildeten und Gutverdienenden", sind auch Eintrittspreise nicht beliebig steigerbar.

Letztlich aber muss man individuell wie als Gesellschaft darüber nachdenken, welche Kunst man langfristig will. Und wenn man keine will, macht es auch wenig Sinn, die teuren Strukturen samt Technik und Verwaltung zu unterhalten und sie dann leer stehen zu lassen. Die häufig instrumentalisierte Frage nach der "Nachhaltigkeit": Hier wäre sie mal angebracht.

"Kultur ist das Lebenselixier einer offenen Gesellschaft"

Für den langfristigen und "konstruktiven Dialog" darüber ist das Bündnis "München ist Kultur" angetreten. Nicht für den spontanen Protest und die wütende Konfrontation. "Sich nur gegen Einsparungen zu wehren, ist kaum zukunftsträchtig. Wir wissen, dass für 2025 nicht mehr viel mehr zu machen ist als jetzt erreicht wurde", sagt Spitz, der "begeistert und bewegt" ist von der Breite der Kunstschaffenden, die sich hier zusammengefunden haben. Die Hoffnung auf Synergieeffekte stimme ihn "inzwischen ein wenig optimistischer".

Und in der Tat haben selbst die kolossalen Kränkungen während der Pandemie es nicht vermocht, DJs und Designer, Bildende Künstlerinnen, Autorinnen, Schauspielerinnen und Dirigenten unter ein gemeinsames Dach zu bringen. Dazu Institutionen wie Museen, das Dok-Filmfest, die Münchner Symphoniker, die Stadtbibliothek und die Volkshochschule. Auch staatliche Institutionen wie das Residenztheater sind unter den Erstunterzeichnern des offenen Briefes, obwohl das Bayerische Staatsschauspiel im Unterschied zu den städtischen Bühnen nicht von Kürzungen bedroht ist. Kunstminister Markus Blume schickt dazu ein strammes Statement: "Bayern bekennt sich zur engagierten Kunst- und Kulturförderung gerade auch in schwierigen Zeiten. Kultur ist das Lebenselixier einer offenen Gesellschaft." Umso bemerkenswerter ist die Solidarität von Resi-Intendant Andreas Beck mit der Münchner Stadtkultur.

Die etwas geringeren Sparauflagen sind keine Entwarnung, sondern nur eine Art Atempause.

Und warum sollte man sich nicht mal zusammensetzen und anders über die Kooperation zwischen Stadt und Land nachdenken? Das ist in München "ein dickes Brett", weiß auch Barbara Mundel. Aber: "Wir brauchen auch positive Erzählungen. Und öffentliche Räume zugänglich für alle zu machen ist eine gesellschaftliche Anstrengung, die nur gemeinsam geht. Dafür wäre es wichtig, auch über die Grenzen von Referaten und Institutionen hinauszuschauen. Kultur, Bildung, Soziales: Das gehört alles zusammen."

Anton Biebl hat es bereits gesagt: Die etwas geringeren Sparauflagen sind keine Entwarnung, sondern nur eine Art Atempause, "eine kleine Erleichterung für 2025, um sich für die Jahre danach zu wappnen. Es ist mit weiteren Konsolidierungen zu rechnen!" Bis dahin ist er selbst nicht mehr im Amt. Von seinem Nachfolger, dem mit der denkbar knappsten Mehrheit gewählten Grünen-Stadtrat Florian Roth, angetreten mit der Agenda "Existenzsicherung in finanziell schwierigen Zeiten", erwarten sich die Wenigsten große Sprünge. Auch wenn er sich in einem Interview mit Bayern 2 schon mal vorsorglich die Übernahme der Tarifsteigerungen ans eigene Revers geheftet hat.

Eine der drei langfristigen Maßnahmen, die "München ist Kultur" vorschlägt, ist allerdings "Florian Roths Baby" (wie Spitz es nennt): Die Einrichtung eines Kulturbeirats, als Gremium, "das nicht nur so ein Teekränzchen ist, sondern vom Stadtrat auch gehört wird". Ein erst grob angedachter "Soziokultur-Fonds" könnte Gelder aus der Wirtschaft, freiwilligen Spenden, Mäzenen oder Gewerbesteuereinnahmen sammeln.

Und die Idee einer "Kultur-Taxe" wirft einen wieder zurück auf eine von vielen bajuwarischen Besonderheiten: Die Spezlwirtschaft. Zwei Euro oder mehr pro Hotelübernachtung einzuziehen ist qua Bayerische Gemeindeordnung verboten, weil der Hotel- und Gaststättenverband meint, das würde die Gäste verschrecken. Wer die Hotelpreise und Touristenströme in München kennt, wird das kaum ernst nehmen können. Der Fall liegt derzeit beim Bayerischen Verwaltungsgericht. Man rechne sich aus: Rund 22 Millionen Übernachtungen waren es im Adele-Großkonzertjahr 2024 allein in München. So viele Geldprobleme wären ganz simpel gelöst und man könnte die Zahlen beiseite legen und endlich wieder über Kunst streiten.

 

SabineLeuchtSabine Leucht, Jahrgang 1966, studierte Publizistik und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, lebt und schreibt seit 1998 in München über Theater, neben nachtkritik.de unter anderem und sehr lange für die taz, am regelmäßigsten für die Münchner Kulturredaktion der SZ. Sie ist Mitglied der Jury des Berliner Theatertreffens.


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