Geknutscht wird ohne Klassiker

von Michael Stadler

München, 13. April 2014. Vielleicht sollte man tatsächlich mit so etwas Schönem wie dem Küssen anfangen, um sich einen Überblick über das gerade vergangene Festival Radikal jung im Volkstheater zu verschaffen. Auf dem Plakat sieht man zwei Nazis, im Kuss vertieft, hinter ihnen, hart, eine Backsteinmauer. Körper- und Lippenkontakte konnte man viele beim zehnten Festival junger Regisseure beobachten. Das Publikum selbst kam bei Life & Strive und besonders bei "The Lottery" ins Spiel: auf sich gestellt, allein mit einem Computerterminal, das Handlungsanweisungen gibt. Zum Beispiel: "Spiel mit Nr. 25 Doktor und Patient". Oder der Befehl, dass man jeden, den man berührt, küssen soll. Endlich durfte man.

Stürmisch die lesbischen Küsse in Schwimmen lernen, und selbst Der Große Gatsby kommt in Abdullah Kenan Karacas gnadenlos verspielter Inszenierung mit seiner Traumfrau Daisy ins Busseln. Was dann irgendwie die ganz große Sehnsucht kaputt macht, weil sie für einen Moment erfüllt wird.

"Dear Moldova, can we kiss just a little bit?"

An einer vitalisierenden Mund-zu-Mund-Beatmung verstaubter Klassiker hatten die jungen Regisseure, zumindest die in diesem Jahr von der Jury eingeladenen, keinerlei Interesse, sondern vielmehr an frischen, oft selbst erdachten Lippenbekenntnissen meist politischer Natur, was auch die Sexualität einschließt. Für "Dear Moldova, can we kiss just a little bit?" haben die Autorin Nicoleta Esinencu und Regisseurin Jessica Glause in Moldawien Homosexuelle und deren Eltern interviewt, die gesammelten Erfahrungen zu Texten verdichtet und diese fünf Laien, die zu den Befragten gehörten, sowie einem Schauspieler (zurück) in den Mund gelegt. Die Performance vom Teatru Spalatone Chisinau gibt Einblick in eine moldawische Gesellschaft, in der ein Schuljunge von seinen Klassenkameraden nicht gegrüßt wird, weil sie befürchten, sich "anzustecken", und in der 90 Prozent der Moldawier nicht in der Nachbarschaft von Homosexuellen leben wollen. Zitate von Politikern und Journalisten verstärken den Eindruck von Homophobie und krassen Ressentiments.

dear moldova 280 theater"Dear Moldova" © Teatru Spalatone ChisinauGlause macht dokumentarisches Theater, wie man es hierzulande etwa von Rimini Protokoll kennt. Unter den Laien: ein alter Opernsänger, der von seinen Liebschaften erzählt, oder die Eltern eines schwulen Sohnes, die mit sich ringen, um zuletzt ihren Sohn so zu nehmen wie er ist. Wie sie das alles erzählen, das ist anrührend unaufgeregt. Und während sie ein komplexes Bild ihrer Welt zusammenstückeln, schnippeln sie im Küchenambiente Gemüse, fangen an zu kochen – und laden am Ende die Zuschauer ein, mit ihnen Borschtsch zu essen.

Leerer Raum und Leinwand

Auch in Ich rufe meine Brüder, Michael Ronens Inszenierung von Jonas Hassen Khemiris Stück, steht auf der Bühne ein Erzähler, Amor, der nach einem Selbstmordattentat in der Stockholmer Innenstadt durch die Gegend driftet. Es ist der mitreißende Bericht eines dunkelhäutigen Loners, in dem die Angst so tief steckt, dass er überall nur noch Hass sieht. Amors Umfeld, seine Gedankenräume werden auf drei schwarze Wände projiziert, die die leere Bühne und ihn umgeben. Es sind Videos, die Illustrationen im Graphic Novel-Stil zeigen und mitunter in Bewegung geraten.

Das Arrangement (fast) leerer Raum plus Leinwand fand sich in mehreren der Inszenierungen. Die Szenarien wirkten minimalistisch und effektiv, womöglich, weil jungen Regisseuren noch nicht allzu viel Geld zur Verfügung steht, vielleicht auch, weil sie und ihre Bühnenbildner gar nicht mehr wollen. Die Leinwand funktioniert in Eyal Weisers This is the land zunächst als eine Art übergroßer Computerbildschirm, auf den minutenlang ein einleitender Text "live" getippt wird, das Klackern der Tastatur auf der Soundspur: "Wäre dies die Verleihung des Zionist Creation Award, dann wären Sie …". Wie leicht Worte geschrieben und wieder ausgelöscht werden können, wie sehr alles im Konjunktiv steht, zeigt Weiser hier wegweisend für den ganzen Abend, der sich im Grenzbereich von Fiktion und Realität aufhält. Auch hier sprechen die Performer frontal den Zuschauer an. Nah. Ganz, ganz echt.

"Elementarteilchen"

Ähnliches ästhetisches Prinzip bei Julien Gosselins Theateradaption von Michel Houellebecqs Roman "Les Particules élémentaires": Gosselin ist der erste, der ein Werk von Houellebecq in Frankreich auf die Bühne brachte, seine Inszenierung hatte letzten Sommer Premiere beim Festival in Avignon, da war er gerade mal 26 Jahre alt. Dass er die Worte Houellebecqs sehr ernst nimmt, zeigt sich daran, dass sich seine zehn Darsteller / Musiker auf weiter Bühnenflur ganz in den Text reinlegen und minutenlang, kein Pathos scheuend, lange Passagen sprechen, um dann doch, wenn es der Roman anbietet, in Spielszenen überzugehen: zum Beispiel jene in einem Hippie-Camp, wo die freie Liebe und der esoterische Unsinn blühen. Zudem projiziert Gosselin hinten auf der Leinwand Kapitelüberschriften, Passagen, Sätze, Worte aus der Buchvorlage. Der Name "Christiane" prangt in großen Lettern und überragt Bruno, dessen Liebe groß ist, aber Christianes Tod nicht aufhalten wird.

elementarteilchen 560 simongosselin"Les Particules élémentaires" © Simon GosselinDie Darsteller haben die Figuren unter sich aufgeteilt: Ein junges Alter Ego des Autors schlendert mit eingefallenen Houellebecq-Schultern herum und lässt am Ende seine Philosophie eines neuen, geschlechtslosen Menschen mitsamt Rauchwolken steigen. Zuvor sind die Brüder Michel und Bruno, jeder auf seine Weise, am Sex und an der Liebe gescheitert. Gosselin kitzelt aus seinem Team die ganze Energie raus, voller Körpereinsatz und ausgedehnte Musik-Einlagen wie bei einem Postrock-Konzert. Die jungen Darsteller spielen ältere Figuren, eine Darstellerin macht sich in ihrer Ü40-Rolle Gedanken über den Verfall ihres Körpers. Eine spannende Inszenierung über dreieinhalb Stunden hinweg.

Wie sich drei Menschen an Liebe und Sex abarbeiten, während um sie herum Revolutionen toben, zeigt sich in Tarik Goetzkes Mannheimer Inszenierung von Marianna Salzmanns Hurenkinder Schusterjungen. Auch hier bringen Worte auf der Leinwand die Handlung in Gang: Wird eine neue Kapitelüberschrift projiziert, macht sich das zweite Salzmann'sche Sex-und-Liebestrio des Festivals für die nächste Kampfrunde bereit. Vielleicht spiegelt sich da die Internet-Sozialisation der Regisseure wider: Im digitalen Zeitalter hat das Theater einen Retro-Charme der Körperlichkeit, aber wir sind es im Alltag gewohnt, auf Bildschirme zu starren. Das geschriebene Wort dringt daher vielleicht verstärkt auf die Bühne vor, macht sich auf Leinwänden breit, ausdrucksstark und wirkungsmächtig.

"Die Radiofamilie"

radiofamilie 280 ttradiofamilie 280 ttVon Bildschirmen kann bei Mélanie Hubers Inszenierung für das Schauspielhaus Zürich jedoch keine Rede sein. Sie geht auf Zeitreise, zurück in die frühen 50er-Jahre, als Ingeborg Bachmann als Hörfunkredakteurin 15 Folgen der Hörspiel-Seifenoper "Die Radiofamilie" schrieb. Stephan Teuwissen hat in seiner Stückfassung einzelne Episoden zu einem Text verdichtet, den fünf präzise Darsteller in einer Mischung aus Spiel, Gesang und Geräuschkonzert performen. Sie spielen die durch Nazi-Vergangenheit belastete, doch unbeschwerte österreichische Familie Floriani, die sich zwischen Geranien und Hühnerstall an den Problemchen des Lebens reibt. Die zweistöckige Gestell-Bühne im Radio-Look ist Spielplatz für die schnuckeligen Spießbürger, die dem Zuschauer nahe sind, aber niemandem wehtun: Reicht so eine Übung in amüsanter Nostalgie für einen Theaterabend aus?

"Austrian Psycho"

Was Theater überhaupt ist, fragte sich das Künstlerkollektiv Unkoordinierte Bewegung, das vom Volkstheater für einige Interventionen eingeladen war. Bekannt wurden sie durch die Aktion ihres Mitglieds Christian Diaz, der, einst Billeteur beim Wiener Burgtheater, beim Jubiläumskongress des Hauses am 12. Oktober 2013 die Bühne entern wollte. In ihrer Performance "Austrian Psycho" thematisierte die Gruppe nun ausgiebig die Einladung des Volkstheaters: Sie müssen auf die Bühne! Ein bärtiges Mitglied des Kollektivs, gekleidet im hautengen Glitzerbody, drehte in einem abgegrenzten Bereich des Volkstheater-Foyers auf, joggte um Säulen, schlug vor, nicht von Theater, sondern von einem "Dingsbums" zu sprechen und drehte sich beim Gedanken über das Auf-die Bühne-Geworfen-Sein im Kreis.

Zwei Tage zuvor hatte das Kollektiv im Prediger-Look eine Prozession ins "Tal der Millionäre" angeführt, um Uli Hoeneß in seiner Villa aufzusuchen. Der Vorschlag: Hoeneß solle seine Residenz als Flüchtlingslager und Auffangbecken für Kunstschaffende anbieten, da er ja selbst die nächsten Jahre im Knast verbringen wird. Der heimkehrende Hoeneß schaffte es, unbemerkt an den Kunstblut verspritzenden Aktionskünstlern vorbei zu kommen. Ein Video des Ausflugs wurde in "Austrian Psycho" gezeigt. Danach veranstaltete Unkoordinierte Bewegung ein Publikumsgespräch mit stimmverzerrtem Masken-Moderator – eine Parodie, und zugleich konnten sich die Zuschauer noch mal genau erklären lassen, was denn damals an der Burg geschah.

"2. Sinfonie – Rausch"

Während Unkoordinierte Bewegung den Theaterbegriff für eineinhalb Stunden wackeln ließen, baute Ersan Mondtag am Ende des Festivals auf der Bühne des Volkstheaters einen antiken Kulturtempel auf und brachte mit einer Diskurssinnesüberwältigung im Stile René Polleschs die vernunftorientierten Gedankengebäude der Zuschauer zum Einsturz: Die im Schauspiel Frankfurt uraufgeführte "2. Sinfonie – Rausch" ist ein Taumel zwischen Nietzsche, Robert Pfaller, zu Texten geronnenen Spaziergangs-Gesprächen des Teams und mächtigen griechischen Chorälen, gesungen von nackten Statuen, die auch noch ins Denken kommen. In das junge Team hat Mondtag den versierten Thomas Huber implantiert, der sich im Cäsar-Kostüm über den Dünkel radikal junger Regisseure und die Zwangsjacke der Schauspielerei aufregen durfte. Knallkomisch, virtuos überdreht und deppert, das Ganze.sinfonie2 560 birgithupfeld"2. Sinfonie – Rausch" © Birgit Hupfeld

Es war ein passendes Finale für ein Festival, bei dem die Frage nach dem Migrationshintergrund sich erübrigte, weil sowieso kaum einer "bio-deutsch" war und am Ende Julien Gosselin für "Les Particules élémentaires" den Publikumspreis gewann. Die Auslastung sei im Vergleich zu 2013 etwas zurückgegangen, musste Volkstheater-Intendant Christian Stückl einräumen. Es mag an den vielen unbekannten Stücktiteln liegen. Kein Klassiker dabei. Dafür viele Projekte, viele Formexperimente, manchmal lau und manchmal schön: Es war ein Festival zum Knutschen.

 

radikal jung
5. bis 13. April 2014
Das Festival junger Regisseure

Die in diesem Text neu besprochenen Inszenierungen:

The Lottery
Regie und Konzept: Saar Székely und Keren Sheffi
Inspiriert von der Kurzgeschichte "Die Lotterie in Babylon" von Jorge Luis Borges
Dauer: je nach Session 2 bis 3 Stunden, keine Pause

Die Radiofamilie
von Ingeborg Bachmann
Stückfassung von Stephan Teuwissen
Regie: Mélanie Huber, Komposition: Pascal Destraz, Bühne: Nadia Schrader, Kostüme: Ramona Müller.
Mit: Klaus Brömmelmeier, Sarah Hostettler, Lisa-Katrina Mayer, Sean McDonagh, Susanne-Marie Wrage
Produktion: Schauspielhaus Zürich
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

Dear Moldova, can we kiss just a little bit? (UA)
von Nicoleta Esinencu
Regie: Jessica Glause, Ausstattung: Pave Braila, Pascale Martin, Licht: Jan Maria Lukas.
Mit: Elena Anmeghichean, Vladimir Anmeghichean, Ion Bors, Alexandru Frolov, Eugen Gínju, Galina Murzin.
Produktion: Teatru Spalatone Chisinau
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Austrian Psycho – Doube-scripted-Reality aus dem Wienerwald der Hochkultur (UA)
Eine Performance von Unkoordinierte Bewegung
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Elementarteilchen / Les Particules élélmentaires
nach Michel Houellebecq
Eine Produktion von Si vou pouviez lécher mon coeur
Regie und Bühnenbild: Julien Gosselin, Licht: Nicolas Joubert, Video: Pierre Martin, Ton: Julien Feryn, Musik: Guillaume Bachelé, Kostüm: Caroline Tavernier.
Mit: Guillaume Bachelé, Joseph Drouet, Denis Eyriey, Antoine Ferron, Noémie Gantier, Carine Goron, Alexandre Lecroc, Caroline Mounier, Victoria Quesnel, Tiphaine Raffier. Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

2. Sinfonie - Rausch (UA)
Ein Projekt von Ersan Mondtag
Regie: Ersan Mondtag, Dramaturgie: Henrieke Beuthner, Bühne und Kostüme: Julian Eicke, Musik: Verena Marisa.
Mit: Jonas Grundner-Culemann, Thomas Hauser, Thomas Huber, Felix Hammoser, Chor: Lonni Garzena, Jonas Hackmann, Philip Haslbauer, Jan Westphal.
Produktion: Schauspiel Frankfurt
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de
www.radikaljung.de

 

Hier geht's zum Eröffnungsbericht des diesjährigen radikal jung-Festivals.

 

 
Kommentar schreiben