Hotel mit Schufa-Gefühl

von Michael Laages

Salzburg, 22. August 2009. Was ist das: ein Hotelbesuch? Oder ein Haftantritt? Das Schuhwerk jedenfalls ist an der Garderobe abzugeben. Dafür wird ein Zimmer zugewiesen und der Schlüssel ausgehändigt. Diszipliniert (weil wir ja an der Rezeption immer gehorchen), also auf Socken oder barfuß begeben wir uns ins Kunst- und Erkenntnis-Quartier – gut 30 Stück Publikum in gleich viele Gemächer, von innen nicht abschließbar, sparsam bemessen und noch sparsamer möbliert: ein Bett, eine matte Neonlampe, zum Lesen zu wenig, zum Schlafen zu viel. Wir sollen ja auch weder das eine noch das andere.

Fragebögen werden unter der Tür hereingeschoben, mit der Bitte, diese auszufüllen, und mit dem Hinweis versehen, dass sich unter dem Kopfkissen ein Stift befinde. Und nun also geben wir uns preis – was wir heute so gefrühstückt haben, was wir gerne hören, was nicht, wie uns "Wasser schmeckt" und weitere bedeutende Details aus dem psychologischen Nähkästchen.

Spiegel über allen Betten

Wir ahnen spätestens jetzt, um wen es geht bei "You are here", der 2007 entstandenen und jetzt zum "Young Directors Project" der Salzburger Festspiele eingeladenen Installation des auf dieser Welle einigermaßen erfolgreich segelnden Niederländers Dries Verhoeven – es geht um uns, um dich und mich, wie wir da keinen Meter voneinander entfernt und nur durch Sperrholzwände, aber zugleich ja auch durch Welten voneinander getrennt in unseren Zimmer- oder Zellenbetten liegen.

Wie nahe können wir, wie nahe wollen wir einander kommen, Fremde, die wir nun mal sind füreinander – mit Fragen wie diesen raunt sich die Beschreibung aus der Projekt-Dramaturgie in bedeutungsschwere Höhen. Wie die Decke über unseren Zimmern – nachdem wir nämlich ein paar dieser Zettel mit mehr oder weniger belanglosen Fragen ausgefüllt und unter der Tür zurück auf den Korridor geschoben haben und uns darum nun hinlegen dürfen, hebt sich die Decke nämlich Zentimeter um Zentimeter bis auf volle Höhe der Bühne auf der Perner-Insel im Festivalstädtchen Hallein. Und die Decke ist ein Spiegel. Mehr und mehr von der schneckenhaften Anordnung der Zimmer bekommen wir spiegelbildlich über unseren Köpfen zu sehen.

Jeder bleibt seine eigene Welt
Wir sehen unsere Nachbarinnen und Nachbarn, wie sie ihrerseits uns sehen – aus und zwischen einigen Räumen allerdings schlüpft auch das Hotel-Personal hin und her: verteilt Gläser mit Zucker drin (eine gute holländische Sitte unter guten holländischen Nachbarn, verrät das Programm) und holt uns später, jeden und jede einzeln, mit Taschenlampen und irgendwie beschwörendem Singsang, samt eben diesen Zuckergläsern zu einer kleinen Prozession ins Innerste der Zimmerschnecke ab. Dort wird ein ebenfalls sehr holländisches Poffertje in Zucker gewälzt und uns in den Mund gesteckt. Lecker.

Unsere gesammelten Selbstauskünfte werden später zu einem fiktiven Tagesablauf verquirlt und vorgetragen. Mal klettert das Personal auch klammeraffenartig an der Außenwand des Zimmers hinauf und schaut von da oben herein. Huch! Dann erscheint es ungefragt im Zimmer, deckt uns zu und rollt sich danach selber kurz unter unser Bett und wieder hervor. Ach … Schließlich werden unsere Namen aufgerufen, und wenn wir endlich gefunden sind, wird ein Fliegenlämpchen in die einzige Steckdose des Zimmers appliziert, mit unserem Namen drauf. Putzig.

Dann fährt die Spiegeldecke langsam wieder runter. Jeder und jede ist wieder für sich. Licht aus. Das war's. Putzig war's. Und ziemlich belanglos. Eins dieser modischen Bloß-kein-Theater-Projekte, das sich in der Beschreibung der Einzelteile vollkommen erschöpft – alles andere, all dieser verschwurbelte Überbau von Fremdheit und Nähe und Intimität und der Wirkung des gespiegelten Bildes: Blah und Blubb, heiße Luft, angereichert mit sozio-politisch korrektem Psychotherapeuten- und Reden-wir-mal-drüber-Gesülze.

Mehr perspektivische Bereicherung
Unlängst war Dries Verhoeven schon mit dem intellektuell ähnlich unausgereiften "Niemandsland"-Projekt bei den Theaterformen in Hannover unangenehm aufgefallen. "You are here" ist ähnlich armselig. Jede halbwegs ordentliche Tschechow-Inszenierung führt tiefer hinab in die Fragen nach dem, was denn das ist, das "Ich", und wie es überleben lernen könnte. Aber das wäre ja Theater – und also gar nicht in Mode. Und wenn es schon immer noch mehr Bloß-kein-Theater-Projekte geben soll, dann bitte mehr Mut. In (zum Beispiel) brasilianischen Motel-Zimmern gibt's auch solche Spiegel über dem Bett wie im Hotel Harmlos von "You are here", und sie sind ganz handfest da zur perspektivischen Bereicherung der Wahrnehmung in der erotischen Begegnung.

Bei einem der interessanteren europäischen Selbsterkundungsprojekte jüngerer Zeit, anno 2002 bei "Theater der Welt" und im Experiment einer belgischen Truppe, lagen wir stumm und blind in stockfinstren Zimmern und spürten plötzlich irgendetwas an Hand oder Stirn oder Mund, was möglicherweise echte menschliche Haut hätte sein können. Viel ist möglich, wenn die Phantasie ein wenig Futter bekommt. Ein leckeres Poffertje aus Holland allerdings dürfte für den Salzburger Festival-Preis nicht reichen. Und ist auch sonst nicht genug.




You are here
Installation, Konzept, Raum und Regie: Dries Verhoeven.
Mit: Bina Blumencron, Joep Conjaerts, Erik J. Dekker, Manja Haueis, Harald Pretschner, Marco Schaaf, Elena Schmidt, Danielle van de Ven, Teresa Vittucci.

www.salzburgfestival.at
www.kampnagel.de

Diese Inszenierung wurde bei den Salzburger Festspielen mit dem Young Directors Award 2009 ausgezeichnet. Reinhard Kriechbaum hat die Wahl kommentiert.

 

Kritikenrundschau

Für Bernhard Flieher von den Salzburger Nachrichten (23.8.) funktioniert die Perspektivenerweiterung in Dries Verhoevens "You Are Here": Über den Spiegel könne man "aus der Vogelperspektive in alle anderen Zimmer schauen. Gedanken, die sich zuvor um einen selbst und die gedreht haben, die da links und rechts von einem Quartier genommen haben, sind plötzlich Gedanken darüber, was die anderen sich denken, wenn sie einen nun sehen können". Verhoevens Idee, "quasi auf neutralem Gebiet Gedanken zu provozieren, die ganz nach drinnen und gleichzeitig weit nach draußen führen, geht hervorragend auf". Sie lebe allerdings ganz "massiv von der Atem beraubenden Installationsidee mit dem Spiegel", so dass vornehmlich "das technische Spielchen" beeindruckt. Die in Zimmern und Gängen inszenierten Vorgänge hingegen würden "mit Fortlauf des Aufenthalts belanglos und beliebig".

Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (24.8.) zufolge tut sich in "You Are Here", wo man seinem eigenen "Kopftheater" folgen darf, das Wunderland "des anonymen Mitmenschen" auf. Wenn sich die Spiegeldecke hebt und sich die Perspektive auf die anderen Zimmer hin weitet, sehe man sich selbst in einem Kästchen liegen, "ein Fremder unter Fremden, und tut es schließlich der Spiegelkonstruktion gleich: Man öffnet den Fokus, macht den Blick auf, lässt die Anderen, das 'You', in seine Gedankenwelt herein – ein frappierender Perspektivwechsel, der Innen- und Außenwelt verschränkt". Wie Verhoeven dem Zuschauer hier buchstäblich den Spiegel vorhalte und ihn "dabei nicht nur auf sich selber, sondern gerade auch auf den Mitmenschen wirft, ist so erhellend, wie es zauberisch und entspannend ist". Seine Performer hätten "daran allerdings ungleich weniger Anteil als die geniale Bühnenkonstruktion". Denn was diese treiben, bleibe "nebensächlich in diesem grandiosen Gedankenspiegellabyrinth. Aber schön ist es, wenn sie einen fürsorglich zudecken und am Ende beim Vornamen rufen: Man fühlt sich tatsächlich gemeint". Normal 0 0 1 105 603 5 1 740 11.1282 0 21 0 0

Karin Fischer vom Deutschlandradio (Kultur Heute, 23.8.) war "Teil einer Installation, die einige lebensnahe und einige eher ungewöhnliche Erfahrungen bereithielt". Wenn die Spiegeldecke hochfährt, sei das "ein kleiner Schock, der bald Neugier auslöst". Auch als man von Performern abgeholt und durch die Gänge geführt werde, bleibe hier, "anders als bei der Performance-Truppe 'Signa', in der die Zuschauer als Mitspieler gefordert sind", alles "in einer passiven Schwerelosigkeit".  "Theater als Selbsterfahrungsexperiment hat sicher Grenzen. In 'You are here', dieser Versuchsanordnung über Fremdheit, Nähe, Abstand und Vertrauen, wurden sie erstmal ein wenig geöffnet."

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"Was will uns Verhoeven sagen?" fragt sich Barbara Petsch in der Presse (24.8.). Dass wir "scheinbar aufgehoben in brüchigen Realitäten" sind, "Menschen im Hotel, immer auf der Durchreise, immer auf der Suche nach Ruhe, Gelassenheit, Wärme usw."? Diese "neue Bühnenkunst entdeckt die Avantgarde von gestern: Erlebnistheater." Verhoeven versuche dabei, "die Wirkung der so beliebten Selbsterfahrungsworkshops zu evozieren". Dummerweise sei aber "das alte Theater widerspenstig: Es verlangt nach einem guten Text, irgendeiner Art von Action, ja, Stillstand geht auch, aber irgendetwas muss sich abspielen". Dieser Geschichte jedoch fehle es an Substanz. Was sich hier ereigne, sei gewissermaßen "spiritueller Dilettantismus oder grob gesagt: optisch aufgeblasener Firlefanz".

Hans Haider
(Wiener Zeitung, 25.8.) urteilt so: "Crossover, Mitspieltheater, Rauminstallation, Performance sind längst bewährte und in den Mainstream vorgedrungene Versuchsanordnungen der Avantgarde. Doch von "You Are Here" führt kein Weg weiter. Zu mickrig ist die Idee. So was schimpfen Kunststudenten Pipifax. Doch schon auf den Akademien lernen sie: Nicht die Komplexität des Entwurfs, nicht der Kunstwert entscheidet für den Erfolg, sondern das Projektmanagement mit möglichst theorietiefen Beipacktexten."

 

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