Eine kurze Geste der Entblößung

von Esther Boldt

Frankfurt/Main, 3. Mai 2007. "Ich möchte Sie bitten, ab hier nicht mehr zu sprechen." Es ist ein fast sakraler Raum, den William Forsythe in seinem neuen Stück herstellt, mit mehrfach gesetzten Rahmungen.

In kleinen Gruppen wird das Publikum ins Bockenheimer Depot nacheinander eingelassen, durch eine mehrfache Schleuse aus Vorhängen gelotst, bis es schließlich, mit dem Schweigegebot versehen, in das Innere gelangt: Ein schwarzer Kubus, auf zwei Seiten Zuschauerreihen, zwischen den anderen beiden spannt sich der Bühnenraum auf. Am Bühnenrand steht ein Mann in schwarz, eine Strumpfmaske verdeckt sein Gesicht, er summt wie eine Fliege. Ein anderer tanzt mit einem Teppich über Kopf und Schultern zwischen Verbergen und Entdecken ungelenk auf der Stelle – und das Stück hat bereits begonnen.

Sichtbares, Unsagbares

Seit 2005 arbeitet die Forsythe Company von zwei Standorten ausgehend, Dresden und Frankfurt. "Angoloscuro/Camerascura", Forsythes erste abendfüllende Premiere dieser Spielzeit in Frankfurt, basiert wie alle seine Arbeiten auf Motiven und Strukturen vorangegangener Stücke: Sie knüpft an die Performanceinstallation "Heterotopia" an, die im Oktober 2006 in Zürich uraufgeführt wurde und die sich mit Prozessen der Übersetzung und Überschreibung auseinandersetzte.

Beide Abende befassen sich mit den Texten "Von anderen Räumen" von Michel Foucault, Marcel Duchamps "Der kreative Akt" und Michel Serres’ "Was Thales am Fuße der Pyramiden gesehen hat". Sie verweisen auf Themen, mit denen sich der 57-jährige amerikanische Choreograf bereits lange auseinandersetzt: Sichtbarkeit und Repräsentation sowie deren Kehrseite, das Fremde, Unsagbare, die Erfahrung der Andersheit.

Groteske Figuren bevölkern diese hypnotische, konzentrierte Bühnensituation, die eine klare Struktur verfolgt: Jeweils zwei, drei Tänzer bilden eine Szenerie, ein kurzer Black unterbricht und beendet sie, wenn das Licht wieder aufflammt, gehen die Tänzer ab, die nächsten treten auf. Eine Laterna Magica, die Sphinxen, Marionetten, Fliegen und Hunde hervorbringt. Etwa Jone San Martin, die ihr Gesicht vor einem imaginären Spiegel zurecht zu rücken versucht, während Christopher Roman von seinem markerschütternden Husten regelrecht über die Bühne getrieben wird.

Konzert vom komischer Gewalt

Es sind organlose Körper, deren Bewegung zum Manipulationsfaktor wird und die doch unbeherrschbar scheinen. In einem Moment exerzieren sie Ballettfiguren, im nächsten fallen sie längs hin, als seien sie nicht Herr über ihre Glieder. Auf der Suche nach Artikulationsmöglichkeiten wird ihnen der Atem zum Instrument, das Keuchen, Husten, Knurren – zwei Männer stehen, einer liegt in einen schwarzen Sack gehüllt auf dem Boden, und einer der Stehenden beginnt, aus der Brust des Liegenden Luft und damit Töne zu pressen, dann aus seiner eigenen, aus der des Dritten: ein Konzert von komischer Gewalt, das in seiner Einfachheit und Komplexität für viele Momente des Abends stehen kann.

An dem im Übrigen ohnehin wenig getanzt wird, vielmehr wird Bewegung verzögert, Sinn verschleppt. Umso treffender das Serres-Zitat im Programmheft: "Unzugängliches lässt sich messen, indem man es im Bereich des Zugänglichen nachbildet." Forsythe zitiert tückische Bilder wie Folterszenen und Machtkämpfe, entwirft ein Kuriositätenkabinett, das keiner Deutlichkeit entbehrt, sich stets zwischen höchster Empfindsamkeit und barer Komik bewegt.

Innenräume, Überwachungsräume

Und doch in keinem Moment umschlägt, dank des streng gesetzten Rahmens aus Licht und Dunkel, Auf- und Abtritten. Forsythe verführt durch Eindeutigkeit, die aber nur an der Oberfläche schillert: Dahinter bleibt das Unnennbare. So bildet auch die Musik von Thom Willems, mit der Glas-Musik von Anna Tenta einen akustischen Innenraum, in den der Zuschauer eingeht wie in einen Leib, unbestimmter, nicht genau verortbarer Klänge. Doch das ist nur die Vorderseite. Dann ist der erste Teil vorbei, das Publikum wird aus der Black Box entlassen, um nebenan eine kurze Szenerie "backstage" zu finden.

Ein Rechteck aus Stellwänden, technischen Geräten, Kabeln und Flachbildschirmen, ein paranoider Raum der Hellsichtigkeit und Überwachung, um den sich die Zuschauer herumbewegen, nach Durchblicken zwischen den Wänden suchen, nach Bildern auf den Bildschirmen, wo es nur abgefilmte Details des Bühnenbildes zu sehen gibt, Kabelrollen, mal einen vorbeihuschenden Tänzer, das Getriebe der Produktion. Hier macht das Aussprechen keine Mühe: Dana Caspersen durchschreitet den Raum und bezeichnet, was sie sieht: "Fascination with ineffected processes. Fascination with the perfect view." Und dann ist sie vorbei, diese kurze Geste der Entblößung nach dem bittersüßen Traum.

 

Angeloscuro/Camerascura
von William Forsythe
Musik: Thom Willems, Anna Tenta
Mit: Dana Caspersen, u.a.

www.theforsythecompany.com

 


Kritikenrundschau

In der FAZ (5.5.2007) schreibt Wiebke Hüster: "... das wirklich Schlimme, das Enttäuschende dieses Abends ist, dass in dieser Nummernabfolge von Bilderrätseln nicht ein einziger wahrhafter Theatermoment aufblitzt, nicht eine Szene in Bann schlägt, nicht ein Blödsinn sich als höherer herausstellt, über den es sich lohnte nachzudenken." Ein totales Bühnendesaster, das niemand William Forsythe zugetraut hätte.

Forsythes Premieren sind Momentaufnahmen, erklärt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (5.5.2007). "Was an diesen Abenden gezeigt wird, verändert Forsythe mal mehr, mal weniger schnell." Für Frau Staude eine Hoffnung, denn "Angoloscuro ist ein schwaches Werk, gemessen an den Standards eines so großen Künstlers." In jeder der kurzen Szenen wechselten die meist zwei Darsteller, karg die Dramaturgie wie die Ausstattung. Dass der Choreograph die verwendeten Texte von Duchamp, Foucault und Michel Serres zuvor den Journalisten "zufaxte", wertet Frau Staude als Ausdruck des Selbstzweifels. Eine immense intellektuelle Neugierde triebe Forsythe an, "er beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Strömungen, ehe die meisten anderen davon Notiz nehmen. Doch er weiß auch: das (Theater-)spiel wird auf dem Platz entschieden, wie es gedanklich unterfüttert ist, muss egal sein."

In der Frankfurter Neuen Presse (5.5.2007) schreibt dek sehr verhalten und nur mit leiser Ungeduld:
"Was in den 21 Miniaturen mit meist zwei, auch drei, vier und mehr Tänzern geschieht, ist von katalogartiger Systematik und Vielfalt. Man kennt das Bewegungsmaterial", viele der Figurren zeigten sich "geplagt von Gebresten aller Art: torkelnde Schlafkranke, Besessene, denen sich grunzend eine Bauchrednerstimme entringt, Menschen ohne Fokus, die sich mit einer Fernbedienung abmühen, ohne sich selbst regulieren zu können." Einiges von dem, was der "poeta doctus" Forsythe in seinem Programmheft an Gelehrtem aufblättere "erahnt man danach in „Angoloscuro“ – eine Übung, die leicht platt wird."

Heftig enttäuscht zeigt sich auch Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung (6.5.): "Man muss lange zurück blättern in den Annalen dieser Choreographen-Karriere, um ein ähnliches Fehlkonstrukt zu finden ... In einer mimetischen Kunstsprache machen die Tänzer Dada und schreiben ziegenmeckernd Forsythes Zürcher Performance-Installation "Heterotopia" fort, die theatrale Bebilderung von Michel Foucaults Aufsatz "Heteropien. Von anderen Räumen". ... "Angoloscuro/Camerascura" öffnet derweil keinen erhellenden Theaterraum, sondern donnert aus dem toten Winkel direkt an die schwarze Wand." 

 

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