Kein Brett, die Weltesche vor dem Kopf

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 24. September 2015. Gut kann man es meinen und doch voll daneben hauen. Der runde Tisch, die Basis aller Gespräche und Diskussionen auf gleicher Augenhöhe wäre eine so tolle Sache, und einer der Tischler hätte ja auch das optimale Maß dafür errechnet: Zwölf Meter Durchmesser, weil "es geht um den Durchschnitt der durchschnittlichen Ritter", wie es so schön heißt im Text von Tankred Dorst.

Und dann wird es auch wirklich ein runder Tisch – aber der läuft nur wie ein schmales Band um einen riesigen Baumstamm. Da kann man dem Gegenüber erst recht nicht in die Augen schauen und die Ritter an König Artus' Tafel müssen im Ernstfall ihre Ideen für eine bessere Welt als Stille Post im Kreis schicken.

Merlin am Marionettenfaden

Kein Brett, sondern gleich die Weltesche vor dem Kopf? Um die an menschlicher Unzulänglichkeit scheiternde Weltverbesserungs-Utopie geht es ja in Tankred Dorsts "Merlin". Diese Ausgeburt des Teufels soll das Böse tun, will gerade das partout nicht, scheitert aber am Guten kläglich. Im Grazer Schauspielhaus, wo die neue Intendantin Iris Laufenberg das fast komplett runderneuerte Ensemble für Tankred Dorst zum Saisonauftakt ins Rennen schickt, sind Merlin deren zwei: eine charismatische hölzerne Gliederpuppe und ihr Fädenzieher Michael Pietsch. Der ist nicht nur Marionettenspieler, sondern auch Schauspieler. Sprechtechnisch ist er besser drauf als die meisten anderen auf der Bühne, um gleich einen wunden Punkt dieser Produktion anzusprechen.

Merlin1 560 LupiSpuma uDas neue Ensemble des Schauspielhauses Graz unter dem Weltenbaum © Lupi Spuma

Auf diese Merlin-Marionette reden gelegentlich alle ein (das Ensemble als Teufelsgruppe, zu der Merlin "Papa" sagt). Die Puppe wird bei Artus' Krönung als Einflüsterer auf der linken Schulter des Königs hocken, und sie wird ganz am Ende hinten oben resigniert auf dem Baumstumpf des längst gefällten Welten-Baums sitzen.

In den dreieinhalb Stunden (Nettospielzeit) dazwischen: bildmächtige Szenerien, lustvolle Gruppen-Improvisationen, eine durchaus draufgängerische Mixtur aus dick aufgetragener Hintersinnigkeit und naiv ausgespieltem, gelegentlich ins Kraut schießendem Klamauk. Das kann überrumpelnden Charme haben (insbesondere in den Marionettenszenen), aber auch extreme Längen. Denen haben sich manche Premierenbesucher schon in der Pause entzogen.

Regisseur Jan-Christoph Gockel schreibt uns den Denkstoff nicht vor, er hat sich eher assoziativ denn planvoll ans Kürzen und Neu-Zusammenstellen des Text-Molochs gemacht. Das Kaleidoskopartige der Vorlage bleibt erhalten, wird eher noch aufgefettet durch Anspielungen auf Tagesaktualitäten. Der Regisseur ist ein Märchenerzähler, der stark auf Gedankenblitze setzt. Knackige Didaktik, gar inhaltliche Zuspitzung ist seine Sache nicht.

Ein ritterlicher Popstar inmitten des neuen Ensembles

An einem Abend wie diesem schaut man natürlich mit doppeltem Interesse auf die neuen Gesichter im Ensemble. Da ist als erste Julia Gräfner zu nennen. Als Parzival gibt sie einen Pfundskerl von reinem Tor, tollt sie scheinbar tollpatschig und doch so gelenkig über die Bühne. Auch als Elaine (die in der Verkleidung von Ginevra Lancelot ins Bett zieht) hat sie einen entwaffnend naiven Blick drauf. Florian Köhler (einer der wenigen „Alten“ im Ensemble) ist Lancelot, den er differenziert zwischen verlegen und verschlagen anlegt. Mit E-Gitarre gibt er einen ritterlichen Popstar ab.

Merlin2 560 LupiSpuma uSpiel mit feuerspeiendem Drachen: Michael Pietsch, Franz Solar, Raphael Muff, Benedikt Greiner
© Lupi Spuma

Lancelot hat was mit der gertenschlanken Ginevra (Evamaria Salcher spielt sie etwas unterkühlt), der arme König Artus muss schon sehr konzentriert wegschauen, um nichts sehen zu müssen. Fredrik Jan Hofmann nimmt man in dieser Rolle jederzeit ab, dass er nicht der geborene, sondern erst zum Herrschen und zum Weltverbessern zu überredende, bis zuletzt irgendwie pausbäckig wirkende König ist. Diesen Artus zu führen, hat Merlin wirklich zu tun!

Mega-Ringelspiel der menschlichen Unzulänglichkeit

Die üppige Personage von Tankred Dorsts Vorlage ist stark dezimiert, acht Darsteller schupfen das Ding. Michael Pietsch führt nicht allein die Marionetten, er hat auch die Kollegen wohl instruiert in dieser Kunst. Neben der Puppe Merlin ist Galahad, Spross von Lanzelot und Elaine, ein so gesprächiger wie allgegenwärtiger Fäden-Kumpan auf der Bühne. Als Marionettenspiel sehen wir nicht nur einen feuerspeienden Drachen, sondern auch, was Ginevra und Lanzelot so treiben. Das ist nicht ganz jugendfrei. Eine Szene mit viel Blechgerassel ist jene, Parzival dem Roten Ritter die Rüstung abluchst. Drei Leute und einen Seilzug braucht es, um die rasselnde Blechmarionette zu bewegen und dann verbluten zu lassen.

"Das wüste Land" wird in Graz umfänglich durchgeackert. Sitzfleisch braucht man dafür und Vorkenntnisse der Artussage schaden natürlich nicht. Einmal sitzen die Protagonisten um die Weltesche, ein jeder monologisierend mit sich und seinen größeren und kleineren Schwächen und Fehlleistungen beschäftigt: Die Drehbühne kommt zu Einsatz, und so wird dies ein Mega-Ringelspiel der menschlichen Unzulänglichkeit. "Faschingszauber der Metaphysik" heißt es einmal im Text.

 

Merlin oder Das wüste Land
von Tankred Dorst
Mitarbeit Ursula Ehler
Fassung für das Grazer Schauspielhaus von Jan-Christoph Gockel, Karla Mäder und Ensemble
Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne: Julia Kurzweg, Kostüme: Sophie du Vinage, Lichtdesign: Thomas Trummer, Puppenbau: Michael Pietsch, Musik: Matthias Grübel, Dramaturgie: Karla Mäder. 
Mit: Julia Gräfner, Benedikt Greiner, Fredrik Jan Hofmann, Florian Köhler, Raphael Muff, Michael Pietsch, Evamaria Salcher, Franz Solar.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus-graz.com


Kritikenrundschau

Das eigentlich unspielbare und umso besser lesbare Drama bekomme in Graz einige neue Facetten, so im Standard (26.9.2015). "Der vierstündige Abend ist nie langweilig und dreht sich wie eine Schraube durch die Geschichte, Stilrichtungen wie Gewebeschichten passierend." Wenn sich an einer Stelle die Drehbühne in Bewegung setze und verschiedene Szenen samt schweigenden oder monologisierenden Figuren vorbeifahren, ist das ein Bild, das stellvertretend für das ganze Stück stehen könne: "ein düsteres, aber farbenfrohes, tiefgründiges Merlin-Kaleidoskop."

"Viel Klamauk. Übersicht darf man nicht erwarten", so Norbert Mayer in der Presse (25.9.2015), doch trotz des etwas mangelnden Tiefgang und einiger szenisch zerdehnter Strecken sei die Premiere insgesamt gelungen. "Symptomatisch für die Aufführung: Gockel liebt nicht nur das Puppenspiel (mit Figuren, die vom putzigen Holzbürschlein bis zum immensen mütterlichen Stofftier reichen), sondern auch das Blödeln. Stets neigen die Ritter zum Raufen." Der Weltuntergang mache aber auch Spaß, "der Applaus des Publikums hielt herzlich lange an und galt besonders den anwesenden Autoren".

Jan-Christoph Gockel habe aus Dorsts "Merlin" eine "vergleichsweise schlanke Version gebastelt", schreibt Ute Baumhackl in der Kleinen Zeitung (25.9.2015). Aus dem Text habe er "eine sehr zeitgenössische, auch mit allen Tricks und Sperenzchen des Gegenwartstheaters ausgestattete Abrechnung mit der Unbelehrbarkeit des Menschen gebaut. Und findet in den in den mittelalterlichen Mythen um den Teufelssohn Merlin, der den Menschen zu dienen versucht, das Burleske und das Tragische in üppigem Maße." Mit dem großteils neuen Ensemble gelinge "ein bemerkenswerter Abend, dessen auch bemerkenswerte Länge erst gegen Ende zur Herausforderung wird".

"Zu der großen Weltparabel, die Dorst mit seinem opulenten Königsdrama auch im Sinn hatte, mag sich Regisseur Gockel nicht aufraffen", schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (30.9.15). Nach der Pause gehe es hauptsächlich darum, die ausufernde Geschichte irgendwie zu Ende zu bringen. "Davor aber ist der Abend ein großes Vergnügen", so Kralicek, das das Ensemble mit "mitreißender Spielfreude und gutem Schmäh" bereite.

 

 
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