Alle Jahre bieder?

30. November 2024. Zu viel Diskurs, zu kühl, zu wenig christlich: Beim Weihnachtsmärchen stellen Experimente ein unkalkulierbares Risiko dar. Und wo es stattdessen auch noch "Familienstück" genannt werden soll, regt sich Widerstand. Ist das Abendland in Gefahr?

Von Max Florian Kühlem

Vorweihnachtlicher Zoff-Anlass: Familienstück "Pinocchio" am Staatstheater Wiesbaden © Maximilian Borchardt

30. November 2024. Man könnte meinen, das Staatstheater Wiesbaden habe alles richtig gemacht: Unter der neuen Intendanz von Dorothea Hartmann und Beate Heine läuft zum Jahresende "Pinocchio" und das Publikum, jung wie alt, kommt in Strömen. Die lokale Presse und einige Abonnent*innen und Kommentartor*innen in den Sozialen Medien haben allerdings ein Problem ausgemacht: Das Stück wird in Veröffentlichungen des Theaters als "Familienstück" bezeichnet und nicht als "Weihnachtsmärchen". Das christliche Abendland ist also in Gefahr. Und dies ist nur eine der Fallen, in die man auf dieser mit Argusaugen bewachten Spielplanposition tappen kann. 

"Ich bin doch nicht der Grinch", dachte sich Emel Aydoğdu als der Wiesbadener Kurier in einem großen Artikel "Aufregung um Weihnachtsmärchen" ausmachte. "Der Grund", schreibt die Zeitung: "Unter der neuen Intendanz wird das diesjährige Weihnachtsmärchen als ‚Familienstück‘ bezeichnet." Bei der Aufregung stützt man sich auf Äußerungen "im Netz". Dort werde gemutmaßt, die Bezeichnung sei gewählt worden, um keine andersgläubigen Gruppen auszuschließen. "‘Blöder vorauseilender Gehorsam. Keinen Muslim hat das die letzten Jahrzehnte gestört‘, ist einer der Kommentare."

Selten so eine Ausgrenzung gespürt

Emel Aydoğdu ist die Regisseurin des diesjährigen, nun ja, Familienstücks und außerdem neue Co-Leiterin des Jungen Staatstheaters. Wozu die Debatte führt, erfährt sie an Unterstellungen im Publikumsraum: "Man darf nicht mehr Weihnachtsmärchen sagen, weil die Leitung nicht christlich ist", bekam sie da zu hören. Auf einmal würden ihre Person und ihre Religion in der Öffentlichkeit thematisiert. "Ich habe seit langer Zeit nicht mehr so eine Ausgrenzung gespürt." Aus Unsicherheit darüber hat sie schließlich ein Interview mit der lokalen Zeitung zurückgezogen.

Dabei habe man gemeinschaftlich die Bezeichnung "Familienstück" gewählt, um alle einzuladen. Und nicht, um bestimmte Gruppen "nicht auszuschließen". Der vornehmliche Grund ist allerdings der, dass das neue Team des Theaters den Begriff einfach zutreffender fand, weil die Spielplanposition ja gar kein Weihnachtsmärchen im eigentlich Sinne ist – es geht im Stück nicht um Weihnachten und es wird sowohl vor als auch lange nach Weihnachten noch gespielt. Dazu kommt, dass es unter der Vorgängerintendanz zuletzt zwar als "Weihnachtsmärchen" bezeichnet wurde, in vielen Jahren aber auch als Familienstück – oder gar nicht mit einem eigenen Begriff versehen.

Eigentlich nur eine "Shit-Brise"

Diese Information gibt die lokale Presse zwar auch, und die einzelnen Artikel für sich lesen sich durchaus ausgewogen. Doch allein die Tatsache, dass das Fass im Kurier und auch auf dem Portal "Merkurist" in jedem einzelnen Text zum Thema wieder aufgemacht wird, schlägt Wellen – die sonst vielleicht schnell wieder abgeebbt wären. Laut Anne Tysiak, der anderen Leitungshälfte des Jungen Staatstheaters, waren es "vielleicht 20 Kommentare unter einer Ankündigung bei Facebook", die Anlass für die mediale Aufregung gaben. Also kein Shitstorm, sondern eher ein "Shit-Stürmchen, eine Shit-Brise", wie Jan Josef Liefers in seiner Rolle als "Alter weißer Mann" am Anfang des gleichnamigen Films so schön sagt.

Schert aus der Reihe: "Sasja und das Reich jenseits des Meeres" am Theater Münster © Sinje Hasheider

Was die mediale Verstärkung auslösen kann, hat auch die Pressereferentin erfahren: "Das ganze Thema erscheint nun im Kontext einer größeren Entfremdungsdebatte: Einige Menschen haben Angst, ihre Heimat, ihre Traditionen zu verlieren. Uns erreichen dazu Briefe, auch Abos wurden schon gekündigt." Dabei habe das Theater eigentlich gerade nicht mit einer Tradition brechen wollen: "Wir bieten eine Spielplanposition an, zu der man die Tradition beibehalten kann, zu dieser Jahreszeit gemeinsam mit den Eltern oder Großeltern oder Freund*innen oder einer wie auch immer gearteten Wahlfamilie ins Theater zu gehen. Familie ist ein viel älterer Begriff als Weihnachten", sagt Emel Aydoğdu.

Immerhin hat das Wiesbadener Team vielleicht noch schlimmeres verhindert, indem es mit "Pinocchio" zum Jahresende tatsächlich ein beliebtes und altbekanntes Märchen inszenierte (allerdings mit einem weiblichen besetzten Pinocchio und einer männlichen Fee, was die Kinder und auch die allgemein gute Stimmung bei Aufführungen überhaupt nicht stört). Es gibt auf dieser Spielplanposition nämlich nur eine Hand- oder vielleicht einen Armvoll Stoffe, die man inszenieren darf, ohne öffentlichen Ärger oder zumindest Murren zu produzieren.

Zu Weihnachten bitte alles wie immer

Dieses Jahr steht in Hessen besonders oft "Die Schneekönigin" auf den Spielplänen. Immer gern gesehen wird quasi alles von Astrid Lindgren und Michael Ende. In Nordrhein-Westfalen gibt es eine "Alice im Wunderland", "Die Schöne und das Biest", "Dornröschen" oder "Nils Holgersson". Sie werden meist als "Familienstücke" beworben, manchmal als Weihnachtsmärchen, manchmal kursieren beide Begriffe parallel und manchmal gar keiner. Hauptsache ist: So wie die meisten Menschen zu Weihnachten ihre konservativsten Seiten zum Vorschein holen – und immer das gleiche Essen kochen, die immer gleichen Lieder singen, zur immer gleichen Zeit "Der kleine Lord" schauen oder vielleicht wirklich mal in eine Kirchen gehen – darf auch im Theater dann nur das immer Gleiche laufen.

In Nordrhein-Westfalen schert nur das Theater Münster aus: Hier steht mit "Sasja und das Reich jenseits des Meeres" eine spartenübergreifende Inszenierung auf dem Plan, eine Musiktheater-Uraufführung nach einem Roman von Frida Nilsson, die als "Märchenoper" verkauft wird – und den Tod thematisiert. Um Himmels Willen! Generalintendantin Katharina Kost-Tolmein, erst seit zwei Jahren im Amt, ist ein echtes Wagnis eingegangen und das ist ihr auch bewusst: "Was wir dieses Jahr machen, entspricht unserer Überzeugung, dass es für die Zielgruppe richtig gut ist, aber auch eine Investition in die Zukunft der Gattung Oper", erklärt sie. "Von Anfang an haben wir im Leitungsteam gesagt: Wir wollen diese Position nicht selbstverständlich ausschließlich im Schauspiel ansiedeln. Dieses Stück ist für junge Menschen ja oft die erste und einzige Gelegenheit, Kontakt mit dem Theater zu haben."

Der Tod spielt Tuba

Wie sensibel diese bestimmte Spielplanposition ist, hat sie schon bei Vorgängerstationen erfahren. Am Theater Lübeck sei etwa einmal eine große Diskussion um einen "Pinocchio" entbrannt, der als "zu kühl" galt. "Wir hätten hier in Münster mit ‚Pipi Langstrumpf‘ mehr Zuschauer*innen gehabt, das ist klar", sagt die Generalintendantin. "Wir hätten es uns einfacher machen können, wenn wir nur auf Quantität gezielt hätten." Tatsächlich sind für die kommenden Vorstellungen im Ticketsystem noch leicht Karten zu bekommen. Dafür gäbe es allerdings auch noch andere Gründe: "Unsere Eintrittskarten kosten nach wie vor sieben Euro, aber die Bus-Unternehmen sind teurer geworden und einige Schulen können es sich nicht mehr leisten, zu kommen. Sie dürfen mit ganzen Klassen nicht einfach mit Linienbussen fahren."

Bewährter Klassiker: "Nils Holgersson" am Schauspielhaus Bochum © Fabian Ritter

Immerhin sind in Münster alle Kritiken der Inszenierung von Sebastian Bauer blendend. Das Magazin kultur.west etwa schreibt: "Das Theater Münster macht aus dem Stück ein wahres Theaterfest. […] Und der Tod: spielt Tuba. Kinder, die hier erstmals Begegnung mit dem Musiktheater machen, erleben das ganze Programm: Kunstvolle Koloraturen, schmissige Duette, großen Orchesterklang und zarte, sphärische Klänge. Ganz große Oper!"
Als das Schauspielhaus Bochum 2018, im ersten Jahr unter der Intendanz Johan Simons, ein Experiment mit dem Familienstück wagte, war beides eher mau: Die Auslastung und die Kritiken. Cathrin Rose, die neue Leiterin des Jungen Schauspielhauses hatte die von Hannah Biedermann inszenierte Stückentwicklung "Alle Jahre wieder" auf den Spielplan gesetzt, die verschiedene Fest-Traditionen zur Weihnachtszeit thematisierte. Schließlich setzte das Theater sogar eine Podiumsdiskussion an. Das Thema "Alles anders? Neue Perspektiven für das Kinder- und Jugendtheater". Aber eigentlich ging es nur um das ganz spezielle, neue Familienstück, dass das Publikum nicht so gern mochte, weil es kein bekanntes Märchen war.

Auch mal einfach nur berührend?

Die WAZ Bochum resümierte, mit einer Aussage der Regisseurin beginnend: "‘Theater muss kritisch sein, der Diskurs über gesellschaftliche Themen ist in einer multinationalen Gesellschaft nötiger denn je.‘ Ein Punkt, der bei den Besuchern – offenkundig engagierte Schauspielhausbesucher – gewiss unstrittig ist. Aber ausgerechnet zu Weihnachten? ‚Warum kann eine Weihnachtsaufführung nicht einfach nur berührend sein, warum muss immer alles Diskurs sein?‘, fragte eine Frau und bekam viel Beifall."

Das Schauspielhaus Bochum spielte in den Folgejahren unter anderem "Die Schöne und das Biest" und "Die unendliche Geschichte". Dieses Jahr fliegt auf der großen Bühne Nils Holgersson mit den Wildgänsen nach Lappland. Gesellschaftliche Diskurse scheinen hier nur für die Besucher*innen auf, die sie sehen wollen: Hausgans Martin etwa ist mit der tollen Linde Dercon besetzt, die in ihrer Rolle auch davon erzählt, wie eine Ausgegrenzte zu Mut und Stärke findet. Aber darüber muss hier niemand nachdenken. Man kann sich einfach zurücklehnen, träumen, lachen, mitsummen – und darüber sinnieren, wie genau nochmal das Kartoffelgratin ging, das man natürlich wie jedes Jahr auch diese Weihnachten für seine Liebsten zubereiten wird.

Max Florian Kühlem, geboren 1979 in Bergneustadt, studierte Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft in Bochum. Er ist schwerpunktmäßig in NRW als freier Kulturjournalist, Autor und Songwriter aktiv. Er schreibt u.a. für die taz, Rheinische Post, das Magazin Rolling Stone und nachtkritik.de.

Kommentare  
Weihnachtsmärchen: Ausgebremst?
Schön dass diese Diskussion um Ausrichtung des „Weihnachtsmärchens“ die seit Jahren in der Kinder und Jugendtheaterszene kritisch besprochen wird, auch hier Thema ist.
Der Begriff „Familienstück“ hat sich zu Recht an vielen Häusern durchgesetzt - gespielt wird aber trotzdem oft bunter unkritischer Budenzauber / mit „schönem“ Bühnenbild und „schönen“ Perücken etc. So bleibt Kinder und Jugendtheater (und Theater überhaupt) bei vielen Menschen die vielleicht nur einmal im Jahr ins Theater gehen - als stumpfe Belustigung hängen und das ansonsten oft politisch wirksame und progressive Kinder und Jugendtheater wird ausgebremst und muss eine Sehgewohnheit (der Erwachsenen!!) aus den 70ern bedienen.
Weihnachtsstücke: Schade
Warum steht das überhaupt zur Diskussion. So lange Theater von Steuergeldern subventioniert werden, entscheiden die Steuerzahlenden, was adäquat ist. Wenn das Publikum belehrt werden will, dann wird ein Stück entsprechend volle Ränge haben. Und wenn nicht, dann nicht. Allein das darf entscheidend sein, ob jemand eine 2. oder 3. Chance erhält und nicht, wer gerade im Windschatten der Entscheidenden im Elfenbeinturm weht.
Ob es nun Weihnachtsmärchen oder Familienstück heißt, sollte nun allerdings nicht von der Position im Spielplan abhängen. Sondern von der Thematik des Stücks. Momo ist natürlich ein Familienstück und hat wenig mit Weihnachten zu tun. Wenn das Stück allerdings ein Weihnachtsmärchen ist, dann sollte man das auch schon so nennen.
Die Aussage zur Situation in Münster klingt allerdings wie eine Ausrede eines Drittklässlers, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Bustickets zu teuer und deshalb plötzlich kein Publikum? Also bitte, wirklich...
Weihnachtsmärchen: Szene für junges Publikum
Es lohnt ein genauerer Blick auf die Szene für junges Publikum in NRW. Gerade die Freie Szene und Häuser. Da wird noch ganz anderes „gewagt“ ;)
Weihnachtsmärchen: Vielleicht "Wintersaisonstücke"?
Da ich mit jeder von Religion nüscht am Hut habe, weiß ich auch nicht, was ein "Weihnachtsmärchen" ist; auch bei den im Text genannten Stücken ist für mich kein Weihnachtsbezug erkennbar: Nils Holgersson macht sich (laut Wikipedia) im März auf den Weg, zu welcher Zeit Emil und seine Detektive, Pippi Langstrumpf, Pinocchio, Momo, Ronja und alle anderen ihr Unwesen treiben, bleibt auch offen. Und dass die Hexe den Hänsel als Ersatz für die Weihnachtsgans in den Ofen schieben will, wird bei den Grimms auch nicht so gans (sorry für das blöde Wortspiel) deutlich.
Ich vermute mal, dass die meisten der zum Jahreswechsel gespielten Familienstücke mit Weihnachten nichts bis gar nichts zu tun haben. Daher ist es nur ehrlich, von "Familienstücken" zu sprechen, denn sie werden ja häufig von Familien besucht; das schließt auch Großeltern ein.
Die Theater haben natürlich ein Interesse daran, die Bude voll und bessere Auslastungszahlen zu bekommen.
Toll liest sich, was Münster im Angebot hat. Solchen Projekten ist Erfolg zu wünschen, denn hier wurde offensichtlich nicht nur auf die Auslastung geschaut.
Ein konstruktiver Vorschlag:
Vielleicht sollte man den Begriff "Wintersaisonstücke" einführen, da die Produktionen ja in dieser Jahreszeit zu sehen sind. Allerdings könnte hier der falsche Eindruck erweckt werden, dass die Handlung auch im Winter spielt; dann gäbe es wohl "Die Schneekönigin" allenthalben.
(Wohl doch nicht so eine gute Idee.)
Weihnachtsmärchen: Eher die Eltern ....
Ich glaube, den Kindern ist es einfach wurscht. Ich habe mal in Trier eine sehr schräge "Peter Pan"-Aufführung gesehen, bei der die Eltern schon beim Anblick des Bühnenbilds am liebsten wieder gehen wollten, aber die Kinder waren voll dabei. Und wie im Artikel zitiert - und Ein Herforder hier treffend ausführt, sind viele Stücke inhaltlich weihnachtlich und schon gar nicht märchenhaft. Etwa "Pünktchen und Anton", was ja auch immer mal gern auf den Plan genommen wird, ist weder das eine noch das andere. Da schreit auch niemand, dass das nicht zum Etikett "Weihnachtsmärchen" passt.
Weinhachtsmärchen: Gut für die Theaterstatistik
Welche Bedeutung das Weihnachtsmärchen aka Familienstück schon immer für die Theaterstatistik hat, hat mir Manfred Beilharz, damals Intendant am Staatstheater Wiesbaden, mal ausführlich erläutert.
Wie sich das Weihnachtsmärchen zahlenmäßig auswirkt und wie die Besuche bzw. Verkaufszahlen im Kinder- und Jugendtheater sich überhaupt entwickelt haben im Laufe der Jahrzehnte, habe ich in meinem Buch "Publikumsschwund?" versucht, darzustellen. Einige Details und Grafiken habe ich dazu in meinem Blog als Reaktion auf diesen informativen Beitrag hier zusammengestellt: https://publikumsschwund.wordpress.com/2024/12/06/weihnachtsmarchen-oder-familienstuck/
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