Ministrant oder Agnostiker?

von Martin Krumbholz und Sascha Westphal

21. März 2019. Kritik heißt Beschreiben, Interpretieren, Werten, Einordnen, Empfehlen, mitunter auch Ausmisten. Und Kritik heißt Innehalten können, die eigenen Maßstäbe befragen. Diesem Innehalten dient die kleine nachtkritik.de-Reihe "Positionen der Kritik", in der in loser Folge Texte zur Praxis der gegenwärtigen Theaterkritik erscheinen. Martin Krumbholz und Sascha Westphal sind als Kritiker für diverse Medien tätig und sie sind feste Größen im Autorenstamm von nachtkritik.de in Nordrhein-Westfalen. Im Anschluss an die jüngste Bochumer Herbert Fritsch-Inszenierung ("Philosophie im Bourdoir") trafen sie sich zum Streitgespräch.

Martin Krumbholz: Sascha, unser Nachtkritikkollege und Literaturprofessor Kai Bremer hat kürzlich den Berliner Kritikern mangelnde Goethe-Kenntnis in den Rezensionen zu Moritz Rinkes "Westend" vorgeworfen und damit eine Debatte über Vorbegriffe und Vorkenntnis von Werken angestoßen. Wir beide streiten hier in NRW auch gelegentlich über Abende, bei denen unsere Vorprägung sich unterscheidet. Ich denke an Dein Lob für Herbert Fritschs Philosophie im Boudoir oder No President vom Nature Theater of Oklahoma. Beide Male konnte ich Dir nicht zustimmen. Mir scheint, Du trägst zu viel Insider-Wissen in diese Abende hinein.

Sascha Westphal: Da widerspreche ich Dir. Aber selbst, wenn es so wäre, was wäre daran falsch?

Weihrauch schnuppern

Krumbholz: Der Punkt, der mich interessiert, ist: Wie sollte sich der Kritiker/die Kritikerin grundsätzlich einem Theaterabend nähern? Meiner Meinung nach sollte er nicht ein dramaturgisches Konzept erklären, sondern beschreiben, was er auf der Bühne tatsächlich zu sehen glaubt und schließlich die Frage beantworten, ob es funktioniert. Wenn Du mir also nun versicherst, die Wirkung eines Abends hänge davon ab, mit welchem Hintergrund man sich ihm nähere, dann frage ich mich: Soll ich mich diesem Abend in der Art eines Ministranten nähern, der vor dem Hochamt in der Sakristei schon mal ein bisschen "Weihrauch schnuppert", um später auch nur ja in der rechten Stimmung zu sein? Oder aber in der Art eines Agnostikers, der, indem er die Kirche betritt, die Finger eben nicht ins Weihwasserbecken taucht, der aber durchaus bereit ist, sich von der Suggestionskraft des Abends verführen zu lassen.

No President 2 560 HeinrichBrinkmoller Becker u"No President" vom Nature Theater of Oklahoma bei der Ruhrtriennale 2018 in Gladbeck: Ilan Bachrach, Bence Mezei und das Corps de Ballet © Heinrich Brinkmoller-Becker

Westphal: Der Ministrant und der Agnostiker, das ist ein schönes Bild. Es führt aber in die Irre. Bei unserem Streit über "No President" bei der Ruhrtriennale merkte ich an, dass sich der Hintergrund, vor dem wir diese Inszenierung wahrgenommen haben, extrem unterscheidet. Meine Lesart des Abends begründet sich mit Verweisen auf sehr konkrete (pop-)kulturelle Bezüge. In Deinem Bild wäre ich also der Ministrant und Du der Agnostiker... obwohl in diesem ganz speziellen Fall Häretiker vielleicht noch besser passen würde.

Krumbholz: Lassen wir das mal so stehen.

Der Genuss des Ganzen aus der Tiefe des Wissens

Westphal: Ich stimme Dir zu, dass es nicht die Aufgabe der Kritikerin oder des Kritikers ist, "dramaturgische Konzepte" zu erklären. Aber unser Vorwissen können wir nicht abstreifen. Jeder von uns hat seine eigenen Schwerpunkte und Steckenpferde. Die eine beschäftigt sich neben dem Theater noch stark mit bildender Kunst, der andere mit Literatur oder Kino. Bei Liskas und Coppers "No President" war es dann so, dass aus den Verbindungslinien, die ich zu Filmen von Jack Smith, zu bestimmten Comic-Ästhetiken gezogen habe, etwas entstanden ist, das größer ist als die Summe seiner Teile.

Krumbholz: Und das heißt, wer diese Anspielungen nicht dechiffrieren kann, kommt auch nicht in den Genuss des Ganzen? Wie derjenige, der die "Wahlverwandtschaften" nicht kennt, den Text von Rinke nicht versteht?

Westphal: Er sieht und beurteilt den Abend zumindest anders. Was hast Du gegen die "Philosophie im Boudoir"?

Krumbholz: Es ist überhaupt nicht komisch. Und Komik ist ja nun einmal Sinn und Zweck des Theaters von Herbert Fritsch.

Boudoir3 560 BirgitHupfeld uGar nicht komisch? Jing Xiang (Mitte) in "Philosophie im Boudoir", inszeniert von Herbert Fritsch am Schauspielhaus Bochum im Dezember 2018 © Birgit Hupfeld

Westphal: Ist das so? Oder hast Du Dir auf Basis einer Reihe von Inszenierungen ein Bild von Fritschs Theater gemacht, das sich so eindeutig gar nicht verallgemeinern lässt?

Krumbholz: Das trifft wohl zu. Ich übertreibe jetzt, aber das Bild, das ich mir gemacht habe, ist mir fast so lieb wie der Künstler selbst. Wenn Woody Allen plötzlich einen ganz ernsten Film macht (er hat es, glaube ich, mal versucht), wird er es schwer haben. Man hat sich zu sehr an den Charme oder auch an die Kraft der Revolte gewöhnt, die in der Komik steckt.

Westphal: Das ist ein Vorurteil.

 

"Ich möchte gern verführt werden!"

Krumbholz: Ja, aber es gibt nicht nur negative, sondern auch positive Vorurteile. Das meinte ich mit der Idee des Eingeweihtseins. Es ist selbstverständlich kein Verbrechen, "No President" für einen genialen Theaterabend zu halten. Ich stimme Dir sogar zu, wenn ich alles über Filme von Jack Smith oder über den Streit zwischen der Stanislawski-Schule und ihren Gegnern in USA wüsste, dann müsste ich am Ende vielleicht dieses todlangweilige "No President" für einen relevanten Abend halten. Aber ich möchte gern verführt werden. Und je mehr mein Kopf aufgeladen ist mit Vorab-Infos, desto befangener wird mein Urteil. Alles verstehen heißt alles verzeihen – sozusagen.

Westphal: Ein Kritiker ist doch kein leeres Blatt. Wir sind extrem dicht beschriebene Blätter, und mit jeder weiteren Inszenierung kommen ein paar Worte oder ein paar Zeilen hinzu. Du hast recht, es gibt auch positive Vorurteile, aber die sind nicht an Vorab-Informationen gebunden. Die entstehen eher aus einer längeren Beschäftigung mit dem Werk einer Künstlerin oder eines Künstlers. Man hat Vorlieben, und vielleicht verzeiht man denen eher als anderen. Und es gibt das Phänomen der "enttäuschten Liebe". Bricht ein Künstler mit dem Bild, das wir von ihm liebgewonnen haben, kann sich das sehr schnell rächen. Fritschs "Philosophie im Boudoir" ist dafür geradezu prädestiniert.

No President 1 560 HeinrichBrinkmoller Becker u"No President" bei der Ruhtriennale 2018: Alexej Lochmann (1. v. l.) und das Corps de Ballet © Heinrich Brinkmoller-Becker

Krumbholz: Ich möchte auf keinen Fall verzeihen müssen, dass ich mich langweile. Meines Erachtens ist es eine Art Bringschuld des Künstlers, mich Zuschauer sinnlich zu überzeugen. Je dunkler die Bühne ist, desto heller müssen die Spieler leuchten. Je maskierter die Gesichter, desto besser müssen sie artikulieren. Je langweiliger das Dargestellte als solches, desto dynamischer muss die Darstellung sein. Es muss zünden. Bei mir genauso wie beim ahnungslosesten Zuschauer in der Reihe vor mir. Wir sitzen ja nicht im Theater und sammeln Plus- und Minuspunkte. Sondern die meisten von uns lassen das Gesehene auf sich wirken, kommen dann zu einem Urteil, in einer Art "sinnlicher Gewissheit", und sammeln zuletzt Argumente, die geeignet sind, dieses Urteil zu untermauern.

Westphal: Sammeln wir nicht insgeheim doch Plus- und Minuspunkte, auch wenn wir das so natürlich nie sagen würden? Im Prinzip gehst Du doch auch nicht anders vor. In dem Moment, in dem etwas auf uns wirkt, ordnen wir das doch auch ein und bewerten es. Das ist natürlich keine Strichliste. Aber am Ende geht es trotz allem ans Abwägen. "Sinnliche Gewissheit", das klingt natürlich schöner, poetischer. Aber auch die fällt doch nicht wie eine Art ästhetisches Pfingstwunder vom Himmel herab.

 

"Bringschuld gibt es in der Kunst nicht"

Krumbholz: Kunst findet eigentlich immer außerhalb des diskursiven Denkens statt, während Kritik sie genau dort verorten will. Hier liegt, fürchte ich, die Quelle vieler Missverständnisse, und vielleicht eines stetigen Aneinandervorbeiredens. Wenn ich mal den Erfinder der Moderne, Pablo Picasso, zitieren darf: "Kunst ist nicht die Anwendung eines Schönheitskanons, sondern das, was sich Trieb und Verstand über jeden Kanon hinaus ausdenken können. Wenn wir eine Frau lieben, kommt es uns ja auch nicht den Sinn, ihre Glieder zu messen." Insofern bleibe ich bei dieser Reihenfolge: Zuerst der sensuelle Eindruck, dann das Argument im Sinne einer "Rationalisierung".

Westphal: Kommen wir zum "Eingemachten". Du sprichst von einer Bringschuld des Künstlers, was sich perfekt mit dem Bild vom Kritiker als Agnostiker deckt. Der Zweifler muss überzeugt werden. Damit wird die Frage, ob einem Kunstwerk eben das gelingt, zum Angelpunkt seiner Bewertung. Richtig?

Krumbholz: Richtig.

Westphal: So etwas wie eine Bringschuld gibt es in der Kunst nicht. Ich glaube eher, dass wir der Kunst etwas schuldig sind. Ich glaube erst einmal an jede Inszenierung, die ich mir ansehe. Im Moment der Aufführung zeigt sich dann, ob der Vertrauensvorschuss gerechtfertigt war. Sollte mich eine Inszenierung enttäuschen, was natürlicher häufiger mal geschieht, bleibt trotzdem noch die Frage zu klären, ob sie tatsächlich misslungen ist oder ob ich es bin, der aus welchen Gründen auch immer an ihr gescheitert ist.

Westend 2 560 ArnoDeclair u"Westend" von Moritz Rinke, inszeniert von Stephan Kimmig am Deutschen Theater Berlin 2018: Paul Grill, Linn Reusse, Birgit Unterweger  © Arno Declair

Krumbholz: Und wer soll diese Frage beantworten?

Westphal: Wahrscheinlich ein Dritter. Es geht mir jedenfalls nicht darum, dass der Betrachter einer Inszenierung einen mehr oder weniger genau definierten politischen oder historischen Kontext kennen muss.

Krumbholz: Auch nicht die "Wahlverwandtschaften", wenn er in ein Rinke-Stück geht?

Westphal: Die "Wahlverwandtschaften" sollte er vielleicht tatsächlich kennen.

Krumbholz: Um den Zuschauern, die sie nicht kennen, den Hintergrund des Stücks diskret zu erklären.

Westphal: Diskret ... oder vielleicht auch nicht ganz so diskret. Aber das ist letztlich vom Kontext der Inszenierung abhängig. Deswegen wage ich jetzt mal die ketzerische These, vielleicht ist es gar nicht notwendig, die "Wahlverwandtschaften" zu kennen, um in Rinkes Stück etwas zu entdecken, das einen anspricht. So wie man auch Jack Smiths Filme nicht kennen muss, um seinen Spaß an "No President" zu haben. Natürlich bleiben Fragen: Wo zieht man die Grenze? Wo endet der Kanon, wo beginnt er?

 

"Wo endet der Kanon?"

Krumbholz: Du, Sascha, bist jünger als ich. In meinen Anfängen als Kritiker bin ich ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass meine Leser wissen, worum es in "Hamlet", "Kabale und Liebe" oder "Hedda Gabler" geht. Man brauchte das nicht zu erklären. Das hat sich aus unterschiedlichen Gründen geändert. Das Wissen um den Kanon, jedenfalls das genauere Wissen, ist diffundiert. Gleichzeitig sind Kritiken unterm Strich kürzer geworden. Fast müsste man jetzt in der Hälfte des Textes die Fabel nacherzählen, um in der anderen die Aufführung zu beschreiben.

Westphal: Das ist wirklich ein leidiges Thema. Und wahrscheinlich tendieren wir als Kritiker, die aufgrund teils unzähliger Inszenierungen die Theaterklassiker fast schon mitsprechen können, tatsächlich dazu, gelegentlich zu viel vorauszusetzen. Auf der anderen Seite frage ich mich aber auch, für wen schreiben wir unsere Kritiken? Das ist natürlich vom Medium abhängig. Grundsätzlich würde ich allerdings bei Lesern überregionaler Tageszeitungen oder bei Nutzern eines Portals wie nachtkritik.de gewisse Kenntnisse der Dramenliteratur auch heute noch voraussetzen. Oder hast Du in dieser Hinsicht andere Erfahrungen gemacht?

Krumbholz: Man hat in der Hinsicht ja kein Feedback. Es schreibt einem ja niemand: "Bitte erzählen Sie mir doch erst mal das Stück!" Man argumentiert sozusagen ins Leere hinein, in der Hoffnung, dass eine Basis existiert, auf der die eigenen Ausführungen irgendeinen Sinn ergeben. Vielleicht ist das schon elitär. Ich finde jedenfalls, dass man sich nicht von vornherein an ein Fachpublikum wenden sollte, auch wenn Kritiken vermutlich vor allem von Insidern gelesen werden. Das ist übrigens auch für die Qualität des eigenen Schreibens besser. – Aber um Dich richtig zu verstehen: Findest Du, dass der Kritiker einen Theaterabend unter allen Umständen an den Kontext zurückbinden muss, in dem er entstanden ist?

hamlet1 560 n.klinger uErzählen Sie doch erst einmal das Stück!" - "Hamlet", inszeniert von Gralf-Edzard Habben am Staatstheater Kassel 2014: Peter Elter, Eva Maria Sommersberg und Artur Spannagel © N. Klinger

Westphal: Nein. Der Betrachter, so wie ich ihn sehe, erschafft die Kontexte selbst, also aus sich heraus. Mal mag es bei diesem Vorgang, der etwas Magisches haben kann, zu einer Deckung mit den Intentionen der Künstlerinnen und Künstler kommen, mal eben nicht. Jedenfalls entwickelt ein Kunstwerk, das diesen Namen verdient, im Moment seiner Präsentation ein Eigenleben, das sich von den Absichten seiner Urheber löst.

Krumbholz: D'accord! Absolut einverstanden. Aber sag mal, Sascha, erfordert Nachtkritik nicht zu viel schnelle Entschiedenheit? Du hast mir mal erzählt, dass du eine Aufführung spontan sehr negativ und später sehr viel positiver beurteilt hättest…

Westphal: Ja, Nachtkritik erfordert eine schnelle und manchmal vielleicht zu schnelle Entschiedenheit. Insofern bin ich froh, dass ich über den speziellen Abend, auf den du anspielst, keine Nachtkritik zu schreiben brauchte. Aber das Problem ist doch grundsätzlicher. Zum einen sind wir fehlbar, das versteht sich von selbst. Zum anderen ändern sich Sichtweisen und Einschätzungen mit der Zeit, manchmal sogar schneller als erwartet. Insofern wäre es großartig, wenn Kritiken in den Fluss gerieten, wenn Texte nicht mit der Veröffentlichung abgeschlossen wären, sondern offenblieben und immer wieder ergänzt und revidiert werden könnten.

Krumbholz: Befürchtest du eigentlich manchmal, hochnäsig zu erscheinen?

Westphal: Was für eine Frage. Ist es nicht der Ruf der Kritik, hochnäsig zu sein? Aber lass mich die Frage zurückgeben. Ist es hochnäsig, sich Leserinnen und Leser zu wünschen, die im Idealfall mehr wissen als ich?

Krumbholz: Wünschen kann man sich das immer! Für mich bleibt entscheidend, sich der Relativität der eigenen Urteile bewusst zu sein. Wie Kant so treffend sagt: ästhetische Urteile seien "a priori subjektorientiert". Man muss das nicht ständig betonen. Aber es bleibt dennoch eine Tatsache. Wir sollten uns selbst nicht zu wichtig nehmen. Das ist der Punkt.

 

 

westphal kleinkrumbholz martin 57 felix krumbholz uMartin Krumbholz (rechtes Bild), Jahrgang 1954. Studium in Bochum und München. Seit 1994 Literatur- und Theaterkritiker unter anderen für die Neue Zürcher Zeitung, Theater heute, die Süddeutsche Zeitung.
Sascha Westphal (linkes Bild), geboren 1971, studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und Geschichte in Bochum. Arbeitet seit 1994 als freier Theater- und Filmkritiker für verschiedene Tageszeitungen, Zeitschriften und Internetportale.

 

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