"Wir akzeptieren die Änderung!"

von Steffen Becker

Stuttgart, 14. Mai 2015. "Was bleibt übrig?", lesen wir Zuschauer laut von einer Leinwand ab. "Das ist die erste Produktion, in der man meinen Namen kennt", antwortet eine Mitwirkende am Ende der Performance "Einige von uns", die das Performance-Kollektiv She She Pop mit MitarbeiterInnen des Staatstheaters Stuttgart auf die Bühne gebracht hat. Im Dunkeln des Bühnenrandes kann man leider nicht erkennen, wer spricht. Aber es klingt wie die Stimme der Dramaturgin. Sie hatte zuvor offenbart, dass sie ihren Bekannten erklären müsse, wozu man eine Dramaturgin überhaupt braucht – zum Beispiel, um aus einem 800-Seiten-Roman ALLE Stellen in direkter und indirekter Rede rauszusuchen, damit daraus eine Bühnenfassung wird. In Rezensionen liest man davon nie etwas. Das ist ungerecht, denkt sich der Rezensent und schämt sich. Er wird aber im nächsten Moment schon von der Diskussion abgelenkt, ob er als Teil der "Zuschauerschaft" erschossen werden sollte.

Die Widerständigkeit von Schichtplänen

Auch dieser Text wird das Schicksal der Dramaturgin nicht ändern: Keine Namen, es sind einfach zu viele Beteiligte und sie sind auch nicht das Thema. Dem Lehrstück von She She Pop geht es um den Apparat Stadttheater, sein Publikum und seine Mechanismen. "Was ist euer Ziel?", werden die drei auf der Bühne anwesenden Mitglieder des Kollektivs gefragt. Der Apparat soll genauso funktionieren wie vorher, nur "knirschiger" werden. Die Antwort erscheint auf den ersten Blick wenig ambitioniert, spiegelt aber vermutlich die Entstehungsgeschichte. Wer ein "Ensemble" quer durch alle Bereiche und über alle Hierarchien hinweg zu einer inhomogenen Gruppe castet, lernt die Widerständigkeit der Bürokratie kennen. Die dazu passenden Mailwechsel sind im Programmheft abgedruckt. Sie beklagen in deutlichen Worten das Versäumnis, bei der Konzeption von "Einer von uns" nicht von Anfang an die Hemmnisse von Schichtplänen, Freistellung und Überstundenausgleich beachtet zu haben.

Einigevonuns 560 julianMarbach u"Einige von uns", von links nach rechts: Marietta Meguid, Claus Staudt, Jule Koch, Hanna Plaß,
Isabell Hoeckel, Verena von Waldow, Boris Burgstaller, Henrike Eichhorn, Michael Stiller, Adrian Vajzovic, Florian Rummel © Julian Marbach

Dennoch sind die Schauspieler, die Assistentinnen, Tischler, Requisiteure und alle anderen mit spürbarer Begeisterung dabei. "Einige von uns" vermittelt die Euphorie aller Beteiligten darüber, gemeinsam ein noch nicht da gewesenes Wagnis einzugehen – ein Personalroulette, das die technische Direktorin neben die Absolventin des Freiwilligen Sozialen Jahres auf eine Bühne stellt. Der Wirbel, den "Einige von uns" entfacht, bleibt allerdings verankert im Apparat – eine Überraschung im Rahmen des Erwartbaren: "Einige von uns" ist mehr Irritation als Revolution.

Regietheater-Opfer in OBI-Tüten

Kurzweilig und aufschlussreich ist "Einige von uns" trotzdem. Die Beteiligten treten ans Mikro und geben Auskunft über ihr Theater. Die anderen verteilen sich im Raum – je nachdem, ob die Aussage auf sie zutrifft oder nicht. Man erfährt: Acht der Beteiligten bekommen ihre Unterwäsche vom Arbeitgeber gestellt. Vier haben geregelte Arbeitszeiten. Viele der Schauspieler treten nach vorne, wenn es darum geht, ob "einige von uns" bereits Unglaubliches geleistet haben. Deutlich weniger sind es bei "bewegen Massen" – damit können sich eher die Handwerker identifizieren. Man erkennt die Opfer des Regietheaters ("Einige von uns haben auf der Bühne nicht mehr als eine Obi-Tüte getragen") und die künstlerischen Hierarchien ("einige von uns können ihre Schwerpunkte selbst setzen, aber nur deswegen, weil niemand ihren Bereich ernst nimmt" – die Theaterpädagogin).

"Was hat euch an unserem Apparat am meisten schockiert?", fragen die Staatstheater-Beteiligten die She She Popler. "Dass ihr euch nicht kennt!" Genau daran setzt die Performance an. Das Kollektiv gruppiert seine Mitspieler in verschiedenen Gruppen mehrmals neu. Mal stehen die Sichtbaren (Schauspieler) den Unsichtbaren (Rest) gegenüber, mal die Fremdbestimmten den Verantwortlichen (Direktoren). Sie stellen sich Fragen, Gegenfragen, beraten sich untereinander und stellen Listen auf. Durch eine begrenzte Zahl an Mikros, an denen abgewechselt werden muss, entsteht eine Unruhe, die Authentizität erzeugt. Man hat den Eindruck, dass die Reihenfolge der Sprechenden halbwegs spontan zustande kommt und daher viele Antworten aus dem Stand erfolgen.

"Gebt alles auf!"

Umso tiefer lässt blicken, dass auf Fragen und Nachfragen zu den Zielen des Theaters und den Mitteln, um sie zu erreichen, vornehmlich Allgemeinplätze kommen und Geflachse, das diese überspielt. She She Pop lassen die Runden entsprechend zusammenfassen: "Wir kennen nun eure Ziele: Ihr wollt, dass die Zuschauer nachdenken, heiraten und alles Geld an UNICEF spenden." Das taugt als intellektuelle Grundlage für den Anspruch, in die Gesellschaft zu wirken, nur bedingt. Was auch allen bewusst ist. Daher steht am Ende jeder dieser Gegenüberstellungen der Rat des kleinen Performance-Kollektivs an den großen Tanker Staatstheater: "Gebt alles auf". "Wir akzeptieren die Änderung", erwidert die Gegenseite und am Ende auch das Publikum. Aber das ist Teil des Stücks, also Fiktion.

Auch dem Rezensenten selbst als Teil der Zuschauerschaft führt die Performance vor Augen, dass man sich eine Herausforderung gerne ansieht, aber zu träge ist, sie als solche innerlich anzunehmen. Wir werden vom Inspizienten nach fünf Minuten auf die Drehbühne gerufen, sitzen in den Kulissen, der Vorhang ist unten. Wir arbeiten selbst als Chor mit und schicken (vorher bestimmte) Delegierte ans Mikro – die dann sagen, dass sie keine Aufführungen über fünf Stunden wollen, in denen nichts passiert und die Hälfte geht ("da sitz ich mir den Arsch ab"). Dieser Richtungswechsel öffnet zwar eine neue Perspektive und ist sehr unterhaltsam. Aber die grundsätzliche Beobachter-Position als Rezipient gerät allenfalls leicht in Bedrängnis. Als die Beteiligten uns auffordern, uns unserer kulturellen Verantwortung zu stellen und uns erschießen zu lassen, bleibt die Mehrheit beim "Nein". So groß ist die Verehrung dann doch nicht für die Brecht'schen Lehren, nach denen im Lehrstück der Tod Symbol für Neubeginn ist.

 

Einige von uns
Ein Lehrstück von She She Pop und Schauspiel Stuttgart  
Konzept: She She Pop, Künstlerische Mitarbeit: Fanny Frohnmeyer, Bühne: Natascha von Steiger, Kostüme: Jana Gluchow, Musik: Miles Perkin, Hanna Plaß, Video: Tobias Dusche, Licht: Gregor Roth, Dramaturgie: Anna Haas. 
Mit: Mustafa Agacdograyan, Verena Bähr, Sebastian Bark, Franziska Benack, Luzia Bochow, Alfred Budenz, Doris Buirel, Boris Burgstaller, Sebastian Clever, Klaus Dörr, Henrike Eichhorn, Johanna Freiburg, Maik Glemser, Paul Grill, Anna Haas, Fanni Halmburger, Lydia Herweh, Gabriele Hintermaier, Isabell Hoeckel, Katrin Hoffmann, Thomas Hoffmann, Marie Johannsen, Svenja Käshammer, Carolin Kaever, Jule Koch, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Marietta Meguid, Philipp Neal, Rahel Ohm, Ilia Papatheodorou, Armin Petras, Hanna Plaß, Hannah Rex, Heidemarie Roos-Erdle, Florian Rummel, Abak Safaei-Rad, Sofie Safranek, Hans-Werner Schmidt, Eike Schnatmann, Susanne Schnitzer, Anna Schuler, Teresa Smolnik, Verena Spatz, Claus Staudt, Michael Stiller, Yvonne Stock, Daniel Strobel, Berit Stumpf, Maren Ulrich, Adrian Vajzovic, Verena von Waldow. 
Mit Dank an die Delegierten der ZuschauerInnen: Ines Arau, Harry Bednarz, Thomas Fraupel, Gerd Hexelschneider, Wolf Liebermann, Deborah Meuth, Marianne Okusluk, Helen Pavel, Gerlinde Raff, Susanne Rüdisühli, Sibylle von Holst, Helga Willers.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 


Kritikenrundschau

She She Pop böten eine "radikale Selbstbefragung, und ihr Ergebnis ist eine ganz große Liebeserklärung an das Theater", schreibt Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung (16.5.2015). Der Theaterbetrieb werde "Schicht für Schicht durchleuchtet, Strukturen und Hierarchien werden transparent, die Abgründe und die Konflikte zwischen oben und unten, Schauspielern und Werkstätten, Publikum und Künstlern".

Von einer "mitunter urkomischen und nie langweiligen 120-Minuten-Produktion" berichtet Dorothee Schöpfer in der Stuttgarter Zeitung (15.5.2015). "Es geht ums Theater bei dieser verblüffenden, witzigen und lehrreichen Innenansicht eines Kunstbetriebs. Aber eben nicht nur. Bei ihren Recherchen haben sich die She-She-Pop-Performer wie Feldforscher in die Büros und Werkstätten des Theaters aufgemacht, haben dort Interviews geführt und aus dem gesammelten Material einen pointenreichen Text destilliert."

Der Abend sei "witzig realisiert" und zeige "auf charmante Weise", wie "gut Realität Theater sein kann", berichtet Rainer Zerbst für SWR 2 (15.5.2015). Doch das "Selbstporträt des Theaters dehnte sich über Gebühr". Bei den "eigentlich spannenden Fragen, brauchen wir die heutigen Theaterstrukturen? Haben die Schauspieler, die Verwaltung, die Handwerker mit ihrem Selbstverständnis Recht, blieben die Aussagen doch allzu sehr im Vagen."

In den Stuttgarter Nachrichten (16.5.2015) schreibt Thomas Morawitzky, Selbstironie sei selten an diesem Abend, "an dem die Theaterfragen mit fast heiligem Ernst verhandelt werden". "Was bleibt, nach diesem Lehrstück? Dort, wo sonst gespielt wird, eine Illusion von Wirklichkeit errichtet, stehen nun Menschen, die noch lange nach der zweistündigen Aufführung miteinander sprechen über eine gewitzte Lektion, ein großes Fragezeichen."

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