Soziales System Theater unterschätzt

22. Juni / 7. Juli 2016. Intendantenwechsel verlaufen selten reibungslos. Aber wie sich die Mitarbeiter der Volksbühne in einem offenen Brief gegen Frank Castorfs Nachfolge wehren  – auf den der indirekt angesprochene Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner inzwischen reagiert hat, und der bereits einen Gegenbrief internationaler Museumsleute provozierte – spricht schon für grundlegenderes Unbehagen mit dem Strukturwandel, den der Wechsel auch repräsentiert. In der Presse wird ausführlich und detailreich berichtet.

Monatelang hing ein Schild mit der Aufschrift "Verkauft" über dem Haus, in einer Castorf-Inszenierung wurde auf der Bühne die feindliche Übernahme durch ein Versace-Logo symbolisiert. "Nun reichen diese theatralischen Mittel offenbar nicht mehr aus", schreibt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (22.6.2016). "Initiiert wurde der Brief von Thomas Martin, dem künstlerischen Produktionsleiter und Hausautor der Volksbühne." Man habe Dercon eine Chance gegeben, "aber von ihm war nichts Konkretes zu hören, weder zur Zukunft der Mitarbeiter noch zum Programm", sagt Thomas Martin, der bei Dercon zwar Umarmungstaktik sehe. Aber: "Hinter den Kulissen sehe es anders aus. So sei etwa der Vertrag der Ausstattungsleiterin nicht verlängert worden. In das Ausstellungsatelier soll ein Architekturbüro einziehen, das den Umbau des Hangars auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof zum Veranstaltungsort plant." Politisch unterstützt werde die Volksbühne von der Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus. Die Grünen-Politikerin Sabine Bangert, Sprecherin für Kulturpolitik, stellte jüngst eine Anfrage mit 23 Punkten. Durchgesickert sei auch, dass Dercon vielleicht mit Jerôme Bels Stück "The show must go on" die Intendanz eröffnen will. Fazit von Meiborg: "Das Stück war seit 2000 auf vielen Festivals zu sehen. Ein radikaler Neuanfang? Dercons Versprechen erscheint fraglicher denn je."

Irene Bazinger findet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.6.2016): "Dieser offene Brief ist ein fulminantes Dokument des Widerstands, der in der schnelllebigen, kleinteiligen Welt des Theaters seinesgleichen sucht." Hier wehre sich eine künstlerische Institution zum Wohle der Kunst im Allgemeinen und der Stadt, der sie damit dient. "Dass die Magie und das Charisma der Volksbühne nicht mit Dercons konzeptuell beliebigem Gemischtwarenladen konserviert werden können, scheint im Roten Rathaus niemandem klar zu sein." 

Als Dercon sich im Frühjahr auf der Pressekonferenz zeigte, blieben die Akzente vage, die er in Berlin setzen will, schreibt Jan Küveler in der Welt (22.6.2016). René Pollesch sei zum Beispiel nicht überzeugt gewesen: "Zu viel Kuratorentalk, Zeitgenössische-Kunst-Gewäsch für seinen Geschmack, eine Art postmodernen Romantizismus, der sich nach der Liebe hinter den Worthülsen sehnt". Der offene Brief sei nun das ohnmächtige Ende einer ohnmächtigen Wut. Aber was soll passieren? "Ein Rausschmiss Dercons noch vor Antritt? Das steht nicht in der Macht der Theaterfamilie." Die Ästhetik der Ära Castorf sei tatsächlich einzigartig, menschenfeindlich, menschenfreundlich, robust, genial. "Dercon, ein Theaterneuling, hatte noch keine Chance zu zeigen, was ihm vorschwebt, er hat sich bloß verplappert."

Und im Tagesspiegel (22.6.2016) spricht Christine Wahl mit Herbert Fritsch ein bisschen über seine Premiere heute Abend an der Volksbühne, aber mehr über den Protestbrief, den auch Fritsch unterschrieben hat: "Es geht hier nicht darum, jemanden wegzumobben. (...) Das Problem ist, dass die Sachen, die jetzt hier von der künftigen Leitung als neu verkauft werden, in den letzten Jahren in der Volksbühne alle schon ausprobiert wurden und stattgefunden haben." Dass das Ensemble – die Schauspieler – gekündigt würden, sei ja normal. "Aber Dercon hat bis jetzt auch noch kein neues vorgewiesen. Und diese Strukturveränderungen, die geplant werden, sind es vor allem, die vielen Mitarbeitern Angst machen." Nach dem, was man von den höre, sei Dercon bezüglich des Apparats ziemlich blauäugig. Und weiter. "Es geht tatsächlich überhaupt nicht um einen Weg zurück. Sondern um den Erhalt der Volksbühne als Korpus, der er bisher war – unter einer Führung, die auf all dem aufbauen kann."

Auf Deutschlandradio (22.6.2016) sagt Amelie Deuflhard, Leiterin von Kampnagel Hamburg, im Gespräch mit Gabi Wuttke, dass es weniger um die Personalie Dercon, als um die Frage gehe: "Haben neue Formen auch am Theater einen Platz?" In diesem Sinne hoffe sie, dass die Diskussion in kommenden Jahr konstruktiv weitergeführt werde. Für Claus Peymanns Solidarisierung habe sie kein Verständnis: "Ich wundere mich ein bisschen über die ganzen neuen Freunde der Volksbühne: Claus Peymann hat mal wieder gut gebrüllt, spielt wieder den Reißzahn gegen die Politik." Auch andere Kritiker der Personalie wie Joachim Lux oder Jürgen Flimm, die an der Volksbühne eigentlich nie sonderlich präsent gewesen seien, würden wohl eher "das alte Theatersystem in Deutschland" an sich als die Volksbühne verteidigen. Sie habe Verständnis dafür, dass sich die Mitarbeiter der Volksbühne große Sorgen um ihre Zukunft machten: "Es gibt immer Angst vor Neuem. Aber es könnte eben auch eine Chance für Neues geben." Sie sehe Dercon jetzt in der Pflicht, mit den besorgten Mitarbeitern offen über seine Absichten und Pläne zu reden und sich mit ihnen auszutauschen. Dercon habe offenbar "das soziale System Theater ein bisschen unterschätzt".

"Wenn es so ist, wie die Mitarbeiter das schreiben, dann ist das kein Intendantenwechsel, sondern ein Systemwechsel, der sich da andeutet", sagt Thomas Oberender in der Berliner Zeitung (22.6.2016) im Interview mit Ulrich Seidler. Die Bedenken, die sich in dem Brief äußern, gehen dahin," dass das Haus vor einem Umbau steht, der das Repertoire-System betrifft und damit auch die eigenen Werkstätten." Man müsse behutsam mit diesem Theater umgehen, "es ist ein lebender Organismus und das bedeutendste Sprechtheater der Welt. Das Haus ist auch nicht runtergewirtschaftet und am Ende, es steht in voller Blüte und verändert sich permanent." Und Seidler kommentiert dazu: "Der offene Brief ist ein Dokument des Selbstbewusstseins und der Zukunftsangst. Dercon konnte beides nicht eindämmen."

"Die ganze Anti-Dercon-Kampagne, von den kleinen Gehässigkeiten und Gerüchten bis zum offenen Brief, grenzt mittlerweile an massive Verleumdung“, schreibt Eva Behrendt in der taz (24.6.2016). Für sie "wäre ein international und interdisziplinär ausgerichtetes, vor allem aber auch erstmals finanziell anständig ausgestattetes Künstler- und Produktionshaus in der Tat ein diskussionswürdiges Novum. Ob dafür architektonisch, historisch ausgerechnet die Volksbühne geeignet ist, steht auf einem anderen Blatt." Der "wunde Punkt" im Aufbegehren liege in der apostrophierten "Identität" der Volksbühne, die an ein "Selbstverständnis von Dissidenz und Dissens gebunden" sei. Dercon habe sich auf der Antrittspressekonferenz 2015 "eloquent, dosiert ironisch, um Respekt und Ausgleich bemüht" gegeben. "So viel geschmeidiger Charme gilt im rauen Berlin schnell als aalglatt, 'neoliberal' und rückgratlos." Den anstehenden Wechsel nimmt die Kritikerin nun eher leicht: "Was soll schon passieren? Wenn Dercon sein Projekt in den Sand setzt, werden die 25 Jahre Castorf-Ära rückblickend noch mehr vergoldet. All diejenigen, die sich mit dem Geist des Hauses, mit Konflikt und Abweichung identifizieren, genießen in der Theaterwelt den besten Ruf und könnten ihre Dissens-Kompetenz missionarisch in die Welt hinaustragen – was sicher subversiver wäre, als sie in einer ewig fortdauernden Castorf- oder Pollesch-Intendanz zu musealisieren."

Auf eine "Reise ins Herz des Aufruhrs" begab sich Rudolf Neumaier für eine Volksbühnen-Reportage im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (25.6.2016), sprach mit Volksbühnen-Dramaturg Sebastian Kaiser, mit Mitarbeitern der Werkstätten, mit Programmchefin Marietta Piekenbrock, und am Ende telefonisch mit Chris Dercon selbst, den er in Shanghai erreichte. Neumaier schreibt: "Irgendwann geht er doch ans Handy. Ein extrem freundlicher Mann, wie kann man einen wie ihn permanent anpinkeln?" Dercon mache der Protestbrief nicht traurig, aber er wundere sich darüber. "Über den Ton vor allem." Und dann sei von den 180 Unterzeichnern ja auch nur etwa die Hälfte fest am Haus beschäftigt, "als klares Misstrauensvotum geht das bei 216 Beschäftigten noch nicht durch". Aber die Botschaft zwischen den Zeilen müsse man natürlich ernst nehmen, wird Dercon zitiert. 30 Einzelgespräche habe er geführt, er müsse nochmal mit jedem sprechen. "Wir haben immer wieder gesagt, wir brauchen euch, auch in den Werkstätten. Das werden wir weiterhin tun, natürlich auch mit denen, die den Brief unterschrieben haben." Wie könne man bei dieser Wucht an Vorverdammung von Sophie Rois über den Chef des Berliner Ensembles Claus Peymann bis hin zu fast sämtlichen Theaterkritikern so optimistisch bleiben? "Der Mann vertraut auf seinen Charme - und auf das Programm, das er im nächsten Frühjahr vorstellen wird und nicht früher."

In der Welt am Sonntag (26.6.2016) legt Jan Küveler noch einmal nach, frisch angereichert mit Volksbühnen-Party-Talk. "Die Volksbühne", heißt es da, repräsentiere "genau den Sehnsuchtsort, für den die ganze Welt nach Berlin zieht, den es aber nicht mehr so richtig gibt, außer hier." Es könne "nicht schaden, das verstanden zu haben, wenn man den offenen Brief an die Berliner Politik liest, den praktisch alle Volksbühnen-Mitarbeiter letzte Woche unterschrieben haben." Der habe "nur Hohn und Spott" geweckt: "Heult doch, ihr Gewerkschaftsopfer!" Doch so einfach sei es nicht, der Brief sei "ein Ausdruck des Entsetzens". Auf einfachste Fragen solle "Dercon nicht geantwortet habe". Dem Regisseur Herbert Fritsch – hier beginnt wohl der Party-Talk – habe er erklärt, "er finde toll, dass in seinem Künstlichkeitstheater die Schauspieler austauschbar seien. Ein groteskes Missverständnis, befand Fritsch und stand nicht mehr zur Verfügung". Und schon vor Monaten sei durchgesickert, "das von Dercon angekündigte Team von künstlerischen Mitarbeitern habe es so nie gegeben. Alexander Kluge zum Beispiel habe aus den Zeitungen von seinem Glück erfahren. Egal, mit wem man spricht, mit Abteilungsleitern, Schauspielern, Dramaturgen, die Story ist immer dieselbe: Dercon sei unfähig, arrogant, ein Mann der Hüllen, Marken, substanzlos."

Dercons "in 'Strategieräumen' operierender Zugriff " gucke "aus einer denkbar hohen, nämlich globalen Vogelperspektive auf das Theater und all die Orte, Medien, Genres und Personen, die in seine Pläne zur Erreichung bestimmter stadtpolitisch relevanter Zielgruppen eingefügt werden können", schreibt Mark Siemons in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (26.6.2016). So ein Ansatz brauche "nicht unbedingt auf bloßes Stadtmarketing hinauszulaufen, er kann sich auch mit anderen, gesellschaftspolitisch eventuell interessanteren Programmen verbinden". Nur sei er "das genaue Gegenteil der dezidierten Froschperspektive, die die Volksbühne bisher eingenommen hat. Was so extrem unterschiedliche Regisseure wie Schlingensief, Castorf, Marthaler, Pollesch und Fritsch miteinander verbindet, ist, dass ihnen ihre Wirkung auf bestimmte Zielgruppen oder gesellschaftspolitische Ziele völlig gleichgültig war." Die Anthropologie der Volksbühnen-Anti-Didaktik sei in etwa die Folgende: "Das ungewisse, widersprüchliche und jedenfalls hochriskante Wesen, das man im Zweifel selber ist, lässt sich durch kein abstraktes Schema neutralisieren, man kann es auf der Bühne nur sich ausspielen lassen und sich selbst und anderen erkennbar machen. Alle Versuche, die Kontrolle zu behalten, kommen diesem Theater nicht nur zwecklos vor, es hielte sie auch für eine Preisgabe der eigenen Möglichkeiten." Dieses "Leben im Selbstwiderspruch" aber könne "nur funktionieren, wenn die Zone der Kunst autonom bleibt, in keinen größeren Strategieraum außerhalb eingefügt wird. Die Verletzung, die aus dem Brief der Belegschaft spricht, kommt anscheinend genau daher."

"Im Zentrum des Dercon-Konflikts stehen drei leicht antiquierte Begriffe, die man an der Volksbühne nicht gerne in den Mund nimmt: Innovation, Deutungshoheit und Kanonisierung", schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.6.2016). Dercons Berufung enthalte "die Botschaft, dass es in Berlin Kulturpolitiker gibt, die der Ansicht sind, das Theater bedürfe neuer, frischer Impulse von außen, nämlich aus dem Kunstbetrieb". Darin liege eine Provokation nicht nur der Volksbühne, sondern der gesamten Berliner Theaterwelt. "Wer, bitte schön, bestimmt, wie innovatives Theater auszusehen hat?"
Der Avantgardist werde zum modernen Klassiker erhoben, oder er werde vergessen, so Spiegel. Darüber entschieden spätere Generationen. "Wer ihnen nicht traut, und den Kanonisierungsprozess lieber selbst in die Hand nimmt, der hat keine Zeit zu verlieren." Castorf habe das früh erkannt. Sein Programm sei "die Revolte, die kein historisches Ziel mehr kennt außer dem der eigenen Permanenz. Dass es nicht enden kann, das hat es groß gemacht."
Nun drohe die Schrumpfung. "Denn nur die Volksbühne hätte der Ort sein können, an dem dieses Programm auch ohne Castorf auf die eine oder andere Weise eine Fortführung hätte finden können", so Spiegel. "Mit Dercon dürfte es nichts dergleichen geben." Der Protest gegen seine Berufung sei tatsächlich nicht einfach nur die Verweigerung eines Wechsels. "Er ist die unausgesprochene Forderung, Castorf und seiner Volksbühnen-Ära den Status eines modernen Klassikers zuzusprechen."

 

 "Passt die ganz und gar nicht hip, schick und trendy wirkende Sehnsucht der Castorf-Fraktion nach Kontinuität heute noch zu Berlin (..)?", fragt sich Irene Bazinger in einem neuen Debattenbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.7.2016). Bazinger stellt fest: "Offenbar hat die Volksbühne auf Grund ihrer Geschichte und ihrer künstlerischen Ausstrahlung eine Ausnahmeposition, die vital mit der Stadt und ihren Bewohnern verbunden ist und von diesen ebenso wahrgenommen, gefordert und geschätzt wird." Vermutlich sei die Volksbühne für "Kultur-Berlin" wichtiger als Hertha BSC für Sport-Berlin. Dies zeige sich daran, "dass der Konflikt um die Neubesetzung der Volksbühne seit April 2015 nicht zu brodeln aufhört."

Um die Stimmung in der Stadt einzufangen, sammelte Bazinger Statements aus eben diesem Kultur-Berlin, u.a. sprach sie mit DT-Chef Ulrich Khuon: "Wir haben theaterspezifische Erfahrungen, haben den Apparat im Griff, bringen unsere Ensembles voran, sind in der Öffentlichkeit präsent, treffen ökonomische wie ästhetische Entschiedungen," sagt dieser, um zu erläutern, warum er die Berufung Dercons kritisch sieht, und fügt hinzu, dass er selbst es undenkbar fände, seinerseits zum Beispiel den Hamburger Bahnhof zu übernehmen. Ebenfalls sprach Bazinger mit Thomas Ostermeier, Intendant der Berliner Schaubühne. Auch dieser wisse nichts über die konkreten Pläne für die Volksbühne, aber "wenn der Intendantenwechsel das Ende des Ensembletheaters an der Volksbühne bedeuten sollte, wäre das für die anderen Ensembletheater in Deutschland ein verhängnisvolles Signal." Darüber hinaus bemerkt Ostermeier kritisch, dass die Schaubühne gegen die Dercon-Volksbühne (die ein noch größeres Budget erhalten soll) "keine Chance" habe. 

Zu guter letzt sprach Bazinger auch mit Christina Weiss, ehemalige Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die einen Ratschlag für den neuen Intdendanten hat: "Dercon muss sich jetzt schnellstens bekennen und offenlegen, was für einen Typ Theater er entwickeln will. (...) Dann würden auch die Gerüchte abgemildert und im Haus könnte wieder eine andere Atmosphäre entstehen."

Die Sonderstellung der Volksbühne für Berlin und Theaterdeutschland scheinen Michael Müller und Tim Renner noch immer zu unterschätzen, schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (4.7.2016) In der Debatte im Abgeordnetenhaus am 23. Juni habe Müller zwar eingeräumt, dass an der Volksbühne viel auf dem Spiel stehe, denn Castorf sei eine Ära. "Auf die Frage der Abgeordneten Sabine Bangert (Grüne), welche Schritte der Senat unternehme, 'dass die Volksbühne im Sinne ihrer Tradition ein Theater bleibt und keine Eventspielstätte wird', bat Müller aber lediglich, den 'schwierigen Übergangsprozess konstruktiv zu begleiten'. Um 'ein neues künstlerisches Konzept umzusetzen und durchzusetzen' brauche es 'großes Einvernehmen'." Das, so Pilz weiter, gebe es jedoch nicht, wie der kürzlich von den Volksbühnen-Mitarbeitern verschickte Offene Brief belege. Müller wische jedoch alle Kritik schlicht vom Tisch.Von einem Übergang zu spreche, sei auch irreführend. "Denn Tim Renner will ausdrücklich einen 'radikalen Neustart' für die Volksbühne." Pilz weiter: "Sicher darf und muss man über eine Zeit nach Castorf an der Volksbühne nachdenken, aber die Kulturpolitik wäre gut beraten, ihre Entscheidungen auch substanziell begründen zu können. Und Dercon möchte man empfehlen, nicht bis zum Frühjahr 2017 zu warten, um genauer zu erklären, was er eigentlich vorhat. Denn die ausufernde Debatte wird momentan auf der Grundlage von Mutmaßungen geführt, die Wirkungen sind dennoch verheerend."

"Wo ist Dercon? Er müsste werben um die Volksbühne, Berlin jetzt schon bespielen und charmieren. Es ist allerdings sein gutes Recht, noch nichts zu sagen," schreibt Rüdiger Schaper im Berliner Tagesspiegel (4.7.2016). "Auch erfahrene Berliner überrascht der scharfe Ton der Dercon-Disser." Das militante Wort führe "Volksbühnen-Dramaturg Carl Hegemann, der Hegemon. Es genügt, nicht ausdrücklich für Castorf und nicht klar gegen Dercon zu sein, dass man zum Verräter wird." In einem Gespräch mit Hegemann nenne Boris Groys in der FAS Chris Dercon einen Vertreter des 'neoliberalen Kapitalismus'. "Und sagt, bitte festhalten: 'Danach wird die massive Forderung kommen, die Volksbühne wieder umzugestalten in eine Bühne, wo die gloriose Geschichte des deutschen Geistes gefeiert wird, nicht als Tragödie, sondern als Geschichte des Sieges und des Triumphs.'" Wenn das keine Satire sei, klären sich für Schaper endlich die Fronten: "An der Volksbühne spielt die wahre Deutschnationalmannschaft. Und da ist Chris Dercon ganz der Richtige. Er hat schon einmal so ein dickes deutsches Brett gebohrt, das Haus der Kunst in München. Wenn die Hegemänner so weitermachen, kann man den Neuen nur mögen."

"Sollten weiterhin Emotionen, Personalisierung, Polarisierung und Schreckensszenarien den Streit prägen, wäre die Volksbühnenfrage endgültig referendumsreif," schreibt Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung (4.7.2016). Die Erfolge von Chris Dercon als visionärem Museumsmann, die jetzt ein Schreiben internationaler Kunst- und Museumspezialisten hervorhebe, seien unbestritten. Unbeantwortet aber bleibe darin die Frage, "ob seine Pläne für die Volksbühne nach Frank Castorf etwas taugen". Die Vertreter der Kunstszene würden sich besonders an der Formulierung stoßen, unter Dercon werde die "künstlerische Verarbeitung gesellschaftlicher Konflikte" zugunsten einer "global verbreiteten Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern" verdrängt. "Das finden sie ungehörig, verraten aber nicht, worin der Gewinn für das Theater bestehen könnte, wenn ein Museumsdirektor gegen Ende seiner Karriere Theaterintendant wird." Auf diese Frage gebe gewiss überzeugende Antworten, "nur hat man sie bisher nicht gehört. Der Pro-Dercon-Brief schweigt zu allem Theaterspezifischem. Die Berliner Kulturpolitiker, die Dercon wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert haben und nicht verstehen, warum nicht alle davon überwältigt waren, Dercon selber und seine Mannschaft haben bislang vor allem global verbreitete Verkaufsfloskeln von sich gegeben."

Wie ein böser Geist schwebt er durch die Stadt. Seinetwegen siedele "der besorgte Theaterbürger das Prestige des Kuratoren-Jobs zwischen Mafiaboss, Tierfuttertester und Glückskeksautor an", schreibt Christian Baron im Neuen Deutschland (5.7.2016). Noch habe der designierte Volksbühnen-Intendant Chris Dercon kaum über seine künstlerische Agenda gesprochen, und doch ist der derzeitige Chef des Londoner Museums 'Tate Modern' bereits Berlins meistgehasster Kulturschaffender." "Was Prenzlauer Berg für den Wohnungsmarkt, das ist die Volksbühne für das Theater: Das Kreative, das Nicht-Verkäufliche und das Unbequeme, mit dem Castorf den gesamten deutschsprachigen Theaterraum stimuliert hat, lockt jetzt die Konsenskultur, das Marktgängige, das Gemütliche an und vertreibt die Angestammten. Die Fans der Volksbühne sind das jüngste, schönste und gebildetste Theaterpublikum aller Stadttheater Berlins, vielleicht sogar Deutschlands."

Matthias Dell im Freitag (7.7.2016) holt auch nochmal weit aus und bohrt tief in der Geschichte der Volksbühne. Die Freundlichkeit, die Dercon bei seiner offiziellen Vorstellung vor einem Jahr versprühte, habe der offene Brief aus der Volksbühne vertrieben. "Der blieb zwar deutlich unter dem Unterhaltungsniveau, das Peymann etabliert hatte, musste aber funkelnd wirken gegen den drögen Unterstützermulch, der vor ein paar Tagen von prominenten Dercon-Fans nach Berlin geschickt wurde." Was der Entscheidung für Dercon fehle, ist eine kulturpolitische Erzählung, die mehr Sinn vermittelt als die wenig selbstbewusste Freude, einen prominenten Menschen gewonnen zu haben, damit dieser seine Prominenz künftig über dem Rosa-Luxemburg-Platz aufgehen lasse. "Dabei hätte Renner nur auf den letzten Intendantenwechsel an der Volksbühne schauen müssen, um zu lernen, wie man einen gewagten Neuanfang richtig inszeniert." Der damalige Kultursenator Ulrich Roloff-Momin sicherte seine Politik durch ein Gutachten von Ivan Nagel ab, in dem sich der Vorschlag, Castorf als Leiter der runtergerockten Volksbühne einzusetzen, mit einer legendären Prophezeiung für das Haus verband: "Bis zum Beginn des dritten Jahres könnte es entweder berühmt geworden oder tot sein."

 

(sik / chr / wb / sd / sae / sle)

 

 
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