Unter dem Ding

von Anja Lachmann

Zürich, 4. November 2007. Ein wirklich gewaltiges Teil: Etwa hundert Schritte in die eine, fünfzig Schritte in die andere Richtung. Dabei vielleicht zwei Meter hoch, schwer zu sagen. Eine wuchtige Konstruktion jedenfalls, die da inmitten der Zürcher Schiffbauhalle nur knapp über dem Boden schwebt. Darunter glüht über die gesamte Fläche ein roter, gerade mal hüfthoher Raum. Derartig angefüllt wirkt die sonst so mächtige Halle eng und beklemmend.

Selbst wir Zuschauer drängen uns auf einem schmalen Streifen am Rande, sitzen zusammengepfercht auf harten Pritschen oder kauern direkt davor auf dem Boden. Auch müssen wir uns ein wenig ducken, um alles erspähen zu können, was an diesem Abend unterhalb des schwebenden Kolosses vor sich geht.

Man bekommt eben nichts geschenkt. Schon gar nicht von Bill Forsythe und seiner Company, die Zürich (neben dem Bockenheimer Depot und dem Festspielhaus Dresden-Hellerau) nach ihrem spektakulären Rausschmiss aus dem Frankfurter Opernhaus zu ihrer Teilzeit-Residenz erklärt haben. Hier nun präsentiert – so will es die Verabredung – The Forsythe Company jeden Herbst eine Uraufführung. Meist waren das bisher reichlich verrätselte, "choreografische Installationen", als die auch "The Defenders", die jüngste Kreation der Company, angekündigt wurde.

Rollen, robben, schlenkern

Dass es anstrengend werden würde, wusste man also. Weil Forsythe-Stücke immer auch Zumutungen sind. Herausforderungen, die die Sinne verwirren, Wahrnehmung irritieren, Deutungen nicht einfach so servieren. Seine Stücke sind komplexe Organismen, in denen Vorkommnisse zu gleichzeitig und zu geballt auftreten, als dass man alles erfassen, sich ihrer Bedeutung anders als nur eben ansatzweise und flüchtig nähern könnte. Faszinierende Arrangements, die in ihrem Kern rätselhaft bleiben, auch wenn man für Momente meint zu verstehen.

In "The Defenders" jedoch nichts von irgendwelcher Ereignis-Polyphonie. Gebannt schaut man aus nächster Nähe auf den rot glühenden Spalt zwischen dem Boden und der dräuenden Last, die da von oben herabhängt und alles unter sich zu krümmen und zu verbiegen scheint. Ungewöhnlich dezent, beinahe spärlich erfüllt Bewegung diesen Raum: Körper, die sich gebückt quer durch die Halle bewegen. Rollend, robbend, schlenkernd. Arme und Beine schlaff abgewinkelt, wie paralysiert, willenlos ineinander verdreht. Erst kämpft sich derart kriechend einer von rechts nach links, dann sind es zwei ineinander Verknäulte, dann wieder hüpft eine Horde äffisch Kreischender vorüber. Komplexität ist anders.

Animalisches Konzert im Affenstall

Von Ferne ein dumpfes Dröhnen. Wie durch einen akustischen Schleier hört man Türen klappen, Schritte, Radiomusik: Zivilisation. Zu "The Defenders" hat Forsythes Leib-Komponist Thom Willems eine auffällig zurückhaltende Soundkulisse geschaffen, die scheinbar ganz den Geräuschen, die aus den Tänzerkörpern dringen, Platz machen will. Denn Forsythes Tänzerinnen und Tänzer wiehern, grunzen, meckern und kreischen an diesem Abend mit Hingabe. Ein animalisches Konzert, in das sich von Zeit zu Zeit gerade nur texanische Lieder und o-beiniges Cowboy-Getue mischen.

Wer dies weltpolitisch deuten will, kann dies ausdrücklich tun. Den aufrechten Gang jedenfalls probt hier niemand mehr. Eher wird in diesem Affenstall dressiert und übel drangsaliert, was das Zeug hält. "Komm' schon, komm', was soll die Scheiße…?", brüllt irgendjemand. Und alle rutschen auf ihren Bäuchen, krabbeln, winden und krümmen sich. Unter diesem Ding, dieser Last, dieser Macht.

Macht ist nicht besonders komplex. Die Spielchen funktionieren auf simple Weise, und dennoch sind sie sehr wirkungsvoll. Macht ist bleiern. Es ist schwer, ihr zu entkommen. Sie nimmt das Licht und die Luft, und sie schädigt das Rückgrat. Nach mehr als einer Stunde auf den harten Bänken schmerzt das Hinterteil, in den Gedanken irrlichtert es. Was gibt es da noch zu verteidigen, was zu rechtfertigen? Nur raus hier, raus an die frische Luft …


The Defenders
Eine choreographische Installation von William Forsythe
Regie: William Forsythe, Musik: Thom Willems, Technische Realisation: Max Schubert. Mit: Yoko Ando, Esther Balfe, Amancio Gonzalez, David Kern, Roberta Mosca, Tilman O'Donnell, Maik Solbach.

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Im Züricher Tages Anzeiger (6.11.2007) konstatiert Felizitas Ammann erst einmal nüchtern die äußeren Daten der neuen Forsythe-Aufführung: "Im Vergleich mit den Vorgängern kommt 'The Defenders' wie eine normale Aufführung daher: Es gibt einen Anfang und ein Ende und eine klar abgetrennte Bühne." Eben ein Spalt, in den man hineinstarre "wie in einen blutenden Querschnitt durch die Gesellschaft." Beklemmende, verwirrende Szene, daneben parodistische Momente, eine assoziationsreiche akkustische Ebene, dabei das Heterogene in einem meisterhaften Spannungsbogen zum Ganzen gefügt,  - Frau Ammann zeigt sich sehr angetan. Ebenso davon, dass "Defenders" zusammen mit den beiden vorausgagangenen Installationen "wie eine Erziehung des Publikums zum kritischen und eigensinnigen Mitdenken" anmutet.

Kritischer schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (6.11.2007): "Forsythe, den großen Dekonstrukteur des Balletts,... scheint der Tanz allein schon seit geraumer Zeit zu langweilen. Mit seinen 'Performance-Installationen' erobert er sich Bereiche der bildenden Kunst." Forsythe scheine auf der Suche "nach einer zwingenden Kongruenz von Raum und Thema", einem "krassen, kraftvollen Ausdruck dessen, was den Menschen niederdrückt." Unter niedrig hängender Decke: Cowboyhüte und der Mensch, der den aufrechten Gang noch nicht gelernt habe; "eine politische Deutung ist denkbar", schreibt Frau Staude, "denn diese 'Verteidiger' stecken so glanzlos im Schlamassel wie Bushs Krieger." Allerdings bröckele die Performance auseinander. Das Forsythe-übliche Weiterbasteln an seinen Arbeiten, bringe hier gewiss noch Veränderungen.

Martina Wohlthat hat in Zürich eine "Art Schicksalsgemeinschaft zwischen den Darstellenden und dem Publikum" erlebt. Die einen kauern und beobachten, wie die anderen robben, rollen und kriechen. In der Neuen Zürcher Zeitung (6.11.2007) schreibt sie sehr anschaulich über ein mögliches kollektives Gefühl: "Wie fühlt sich das an, so mutterseelenallein unter dem riesigen Sargdeckel?" Die Darsteller keuchten vor Anstrengung und Angst." Es sei "klar, worum es geht: um das, was Menschen einander antun, in Guantánamo und anderswo." Es gibt "Höllenbilder" wie von Bosch, in "ihrer existenziellen Ausdruckskraft grandiose" Tänzer und eine klare Botschaft: "In Gefahr ist hier nichts Geringeres als der aufrechte Gang der Menschen, ihre Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit... Sich zu bewegen und sich als Publikum bewegen zu lassen, ist nicht «l'art pour l'art», sondern der Inbegriff der Freiheit."

 

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