Was kann der Mensch, das der Schimpanse nicht kann?

von Thomas Morawitzky

Reutlingen, 2. April 2016. Auf einem Bettgestell liegt ein Mann; er schläft, unruhig, er krümmt sich, wälzt sich. Das Bett steht sehr schief, unter seinen Pfosten stapeln sich alte Bücher, der Boden ist mit Papier bedeckt. Leise Pianomusik ertönt und verklingt wieder. Der Schlafende wird gespielt von Robert Atzlinger. Thomas Klees geht an ihm vorüber, im Anzug und mit bloßen Füßen, lässt seinen Blick über das Publikum schweifen, beginnt zu sprechen. Klees erzählt die Geschichte des Mannes, der da schläft; der Schlafende erwacht. Um einen Schriftsteller handelt es sich, der nicht mehr schreibt, der nur noch liest und träumt, der sich schon wünscht, er habe keinen ganzen Körper mehr: "Zum Lesen brauche ich nur die Augen."

Wir befinden uns in einem Gewölbekeller, in dem rund 80 Personen Platz haben. Hier, am Theater "Die Tonne" in Reutlingen, bringt Marc von Henning die Uraufführung seines eigenen Stücks heraus: "Einmal jemand ganz anders sein der ganz woanders etwas ganz anders macht" – so heißt es und entpuppt sich als eine kleine Trilogie unverbundener Szenen, die sich einem Thema von verschiedenen Seiten nähern: der befreienden Macht des Erzählens.

Der Zauber der Verwandlungen

Es klopft, sehr laut: Der Schriftsteller springt von seinem Bett auf und verwandelt sich. Er zieht sich Strümpfe an, schlüpft in eine viel zu große Hose, schmiert sich Schminke ins Gesicht, setzt sich eine Perücke auf – er wird zum Clown. Und herein zur Tür fliegt die Clownin, gespielt von Chrysi Taoussianis, mit bunten Ballons im Arm, die sie gleich einer Zuschauerin in die Hand drückt. Die beiden erzählen sich was, sehr komisch ernsthafte Geschichten. Dann wollen sie sich küssen – im Theater wird es zappenduster, und die Knutschgeräusche dauern lange an. Als es wieder hell wird, die bunte Lichterkette auf den Steinen des Gewölbekellers wieder flackert, sitzen sie selig auf der Kante ihres Bettgestells – und die Clownin, die zaubern kann, lässt das Publikum verschwinden, das den Clown schon immer sehr gestört hat: "Wer sind die?"

EinmalJemandGanzAnderes 560 TheaterReutlingenDieTonne uClownsliebe: Chrysi Taoussianis und Robert Atzlinger © Theater Reutlingen "Die Tonne"

Nach einer Pause begegnen die Zuschauer Robert Atzlinger und Chrysi Taoussianis wieder, im Foyer des Theaters. Hier gibt es kein Bühnenbild, nur einen ausgeleuchteten Torbogen. Die Schauspieler stehen dort und sprechen – der zweite Teil des Stückes scheint zunächst nichts als ein Vortrag zu sein, den Taoussianis auf Griechisch hält und den Atzlinger synchron übersetzt. Sie spricht über den Menschen, der erzählen und also kooperieren kann, im Guten wie im Schlechten: "Geld ist die überzeugendste Geschichte, die die Menschen je erfunden haben, weil es die einzige Geschichte ist, die alle glauben." Schimpansen glauben nicht an einen Himmel, der voll von Bananen hängt, aber: "Stellen sie sich den Syntagma-Platz in Athen vor, voll von Hunderttausend Schimpansen. Oder das Mercedes-Benz-Stadion." – "Chaos!", ruft Atzlinger.

Geschichten vom Verstehen und Nicht-Verstehen

Die Interaktion der beiden Schauspieler lässt aus diesem Vortrag selbst eine Geschichte werden, die vom Verstehen und Nicht-Verstehen handelt, die ihre gewitzten, komischen und überraschenden Momente hat. Hier wird intelligent mit minimalen Mitteln gearbeitet, die ein aufmerksames Publikum fordern: Man muss zuhören können. Und plötzlich geschieht etwas Unerwartetes: Taoussianis und Atzlinger tauschen die Rollen. Nun ist er es, der den Vortrag hält, in flüssigem Französisch, und sie übersetzt. Beide tragen eine große Reproduktion des Rembrandt-Gemäldes "Junge Frau im Bett" herbei, Atzlinger erzählt die Geschichte des Bildes, mit dem Rembrandt sich selbst von seiner großen Liebe erzählte: Geschichten in Geschichten – und plötzlich wieder: Rollentausch.

EinmalJemandGanzAnderes1 560 TheaterReutlingenDieTonneAuf dem Floß zu neuen Ufern: Thomas Klees © Theater Reutlingen "Die Tonne"
Für den dritten Teil geht es zurück in den Gewölbekeller. Thomas Klees steht dort auf einem schwankenden Floß in einem Meer aus Papier, klappt aus seinem Floß ein Tischchen heraus, will sich eine Mahlzeit gönnen, taucht seine Krawatte tief hinein in eine Konserve und schleckt sie dann ab. Mit einem Stock fischt er erst einen hochhackigen Schuh aus dem Meer, dann einen roten Koffer. Drin sind Kleidung, Schmuck und Ketten.

In einer langen, komischen Pantomime steigt der Mann aus seinem Anzug und in dieses Kostüm hinein; in den hohen goldenen Schuhen schwankt er noch mehr auf seinem Floß. Eine Schrift leuchtet nüchtern auf dem schwarzen Vorhang hinter ihm, erzählt: "Ich bin Phil. In meiner Schule war ich der Klassensprecher." Phil besuchte den Kirchenchor, machte eine Tischlerlehre, teilt ungern seine Schokolade – und ist unterwegs zu neuen Ufern, auch das erfährt man. Zuletzt ist er dort angekommen, und in die hallende Elektromusik mischt sich eine Melodie aus dem Varieté.

Die drei Episoden, die Marc von Henning in der "Tonne" mit seinen Schauspielern erzählt, gehen im Kern zurück auf Geschichten von Jorge Luis Borges, John Berger und ihm selbst. Auf der Bühne mischen sich Poesie, Reflexion und Komik – ein facettenreicher, anregender Abend, eindringlich gespielt.

 

Einmal jemand ganz anderes sein der ganz woanders etwas ganz anderes macht
von Marc von Henning
Uraufführung
Regie und Ausstattung: Marc von Henning. Komposition: Valerio Pizzorno. Regieassistenz: Yvonne Lachmann. Regiehospitanz: Sebastian Fischer. Schneiderei: Kathrin Röhm. Technik, Inspizienz: Lukas Armbruster, Boris Gonzalez, Christoph Henning.
Mit: Robert Atzlinger, Thomas Klees, Chrysi Taoussanis.
Dauer: 2 Stunden, zwei Pausen

www.theater-reutlingen.de

 

 

Kritikenrundschau

"Drei Schauspieler, drei Episoden, ein spannender, eindringlicher Abend", befindet Jürgen Spiess von den Reutlinger Nachrichten (4.4.2016). "Am Ende bleiben die drei Geschichten, die auf Jorge Luis Borges, John Berger und Marc von Henning zurückgehen, unverknüpft nebeneinander stehen." Es seien drei theatralische Annäherungen an die Frage, warum Menschen ihre Identität aufgeben und in eine neue schlüpfen und "(w)eshalb es so faszinierend ist, jemand ganz anderes zu sein, der ganz woanders etwas ganz anderes macht."

Matthias Reichert vom Schwäbischen Tagblatt (5.4.2016) hat einen "Dreiteiler mit absurdem Clownstheater, theoretischer Kunstreflexion und Schiffbruchs-Pantomine" gesehen. Insbesondere der erste Teil sagt dem Kritiker zu: "Eine Geschichte wie ein modernes gedicht, assoziationsreich und surreal." Insgesamt sei der Theaterabend "anspielungsreich()", "stark gespielt" und "ideenreich inszeniert." Man müsse ihn nicht verstehen, um ihn zu mögen.

Armin Knauer vom Reutlinger General-Anzeiger (4.4.2016) schreibt, Marc von Henning wolle das Theater neu erfinden, wobei er zwei Tricks anwende: "Trick eins: Montiere mehrere unabhängige Teile, die aber doch irgendwie zusammenhängen. Trick zwei: Konfrontiere das Medium Theater mit Formen von wo ganz anders her." Von Henning greife in die Trickkiste, um ein poetisches Ganzes zu schaffen, "(u)nd ja, ein Ganzes von einer selten gesehenen heiteren Magie ist es, was da entsteht." Die Vorstellung entlasse den Besucher mit dem Nachklang eines verzauberten Theaterabends.

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Einmal jemand ganz anderes sein ..., Reutlingen: wie durch ein Prisma gebrochenPeter Schlegel 2016-04-03 10:28
„Einmal jemand ganz anderes sein der ganz woanders etwas ganz anderes macht“ uraufgeführt gestern im Reutlinger Theater in der Tonne. Ein Stück von Marc von Henning zusammen mit seinem Team entwickelt und großartig umgesetzt. Drei Episoden von jeweils ca. 30 Minuten erzählen von der Macht der Geschichten und Träume.

Im ersten Bild sieht man einen schlafenden Mann, gespielt von Robert Atzlinger und Thomas Klees, in einem Bett, dessen Pfosten auf fragilen Buchstapeln stehen, mitten in einem Teppich aus kleinen Zetteln und weiteren Büchern; gleichsam in einem Meer von Poesie, in dem alles schon einmal geschrieben und gesagt worden ist. Er träumt, erwacht, doch die Verstrickungen in seine Innenwelt beginnen sich erst zu lösen, nachdem er sich langsam zum Clown verwandelt und eine reale Beziehung zu einer Clownsfrau (Chrysi Taoussanis) aufnimmt. Beiden gemeinsam gelingt es, die Verstrickungen ihrer Innenwelten zu durchdringen und einen Blick auf die reale Welt zu erhaschen, indem sie realisieren, dass sie vor uns, dem Publikum, agieren. Diesen Zustand halten sie aber nicht lange aus, er ängstigt sie und deshalb lassen sie uns - das Publikum - wieder verschwinden und entziehen sich uns, geräuschvoll küssend, aus der Dunkelheit der Bühne, in ihre eigene Realität.

Der zweite Teil findet nach der Pause im Theatercafe statt und besteht aus einem Vortrag inspiriert vom Bestseller des israelischen Autors Yuval Harari mit dem Titel „Eine kurze Geschichte der Menschheit“. Seine These ist, dass die Überlegenheit der menschlichen Rasse der Tatsache zu verdanken ist, dass Menschen die einzigen Geschöpfe sind, die Geschichten erfinden können, die Erklärungs- und Handlungsmuster bilden, auf deren Grundlage es uns möglich wird, koordiniert zu handeln. So entstehen nahezu beliebige fiktionale Welten, die von den meisten Menschen für die Realität gehalten werden, in Wahrheit aber die reale Welt nur überdecken. Einzig der Tod, die ultimative Realität, ist von all dem unberührt, und ihm kann man nur entkommen, wenn es gelingt das Potential des jeweiligen Augenblicks zu erschließen. Der Vortrag wird von Chrysi Taoussanis ausdrucksvoll zuerst in griechischer Sprache vorgetragen und von Robert Atzlinger simultan übersetzt. Später wechseln dann noch die Rollen und die Sprache. Mit diesem Kunstgriff gelingt es, die Aufmerksamkeit der Anwesenden permanent auf einem atemlosen Niveau zu halten, dem sich kaum jemand entziehen kann.

Im letzten Teil braucht es keine gesprochene Sprache mehr. Ein Mann (Thomas Klees) auf einem Floss inmitten einer blauen Unendlichkeit. Die Welt ist geschrumpft auf ein schwankendes Rechteck. Es herrscht blanke Not, die Vorräte sind aufgebraucht. Eine Änderung der Situation von außen ist unmöglich. Erst indem er sich selbst verändert, Risiken eingeht, verändert er auch seine Situation, zwar nicht für lange, denn der Hunger ist bald zurück, doch seine persönliche Veränderung bleibt bestehen, und wie es weitergeht bleibt „ungeschrieben“.

Wie durch ein Prisma gebrochen, zeigt uns Marc von Henning Facetten unserer Welt und überlässt es jedem selbst, ob er diese Bruchstücke wieder zusammensetzen bzw. neu anordnen will - und das ist wahre Poesie, die sich ständig einer Beschreibung entzieht und deshalb selbst erlebt werden muss. Dazu gibt es mehrmals bis Ende April einige rare Gelegenheiten.
#2 Einmal jemand ganz anderes sein..., Reutlingen: ErmutigungWerner Fesseler 2016-04-11 00:44
Wer bin ich, wie bin ich zu dem geworden, was ich bin, was kann ich noch werden und was haben die anderen damit zu tun? Millionen bedrängen ihre Therapeuten mit solchen Fragen, Philosophen schreiben sich seit Jahrtausenden die Finger wund. Die beste Annäherung findet die Poesie. Und nur das Theater, die Heimstatt der Verwandlung und des Spiels mit Rollen, kann diese Poesie in zwei Stunden mit allen Sinnen erlebbar machen.

Ein geistreicher Text, von dem man kein Wort missen möchte, eine wunderbare Inszenierung und drei Akteure, die ihr Spiel leben. Zusammen erzählen sie von der Macht des Geistes, Welten zu bauen und Vorgefundenes zu transzendieren. Selten wird so viel Ermutigung auf die Bühne gebracht.

Kommentar schreiben