Offener Brief des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert an den Deutschen Bühnenverein
Offener Brief
Dieser Beitrag ist Teil des nachtkriktik.de-Archivs. Er entspricht Layout und technischem Stand vor November 2021.
Bis zum letzten Sonnabend und der Verleihung des Deutschen Theaterpreises "Faust" im Essener Aalto-Theater. Diese unglaubliche Selbstabdankung des Theaters und seiner Ansprüche zugunsten eines beliebigen Fernseh-Unterhaltungsformats, das für fast alles Zeit hat, nur nicht für authentisches Theater, macht mich fassungslos: Grußworte, Moderationen, Laudationes, Musikeinlagen, Slapsticks und eine Saalwette (!!) mit zwei renommierten Schauspielern als Showmaster, die für ihre mal geistreichen, mal albernen Auftritte vermutlich höhere Gagen erhalten haben, als für ihre bei weitem besseren, gehaltvolleren Theaterrollen. Und dazwischen: Nominierungen für Darsteller, Tänzer, Sänger, Regie, Bühnenbild, Choreographie, präsentiert in fernsehgerechten Häppchen von jeweils etwa 30 Sekunden aus der Konserve – ein Format, das die Kunst bis zur Unkenntlichkeit entstellt, während die allgegenwärtige Unterhaltung in der Verantwortung des Deutschen Bühnenvereins dem Theater ihre Lektionen erteilt.
Ich hätte wissen sollen, worauf ich mich eingelassen habe, als ich Ihrer ausdrücklichen Bitte zur Teilnahme und Mitwirkung an der Preisverleihung folgte. Schließlich habe ich schon die Premiere vor fünf Jahren als abschreckendes Beispiel empfunden und öffentlich kritisiert, dass sich das Theater nicht selbst zum Affen machen darf. Mit kaum entschuldbarer Treuherzigkeit habe ich mich auf Ihre Zusicherung verlassen, inzwischen sei das Konzept weiterentwickelt worden: "Unser Hauptanliegen ist, dass die nominierten Künstler ihre Arbeit positiv gewürdigt sehen, und dass die Zuschauer am Verleihungsabend die Breite und die Bedeutung unserer Theaterlandschaft erleben." Auf diesen fast selbstverständlichen Anspruch passte das Hollywood-Format wie die Faust aufs Auge. Die einzige für mich erkennbare Weiterentwicklung war die geradezu umwerfende Saalwette, mitten aus dem Theaterleben, in dem es kaum Aufregenderes gibt, als die unterschiedliche, von wirklichen Schauspielexperten deshalb leicht erkennbare Qualität von Brühwürstchen in den Theaterkantinen. Spätestens an dieser Stelle wird – hoffentlich – die Hälfte der "28 Zuschauer im ZDF-Theaterkanal", so Wolfram Koch als Conférencier, das Programm gewechselt haben. Schlimmer geht's nimmer. Oder doch: wetten, dass!
Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Norbert Lammert
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Ich bin de Nobert
Un wenn ich was sach
Dat is echt wichtig
Sons mach ich krach
Bei uns in Bochum
da heißt dat Mann Tau
lass nu die Sau raus
Un mach mal Nivau
Heut gibt´s den Faust
Nur für die Besten
Auf`m Theater hier
So tief im Westen
Glück auf denn, Bochum
Ich komm aus Dir
Mag heute auch Essen
So tief im Revier
Ich will n` Bier, Mann
Weil dat gibt´n Durst
Hörste Ker un denn
Gib mich noch Currywurst
Der Kaiser ist verärgert, der Kaiser hat seine Loge verlassen. -Wegen einem Furz auf der Bühne. Ob man Preise und Preisverleihungen braucht oder nicht. So what. Und ob man einen Thetaerpreis so aufzieht, als sei es die Vermehrung des Bambis. Schei...egal. Aber die aufgeblähte Empörung über Kunst, der derzeitigen politischen Kaste, ist unerträglich. Bleibt nur zu sagen, dass sich im Fall von aufgeblähter Empörung meistens das Mittelmaß selbst die Hand reicht. Wenn sich dann der "Arbeitgeber"-Präsident auf tiefgreifende Ironie einer Preisverleihung rausredet, ist dies genauso jämmerlich. Die Thetaerbranche will einen glamourösen Preis verleihen.Findet aber die herkömmliche Weise glamouröser Preisverleihungen doof. Deswegen zieht sie eine glamouröse Preisverleihung durch, die aber ironisch sein soll.-Alles klar. Ich wünsche Herrn Professor Doktor Lammert noch viele Ärgernisse auf deutschen Bühnen. Und dem deutschen Theater wünsche ich mehr Abkehr von allgemeiner Anbiderung.