Die Liebe ist ein Tauschgeschäft

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 26. Mai 2015. Eine Unterhandlung der Peers in Abwesenheit des Königs Edward II. Mortimer (Michael Wächter) ist immer schon ganz Wille zur Königsmacht und lässt verlauten, der abwesende König habe jetzt, nach dem Tod seines Vaters, Edward I., dessen Verbannung von Gaveston, von seinem, des jetzigen Königs Liebsten, aufgehoben. Das ganze hohe Haus soll sich empören. Und wirklich das ganze Haus ist angesprochen, und wird es immer wieder: An drei Seiten sitzt das Publikum um das, was Bühne, was Redepult vor Gericht, was riesenhafter Thron in Kupfer ist. So könnte der Eindruck entstehen, dass das ganze Haus verhandelt, was politisch wichtig, richtig ist oder eigentlich ins Privatleben verbannt werden sollte.

Unbeeindrucktes Staatswesen

In Ewald Palmetshofers Neufassung von Christopher Marlowes um 1592 entstandenem Drama "Edward II." tritt der dort verhandelte Konflikt zwischen Macht und Liebe, zwischen Staatswesen und Begierde nicht mehr hauptsächlich als kriegerische Auseinandersetzung auf. Edward selbst wird zum Schauplatz eines Versuchs. Er sagt: "Ich bin die Liebe." Und nicht: "Ich bin der Staat." Sagt das erste aber noch immer als König. So kommt es in seiner Person zu einer Vermengung von dem, was die Peers als "Königshandwerk" bezeichnen, mit dem, was ihnen vor allem in der öffentlich zur Schau gestellten Deutlichkeit so sehr ein Graus ist, dass sie es nicht Liebe, aber "Arschgekrieche" nennen. Weil sich da ein König herausnimmt, auch noch etwas anderes als ein Staatswesen darzustellen, erkennen sie in Gaveston nur den Emporkömmling, der nichts dazu tun muss zum eignen Reüssieren: "wo käm man hin".

EdwardII 560a SimonZagermann FlorianvonManteuffel EliasEilinghoff ThomasReisinger MyriamSchroeder MichaelWaechter c AlexiPelekanos uMachtspiele: Simon Zagermann, Florian von Manteuffel, Elias Eilinghoff , Thomas Reisinger, Myriam Schroeder und Michael Waechter © Alexi Pelekanos

Gaveston kommt nirgendwo hin. Er wird gemordet. So wie Edward, so wie später Mortimer auch. Das Staatswesen bleibt unbeeindruckt von jeder Liebe und jeder Intrige, wer auch immer daran zugrunde gehen mag. Im Ausgangstext gibt es dementsprechend einen immensen Figurenverschleiß. Palmetshofer verdichtet das Personal – bei Marlowe über 30 Figuren, hier sind es zehn –,verdichtet durch quasi auktoriale Redesituationen auch das Geschehen und schafft durch heutige Wortwendungen eine gewisse Nähe in der sonst so distanzierten, kunstvoll arrangierten Sprache.

Im Reifrock-Castsuit-Mieder

Yes we Jambus! Der Text im Ganzen ist schön streng. Streng sind auch die Kostüme (Sanna Dembowski) in die die Schauspielenden verpackt wurden. Unangenehm eindeutig streng. Angefangen von den Farben – schwarz, rot und weiß – über die Formen – Leggings, Mieder, geometrische Röcke – bis hin zu den Accessoires – Blut, Dreck, Wasser – spricht alles die selbe laute Sprache der überdeutlichen Eindeutigkeit. Besonders nach der Pause ereifert sich die Inszenierung von Nora Schlocker, als Uraufführung eine Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Theater Basel und dem Schauspielhaus Wien, in Faust-aufs-Auge- und Hau-drauf-auf-das-Pathos-Bildern.

Wenn Isabella, die Königin, also die betrogene Ehefrau (Myriam Schröder), aus Frankreich zurückkommt, um gemeinsam mit Mortimer, ihrem Liebhaber mittlerweile, einen Staatsstreich zu vollführen, Edward II. abzusetzen und stattdessen den Sohn Edward III. mehr scheinhalber krönen zu lassen, dann trägt sie einen weißen Catsuit, darüber ein Mieder, darüber einen Reifrock, darüber ein üppig rotes Tuch. Wenn sie sich darin dreht, dann schwingt die ganze große Empörung der Figur dem Publikum entgegen. Oder Mortimer: Immer wieder erklimmt er die zwei hohen Bühnenstufen, fällt hinunter, springt nach oben, rutscht hinab. Achtung Metapher! Das Staatswesen bleibt unbeeindruckt von jeder Liebe und jeder Intrige, wer auch immer daran zugrunde gehen mag.

EdwardII 560 SimonZagermann ThiemoStrutzenberger c AlexiPelekanos ULiebesspiele: Simon Zagermann, Thiemo Strutzenberger © Alexi Pelekanos

Dass Liebe wie Glaube wie Staatskunst nichts anderes sei als ein Tauschgeschäft, dass also die Ökonomie der Macht das ganze Leben durchwirkt, das zeigt die Inszenierung an einer Stelle weniger eindeutig, dafür intensiv. Simon Zagermanns Edward badet Thiemo Strutzenbergers Gaveston in einem Waschzuber und sitzt dabei weit weg gegenüber. Beide sprechen einander zärtlich ihr Begehren aus. Gaveston ist dabei alleine im Bild. Demütig, trotzdem spitzbübisch und jedes Wortende ins Laszive dehnend wiederholt Strutzenberger die Posen aus der Werbewelt. Wiederholt sie ungleich viel feiner, macht sich so zum Objekt, das einen Ort markiert, um den des Königs Begehren nach einem Außen der Ökonomie – nach irgendwas, das größer, besser, anders wäre – kreist.

Kinder sind sie alle

Diese Szene "Im königlichen Federbett." stammt ganz von Palmetshofer und mündet an diesem Abend in einen stürmischen Kuss, wo Gaveston versucht, richtig eins zu werden mit dem König, auf ihn klettert, höher, näher. Bis er dann oben sitzt, wie das Kind auf der Madonna. Und Kinder sind sie alle, diese Figuren, in ihren kurzen Hosen, wenn durch sie die strengen Worte auf die Bühne kommen. "Ich will", sagt irgendwann der junge Prinz, des Königs Sohn, und stampft auch mit dem Fuß.

 

Edward II. Die Liebe bin ich (UA)
von Ewald Palmetshofer nach Christopher Marlowe
Regie: Nora Schlocker, Bühne: Marie Roth, Kostüme: Sanna Dembowski, Musik und Komposition: Hannes Marek, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Elias Eilinghoff, Florian von Manteuffel, Thomas Reisinger, Myriam Schröder, Thiemo Strutzenberger, Michael Wächter, Simon Zagermann, Fabian Rihl / Rafael Lesage.
Dauer: 2 Stunden 35 Minuten, eine Pause
Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Schauspielhaus Wien und dem Theater Basel

www.festwochen.at

 


Kritikenrundschau

Aus Marlows "Stück gegen die Macht" werde bei Palmetshofer eine "private Version" der Königstragödie: "Nicht Edwards 'troublesome raigne', sondern Edwards 'gaysome love'." So schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.5.2015). "Edwards Homosexualität hatte für Marlowe eine dramatische Funktion. Im Dienst einer Kritik. An einer Gesellschaft und einer Welt. Für Palmetshofer ist sie ein Schmiermittel. Im Dienst einer Rührung." In historistischen Kostümen leiste das Schauspielhaus "keine Vergegenwärtigung eines alten Skandals, sondern die Veralterung, also Kostümierung eines gegenwärtigen sauren Kitsches".

Ein "Königsdrama aus dem Abo-Bastelheft", das an "Biedersinn" kaum "zu übertreffen sei", hat Ronald Pohl vom Standard (28.5.2015) am Schauspielhaus gesehen. "Gut versteckt im Text lauern ein paar Feinheiten. Gott wird vom armen Edward für abgeschafft erklärt. Das ist ein wenig kurz gedacht. Verdankt er doch die Unanfechtbarkeit seiner königlichen Stellung einzig und allein einer Ordnung, die von Gott verbürgt wird."

Zwiespältig findet Norbert Mayer von der Presse (28.5.2015) die Inszenierung von Nora Schlocker. "Der Beginn ist toll, mit überraschenden Bildern, atemberaubend eigener Sprache. Aber mit der Zeit gerät die Aufführung in eine ermüdende Endlosschleife. Bald leiern manche Verse, zu viele Bilder werden platt. Das Stück rinnt nach der Pause aus, als leide es unter starkem Blutverlust wie Günstlinge und Rebellen, die gefoltert und geköpft werden, wie der abgedankte König, der zuletzt mit glühendem Eisen gespießt wird."

Barbara Villiger Heilig schreibt auf NZZ.ch (31.5.2015): Thiemo Strutzenberger verströme als Lustknabe "pure Erotik", trotzdem zögen sich die fast drei Stunden "beträchtlich". Nora Schlockers Regie scheue "weder Handgreifliches noch Anstössiges", erziele damit aber bloß einen "brachialen Grand-Guignol-Effekt", der den "Ernst der Stunde" torpediere und den "fliessenden Duktus" von Palmetshofers "sensibel-sensuellem Sprachkleid" zerfetze.

Christine Dössel schreibt in der Süddeutschen Zeitung (1.6.2015), die Kraft von Palmetshofers "Form- und Sprachwillen" sei auch in seinem "Edward" bezwingend. Er mache aus dem Drama um einen schwulen König ein "explizites Schwulendrama". Wo Marlowe "schon aus Zensurgründen" auf Mehrdeutigkeiten "ausweicht", spitze Palmetshofer das "homosexuelle Begehren eindeutig zu, findet eine Sprache der Liebe im Korsett der Politik". Da stecke "viel mehr Radikalität drin", als Nora Schlocker in ihrer "brav historisierenden Inszenierung sich traut. Das ist schade."

Eine "schlicht extrem spielversessene Textdramatik" würdigt Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger (14.11.2015) nach der Premiere dieser Arbeit in Basel im November 2015. Marlows Blankverse würden bei Palmetshofer "in musikalische, treibende Jamben übertragen (...). Das feuert an und bremst aus, inszeniert Refrains und setzt Akzente." Für die direkter als bei Marlowe ausgearbeitete schwule Liebe Edwards finde Nora Schlocker "superdeutlich sprechende Bilder".

 

 

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