Grande Dame des (Deutschen) Theaters

6. Februar 2017. Die große Schauspielerin Inge Keller ist tot. Das teilte das Deutsche Theater Berlin mit, zu dessen Ensemble Inge Keller mehr als ein halbes Jahrhundert gehörte und dessen Ehrenmitglied sie seit 2000 war.

Tilla 280 ArnoDeclairInge Keller 2012 als "Tilla" Durieux © Arno Declair1923 in Berlin geboren und im Bezirk Friedenau aufgewachsen, begann Inge Keller ihre Schauspielkarriere mitten im Krieg im Theater am Kurfürstendamm. In den ersten Nachkriegsjahren war sie am Theater im sächsischen Freiberg engagiert, bevor sie in Berlin zunächst ans Hebbel-Theater und bald darauf zu Boleslaw Balog ans Schloßpark-Theater kam. Da hatte der Kalte Krieg bereits begonnen, und weil Inge Kellers Gefährte damals der kommunistische Journalist Karl-Eduard von Schnitzler war, ging sie 1950 nach Ostberlin ans Deutsche Theater, dessen Intendant damals Wolfgang Langhoff hieß. In Westberlin brach sie für diesen Wechsel die Proben mit Fritz Kortner ab, bei dem sie die "Eboli" in Schillers Don Carlos spielen sollte. In Inszenierungen von Wolfgang Langhoff und Wolfgang Heinz wurde sie in den 1950er und 1960er Jahren zu einer der prägendsten Schauspielerinnen des Ensembles und der DDR. Legendär wurde besonders ihre Darstellung der Titelfigur in Goethes "Iphigenie auf Tauris", von Wolfgang Langhoff 1963 inszeniert.

Kühle Grandezza

In den 1980er Jahren waren es speziell Inszenierungen von Alexander Lang (Dantons Tod, DT 1981) oder Thomas Langhoff (Gespenster, DT 1983), die wesentlich auch von Inge Kellers Präsenz, ihrem von preußischer Disziplin gezügeltem Feuer und dem minimalistischen Pathos lebten, mit welchem sie Sprache in Szene zu setzen verstand. Die kühle Grandezza ihrer frühen Jahre wich, je älter sie wurde, einer fast archaischen Ausdruckskraft, die sie interessant für so unterschiedliche Regisseure wie Einar Schleef (Verratenes Volk, DT 2000), Michael Thalheimer (Faust II, DT 2005) oder Robert Wilson (Shakespeares Sonette, BE 2009) machte. 

Inge Keller erlebte vier politische Systeme, war Trägerin des DDR-Nationalpreises I. Klasse für Kunst und Literatur und des Verdienstordens des Landes Berlin. 2013 erhielt sie den Theaterpreis Der Faust für ihr Lebenswerk. "Ihr absolutes Beharren auf der Kraft und der Bedeutung von Sprache ragte wie aus einer anderen Zeit herüber", heißt es im Nachruf der Berliner Akademie der Künste, der Inge Keller seit 1999 angehörte.

Im Deutschen Theater war sie zuletzt 2012 in Gabriele Heinz' Inszenierung Tilla zu sehen, Christoph Heins Hommage an gleich zwei deutsche Theaterlegenden: an Tilla Durieux und eben Inge Keller. Sie ist die Mutter der Schauspielerin Barbara Schnitzler und Großmutter der Schauspielerin Pauline Knof. Am 6. Februar ist Inge Keller wenige Wochen nach ihrem 93. Geburtstag in Berlin gestorben.

(sle)

 

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