Bilder, die Bilder produzieren

von Sophie Diesselhorst

Venedig/Berlin, 1. Juni 2017. "The performance is delayed", sagt der Türsteher am Eingang zum deutschen Pavillon, nicht wirklich entschuldigend. Und einige von denen, die schon vor zehn an der Pforte zu den Giardini, dem Nationalpavillon-Vergnügungspark der Biennale von Venedig, mit den Füßen gescharrt hatten, empören sich lautstark. Enttäuscht bin auch ich, nachtkritik.de-Redakteurin – eigentlich privat hier, aber nach den fordernden Kommentaren zu unserer Meldung, dass Anne Imhof mit ihrer "Faust"-Performance im deutschen Pavillon den Goldenen Löwen der Biennale gewonnen hat, auch mit Berichterstattungs-Auftrag.

Tägliche Routine

"Schön wäre es, wenn von den Grenzgängern der Bildenden Kunst berichtet würde! Der Diskurs, der hier auf Nachtkritik geführt wird, muss sich unbedingt öffnen", schreibt da einer, außerdem hat Deutschlandfunk-Kultur-Redakteurin Susanne Burkhardt begeistert aus Venedig getwittert: "Sorry #tt17: die beste Performance gibt's derzeit im Deutschen Pavillon @la_Biennale - Anne Imhofs 'Faust'". Überhaupt ist ja gerade an prominenten Orten (Volksbühne Berlin, Berliner Festspiele) – wenn auch unter unterschiedlichen Vorzeichen – die Rede davon, dass das Theater sich für seine Zukunftsfähigkeit mit anderen Kunstsparten zusammentun muss. Ein weiteres Stichwort: Immersion – auch die versprechen die Berichte von Anne Imhofs "Faust", in denen Wörter wie "Sogwirkung" vorkommen.

Blöd nur, dass es so schwierig ist, dieses "Fausts" habhaft zu werden. Nach einer brav für die Journalist*innen durchperformten "Previews"-Woche ist "Faust" für die Dauer der Biennale (Mai-November) nur an insgesamt vier Wochenenden in voller Länger (fünf Stunden) angesetzt – nicht gerade ein normalbesucherfreundlicher Spielplan, besonders wenn die wenigen angesetzten Vorstellungen dann noch spontan verschoben werden. Ab Biennale-Woche zwei gibt es immerhin eine "tägliche Routine" mit "performativen Sequenzen unterschiedlicher Dauer", informiert die Webseite des deutschen Pavillons. Aber da bin ich nicht mehr da.

Auch das Publikum schweigt

"Ein solches Stück kann man nicht jeden Tag zeigen. Wie? Und warum auch?", so erklärte es die Künstlerin bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach der Biennale-Eröffnung bei einer Podiumsdiskussion in London. "Schon die Intensität eines Schreis sei am zweiten Tag eine andere", zitiert der Bericht des Kunstmagazins Monopol sie weiter.

Faust 560 SusanneBurkhardt uCoole androgyne Typen in Zeitlupen-Ringkämpfen © Susanne Burkhardt

Die Intensität des einzelnen Schreis darf aber gerne per Smartphone-Kamera in die Ewigkeit überführt werden – was im Theater die Repertoire-Vorstellung ist, ist hier die Handy-Erlaubnis. In privaten Youtube-Filmen kann man sich einen – individuell gefilterten – Eindruck machen und sieht – zum Beispiel hier – coole androgyne Typen durch den Pavillon schweben, sich in Zeitlupen-Ringkämpfen ineinander verhakeln; oder sie beschreiten die Glasplatten, die Anne Imhof auf 1,50 Meter als Doppel-Boden eingezogen hat, wie einen Laufsteg. Dann kauern sie wieder unter ihnen und machen ein Feuer. Oder sie steigen ganz nach oben auf Podeste an den Wänden, von denen herab sie stumm die Haarmähnen schütteln oder leise Klagemelodien anstimmen. Sie singen und sie tanzen, aber sie sprechen nicht, sondern kommunizieren per Smartphone. Auch das Publikum schweigt, betreten und mit zum Bildersammeln gezückten Smartphones.

Ausgegrenzte im Untergrund

"Die Zuschauer machen die Performer mit ihren Smartphone-Kameras zu Objekten", erzählt Susanne Burkhardt – und würden dadurch selber zu Voyeuren. Die Performer spielten damit, blockierten mal ein Kameraauge von unten mit dem Fuß oder filmten zurück. "Die Rollen verkehren sich, spätestens wenn sie plötzlich neben einem stehen." Die Erzählung entstehe im einzelnen Zuschauerkopf, bei Susanne Burkhardt geht sie so: "Das sind die Ausgegrenzten, die im Untergrund leben. Es entsteht eine Beziehung zu dieser starken Gruppe, und es wird auch klar, dass die aus ihrer Situation ausbrechen, sich gegen uns wehren könnten." Wie schnell unsere privilegierte Wohlfühlposition – die des satten Beobachters – verunsichert werden kann, das habe sie lange nicht so eindrücklich vorgeführt bekommen; und auch sie sei zunächst skeptisch gewesen angesichts der "Hochglanzästhetik" des Pavillons.

Faust 560a sd uEine Matratze, Tassen, Handy-Ladekabel im Performer-freien Pavillion © Sophie Diesselhorst

Leer habe ich ihn begutachten können – da posieren außen vorm Eingang im Käfig die Dobermänner (ein bisschen wie vor einem Jahr die Tiger beim Zentrum für politische Schönheit), innen kann man sich hübsch in den Glasplatten spiegeln. Unter ihnen liegen Requisiten aus dem Leben des armen Poeten 2.0 rum – eine Matratze, Tassen, Handy-Ladekabel; ein kleines Stück Wand ist im Sigmar-Polke- oder auch Graffiti-Style angetaggt, und vorn am Eingang kehrt auf einem Schwarz-Weiß-Foto, das auch das Kunstmagazin Monopol zum Coverbild seiner Biennale-Extraausgabe gemacht hat, eine dünne nackte Frau mit Basecap (Aufschrift: "Now and forever") dem Betrachter den Rücken zu.

Auf die Performer treten

Die Nazi-Geschichte des 1938 erbauten Pavillons, an der sich die zur Biennale-Bespielung eingeladenen Künstler*innen traditionell abgearbeitet haben, scheint hier vor allem als atmosphärischer Verstärker westlicher Schuldgefühle eingesetzt zu werden – auf die Frage danach sagt Anne Imhof (im Radio-Interview) auch nur kurz: "Vielleicht sieht Faschismus heute ein bisschen anders aus."

Faust 280h sd uAm Eingang © Sophie DiesselhorstIn ihrer Dankesrede zum Goldenen Löwen hat sie gesagt, es gehe ihr um das "Recht anders zu sein". Allerdings komme ich – noch einmal: mutmaßend, von außen, ohne eigene Direkt-Anschauung – nicht drum herum, beim Stichwort "Faschismus" kurz darüber nachzudenken, ob es nicht eigentlich auch total faschistoid anmutet, wenn ein uniformiertes Performer-Ensemble als potentiell gefährliche sprachlose Masse die Auflehnung gegen das Kunstpublikum/Establishment probt? Susanne Burkhardt hält dagegen mit der Beobachtung, dass das Augenmerk sehr stark auf dem zärtlichen Zusammenhalt der Gruppe liege. Andererseits, erzählt sie auch, habe das Publikum in der Vorstellung, in der sie war, eine "erschreckende Distanzlosigkeit" an den Tag gelegt, "wenn in die zentimeternahen Gesichter unter Glas reinfotografiert wird. Auch, dass auf die Leute getreten wird. Nicht, weil man keinen Platz hat, sondern weil man eben das tolle Foto machen will“.

Bilder, die Bilder produzieren – das gezückte Smartphone war auch sonst auf dieser Biennale allgegenwärtig, die Mehrheit der Zuschauerinnen schien vor allem auf der Jagd nach eigenen Bildern zu sein. Mit dieser neuen, vereinzelnden Wahrnehmung spielt Anne Imhof also, treibt sie ins Extrem. Da erscheint es folgerichtig, dass ihre Performer*innen die Sprache verloren haben. Aber auch unheimlich.

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