Packt die Feuerzeuge ein!

von Eva Biringer

Berlin, 29. März 2015. Im Licht eines Feuerzeugs ziehen sich zwei aus. Sonst ist es dunkel. Irgendwann sind sie nackt, ausnahmsweise nicht aus Provokation, sondern aus Dringlichkeit. Ein Moment echter Intimität – geht doch! Meistens geht es jedoch nicht in Christopher Rüpings Inszenierung von "Romeo und Julia" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin. Zum einen liegt das daran, dass sie zu viel auf einmal will: alternative Enden, Splitter statt erzählerischer Stringenz, rückwärts laufende Chronologien. Viel bedauerlicher ist jedoch, dass die Inszenierung ihr Thema nicht ernst nimmt.

Ersatzreligion Liebe

Bekanntlich geht es bei "Romeo und Julia" um jene allumfassende Liebe, die als einzige mögliche Konsequenz den Tod nach sich zieht. Eine derartige Gefühlsentgleisung will nicht recht passen in eine Zeit, wo Fremde auf Smartphonebildschirmen beiseite gewischt werden. Paradoxerweise ist aber genau diese Gefühlsentgleisung zur Ersatzreligion geworden und zum gesellschaftlichen Imperativ, dem sich nur einige wenige wie die Autorin Christiane Rösinger verweigern. Welche Folgen das hat, weiß die israelische Soziologin Eva Illouz. Aus ihrem Buch "Warum Liebe wehtut" leiht sich der Programmzettel ein paar Zeilen: "Glaubensinhalte zu rationalisieren, bedeutet, dass die emotionale Intensität der Liebe und der Glaube an die Liebe geschwächt werden." Anders jedoch, als dieser Auszug vermuten lässt, geht es Illouz nicht darum, einen Mangel an Gefühl zu beklagen, sondern im Gegenteil, ein Zuviel.

romeojulia3 560 arnodeclair uRomeo (Benjamin Lillie) holt sich das Gift beim Apotheker (Lisa Hrdina) und zahlt mit Goldflitter
© Arno Declair

Von einem Zuviel kann bei Regisseur Rüping keine Rede sein. Er dekonstruiert den kollektiven Liebeswunsch. Einerseits durch affektierte Übertreibung in Form einer grotesken Operndarbietung. Die ins Rokoko-Mieder eingeschnürte Lady Capulet (brillant ihre verpfuschte Ehe auskotzend: Natalia Belitski) und der Italo-Charme versprühende Vater Capulet (der in allen drei Rollen als Capulet, als Amme und auch als Pater Lorenzo leuchtende Michael Goldberg) tirilieren von "Amore" und machen ihrer Empfindsamkeit in großen Gesten Luft, um alsbald ein heftiges "Du hältst jetzt mal deine Scheiß-Fresse" hinterher zu schicken. Mitunter ist das lustig, erhebend ist es nicht.

Andererseits durch Ironie. Julias Balkon ist eine Hebebühne, ihr Gift ein isotonisches Getränk. Wenn Romeo leidet, dann als Laktosemilchbubi in Gänsefüßchen und dann will er "was richtig Melancholisches in Moll" hören, denn Moll ist seine Tonlage. Was soll's – Blutkapsel geschluckt, in der Sarglandschaft (Bühne: Jonathan Merz) zur ewigen Ruhe gelegt.

Am schlimmsten aber wird es, wenn es lustig sein soll. Erektionsregentänze, Fremdscham-Triggern – Kopulation, Masturbation, Zuschauerirritation. Es wird auch auf die Kunstkacke gehauen in Form Nitsch-artiger Blutlachen, überwiegend anlasslos. In der Summe führt all das zu einer Reduktion der Empathie. Man beobachtet Julia und Paris, Romeo und Rosalinde, Romeo und Julia und fühlt: nichts.

Totgeburten sterben nicht

Hätte Julia auch für Paris sterben wollen? Hätte Romeo auch im Schoß einer anderen die Lerche singen gehört? Wahrscheinlich nicht, zumal "Romeo und Rosalinde" phonetisch nach Treppenwitz klingt. Da läuft ein reizvoller dramaturgischer Ansatz – die Ausweitung des Shakespeareschen Minikosmos – mitsamt der kunstvoll angereicherten Übersetzung von Thomas Brasch ins Leere.

Wie voll von Gefühl die berühmteste Herzschmerzgeschichte der Welt noch immer ist, bewies Jette Steckel letztes Jahr am Hamburger Thalia Theater. Deren Romeo und Julia mussten sich nicht hinter einem Schleier aus Ironie verstecken. Steckels Inszenierung war voll von jenen eingangs beschriebenen, von Rüping zu sparsam dosierten Feuerzeugmomenten.

"Mach mich lebendig, dass ich sterben kann", heißt es an einer Stelle. In dieser Inszenierung ist Liebe eine Totgeburt und Totgeburten sterben nicht. Seit Eva Illouz weiß man, dass Affirmation töten kann, seit diesem Abend, dass Negation das gleiche tut. Vielleicht muss man der Liebe heute derart verfremdet begegnen, um sie ertragen zu können. Allein: berührend ist es für jene, die zuschauen, nicht.

 

Romeo und Julia
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Sophia Kennedy, Dramaturgie: Meike Schmitz.
Mit: Wiebke Mollenhauer, Benjamin Lillie, Lisa Hrdina, Marcel Kohler, Natalia Belitski, Michael Goldberg, Christoph Hart, Sophia Kennedy.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

 Zum diesjährigen Berliner Theatertreffen 2015 ist Christopher Rüping mit seiner Stuttgarter Inszenierung von "Das Fest" (nach Thomas Vinterberg und Mogens Rukov) eingeladen. Mehr über den Regisseur im nachtkritik.de-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Christopher Rüping habe laut Programmheftauskunft an dem Shakespeare-Stoff eine "Art der Liebe, wie es sie nur auf der Bühne gebe", interessiert, "ein Mythos, kompromisslos, nichts für die Realität", berichtet Anna Pataczek im Inforadio des rbb (30.3.2015). "Nur, so wie er das Ganze umsetzt, ist auch das Theater nicht dieser Ort." Es gäbe "diese zärtlichen Szenen zwischen den beiden Liebenden. Aber die gehen unter im Klamauk, im Gebrüll, in der vertrackten Szenenmontage. Wo sind bloß die großen Gefühle? Im Prinzip ist dieser Abend eine Themaverfehlung."

"Es ist eine verwegene Inszenierung, ein Rausch der Möglichkeiten der Liebe und des Theaters, ein Abend, der vor lauter Regieeinfällen fast aus allen Nähten zu platzen droht", schreibt Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost (30.3.2015). Viele Einfälle "gehörten knallhart gestrichen, andere aber treffen ins Mark." Der Regisseur erscheint der Kritikerin als jemand, der sich etwas zutraue, "der trotz allem an die Liebe als Mythos glaubt, Grenzen sprengend, zeitlos, aber leider nicht fürs Leben gemacht, sondern in der dargestellten Konsequenz nur für den Tod. Oder eben fürs Theater."

"Der Abend wirkt gerade in seinem unbedingten Willen, entfesselt, dirty und drastisch zu sein, zumindest auf weniger schenkelklopferaffine Zuschauernaturelle eher zwangsoriginell denn gewitzt; weniger unterhaltsam als bieder", klagt Christine Wahl im Tagesspiegel (30.3.2015). Die Akteure spielten "jeweils ihren eigenen Stiefel". Christopher Rüpings "Aufsplitterungskonzept" führe spielerisch "in die komplette Beliebigkeit". Erkenntnistheoretisch nehme man mit, was man "von Anfang an geahnt" hatte: "Dass der Mythos wesentlich größer ist als seine (im vorliegenden Fall zwischen Kunstbluttragödie und Comic hin und her hüpfende) Aktualisierung."

Shakespeares Tragödie werde hier "in einem Salzsäurebad mariniert", berichtet Peter Hans Göpfert im Kulturradio des rbb (30.3.2015). So "viel Klamauk" könne "allerdings auch schon mal ganz schön auf die Nerven" gehen. Das Ensemble agiere "auf Hochtouren", was den Kritiker aber nicht restlos befriedigt: "Wenn man bisher dachte, dieser Shakespeare sei nicht kleinzukriegen, dann wird man hier eines besseren belehrt. Rüping schafft das spielend. Nur schießt er mit seiner platten Ulkigkeit gehörig über das Ziel hinaus. Es ist ja nicht unbedingt das Stück, das man gerne veralbert sieht."

Fröhlich überdrehten "Trash" biete Christopher Rüping, und weil "er das so charmant, metiersicher und, bei allem Spaß an den überdrehten Forciertheiten, nicht dämlich macht, verzeiht man ihm die etwas verbrauchte Pose des Regie-Anarchos und den eher lässigen Umgang mit dem Text gerne", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (1.4.2015). "Die missmutige Frage, was das Spektakel bitte bedeuten soll, beantwortet die Inszenierung gut gelaunt: nichts, das aber mit großem Vergnügen."

Doris Meierhenrich hat einen "luftig durchgepustesten Abend" erlebt, wie sie in der Berliner Zeitung (30.3.2015) schreibt. Durchaus angetan ist sie davon, dass Shakespeares Stück "zerschnitten, durcheinander gewürfelt, überformt, neu zusammengeflickt und dabei immer auch bis zur körperlichen Erschöpfung gefeiert" wird: "Dieser jugendliche, von furchtlosen Eingriffen und witzigen Spieleinfällen übersatte Shakespeare-Abend ist wie ein sarkastisch intelligentes Studentenspiel angehender Pathologen im Anatomiesaal. Es sprüht nicht vor Geist, aber vor mutigem, wenn auch teils übermütigem Spielwitz und unterstreicht damit Rüpings Stellung als viel gelobtes Nachwuchstalent."

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