Allein mit der Tastatur

von Grete Götze

Mainz, 19. Januar 2013. "Wie alt sind wir denn?", fragt Klara Moritz bei ihrem ersten und einzigen Date, bevor sie ihm sagt, dass er ein schrecklich langweiliger, kleinkarierter Mensch sei. "Anfang Mitte dreißig", entgegnet jener. Etwa so alt wie der Protagonist seines Auftragswerks für das Staatstheater Mainz ist auch der neue Mainzer Hausautor Philipp Löhle, seit seinem Erfolgsstück "Genannt Gospodin" (hier die Nachtkritik von der Bochumer Uraufführung) im Jahr 2007 viel beachtet in der Theaterwelt. Der Autor ist bekannt dafür, Figuren mit ihren Haltungen auf komische Weise in Extreme zu treiben. Mit 34 laufe er gerade noch unter dem Label Jungdramatiker, hat er unlängst bei seiner Vorstellung als neuer Mainzer Hausschreiber gesagt. Bald beginnt zwangsläufig die letztmalige Einordnung als Erwachsener, ob man sich nun so fühlt oder nicht.

Anfang Mitte Dreißig ist jedenfalls die Zeitspanne, in der man noch überlegen kann, ob man die Weichen für sein Leben anders stellen möchte. Moritz, der kleinkarierte Zahlenanalyst von "Nullen und Einsen", sogar schon 36 und schön verstockt auf die Bühne gebracht von Felix Mühlen, möchte endlich unangepasst werden. Nicht mehr der Streber sein, der nicht tanzen und nur rechnen kann. Also lotet er Grenzen aus. Kommt barfuß zur Arbeit. Bis er merkt, dass es in dem Großraumbüro, in dem er arbeitet, sowieso niemanden interessiert, was er eigentlich macht. "Ich hab' das Gefühl, wir sind nur da, damit die Tastatur nicht allein ist, verstehst Du?", versucht er sein Problem vergeblich seiner Kollegin Klara zu erklären.

Gefangen im Großraumbüro
Regisseur Jan Philipp Gloger hat das Großraumbüro mit neun Figuren und neun gleich großen Tischen zur alleinigen Spielfläche für alle Handlungen erkoren, in einer filmisch anmutenden Inszenierung mit vielen kurzen Szenen und Musik zur Untermalung. Das Stück ist unterteilt in die Abschnitte Subtraktion, Addition und Multiplikation, zwischen denen Erkenntnisse zur Zahlentheorie von Forschern wie Konrad Zuse, dem Erfinder des ersten programmierbaren Rechners, oder dem Physiker Hugh Everett beschrieben werden. Gloger lässt die Formeln, welche die Welt seit dem Fortschreiten der Wissenschaft fortwährend in einem neuen Licht erscheinen lassen, auf eine große Leinwand projizieren.

nullenundeinsen3 560 bettina mueller hDie Leere lächelnd ertragen: "Nullen und Einsen" © Bettina Müller

Davor, zwischen den Bürotischen, beauftragt ein Direktor einen als "Bär" betitelten Killer, erzählt der Notarzt Jonas seinem Kollegen Beck beim Nudelsalat von der Sehnsucht, seinem Leben zu entkommen. Und es gibt Jule, die nach einem Unfall gelähmt ist und erst mit Tom, dann mit einem obdachlosen Professor das Weiterleben in unterschiedlicher Geschichtsschreibung probiert: Erst, indem sie ihm wahrheitsgemäß erzählt, dass er sie vor dem Verhungern gerettet habe und nun mit ihr zusammenwohne. Dann, in dem sie dem Professor vorschlägt, er sei in eine Gletscherspalte gestürzt, und sie habe ihn gerettet. Unterschiedliche Möglichkeiten werden durchgespielt.

Schuh- und Identitätentausch
Das Stück nimmt einen langen Anlauf, bis es zu seinem dramatischen Ausgangspunkt gelangt: Nach einem Autounfall wird Moritz sein Ausweis geklaut, und plötzlich kann er seine Identität nicht mehr beweisen, verschwindet hinter angeblichen Personaldaten und scheint gleichzeitig mehrfach zu existieren. Erst nach einer guten Stunde Spieldauer überschlagen sich also die Ereignisse, lassen sich Ursache und Wirkung nicht mehr unterscheiden. Der eine trägt die Schuhe des anderen, Identitäten werden vertauscht und erfunden, dazu trapst ein weißhaariger Hund über die Bühne. Die Fragen, ob man nicht auch ein anderes Leben als das eigene führen könnte, ob man eine Identität für sich allein definieren kann und das Selbst nicht nur Inszenierung ist, tauchen zwischen projizierten Nullen und Einsen auf. Das erinnert an Antonionis Film "Beruf: Reporter" aus dem Jahr 1975, in dem Jack Nicholson die Identität eines verstorbenen Waffenhändlers annimmt. Es erinnert an Max Frischs Roman "Stiller", dessen Protagonist die Freiheit haben will, ein anderer zu sein, als er ist. Es erinnert an Kafkas Roman "Das Schloss" und den vergeblichen Kampf des Landvermessers K. um die Anerkennung seiner Existenz durch ein mysteriöses Schloss und seine Vorsteher. Und es erinnert an eine Generation, die sich nicht festlegen möchte in einer Welt voll von Ich-Möglichkeiten.

Aber obwohl das ein interessanter Ausgangspunkt ist, Gloger in knapp zwei Stunden klare Bilder baut, Lorenz Klee als stinkender Obdachloser einen schönen Tanz mit der gelähmten Jule (Lisa Mies) tanzt und die Schauspieler mit den Löhleschen Dialogen die Generation 30 charmant aufs Korn nehmen, berührt diese Inszenierung nicht. Sie bringt ein Stück, das zu viele Geschichten braucht, um zu seinem eigentlichen Kern zu gelangen, korrekt auf die Bühne. Aber sie tut nicht weh. So bleibt der Zuschauer ob der Botschaft dieses Abends ein wenig ratlos zurück. Die Mittdreißiger sind es vielleicht auch.

Nullen und Einsen (UA)
von Philipp Löhle
Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne: Franziska Bornkamm, Kostüme: Karin Jud.
Mit: André Willmund, Marcus Mislin, Felix Mühlen, Johanna Paliatsou, Lorenz Klee, Mathias Spaan, Stefan Graf, Lisa Mies, Tilman Rose.
Dauer: 1 Stunde und 45 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-mainz.de



Kritikenrundschau

Auch in "Nullen und Einsen" finde sich das wieder, wofür Löhle bekannt sei: "gerne große Themen auf Zeitströmungen anzuwenden, sich von ihnen zugleich zu distanzieren durch Wortwitz und Ironie, mit der Vorführung bizarrer Figuren und überdrehter Plots", schreibt Pascale Anja Dannenberg in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.1.2013). Allerdings funktioniere die "artifizielle Sprache", wenn eine Figur über sich selbst in der dritten Person spricht, "in diesem unterhaltsamen wie harmlosen Erzähltheater nicht, wirkt aufgesetzt, da sie nicht aus der Figur heraus entwickelt wird, der diese Sätze nicht zueigen sind". Und die "anfangs noch zündenden Pointen werden durch gleichförmige Wiederholung schnell zum durchschaubaren Kalkül". Überzeugend findet die Kritikerin dagegen die Schauspieler sowie "erzählstrukturierende Einfälle" der Regie wie etwa die Arbeit mit der Off-Stimme und dem Video.

Löhle biete "in Kurz- und Kürzestszenen eine Spritztour zu den Rändern unseres Alltags", schreibt Jens Frederiksen für die Allgemeine Zeitung der Rhein Main Presse (21.1.2013). Seinem "zentralen Thema – der schleichende Auflösung der Persönlichkeit –" nähere er sich "durch ein energisches Hinwegsteigen über die Gesetze der Wahrscheinlichkeit". Uraufführungsregisseur Jan Philipp Gloger habe "aus diesem manchmal etwas kruden und gegen Ende immer unübersichtlicher werdenden Szenengetürm eine Sammlung pointierter Schlaglichter auf die Gegenwart gemacht, in der die Paar-Schilderungen des Beginns zunehmend mit Traumsequenzen versetzt werden, um am Ende in einen fulminanten Slapstick mit Namensverwechslungen und verrutschten Identitäten zu münden".

Mit seinem neuen Stück "Nullen und Einsen" habe Philipp Löhle "so etwas wie die Science-Fiction-Dramatik erfunden", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (21.1.2013). "Er schleust die höhere Mathematik in die Dramatik ein" und entfache "einen Wirbel von Verschiebungen, Irrealitäten, zweiten und dritten Realitäten". So entstehe ein "zugleich sinnreiches wie lustiges Theaterstück", angesiedelt zwischen "Fantasy und klassischer Verwechslungskomödie". Jan Philipp Glogers Uraufführung besitze ein überzeugendes Ensemble. Gleichwohl entstehe der "Eindruck, der Regisseur denkt zu viel über Metaphysik, Existenz und Identität nach und vergisst darüber das Tempo und den Rhythmus, die dazugehören, wenn die Komik in ihr Recht gesetzt werden soll. Und er hängt zu sehr an der Realität und glaubt nicht ganz an Löhles Wirbelwitz."

Löhles Stück sei am physikalischen Gedankenexperiment um Schrödingers Katze (die zugleich lebendig und tot ist) orientiert, schreibt Tilman Spreckelsen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.1.2013). "Wir leben also, wie wir leben, könnten aber auch ganz anders leben und tun das wahrscheinlich auch irgendwo, nur bekommen wir das halt nicht mit – so in etwa die Fabel von Löhles Stück." Die dialogische Umsetzung dieser Gedanken allerdings "überfordert niemanden, ermüdet aber gerade deshalb so zuverlässig". Löhles Text wolle "amüsieren und nach Bedeutung heischen und kommt doch kaum einmal über Was-wäre-wenn?-Gedankenspiele hinaus". Die Schauspieler müssten entsprechend "mit schrillen Tönen Papier zum Leben erwecken, das dafür beim besten Willen nicht taugt".

"Nullen und Einsen" sei Philipp Löhles bislang ambitioniertester Theatertext, "lässt er doch parallele Welten, verwirrte Biografien und nicht weniger als neun Figuren aufeinander treffen", schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (1.2.2013). Jan Philipp Gloger reagiere auf "die Herausforderung in drei Akten" vorsichtig wie ein den Strafraum sichernder Libero. Gloger und Löhle schätzten sich, "und das dürfte auch so bleiben, nachdem der gleichermaßen im Schauspiel wie in der Oper beheimatete Regisseur diesen Flirt mit der angewandten Stochastik schön sachlich und klar strukturiert als episodischen Essay inszeniert hat; gelegentlich etwas zäh, aber auch mit überraschenden Bildern."

 

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