Die Erotik des Hühnerschlachtens

von Elisabeth Maier

Konstanz, 9. April 2016. Vom Körper des Flüchtlings Mamal bleibt nichts als der Geruch saurer Gurken. Wie ein ausgestopftes Tier landet er in einem der Glaskästen auf der Bühne. Schnitt für Schnitt wird das, was von seinem Leben übrig bleibt, seziert. Der Autor und Übersetzer Mehdi Moradpour, der 2001 aus dem Iran floh und seitdem in Berlin lebt und arbeitet, erzählt in seinem Stück "Mumien. Ein Heimspiel" vom Verschwinden eines Menschen. Angst frisst sich in die Köpfe der Wegbegleiter, die sich an den Vermissten erinnern. Dabei erstarren sie selbst zum mumifizierten Präparat hinter sterilen Scheiben. Packend wie einen Thriller setzt der Andreas Bauer bei seiner Konstanzer Uraufführung den Text in Szene, bringt dabei aber zugleich dessen poetische Größe zum Tragen.

Mit "Mumien. Ein Heimspiel" gewann Moradpour den 3. Autorenwettbewerb der Theater Konstanz und St. Gallen. Der Hauptpreis umfasste ein Arbeitsstipendium. Vier Monate lang feilte der Künstler an der Konstanzer Bühne an seinem Stück – auch eine Gelegenheit, den Theaterbetrieb von innen kennenzulernen. Bald kommt zudem ein Musiktheaterstück von Moradpour heraus: "chemo brother" hat Ende April an der Deutschen Oper in Berlin Premiere.

Menschen am Abgrund

Flucht und Vertreibung, die Moradpour aus eigenem Erleben kennt, sind für den gebürtigen Iraner mehr als plakative Zeitgeist-Themen. Für das Gefühl des Heimatverlusts und die Furcht vor drohender Folter findet der Autor große, auch brutale Bilder. Knochen knacken beim Schlachten eines Huhns, das Hirn wird herausgelöffelt. Und das in "erotischer Langsamkeit". Regisseur Bauer verführt die Schauspieler, sich auf die befremdlichen Bilder einzulassen, die das Entsetzen von Menschen am Abgrund ihrer Existenz spiegeln.Mumien 560a BjornJansen UMachtkonstellationen in Glaskästen: Tomasz Robak und Jonas Pätzold © Bjørn Jansen

Filmbilder von Gefängnisgängen, verängstigte Gesichter, ein desinfektionsmittelblaues Fadenkreuz, das die Spieler verfolgt: Auf den Gazevorhang, der Bühne und Publikum trennt, lässt Bauer Visionen projizieren, wie man sie vom Fernsehen oder aus Computerspielen kennt. Ausstatter Christian Pölzler, der unter dem Label Heidi Popovic Productions firmiert, taucht das Versuchslabor mit Leichen, eigentlich ein Asylbewerberheim, in grünes, blaues oder rotes Licht. So kitzelt er Traumata heraus. Hubl Greiners Klangkulisse ist abenteuerlich: Tanztee-Geplätscher trifft da auf verstörende Synthesizermusik.

Obwohl Bauers Regie durchaus auf die Spannungsmomente in Moradpours Text setzt, bringen die Schauspieler dessen ungewöhnliche Poesie ruhig und schön zum Tragen. Tiefe Wunden gefolterter Menschen vermag der Autor ebenso in Worte zu kleiden wie haarfeine Risse, die sich in der Kommunikation auftun. Beherzt lassen sich die Schauspieler auf diesen Balanceakt ein. Alina Vimbai Strähler als Viv arbeitet im Asylbewerberheim und hat ein Faible für Mumien. Mit Putzmittel wischt sie Scheiben und versucht, sich Klarheit über das Verschwinden des Heimbewohners zu verschaffen.

Rückkehr in den Glaskasten

Dabei kommt ans Licht, dass er selbst Menschen gefoltert hat. Der Heimleiter Otto, den Jonas Pätzold als kalten Machtmenschen und böse Karikatur zeigt, will von dem Flüchtling Dud Liebe erpressen. Stark zeigt Tomasz Robak in dieser homosexuellen Machtkonstellation, wie ihm Angst die Kehle zuschnürt. Um das komplizierte Handlungsgewebe zu entzerren, gibt Bernhard Leute den Spielleiter, der am eigenen Anspruch scheitert. Seiner Frau Ada, die Natalie Hünig an unerfüllten Sehnsüchten zerbrechen lässt, hilft er ebenso wenig wie dem verschwundenen Mamal, der am Ende wieder in seinen Glaskasten zurückkehrt – stumm erinnert Saro Emirze so an den Menschen, der einmal war.

Dieses Figurengeflecht gerät dem Autor insgesamt wohl etwas zu verwirrend, was auch Bauers klug strukturierte Regie nicht ganz aufzulösen vermag. Die Spur der Erinnerung, die Moradpour nachvollzieht, zeigt dennoch sein immenses Potenzial. Auf sprachlicher wie auf formaler Ebene fasziniert die unbändige Lust des Autors, das Leben zwischen den Kulturen mit innovativer Ästhetik weit jenseits des Gewohnten zu reflektieren.

 

Mumien. Ein Heimspiel
von Mehdi Moradpour
Uraufführung
Regie: Andreas Bauer, Ausstattung: Christian Pölzler (Heidi Popovic Productions), Musik: Hubl Greiner, Video: Carolin Pfänder, Stefan Gritsch, Niklas Knezevic, Paul Voell, Dramaturgie: Miriam Denger.
Mit: Natalie Hünig, Alina Vimbai Strähler, Saro Emirze, Bernhard Leute, Jonas Pätzold, Tomasz Robak.
Spieldauer: 1 Stunde 20 Minuten

www.theaterkonstanz.de

 

Kritikenrundschau

Das Stück setze nicht auf herkömmliche Dialoge und herkömmliche Handlung und "erst recht nicht auf Verortung", schreibt Dieter Langhart in der Thurgauer Zeitung (11.4.2016) und mache dem Zuschauer damit nicht leicht. "Woran soll er sich halten, was kann er glauben? Er kann sich nur treiben lassen." Geschickt lasse das Regie-Team in der Inszenierung Innen- und Aussenraum ineinander übergehen. Und "Mehdi Moradpours Text ist höchst eigensinnig, schwankt zwischen Poesie und Philosophie", so Langhart: "Aber berührt er auch?" Was der Autor und seine Figuren mit und aus der Sprache machten, sei wie ein Tanz – "ein interessanter Kopftanz, in dem der Zuschauer sich einen Sinn suchen muss". Das sei reichlich artifiziell, "denn das Thema und wie es umgesetzt wird, scheinen nicht kongruent."

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